„Ich wünsche mir mehr Humor und Selbstakzeptanz“

Anastasia Umrik findet, dass Rollstühle stylish sein können und das Wort Inklusion irgendwann unnötig werden sollte. Die Hamburgerin gründete das Modelabel inkluWAS

SZENE HAMBURG: Anfang Dezember 2015 hat der US-Reality-Star Kylie Jenner in einem goldenen Rollstuhl für das Cover des Interview-Magazins posiert und für einen Social-Media-Shitstorm gesorgt. Du sitzt selbst im Rollstuhl. Was denkst du, wenn du dieses Bild siehst?

Anastasia Umrik: Ich finde das nicht so dramatisch wie andere, weil ich es gut finde, wenn vermeintlich hässliche Hilfsmittel wie ein Rollstuhl stylish oder erotisch werden. Durch bekannte Personen kann ein Rollstuhl plötzlich zum Lifestyle gehören. Ich finde es schade, dass sich behinderte Männer und Frauen selten trauen, sich auf diese Art zu zeigen. Ich würde mir wünschen, dass jemand sagt: Ich bin behindert und posiere in Overknee-Boots und High-Fashion in meinem Rollstuhl.

Es hätte auch passieren können, dass plötzlich ganz viele Menschen anfangen, im Internet mit ihrem Rollstuhl zu posieren.

Das machen sie aber nicht! Es nervt mich, dass so viel gemotzt wird. Man könnte ja auch sagen, dann nutzen wir diese PR und zeigen uns total hip und cool in unseren Rollstühlen. Macht aber keiner.

Was würdest du dir denn von Menschen mit Behinderung wünschen?

Generell würde ich mir mehr Humor und Selbstakzeptanz wünschen. Wenn ich abends ausgehe, sehe ich kaum Menschen mit einer Behinderung. Ich sehe sie nur online – da sind sie aktiv. Ich würde mir wünschen, dass man auch jemanden im Rollstuhl sieht, wenn man etwas Trinken geht.

Soll dein Modelabel inkluWAS dazu beitragen, dass sich Menschen mit Handicap mehr zeigen?

Mir geht es dabei nicht nur um Menschen mit Behinderungen, sondern um die Vielfalt. Durch meine Behinderung werde ich oft in eine Ecke gestellt. Das ist auch in Ordnung, aber eigentlich geht es mir mit inkluWAS um das bunte Miteinander.

Wie bist du auf die Idee für inkluWAS gekommen?

Ich sehe mich nicht nur als die behinderte Frau. Ich habe viele Facetten. Und wenn ich mich mit meinen Freundinnen unterhalte, haben die genau so viele Facetten. An einem Tag habe ich in die Runde geschaut und gemerkt, wie verschieden wir sind und wie gut wir uns trotzdem verstehen. Das wollte ich auf die Gesellschaft bezogen auf eine humorvolle und positive Art und Weise mit inkluWAS zeigen.

Und das spiegelt das Design der inkluWAS-Mode wider?

Ja, zum Beispiel in Form von großen, kleinen, dicken, dünnen, rollstuhlfahrenden oder blinden Menschen. Oder in Form der Spuren, welche diese Menschen hinterlassen: Ein gehender Mensch hinterlässt andere Spuren als ein Mensch mit einem Rollator oder einer mit einem Blindenstock.

Und was willst du mit dem Modelabel verändern?

Mit einem Fashionlabel wird sich natürlich nicht die Welt verändern, aber ich möchte im Kleinen etwas bewirken. Mit unserer Mode setzen unsere Kunden ein Statement. Die Designerin Kathrin Neumann und ich produzieren biologische und faire Kleidung. Und ein Teil des Erlöses fließt in soziale Projekte. Schlussendlich können wir mit unserem Gewinn weitere Projekte anschubsen, wie zum Beispiel Kunstprojekte oder eine Kochveranstaltung für Mädchen mit einer Essstörung.

Was unterscheidet inkluWAS-Mode von anderer Kleidung?

Ich finde inkluWAS ist eine sinnvolle Mode. Es gibt ja viele hässliche Statement-T-Shirts, zum Beispiel „Atomkraft? Nein danke!“. An sich eine coole Sache, aber echt richtig hässlich! Mit einem Statement-Shirt steht man für etwas. Wer ein Shirt mit St. Pauli-Logo
trägt, bei dem weiß man gleich, was man damit sagen möchte.

Was für ein Statement macht man denn, wenn man ein inkluWAS-Shirt trägt?

Wer ein inkluWAS-Shirt trägt, steht für die Vielfalt ein. Derjenige zeigt, dass er für Toleranz und Akzeptanz ist und gegen Diskriminierung kämpft. Und dass der- oder diejenige einen sehr guten Geschmack hat, natürlich (lacht).

Denkst du daran, deine Produktauswahl zu vergrößern?

Ja, ich hoffe es. Ich würde gerne eine ganze Palette von Produkten anbieten und zu einem Designlabel werden. Ich hätte zum Beispiel gerne Hefte, Stifte und Frühstücksbrettchen. In weiterer Zukunft ist eine Fashion-Linie geplant, die im Stehen und im Sitzen gut aussieht. Wir wollen Schnitte entwerfen, bei denen eine Frau im Rollstuhl und eine gehende Frau mit dem gleichen Outfit beide nebeneinander gut aussehen.

In inkluWAS stecken die Wörter „Inklusion“ und „Was“. Was bedeutet für dich Inklusion?

Ich finde, Inklusion ist wichtig – auch das Wort – weil wir einen Arbeitstitel für unsere Vision brauchen. Dennoch, wenn man die Bedeutung ganz runterbricht, dann wird’s absurd. Es geht doch eigentlich darum, dass alle Menschen zusammen ein Bier trinken gehen können. Und wir diskutieren darüber, ob behinderte Menschen genau so viel verdienen dürfen wie nicht behinderte. Hä? Das verstehe ich nicht.

Also dir geht es nicht um das Wort „Inklusion“ sondern um das, was da gesellschaftlich dranhängt.

Genau. Eigentlich hoffe ich, dass wir irgendwann gar kein Wort mehr dafür brauchen. Wenn man „Inklusion“ nicht mehr extra benennen muss, weil es normal ist, dann haben wir es geschafft.

Interview: Sara Lisa Schäubli
Foto: Biblissa Photography