Eine gute Nachtbusgeschichte

Sie sind ein Segen für Großstädter, vor allem für Speckgürtler. Eine Tour durch die dunkle Stadt, eingeklemmt zwischen Schichtarbeitern, Pistengängern und Wohnungslosen

Die letzte U-Bahn fährt davon. Die grellen, orangenen Leuchtbuchstaben spucken mir an der Bahnsteigkante ein „Bitte nutzen Sie die Nachtbusse“ vor die Füße. Die Uhr auf dem Rathausmarkt zeigt kurz vor eins, mitten in der Nacht und mitten in der Woche. Es ist kalt. Fast niemand ist unterwegs, nur ein paar Gesichter stoßen einen konzentrierten Atem aus ihren Mündern, während sie warten.

Die tote Zeit Hamburgs

Ich gehöre zu den Menschen, die jedes Mal wieder überrascht sind, dass in der Woche nachts keine Bahnen mehr fahren. Es ist die tote Zeit Hamburgs. Wo normalerweise Trubel und Hektik herrschen, ist es jetzt still.

Mit Schal und Handschuhen lehnt Jens an der Haltestelle. Für ihn bedeutet Nachtbus fahren, dass er sich entspannen kann. „Einmal raus aus der Wohnanlage, raus aus der WG, in der es so oft Stress gibt“, sagt er. „Wenn ich im Nachtbus sitze, fahre ich einfach so herum. Ganz egal wohin. Es ist warm und ich kann in Ruhe nachdenken.“

Der Bus kommt und die wenigen Menschen drängen sich um den Einstiegsbereich. Jens steigt noch nicht ein. „Ich warte lieber noch ab“, sagt er. „Die ersten Busse werden immer so voll, je später es wird, desto ruhiger die Fahrt.“ Ich zahle 3,10 Euro und wir verlassen den Rathausmarkt.

Sie ist obdachlos. Ab und zu gönnt sie sich eine Tageskarte

Eine Reihe vor mir sitzt Magdalena. Sie liest in einem Buch von Nick Hornby. Ab und zu löst sie ihren Blick von den Zeilen und sieht aus dem Fenster. Außer abgestellten Leuchtreklamen und ein bisschen Regen gibt es kaum etwas zu sehen. „Es ist warm in den Bussen“, antwortet sie, als ich nach dem Grund ihrer Fahrt frage. Sie sei ohne festen Wohnsitz und ab und zu gönne sie sich eine Tageskarte, um die Nacht im Bus zu verbringen.

Wir halten in der Nähe des Hauptbahnhofs. Langsam wird es voller. Der Regengeruch, der an den Zugestiegenen haftet, macht sich breit. Magdalena mustert jeden der einsteigt misstrauisch, so als ob jemand ihr Wohnzimmer betritt. Eine Gruppe leicht alkoholisierter Erstsemester steigt ein. Der Klassiker: „Wir waren noch bei Freunden, haben uns verquatscht und die letzte Bahn verpasst. Jetzt müssen wir eben Nachtbus fahren!“, erzählt Robert. „Sonst achten wir immer darauf, die Bahn noch zu bekommen, weil’s einfach viel schneller geht.“

Der Fahrer isst Wurstbrot und trinkt Kaffee

Wir nähern uns der Haltestelle Barmbek. Durch das Geschunkel sind fast alle Fahrgäste müde geworden, haben die Augen geschlossen oder sind in Musik ihre vertieft. In Barmbek kreuzen sich verschiedene Nachtbus-Linien. Ich möchte mit einem der Busfahrer sprechen und steige aus. Einer der Busse steht mit abgeschaltetem Motor am Rand. Der Fahrer lehnt entspannt in seinem Sitz, isst ein Wurstbrot und trinkt Kaffee aus einer Thermoskanne. Er lässt mich rein.

Während Helene Fischers „Atemlos“ aus dem Radio flötet, erzählt er, dass er nachts eigentlich nicht mehr fahren möchte. Die Arbeitszeiten seien anstrengend und es ginge auch nicht immer so friedlich zu wie heute. Gerade Menschen, die irgendwann vom Kiez nach Hause wollen, seien oft stark alkoholisiert und manchmal aggressiv. Nicht nur einmal wurde er körperlich angegriffen. Eines Nachts sogar so stark, dass er ins Krankenhaus musste. „Die Angst fährt immer mit“, sagt er. „Aber man muss unbedingt lernen, ihr nicht zu viel Raum zu geben, sonst kann man den Job nicht mehr machen.“

Volksdorf ist ja nicht der Kiez

Ich fahre mit der 607 bis zur Endhaltestelle Volksdorf. Ein Arbeiter im Blaumann sitzt direkt hinter dem Busfahrer. Alles an ihm schreit „Schichtdienst“. Seine Augen sehen müde aus und seine Haare stehen wild durcheinander. „Man muss sehen, wo man bleibt“, sagt er. „Wenn ich Nachtschicht habe, bleibt mir nur der Bus. Das Auto braucht meine Frau morgens, um die Kinder in den Kindergarten zu bringen. Ich finde, dass man sehr gut mit den Nachtbussen fahren kann. Meistens ist es ruhig und Volksdorf ist ja nicht der Kiez.“

Und es stimmt. Je weiter wir uns dem Speckgürtel Hamburgs nähern, desto ruhiger und leerer wird es. An der Endhaltestelle sind nur noch der Schichtarbeiter und ich unterwegs. Wir verabschieden uns, während die Anzeige am Bus auf Barmbek wechselt, zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Mit neuen zusteigenden Gesichtern. Gesichter, die ihre ganz eigene Nachtbusgeschichte erzählen. Denn davon gibt es viele in dieser ganz besonders kalten Nacht …

Text: Sarah Schmerse