Die Fotos des Friseurs

Oliver Giemza dokumentiert aus dem Schaufenster seines Salons heraus die Marktstraße. Seit acht Jahren und immer aus derselben Perspektive. Neun Alben mit je 250 Bildern hat er schon zusammen

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Wer bei Oliver Giemza auf dem Frisierstuhl sitzt, guckt statt in den Spiegel durch eine große Fensterscheibe. Der Blickwinkel ist leicht angeschrägt, weil der Salon im Souterrain liegt; auf Kopfhöhe spazieren die Leute am Schaufenster vorbei, schieben Kinderwagen oder Rollatoren vor sich her, tragen Kaffeebecher in den Händen oder Schulranzen auf dem Rücken. Manche winken dabei extra in Richtung Friseur, andere werfen nur einen verstohlenen Blick ins Schaufenster und betrachten sich kurz im Spiegelbild. In solchen unverfälschten Momenten lässt Oliver Giemza kurz die Schere sinken und tritt mit dem Fuß auf den Fernauslöser seiner Fotokamera.

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Seit acht Jahren schießt Oliver Giemza mit seiner 26 Jahre alten Ricoh Fotos. Sie steht auf einem Stativ in der Ecke des Salons. Fast jeden Tag macht der 50-Jährige Bilder – bei sonnigem Wetter auch mal 20 Stück –, immer aus derselben Perspektive, den Fokus auf den Gehweg gerichtet. „Ich hatte schon immer das Bedürfnis, den Verlauf der Dinge festzuhalten“, erzählt Giemza.

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Und so dokumentiert er mit seinen Momentaufnahmen den Wandel der Zeit, des Karoviertels mitsamt seinen Bewohnern. Wie die Nachbarskinder erwachsen werden und manche Alte irgendwann wegbleiben; wie an der Ecke zur Turnerstraße ein schönes altes Haus nachts im Flutlicht abgerissen wurde. „Auch das hab ich fotografiert“, erinnert sich Giemza. Jedes Mal, wenn er dann die Umschläge mit den entwickelten Bildern bei Foto Dose abholt, ist er gespannt: „Ich vergesse ja auch viel davon, was ich fotografiert habe.“

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Seit 1999 betreibt er seinen Salon „Ein Friseur“ in der Marktstraße, 2002 bezog Giemza neue Räume, in denen er heute noch arbeitet. Er liebt die dörfliche Struktur des Viertels, den Multikulti-Charme und die vielen inhabergeführten Geschäfte. Der Blick aus Giemzas Schaufenster führt entlang der Turnerstraße direkt auf den Bunker. Der versperrt die Sicht hinaus aus dem kleinen Dorf und wirkt gleichzeitig wie ein „schützendes Bollwerk, das je nach Licht und Wetter immer anders aussieht“, sagt Giemza fast liebevoll, „mal mürrisch, mal freundlich.“

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Oliver Giemza, hier selbst im Bild, will im März 2017 nach zehn Jahren sein Fotoprojekt beenden

Text: Julia Braune

Ein paar Fotoalben liegen bei Oliver Giemza immer im Salon zum Durchgucken bereit. Wer darin blättern will, braucht nur einen Friseurtermin!