Robert Longo

Deichtorhallen: Die langen, dunklen Schatten der Bilder

Von Moskau über New York nach Hamburg: Was die Zeichnungen Robert Longos mit Goyas Radierungen und Eisensteins Filmen zu tun haben

Ein paar geschickt geworfene Tennisbälle über den Dächern von New York starteten um 1980 die Blitzkarriere des Robert Longo (*1953). Er beballerte auf dem Dach seines Manhattaner Ateliers Freunde wie Cindy Sherman oder Larry Gagosian, die in properen Business-Outfits antraten, fotografierte ihre jähen Schreckens- und Ausweichgesten und setzte diese in die großformatigen Schwarzweiß-Zeichnungen seiner Men in the Cities um.

Verrenkt, ausgeknockt, eingefroren in exzentrische Gesten. Tänze am Abgrund, Todestänze gar? Ekstasen und Agonien – in diesen Bildern schien die Essenz der Achtzigerjahre geronnen, bevor diese recht begonnen hatten. Die Kunstszene liebte Longos coolen Drive, der aber steigerte sich bald in krude Multimedia-Extravaganzen hinein. Da brach die Kritik den Stab über ihn und witzelte: „Robert Long Ago“.

In den 1990er Jahren aber fand der Künstler zurück zum Schwarzweiß, zur Zeichnung. Mit unzähligen Kohlestiftstrichen zerdehnte er den kurzen schrillen Moment, in dem Medienbilder aufblitzen und verglühen. Er ließ sie „vom Auge zur Hand“ (Longo) gleiten: Er zeichnete Pressefotografien, in denen der Schrecken der Gegenwart gerinnt, so ab, als konserviere er ihre langen, dunklen Schatten: 2015 etwa das Foto der Fensterscheibe, die eine der Kugel des „Charlie Hebdo“-Attentats durchschlagen hatte.

Vor zwei Jahren entwickelte Longo gemeinsam mit Kate Fowle, der Chefkuratorin des Garage Museum of Contemporary Art in Moskau, eine Idee: Wie wäre es, die eigenen Bilder von Gewalt, Tod und Schrecken auszustellen, zusammen mit Werken zweier Künstler, in deren Oeuvre sich die soziale und politische Realität ihrer Zeit ähnlich zuspitzt: zusammen mit dem großen spanischen Wirklichkeitsdurchdringer Francisco de Goya und dem russischen Filmemagier Sergei Eisenstein? Die Idee zündete und die Schau kommt nach Stationen in Fowles Moskauer Haus und im New Yorker Brooklyn Museum jetzt in die Deichtorhallen.

Foto: Robert Longo

Robert Longo: Untitled (American Bald Eagle) 2017

Nacheinander wird man dort die Imaginationsräume der drei Künstler durchschreiten können: Etwa 50 Aquatinta-Radierungen aus vier Werkzyklen Goyas. 40 Skizzen und etliche Filme Eisensteins, die – nach einer Idee von Longo – mit einem Prozent der normalen Geschwindigkeit projiziert werden, so dass das Geschehen etwa des „Panzerkreuzer Potemkin“ als Abfolge einzelner, sorgsam komponierter und montierter Bilder wahrnehmbar wird. Und dazu etwa zwanzig bis zu 7,5 Meter große Zeichnungen Longos aus den letzten Jahren.

Drei unterschiedliche und doch verwandte Ansätze: Alle drei Künstler dramatisieren Geschichte und alle drei erlebten nicht nur historische Umbrüche, sondern auch die Desillusionierung der Aufbruchshoffnungen ihrer Zeit: der Aufklärung (Goya), der Russischen Revolution (Eisenstein) und der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre (Longo). Und alle drei sind, was die Problematik ihrer eigenen Standpunkte anbelangt, nicht aus dem Schneider: Bei Goya ist es die Nähe zum Hof, dem er mitunter gefällige Porträts lieferte, bei Eisenstein die zum Diktator Stalin, dessen Propagandaapparat er zu bedienen hatte, und bei Longo ist es die Nähe zum Kunstmarkt, der ihn und seine ikonischen Bilder umarmt.

Trotzdem möchte man am liebsten sofort eintauchen in die sicher atmosphärisch dichte Schau, in der sich spannende Resonanzen ergeben dürften – auch wenn man gespannt ist, ob Longos Zeichnungen der Komplexität der beiden anderen Ouevres standhalten. Der Künstler, der so seine Erfahrungen mit der Kritik bemacht hat, baute jedenfalls schon mal vor: Im Katalog merkt er an, er sähe sich „nicht in derselben Liga wie Goya und Eisenstein“.

Text: Karin Schulze

Fotos: Robert Longo

Proof: Francisco Goya, Sergei Eisenstein, Robert Longo. 17. Februar bis 27. Mai in den Deichtorhallen. Eröffnung 16. Februar um 19 Uhr. Im Rahmenprogramm laufen Eisenstein-Filme im Metropolis Kino.


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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