1.000 Zeichen (12.9.)

Lena Steeg gründete den Blog www.1000zeichen.de, Hier veröffentlichen Menschen kurzweilige Lektüre für Bushaltestellen. Der 1.000. Text wird im Gruenspan gefeiert

SZENE HAMBURG: Wie lange brauchst du, um einen Text auf exakt 1.000 Zeichen zu bringen?

Lena Steeg: Manchmal geht es ganz schnell, aber oft scheitert es an zwei Zeichen und man sitzt ewig daran. Das kann einen zur Weißglut bringen.

Man könnte mit der Interpunktion tricksen.

An Gedankenstrichen, die keinen Sinn machen, merkt man, wenn jemand gekämpft hat. Wenn ich so etwas zu oft mache, höre ich schnell: „Lena, reiß dich zusammen!“

Warum hast du mit dem Blog 1.000 Zeichen angefangen?

Sebastian Dalkowski und ich kamen 2012 auf das Format. Wir haben bei der Rheinischen Post gearbeitet und suchten nach etwas, wo wir schreiben können, wie wir wollen. Ich habe Kim Frank (Ex-Frontman der Band Echt, Anm. der Red.) davon erzählt, er ist ein Freund von mir. Er hatte Lust und sagte: „Ihr müsst jeden Tag posten, sonst interessiert das niemanden.“ 1.000 Zeichen, einmal am Tag, das ist bis heute die einzige Regel. Alles andere ist völlig frei.

Wer steckt noch dahinter?

Wir haben sieben feste Autoren, darunter Clara Ott und Nilz Bokelberg, und jeder kann etwas schicken. Gastbeiträge erscheinen immer sonntags.

Wie oft wird der Blog geklickt?

Wir haben 36.000 Follower bei Tumblr. Bei Facebook nur so 1.500. Wir arbeiten nur mit Text, deshalb wird es relativ wenig geteilt. Vielleicht sollten wir in Zukunft auch über Podcasts oder Bilder nachdenken.

Viele schreiben in der Ich-Perspektive, über Beziehungen oder Alltagserlebnisse …

Wir greifen auch aktuelle Themen auf. Aber viele von uns sind Journalisten und fragen bei der Arbeit schon immer nach Relevanz. Hier soll man einfach schreiben, worauf man Lust hat. Und das sind oft Alltagsbeobachtungen. Man schreibt doch immer über etwas Persönliches. „Wie der alte Popliteratur-Spruch sagt: Über was denn bitte sonst?“ Das muss nicht originell sein: Dann hast du halt Liebeskummer und schreibst etwas darüber. Ich schreibe auch oft Botschaften, die sich an bestimmte Personen richten. Ich habe zum Beispiel mal ein Interview mit Roger Willemsen gemacht und hatte gerade ganz schrecklich Liebeskummer. Wir mussten uns jobbedingt aber über Jazz unterhalten. Also habe ich 1.000 Zeichen darüber geschrieben, wie gerne ich mit ihm über Liebe gesprochen hätte.
Er hat das gelesen und in 1.000 Zeichen geantwortet. Das ist eins meiner schönsten Ereignisse auf diesem Blog.

Ein anderes Mal hast du geschrieben, dass Freunde dich nicht anrufen sollen, weil du Telefonate hasst.

Ja (lacht). Die meisten ahnten das schon, weil ich meist nicht rangehe und auch nicht zurückrufe, sondern sofort per Whatsapp antworte. Ja, ich hoffe oft, wenn ich was schreibe, dass es diese eine Person liest.

Manchmal steckt in einem kleinen Text auch eine große Geschichte.

Auf jeden Fall. Wir hatten mal einen Text von Spiegel-Autor Cordt Schnibben. Er hatte herausgefunden, dass seine Mutter und sein Vater Nationalsozialisten waren. Darüber hat er für uns 1.000 Zeichen geschrieben und ein Jahr später kam die große Spiegel-Geschichte heraus: „Mein Vater, ein Werwolf“.

Du hast mal geschrieben, dass du Abgeschlossenheit magst. Wäre dann ein Roman nicht das Richtige?

Ich kriege oft zu hören: Schreib endlich ein Buch, aber bitte nicht über deine Generation und nicht als Ich-Protagonist. Dieses Thema muss ich wohl noch finden (lacht). Aber ja, ich finde offene Enden schrecklich unbefriedigend. Ich bin Beamtentochter, ich mag klare Verhältnisse.

Im September feiert ihr den 1.000. Text auf eurem Blog.

Wir feiern sozusagen in den 1000. Text rein. Die Lesung ist am Samstag und der Beitrag erscheint am Sonntag. Die Clubkinder organisieren das und spenden das Eintrittsgeld an Flüchtlinge.

Was passiert sonst an diesem Abend?

Wir haben unsere besten Texte zusammengestellt, die werden wir da verkaufen. Miu Graf wird singen. Ich glaube, das wird recht kurzweilig. Keine dreistündige Bachmann-Lesung (lacht).

Interview: Natalia Sadovnik
Foto: Eva-Marlene Etzel

Gruenspan
Große Freiheit 58
12.9., 20.15 Uhr