ByteFM-Kolumne Vol. 2: Bitte loslassen!

Tanzen im Museum. Genial! Monique Schmiedl besuchte die „Junge Kunstnacht“. Dort waren die Leute aber mehr mit ihren fancy Turnschuhen beschäftigt, als mit den Künsten

Die Ernüchterung kam mit einem Elektrobeat – laut und hart. Zwischen impressionistischer Malerei, feministischer Avantgarde-Kunst und szenigem DJing brüllte mir der Realismus ins Gesicht: Es geht schon lange nicht mehr um die Künste! Es geht um Selbstdarstellung, um sehen und gesehen werden, um Schau-ich-hab-jetzt-auch-diese-fancy-Turnschuhe.

Man stelle sich vor, man befinde sich im Mai 2015 in der Kunsthalle bei „Junge Kunstnacht. Avantgarde“. Jener Veranstaltung, die sich dadurch auszeichnet, dass sie die Künste miteinander vereint – vornehmlich bildende Kunst und Musik. Da ist die Musik der Catcher – Tanzen im Museum! Was für eine Idee. Was für ein genialer Streich der Intermedialität. Wie naheliegend und abstrus zugleich.

Da stehe ich nun, inmitten dieser Party. Zwischen Arty People und Kunstliebhabern, zwischen vermeintlich Gleichgesinnten und stellt fest: Es geht nicht um die Musik. Der DJ ist wirklich gut, die Stimmung ok, der Alkohol fließt. Und doch: Niemand gibt sich der Klangkunst hin. Niemand lässt los und tanzt einfach nur. Niemand genießt das Flair und die Atmosphäre und einfach sich selbst. Stattdessen wird gezuppelt, geguckt, sich in Stellung gebracht, abgecheckt, beäugt und belächelt.

Neben mir taucht der Kunstliebhaber auf und tröstet: Auch der bildenden Kunst wurde wenig Achtung geschenkt. Auch hier schauten die Menschen durch Handykameras auf die Gemälde. Auch hier ist das Ich wichtiger als die Kunst.

Wir gucken uns an und lachen – lass sie doch rumstehen und gut aussehen, lass sie sich doch unwohl fühlen und sich vergleichen, lass sie doch ihre Bilder in die digitalen Sphären schießen und alle drei Sekunden nach einem neuen Like suchen. Wir sind hier, um zwei so ungleiche und doch so gleiche Künste zu feiern. Nur wir. Und die Gemälde. Und der Elektrobeat.

Text: Monique Schmiedl

Who the fuck are ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.