Geächtet

Bei der deutschen Erstaufführung von „Geächtet“ im Schauspielhaus scheinen gestyltes Bühnenbild und passende Klamotten wichtiger als das brisante Thema religiöser und ethnischer Identität, sodass das Pulitzerpreis-gekrönte Stück ohne psychologische Tiefe bleibt

Ein großes Sofa, ein Tisch und ein dezenter Glittervorhang dienen in der deutschen Erstaufführung von „Geächtet“ als Kulisse für ein Loft in der Upper East Side von Manhattan. Dort leben Amir Kapoor (Carlo Ljubek), ein erfolgreicher New Yorker Anwalt mit pakistanischen Wurzeln, und seine Frau, die Jüdin Emily (Ute Hannig, stylish und immer passend zum blauen Sofa gekleidet). Diese hat als Malerin die islamische Kultur für sich entdeckt, was unter dem Ehepaar für Gesprächsstoff sorgt, da sich der Moslem Amir von seiner Religion abgewendet hat: „Ich halte den Islam für eine rückständige Denkweise.“

Das Stück von Ayad Akhtar, zunächst wie eine launige Boulevardkomödie im Stil von Yasmina Reza angelegt, besticht durch witzig-spritzige Dialoge, kommt aber in der Regie von Klaus Schumacher nur langsam in Schwung. Bei einem gemeinsamen Dinner mit Emilys jüdisch-amerikanischem Kurator Isaac (witzig-charmant gespielt von Samuel Weiss) und dessen afroamerikanischer Frau Jory (Isabelle Redfern) werden zunächst kultivierte und politisch korrekte Gespräche über Religion, Migration, alltäglichen Rassismus und Terrorismus geführt – man befindet sich schließlich in Gesellschaft von weltoffenen Wohlstandsbürgern.

Doch im Laufe des Abends brechen versteckte Vorurteile offen hervor und die Situation eskaliert. Besonders der islamkritische Amir lässt sich zu einer unbedachten Äußerung hinreißen und bricht aus seiner gutbürgerlichen Rolle aus. Die Wandlung der Personen ist nicht immer ganz nachvollziehbar, leider bleiben sie etwas konturlos. Dennoch macht das 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete und sehr zeitgemäße Stück nachdenklich und zeigt die Grenzen der multikulturellen Gesellschaft auf.

/ Kritik von Angela Kalenbach erschienen 02/2016 in SZENE HAMBURG

Schauspielhaus, Premiere: 16.1.2016

Fotos: Thomas Aurin