Filmfest Hamburg

Filmfest Hamburg. Interview mit Festivalchef Albert Wiederspiel

Seit Donnerstag, 5. Oktober läuft das 25. Filmfest Hamburg. Zehn Tage Bilderrausch: Festivalchef Albert Wiederspiel verrät im Gespräch, was zu sehen sein wird. Und was nicht.

SZENE HAMBURG: Sie sind seit 15 Jahren Filmfest-Chef. Worauf sind Sie stolz?
Albert Wiederspiel: Ich denke, mir ist es gelungen, es größer zu machen. Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen und habe deshalb gehobenen Mainstream als Lokomotive für die anderen Filme mit hineingenommen. Ich finde, das gehört genauso dazu wie der sehr fragile Kunstfilm, den wir auch im Programm haben. Zum Beispiel hat der Kurator unserer spanischund portugiesischsprachigen Sektion „Vitrina“ einen sehr künstlerischen Geschmack, und so sind die Filme auch.

Trotzdem kritisieren manche, dass es an Glamour und großen Namen mangelt. Und dass Hamburg nur noch ein Nachspielfestival von Cannes und Venedig ist.Das mit dem Nachspielfestival stimmt. Nur die A-Festivals haben die ganz großen Filme. Wir anderen spielen alle nach, was in Berlin, Cannes oder Venedig läuft. Nicht nur, aber viel davon. Wir haben im vergangenen Jahr mit Ewan McGregor eröffnet, das Jahr davor mit Catherine Deneuve, ich finde, das ist mit Hinblick auf Glamour und Namen schon nicht schlecht.

 

„Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.“

 

Stimmt. Aber ein paar mehr Stars wären doch schön?
Es ist ja nicht so, dass wir keine Stars haben. In diesem Jahr kommen unter anderem François Ozon, Ruben Östlund, Claes Bang, Vanessa Paradis, Volker Schlöndorff und Wim Wenders. Und viele mehr! Grundsätzlich ist das jedoch eine finanzielle Frage. Stars sind teuer. Die fliegen nicht mit Ryan Air für 29,90 Euro ohne Gepäck. Und unser Budget ist sehr eng, wir haben eine Zuwendung von 750.000 Euro. Davon kriegst du keine Stars, die Business Class fliegen wollen, nach Hamburg. Um das mal salopp zu sagen.

Hätten Sie gerne ein A-Festival?
Nein! Ein A-Festival in Deutschland reicht. Und dann ist auch das wieder eine Geldfrage. Ich glaube, die Berlinale hat eine Zuwendung von acht
Millionen Euro, das Jahresbudget liegt bei 24 Millionen. Das ganze Filmfest Hamburg kostet 1,1 Millionen. Wir reden da über völlig verschiedenen Ligen.

Trotzdem wäre es schön, wenn das Hamburger Filmfest mehr Aufmerksamkeit bekäme. Wie wollen Sie das erreichen?
Ich finde, in der Stadt haben wir mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad. Wir haben de facto überhaupt kein Marketing-Budget. Das Geld reicht aus, um ein anspruchsvolles Programm zusammenzustellen und die Gäste einzuladen – denn auch wenn das vielleicht nicht die ganz großen Stars sind, kostet das. Aber ohne Gäste kein Festival!

Wird Film von der Stadt zu wenig geschätzt?
Eine schwierige Frage. Ich würde behaupten, Hamburg hat einen eher konservativen Kulturgeschmack, man ist mehr auf die traditionellen
hohen Künste fixiert. Museum, Theater, Oper. Und vor allem legt die Stadt derzeit eine deutliche Priorität auf die Musik. Wir haben ja gerade die Elphi bekommen, die muss bekannt und gefüllt werden, das verstehe ich auch.

 

„Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.“

 

Und bei den Bürgern?
Auch da gibt es meiner Meinung nach eine Präferenz für die klassischen Künste. Allerdings ist es aber auch eine Sache von Angebot und Nachfrage. Uns fehlen Kinos. Wir haben engagierte Stadtteilkinos, aber nur wenige echte Programmkinos. Zu wenige für eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Ich wohne ja teilweise auch in Berlin, und wenn ich sehe, welche Filme da zu sehen sind, die hier nie herauskommen, dann blutet mir das Herz. Mich wundert, dass hier niemand ein zweites Abaton eröffnet.

Aber wäre das nicht Wahnsinn heutzutage, wo alle zu Hause sitzen und Serien gucken?
In Berlin machen immer wieder neue Kinos auf, und Berliner gucken ja auch Serien. Hier in Hamburg gab es in den vergangenen 20 Jahren dagegen ein massives Kinosterben. Warum? Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.

Haben wir trotzdem engagierte Filmemacher?
Ich finde, wir haben eine kleine, feine Filmszene. Es entstehen genügend spannende Sachen. Wir haben gute Leute, und denen versuchen wir mit dem Filmfest ein Forum zu bieten. Auch die Filmförderung pflegt sie, damit sie hierbleiben.

Dabei hat Maria Köpf, die Chefin der Filmförderung, doch erklärt, vermehrt große,internationale Produktionen fördern und nach Hamburg holen zu wollen. Der richtige Weg?
Ja, es ist gut, große Produktionen hierher zu holen. Schon allein wegen der Gewerke, die davon profitieren, denn große Produktionen
nutzen die Fazilitäten hier vor Ort. Von kleinen Independent-Produktionen könnendie Filmeditoren oder Kameramänner und -frauen oft nicht leben. Aber wir müssen selbstverständlich auch für die hiesige Branche sorgen. Das tut Maria Köpf auch.

Das heißt, Sie hatten eine tolle bunte Auswahl an lokal produzierten Filmen?
(Lacht) Wir hatten eine Auswahl. Aber was wir nicht haben, ist „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Warner wollte den Film nicht bei uns zeigen.
Ich finde das sehr schade, wir haben bislang alle Filme von Fatih gezeigt, und er ist ja der Hamburger Filmemacher mit der größten   internationalen Strahlkraft. Aber damit muss ich leben. Davon abgesehen haben wir zwei große Hamburger Filme, „Es war einmal
Indianerland“ und „Simpel“, die in der Sektion „Kaleidoskop“ laufen. Und dann haben wir noch den Film von der HfbK-Absolventin Helena
Wittmann, „Drift“, sehr arty, sehr edgy Autorenkino, der war in Venedig in einer Nebensektion.

Was bekommen wir denn sonst so dieses Jahr zu sehen?
Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.
Deshalb gibt es zwei Leinwände weniger. Von den 130 Filmen haben nur 34 bisher einen Verleiher, die anderen 96 werden wahrscheinlich nicht
in die deutschen Kinos kommen. 32 Filme sind Debüts und 18 Zweitlingsfilme. Diese Initialzündung für junge Filmemacher, die dadurch bekannter werden und vielleicht auch einen Verleih bekommen, ist für mich eine Hauptaufgabe eines Festivals.

Eröffnet wird das Filmfest mit „Lucky“. Machen Sie uns den doch mal schmackhaft.
Der Regisseur heißt John Carroll Lynch, ist aber weder verwandt noch verschwägert mit David Lynch. Nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine Hommage an David Lynch, der auch selber in einer größeren Nebenrolle mitspielt, und „Lucky“ steckt voller Zitate an seine Filme. Mich hat der Film auch deshalb sehr berührt, weil er ein sehr liebevoller, teilweise auch sehr lustiger Film über das Sterben ist. Der Hauptdarsteller Harry
Dean Stanton war 91 Jahre alt, in Wirklichkeit und im Film, und er verabschiedet sich so langsam vom Leben. Am 15. September ist er gestorben,sodass „Lucky“ jetzt zu seinem Vermächtnis wurde, das bewegt mich sehr. Es schließt sich so auch ein Kreis: Stanton
war 1984 Hauptdarsteller in „Paris, Texas“ von Wim Wenders, und dieser bekommt nun den Douglas Sirk Preis. So etwas finde ich schön.

Deshalb haben Sie ihn aber nicht als Preisträger ausgewählt, oder?
Nein (lacht). Mit „Submergence“ bringt er nach seinen Dokumentarfilmen wieder einen tollen, neuen Spielfilm ins Kino. Und er hat es einfach verdient.

/ Interview: Maike Schade / FOTO: NFP MARKETING & DISTRIBUTION/FILMFEST HAMBURG / WOLFGANG SCHILDT / ALAMODE FILM

www.filmfesthamburg.de

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