Altona 93: Der Club um die Ecke

Ein Stadtteilverein wagt den großen Wurf – und scheitert. Vorerst. Nach verpasstem Aufstieg in die Regionalliga bleibt Altona 93 Anlaufstelle für entspannte Fußballfans. Jetzt startet die neue Saison

Text: Erik Brandt-Höge

Nachspielzeit. Vier Minuten noch, nur vier. Elf Männern in Schwarz, Rot und Weiß steht ein Mix aus Erschöpfung und Euphorie in die Gesichter geschrieben. Strahlt der ein oder andere schon? Wäre nur verständlich, schließlich ist die Mannschaft des Altonaer Fußball-Clubs von 1893 e. V. kurz vor dem ganz großen Coup: dem Aufstieg in die Regionalliga. Wenige Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit hatte Ronny Buchholz, eigentlich Abwehrspezialist, zum 1:1-Ausgleich gegen Germania Egestorf eingenetzt. Das würde reichen für den AFC, auch weil es im parallelen Aufstiegsspiel zwischen dem SV Eichede gegen den Bremer SV ebenfalls 1:1 unentschieden steht. Jetzt heißt es durchhalten, nur noch ein bisschen. Nur noch vier Minuten.

Vereinsgrundsatz: „Bunt ist das neue Schwarz“

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Truppe von der Adolf-Jäger-Kampfbahn, so der Name des Stadions von Altona 93, Erfolgsgeschichte schreiben würde. Das Gründungsmitglied des Deutschen Fußball-Bundes spielte sich vor allem in den 1950er- und 60er-Jahren in die Herzen der Hamburger Fußballfans. Highlights damals: das zweimalige Erreichen des Halbfinale im DFB-Pokal (1955 und 1964). Zu den Stadtderbys gegen den großen HSV kamen bis zu 27.000 Zuschauer in die Griegstraße 62. Zum Vergleich: Das letzte Heimspiel der Saison 2015/2016 sahen rund 4.000. Das war am 1. Juni, nur wenige Tage, bevor Jonathan Tah, der von 2000 bis 2009 bei Altona 93 gespielt hatte, in Jogi Löws EM-Kader berufen wurde.

Altona 93 Hamburg

Doch was ist das für ein Verein, der neben den beiden Profi-Clubs der Stadt eine enorm wichtige Rolle für die Hamburger Fußballkultur spielt? Ein Erklärungsversuch von Andy Sude, AFC-Pressechef: „Wir stehen mit unseren Werten da, wo auch der gesamte Stadtteil Altona steht: Wir sind ein offener Multikulti-Verein. Wir setzen uns für Integration von Menschen sowohl anderer Herkunft als auch mit körperlichen Einschränkungen ein.“ Rund um die Kampfbahn, aber auch außerhalb Altonas, kleben an Ampeln und Straßenlaternen die dazu passenden, regenbogenfarbenen Sticker der 93-Anhänger: „Bunt ist das neue Schwarz“ und „AFC-Fans gegen Homophobie“ steht darauf. Zwei Statements als übergeordnete Vereinsgrundsätze, die man auch vom städtischen Fußballbruder St. Pauli kennt. Ein Vergleich, von dem Sude jedoch wenig hält.

„Was stimmt: Wir sind der größte und bekannteste Fußballverein im Bezirk Altona“, sagt er, „und klar, wir haben in den vergangenen Jahren auch einen gewissen Kultstatus erlangt sowie Zuwachs bekommen von kommerzmüden Anhängern des HSV und des FC St. Pauli. Aber: Wir sind immer noch der Club um die Ecke, und von dort kommen auch unsere Zuschauer.“ Die würden nicht zuletzt wegen der schnell entschleunigenden Atmosphäre zum AFC gehen. Den Rängen neben dem nicht überall ebenen Kicker-Grün sind die vielen Amateur-Fußballjahre anzumerken, die Natur hat sich das Areal hier und da zurückerobert. Bierbecher, Bratwurst und bestickte Jeanskutten wirken ein wenig fremd – wenn die AFC-Supporter auch alles andere sind, als allzu wilde Fußballfans: „Die Menschen, die zu uns kommen, bringen die Entspannung schon mit. Die leben unsere Fußballkultur“, hält Sude fest.

Nicht morgen – und auch nicht übermorgen

Nur noch eine Minute, eine! Dann passiert es: Egestorf bekommt einen Elfmeter zugesprochen. Und verwandelt. Der Schiedsrichter pfeift die Partie gar nicht wieder an. Tatsächlich würde Altona 93 sogar diese knappe Niederlage langen – doch auch Eichede darf in der Nachspielzeit noch mal vom Punkt aus ran: 2:1. Das Aus aller Altonaer Regionalligaträume in der vergangenen Saison. Aber auch: der Anfang von einem neuen Traum, der am 29.7. beim Heimspiel gegen Dassendorf. Sude über die AFC-Pläne für die kommenden Jahre: „Vielleicht können wir auch die dritte Liga mal anpeilen, das Potenzial ist schließlich da. Aber das ist nichts für morgen – und auch nicht für übermorgen.“ Bei Altona 93 bleibt also alles wie gehabt. Alles ganz entspannt. Weil man es hier so nun mal am liebsten mag.

Altona 93 gegen TuS Dassendorf
Adolf Jäger Kampfbahn
Griegstraße 62
29.7., 19 Uhr