Bedrohte Räume

Bedrohte Räume #11: Du sagst Köhlbrandbrücke? Ich sag Nirgendwo!

Welcome in the crazy Hamburger Nirgendwo. Diesmal habe ich einen Ort entdeckt, wie er prachtvoller gar nicht herumgammeln könnte.

Er ist das letzte Diadem des einstigen Gründerzeitstadtteils Neuhof und ein starkes schuhmacherartiges Gebäude, das der Vernichtung des Stadtteils entkommen scheint. Es ist die seit Dekaden leerstehende Schule von Hamburg Neuhof, einem Stadtteil im Nirgendwo, den es nicht mehr gibt.

Erst gestern war ich an dem eindrucksvollen Ort, spazierte über die wuchernden Grünflächen der Schule und strich mir die Gänsehaut glatt. Gruselig. Hier kämpfte einst ein ganzer Stadtteil gegen die Abrissbirne. Einfach weggefegt. Leer steht nur noch die Schule als letzte Bastion unter der Köhlbrandbrücke und empfiehlt sich einer Metropole, die nach Gutsherrenart ganze Viertel ausradiert.

Die alte Schule Neuhof ist nur eines der Mahnmale für die Machenschaften der städtischen Hamburg Port Authority, die im Hafen für alles steht, was nach geplantem Leerstand weggerissen wird, um einigen wenigen viel Knete zu bringen. Sie müssen verstehen, Frau Rothaug, unter wirtschaftlichen Aspekten, gna gna gna…

Ihr kennt mich, ich geb nicht auf. Ich bin eine optimistische Nervensäge, die sofort den Dachbalken nagelt, Pinselstrich hier, Rüschenborte dort und schon hab ich einen erregenden Raum, der um kulturelles Asyl bittet. Hier nicht. An diesem schmerzenden Ort schaudert es selbst hartgesottenste Raumschützer, denn hier schwingt die Abrissbirne der Stadt seit 1978 out of control. 40 Jahre profitöse Großmannssucht – ich gebe auf.

Hafenranderweiterung hieß es damals. Schöne neue Welt gewinnt gegen Gammelwelt und Billigwohnraum. Biff, Bang, Pow. Ritzeratze mit Krawumms. Staubwolken und das Rattern der Schaufellader am Grund einer angeblich verdorbenen Architektur. Die Köhlbrandbrücke kommt. Dann wird’s superschön, superneu, supergut. Hält ewig, hieß es, die heute faktial morsche Brücke, wie bräsig.

Stattdessen kam nix, nur eine gigantische Stadtbrache mit wunderschöner, dem Hinscheiden gewidmeter Schule.

Deshalb fordere ich: HPA, ihr Raffzähne, denkmalgeschützte Gebäude sind das Gedächtnis meiner Stadt.

Ob hässliche Fratze oder stolzer Pfau: Aussehen spielt keine Rolle. Geschmack spielt keine Rolle. Es geht um Kultur, um Stil und Erhalt. Deshalb fordere ich die Schule dem freien Markt zu entreißen, einen Fonds zu gründen, der sich um Instandhaltung und Vermietung kümmert und sie endlich den heilenden Händen der Kulturaktivisten zu lassen.

Eure Raumsonde

Andrea

/ Foto: Leerstandsmelder.de


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

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