Fußballteams beim inklusiven Hallenturnier

Ein Fußballteam für alle!?

Tobias Hillebrand hat eine Vision: Eine Fußball-Liga, in der jeder mitspielen darf – egal, ob mit oder ohne Handicap. 2019 soll die neue Inklusionsliga starten.

Tobias Hillebrand (26) hat einen Traum. „Klar kann ich mir vorstellen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Das wäre schon cool, wenn man einen Weg so lange mitgegangen ist“, sagt er. Hillebrand ist im Hamburger Fußballverband (HFV) Koordinator für die Bereiche Behindertenfußball und Inklusion – und arbeitet für den Verband an einer kleinen Revolution: der Inklusionsliga. „Inklusion bedeutet, dass alle mitspielen können“, sagt Hillebrand, der gerade seine Magisterarbeit im Sportstudium schreibt und zudem Erziehungswissenschaften studiert hat.

Was sich aufs erste Hören selbstverständlich anhört, wäre bei genauerer Betrachtung etwas für Hamburg völlig Neues. Menschen mit geistigem und/oder körperlichem Handicap, Menschen ohne Handicaps, Frauen und Männer, Alte und Junge – alle in einer Fußballmannschaft. Unter anderem in Bayern und am Niederrhein existieren erfolgreiche Modellversuche. Auch in Hamburg gibt es ein Vorbild. In der Freiwurf-Hamburg-Liga spielen acht Teams in der bundesweit ersten vom Deutschen Handball-Bund anerkannten inklusiven Handball-Liga.

Hürden auf dem Weg zur Inklusionsliga

Hillebrand selbst scheint wie geschaffen für die Aufgabe, das gute Beispiel des Handballs nun auf die Fußball-Felder unserer Stadt zu transferieren. Die Eltern des jungen Mannes waren gehörlos. Er kennt den Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Handicap also aus eigener Erfahrung. „Ich habe viel mit Zeichensprache übersetzt und ich war immer der Erste, der ans Telefon gegangen ist. Ich war sozusagen der Ansprechpartner vom Arzt bis zur Kirche. Mit Unterstützung meiner Großeltern hat das alles sehr gut geklappt und ich habe auch viel Freizeit mit anderen gehörlosen Menschen verbracht“, sagt Hillebrand. Er ist überzeugt, dass nur der Kontakt zur Inklusion beiträgt. Hier könne der Fußball seine oft gerühmte Brückenfunktion einnehmen. „Ein hemmender Faktor für Menschen ohne Handicap ist es oft, dass sie die Reaktionen von Menschen mit Handicap nicht so richtig einschätzen können. Das können sie aber mit der Zeit. Und dann wachsen tolle Gemeinschaften heran.“

Lob erhält Hillebrand von HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki: „Dem Verband liegt das Thema schon seit Jahren sehr am Herzen. Tobias treibt das hier bei uns super voran. Wer einmal gesehen hat, wie ehrlich und natürlich diese Menschen sich freuen, wenn sie zum Beispiel ein Tor schießen, der weiß, es lohnt sich.“ Doch auf dem Weg zur Inklusionsliga, die im Sommer 2019 starten soll, sind noch einige Hürden zu überwinden. Hillebrand netzwerkt viel, spricht mit Vereinen über deren klassische Probleme beim Aufbau einer Mannschaft wie zum Beispiel notwendige Fahrdienste für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Das erste Hallen-Inklusionsturnier fand bereits statt, der im Bereich Inklusion sehr aktive SV Nettelnburg-Allermöhe siegte im Beisein des von der entspannten Turnieratmosphäre und den sportlichen Leistungen begeisterten HFV-Präsidenten Dirk Fischer. Weitere Turniere sind in diesem Jahr geplant. „Der Hamburger Sportbund finanziert die Turniere aus seinem Inklusionstopf, wir als HFV steuern zum Beispiel etwas Geld für die Pokale bei“, so Hillebrand.

Nächstes Jahr soll’s losgehen

Die acht Mannschaften für einen Ligastart sind bereits beisammen, aber losgehen kann es trotzdem noch nicht. Denn mehrere rechtliche Hürden sind zu überwinden. Nach den HFV-Statuten wird nach Geschlechtern getrennt in Altersgruppen (Jugendmannschaften, Damen, Herren, Senioren etc.) gespielt. Und es dürfen nur Mannschaften mitkicken, die HFV-Mitglieder sind. Unter den acht Interessenten befinden sich aber mit dem SV Eichede und Bad Oldesloe zwei Teams, die Mitglied im Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verband sind. „Wir müssen für die Inklusionsliga neue rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, wollen die Statuten ändern. Das soll auf dem Verbandstag 2019 geschehen“, sagt Byernetzki.

Der HFV will dann selbst einen Antrag stellen, zustimmen müssen die Hamburger Amateurfußballvereine. „2018 ist ein hoffnungsvolles Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass es 2019 losgeht“, sagt Hillebrand. Und die vorsichtige Frage, ob sich auch genügend Menschen ohne Handicap finden werden, die mitspielen, beantwortet Hille-
brand lächelnd und gelassen: „Die Frage sollte lauten: Warum eigentlich nicht?“

Text: Mirko Schneider
Foto: HFV

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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