Grindel – das Jüdische Viertel

Was für uns heute abstrakt, ja unvorstellbar ist, ist im Grindelviertel Teil der Gegenwart. Die grausamen Taten der NS-Diktatur sind hier bis heute spür- und erlebbar

2000 kleine Mahnmale zeugen von ihnen: In keinem anderen Viertel Hamburgs gibt es so viele Stolpersteine wie im Grindel. Sie alle erzählen von tragischen Schicksalen, von Mord, Misshandlung und Deportation. Und es gibt noch mehr Zeugen dieser Zeit: Bauwerke wie die Joseph-Carlebach-Schule oder Straßen wie die Rutschbahn sind Orte mit dunkler Vergangenheit. Wir stellen Ihnen einige der Menschen vor, die die Erinnerungen an diese bewahren, die das Jüdische Viertel dieser Stadt mit neuer Hoffnung und neuem Leben füllen – und laden Sie ein, anhand unserer Karte diesen Stadtteil und seine Geschichte zu entdecken.

 

Shlomo Bistritzky

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Mit dem Umzug nach Hamburg vor 13 Jahren kehrte Rabbi Bistritzky zu den Wurzeln seiner Familie zurück. Foto: Philipp Jung

Shlomo Bistritzky (39) ist seit 2012 Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, orthodoxer Gelehrter, Vater von acht Kindern.  3000 Mitglieder zählt seine Gemeinde heute. Bistritzky trägt die religiöse Verantwortung für sie, gestaltet Gottesdienste, gibt Rat während seiner Sprechstunden und leitet Rabbiner-Seminare. „Ich sehe mich aber nicht nur für meine Gemeinde verantwortlich, sondern für alle Juden“, sagt er.

Als er 2003 mit seiner Frau Chani und den damals zwei Kindern nach Hamburg kam, brachte er frischen Wind in die jüdische Gemeinde. Das Ehepaar widmete sich beharrlich seiner religiös motivierten Arbeit. Sie als Lehrerin für Hebräisch und Religion, er als Prediger. 2007 initiierten sie die Wiedereröffnung der jüdischen Joseph-Carlebach-Schule im Gebäude der ehemaligen Talmud-Tora-Schule mit 12 Kindern.  Der Zuwachs ist groß, heute besuchen 156 Kinder die Schule.

 

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Foto: Philipp Jung

Mit dem Umzug nach Hamburg vor 13 Jahren kehrte Rabbi Bistritzky zu den Wurzeln seiner Familie zurück. Sein Urgroßvater Markus Bistritzky kam einst aus Königsberg nach Hamburg und betrieb ein Geschäft im Levantehaus. 1925 lebten noch 20.000 Juden in Hamburg, das Grindelviertel galt im Volksmund als „Klein Jerusalem“. Als die Nationalsozialisten während der Reichspogromnacht 1938 etliche Synagogen zerstörten, setzten sie auch jene am Bornplatz in Brand. Ab 1941 wurden Tausende Juden im Grindelviertel konzentriert, deportiert und ermordet.

Shlomo Bistritzkys Großvater Loeb war damals ein Junge. Er konnte mit seiner Familie fliehen. Als 2004 das Gebäude der Talmud-Tora-Schule an die jüdische Gemeinde zurückgegeben wurde, kehrte Loeb Bistritzky zum ersten Mal nach Hamburg zurück. „Das war sehr emotional für ihn. Er war hier im Gebäude der ehemaligen Talmund-Tora-Schule, die er als Kind besucht hat. Und er konnte über jede Straße etwas sagen und über die Leute, die dort wohnten“, erinnert sich Shlomo Bistritzky. (Text: Ulrich Thiele)

Amos Schliack

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Gemeinsam mit Freunden und Nachbarn initiierte Amos Schliack „Grindel leuchtet“. Auch am 9. November diesen Jahres werden die Stolpersteine im Viertel hell erleuchtet sein. Foto: Philipp Jung

Der Fotograf  Amos Schliack lebt seit 1984 im Grindel. Mit der jüdischen Kultur verbindet den 65-Jährigen, der selbst keiner Religion angehört, eine lebenslange Beziehung. Sein Vater arbeitete in den 1960ern in Israel, er selbst fuhr immer wieder dort hin, manchmal blieb er auch länger. So wie damals, bevor er 2012 in die Hansestadt zurückkehrte und zum ersten Mal über die kleinen, glänzenden Steine in den Gehwegen stolperte. „Vorher war mir nie so gegenwärtig, wie sehr das Grindelviertel ein jüdischer Stadtteil ist“, sagt er erstaunt.

Gemeinsam mit Freunden und Nachbarn initiierte er daraufhin „Grindel leuchtet“. Am Abend des 9. November 2013, 75 Jahre nach der Reichspogromnacht, zündeten die Bürger des Grindelviertel erstmals Kerzen auf den Stolpersteinen des Viertels an. Eine Tradition, die sich seitdem Jahr für Jahr wiederholt. „Wie das Stolperstein-Projekt ist die Grindel-leuchtet-Aktion keine jüdische, sondern eine von Deutschen selbstmotivierte, in Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“, erklärt Schliack. (Text: Ulrich Thiele)

 

Der Erfinder der Stolpersteine: Gunter Demnig

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„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst dort wohnten. Foto: Regine Marxen

 

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing im Boden platziert. Es sind Mahnmale im Alltag, über die man im Gedanken stolpert, während man auf den Boden blickt. An 1099 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas sind diese Stolpersteine inzwischen platziert.

‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist‘, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten.

1993 startete Demnig mit seinem Entwurf für das Projekt Stolpersteine, die erste Verlegung in Berlin-Kreuzberg war eine nicht genehmigte Aktion, die später jedoch legalisiert worden ist. Seit 2000 ist Demnig mit dieser Idee offiziell in ganz Deutschland und Europa unterwegs. In Hamburg platzierte er bis heute 5042 Stolpersteine. Erst im Oktober diesen Jahres war er erneut zu Gast. Ein Projekt, grenz- und zeitüberschreitend. Endlos – so wie der Schrecken noch heute in den nachfolgenden Generationen der Opfer nachhallt und auch in Zukunft hallen wird.

Wer sich über die Hamburger Stolpersteine und die Opfer der NS-Zeit informieren möchte: Ein Glossar der Steine bzw. der Namen der Opfer finden Sie stets aktualisiert auf der Website Stolpersteine-Hamburg. Und wer sich engagieren möchte: Es können unter anderem Patenschaften für Steine erworben werden. Auch hierzu erfahren Sie mehr auf der Website.  (REM)

 

 

Mahnmale der NS-Diktatur. Die Karte

Foto: Philipp Jung

Foto: Philipp Jung

 

Die Hamburger Kammerspiele ist das einzige von jüdischen Bürgern gegründete Theater in Deutschland. 1836 vom Hamburger Kaufmann Otto Eduard Ferdinand Pfennig erbaut, diente es jüdischen Vereinen und Logen als Treffpunkt. 1942 wurde es zur Sammelstätte für einen der Hamburger Transporte nach Auschwitz. Nach dem Krieg eröffnete Ida Ehre hier die Hamburger Kammerspiele und schuf  damit eine Heimat für große Theaterstoffe. Noch heute legendär ist die Uraufführung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ am 21. November 1947.

Die Karte. Das Jüdische Viertel erleben

 


sz1116_001_titel_cover_neuDer Text ist ein Auszug aus dem Titelthema „Leben im Grindel“ aus der November-Ausgabe von SZENE Hamburg.

Es ist ab sofort am Kiosk, im Zeitschriftenverkauf und im Internet erhältlich