Geliebter Schandfleck

Seit Mitte Juni brodelt es im Münzviertel. Zankapfel ist das Kollektive Zentrum, punkig „koZe“ getauft

Jahrzehntelang war das kleine Münzviertel nur ein brachliegender Schandfleck, ein Bermudadreieck zwischen den glitzernden Kommerzmeilen der Innenstadt, dem halb schwul-mondänen, halb türkisch-lebhaften St. Georg und dem drögen Hammerbrook im Süden, wo sich schon lange Stahlglasjünger ihre Kathedralen bauen.

Nun, mehr als 70 Jahre nach dem Feuersturm, hat das derzeit viele „billige Geld“ bemerkt, dass dieser Ort nur 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt ist – und drängt mit großer Macht in dieses sensible Gebiet. Die günstige Verkehrsanbindung lässt sich gut vermarkten, und wer nur zum Schlafen hier ist, den stört das Flair der Bahnhofsgegend wenig, die vielen Migranten und Obdachlosen, die Junkies und Cracksüchtigen, die hier ihren letzten Halt finden. Selbst der Verkehrslärm dringt nicht hinter die dicken Neubaufassaden.

Die engagierten Bewohner des kleinen Quartiers waren allerdings nicht untätig in den letzten 13 Jahren und machten aus den Nöten Tugenden. Werkstätten, Obdachlosencafés, Selbsthilfeinitiativen, Galerien, linke Kneipen und Kellerclubs sind entstanden. Unter anderem ein aktiver Quartiersbeirat und das Projekt Werkhaus haben über die Jahre eine ganz eigene, vom sozialen Gedanken getragene Infrastruktur mit kulturellem Gesicht geschaffen.

Diesem Engagement entsprang auch das Kollektive Zentrum, punkig „koZe“ getauft, das in letzter Zeit die Gemüter erhitzt und das sich in der einstigen Kita der ehemaligen Schule für Hörgeschädigte hinterm Hühnerposten eingenistet hat. Angemietet vom Quartiersträgerverein der Stadtteilinitiative Münzviertel: Kunstlabor naher Gegenden e.V., kurz KuNaGe, der sich obdachlosen Jungerwachsenen widmet, die „von sozialstaatlich-institutionellen Kontexten nicht (mehr) erreicht werden.“

Die 70 Quadratmeter im Erdgeschoss der ehemaligen Kita waren aber bald zu klein für die Flut von Gestrandeten und so erlagen die Aktivisten der verständlichen Versuchung, den weiteren großzügigen Leerstand mitzubenutzen. Davon war der Investor, die Hanseatische BauKonzept – HBK, nicht begeistert, und so tauschten die einen Schlösser, drohten mit Besetzung, die anderen mit Räumung und dem Bagger – glaubhaftes Drohpotential auf beiden Seiten.

KoZe Münzviertel

Entspanntes Beisammensein beim Münzviertelfest

Dabei hätte es soweit gar nicht kommen müssen, wäre die oft bemühte Partizipation, die Mitwirkung und -gestaltung der Anwohner von der Politik damals ernst gemeint gewesen. Bereits 2011, zwei Jahre bevor die Schule für Hörgeschädigte nach Othmarschen zog, gab es erste Planbuden, in denen die Münzviertler ihre Ideen zu einer Neugestaltung einbringen konnten.

Was sie nicht wussten: Das war nur ein Placebo. Die Stadt hatte das Grundstück längst der HBK versprochen, die solche Beteiligung nicht braucht. Deren „soziale Tat“ ist die Errichtung von Studentenappartements und kleinen Wohnungen für alleinerziehende Mütter. Aber die Studenten sind als Pendler und Nomaden für das Viertel nur bedingt interessant und für kleine Kinder gibt es wiederum wenig Struktur in einem Gebiet mit großen Straßen, hartem Elend und vielen Drogen.

Wer einen Blick in die bauliche Zukunft des Quartiers werfen will, der kann schon heute ein weiteres Studentenwohnheim bewundern, auch entwickelt und dann weiterveräußert vom Geschäftsführer der HBK, Dietrich von Stemm. Schon im Rohbau wirft der zwölfgeschossige Riegel lange, dunkle Schatten. Abweisend wie sein Name „SMARTments student“ wirkt ein erster, bereits fertiger Block oben an der Ecke Schultzweg/Hühnerposten.

Unten an der Verkehrsbrandung zur Amsinckstraße werden lukrative Hotels hochgezogen, auch um den Schall zu dämpfen. Die dort erreichte Geschosszahl begeistert den Bauherrn im Hinterland ebenfalls. Zwischen Münzstraße, Schultzweg und Norderstraße ist eine Gesamtfläche von 18.500 Quadratmetern Geschossfläche geplant.

Mittendrin die über hundert Jahre alte Knabenschule (oberes Foto), um die herum sich später die Schule für Hörgeschädigte gruppierte. Dieses Gebäude allein soll stehen bleiben, so die vertraglich getroffene Absprache zwischen der Stadt und HBK laut dem Vorsitzenden Günter Westphal vom Kunstlabor naher Gegenden. In diesem alten 1.200 Quadratmeter großen Backsteinhaus könnte mit immerhin 800 Quadratmetern die Zukunft des sozialen und autonomen Spirits liegen, der heute KuNaGe e.V. und koZe antreibt, obwohl die HBK (noch) meint, die Gruppe soll die 800 Quadratmeter für 2,5 Millionen kaufen. Weitere Gespräche stehen noch aus.

Schon jetzt als Gewinner sieht sich jedenfalls die konservative Opposition, die herrlich ihr Angst-Süppchen von „rechtsfreiem Raum“, „massiver Bedrohung“ und „zweiter Roter Flora“ kocht. Schlimm wird es, wenn diese Schimären kühles Handeln vereiteln. Die Themen Migration und Obdachlosigkeit, die das Quartier und das kollektive Zentrum so intensiv betreffen und beschäftigen, lassen sich am Stammtisch jedenfalls nicht verhandeln.

Text und Fotos: Georg Kühn