Hamburg zur Fahrradstadt – Interview mit Kirsten Pfaue

Vom Fahrradfreak zur Radverkehrskoordinatorin: Kirsten Pfaue (43) hat eine atemberaubende Strecke hinter sich. Und noch lange nicht genug. Hamburgs Radler sollen sich bald so wohl fühlen wie in anderen Millionenstädten.

SZENE HAMBURG: Frau Pfaue, welche emotionale Verbindung haben Sie zum Fahrrad?
Kirsten Pfaue: Ich liebe Fahrradfahren! Für mich steht es für Freiheit und Unabhängigkeit. Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Rad den Wind in den Haaren zu spüren und die Stadt unmittelbar zu erleben. Als Jugendliche spielte ich viel Handball. (lacht) Ich kenne heute noch jede Halle in Hamburg und den dazugehörigen Radweg. Meine erste Radtour an die Mosel unternahm ich als 16-Jährige. Später ging es nach Korsika, England und Norwegen. Durch all diese Erfahrungen begann meine bis heute andauernde leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Radverkehr.

Sie sind Mitgründern der Radreisemesse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), wurden 2008 in den ADFC-Vorstand gewählt. Was machen Sie als Radverkehrskoordinatorin? Und welche Entscheidungsbefugnisse besitzen Sie?
Meine Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass Hamburg in den drei Bereichen Infrastrukturausbau, Serviceausbau und Kommunikation gut vorankommt. Ich spreche mit allen relevanten Akteuren in der Stadt, bin sehr agil und flexibel in der Hamburger Verwaltung unterwegs. Natürlich existieren weiter Verwaltungszuständigkeiten. Für Hauptverkehrsstraßen ist der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer zuständig, für das Bezirksstraßennetz die sieben Hamburger Bezirke. Doch ich habe umfassende Informations- und Beteiligungsrechte, kann Hierarchien überspringen. Der Ideenaustausch mit Entscheidungsträgern gehört ebenso dazu wie Gespräche mit den Menschen, die vor Ort Maßnahmen planen und durchführen. Den Austausch mit den Bürgern suche ich auf vielen öffentlichen Veranstaltungen, beispielsweise der Radreisemesse oder der Velo Hamburg. Oftmals werde ich direkt angesprochen.

Beim Radfahren?
Ja. Von Leuten, die ich nicht kenne. „Sind Sie nicht…?“ beginnen sie oft – und sagen mir dann, was sie auf dem Herzen haben. Oft beginnt der Austausch leidenschaftlich und mündet in ein herzliches und konstruktives Gespräch. Das ist immer wieder aufs Neue eine schöne Erfahrung.

Was sind Ihre Ziele und Visionen?
Mir geht es stets um die bestmögliche Lösung für alle Verkehrsteilnehmer, denn jeder von uns ist mal Radfahrer, mal Fußgänger, mal Autofahrer. Hamburg ist eine wachsende Stadt. Der Straßenraum ist eng, der Interessenausgleich daher umso wichtiger. Unser ganz großes Ziel ist die Steigerung des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen von 12 auf 25 Prozent im nächsten Jahrzehnt. Wir wollen den Menschen Lust machen, sich gerade für kurze Wege vermehrt aufs Rad zu setzen. Für einen quirligen, lebendigen Straßenraum, in dem der Radverkehr für Lebensqualität steht und selbstverständlicher Teil des Stadtbildes ist.

Das klingt sehr ambitioniert. Mit welchen konkreten Maßnahmen wollen Sie das schaffen?
Besonders wichtig ist das Veloroutennetz. Das gesamte Netz von 280 Kilometern haben wir im Blick, Handlungsbedarfe sind bei rund 150 Kilometern festgestellt worden, die in Planungen überführt werden. Über 245 Maßnahmen sind dazu hamburgweit angeschoben worden. Mehr als 30 Planungsbüros unterstützen die Verwaltung. Erste Maßnahmen sind bereits umgesetzt. Für den Ausbau des Veloroutennetzes benötigen wir ca. 100 Millionen Euro. Eine solche intensive Radverkehrsförderung gab es in Hamburg noch nie. Daneben soll unser herausragendes Fahrrad-Leihsystem StadtRAD in den nächsten Jahren ausgebaut werden. Von 213 StadtRAD-Stationen mit 2450 Rädern auf 350 Stationen mit 4500 Rädern. Integriert werden zunächst 20, später bis zu 70 elektrisch unterstützte Leih-Lastenräder, damit zum Beispiel Eltern auch ihre Kinder mitfahren lassen können. Die Hamburger Bevölkerung wird über eine Online-Beteiligung in die Standortsuche für die Radstationen miteinbezogen. Bis 2025 wollen wir zudem 28.000 Abstellplätze des Bike & Ride-Systems anbieten können. Hier denken wir wie so oft in Mobilitätsketten, verknüpfen Fahrrad- und öffentlichen Nahverkehr, bauen also an U- und S-Bahnstationen. Alleine 2018 werden wir rund 1.500 neue Abstellplätze schaffen. Und wir bauen ein Zählnetz zur systematischen Erfassung des Radverkehrs auf, denn momentan wird in Hamburg noch händisch gezählt.

Wie viele Räder fahren denn eigentlich auf Hamburgs Straßen?
Die letzten validen Zahlen stammen aus dem Jahr 2008. Danach sind es 1,64 Millionen Fahrräder.

Orientieren Sie sich bei Ihren Maßnahmen auch an internationalen Vorbildern?
Ja. Wir schauen immer: Wo können wir Honig saugen? Der Blick geht natürlich nach Kopenhagen, auch nach Brüssel, London, München oder Berlin. Besonders angetan hat es mir Amsterdam.

Weil die Stadt mit knapp einer Millionen Einwohnern ungefähr mit Hamburg vergleichbar ist?
Genau. Wir müssen uns die Maßnahmen von Städten anschauen, die von der Größe und Infrastruktur in der gleichen Liga spielen wie Hamburg – also vor allem Millionenstädte. Was die Niederlande hervorragend hinbekommen, das sind unterbrechungsfreie Radverkehrsstrecken. Durch Brückenbauwerke zum Beispiel oder durch gut geführte Fahrradstraßen mit Vorrangregelungen für Radfahrer. Radfahren ist nun einmal muskelgetrieben, soll flüssig ohne große Unterbrechungen möglich sein.

Setzen Sie das in Hamburg bereits um?
Ja. Zum Beispiel ist der Leinpfad zur anliegerfreien Fahrradstraße umgebaut worden. Die Einfahrt von der Krugkoppelbrücke in den Harvestehuder Weg wird bislang durch eine Ampelschaltung geregelt, nun wird dort ein Kreisverkehr installiert, genauso wie beim Übergang von der Schanzenstraße in die Weidenallee. Vorteil für die Radfahrer: Sie können einfach weiterfahren. Aber alle Verkehrsteilnehmer haben etwas davon.

Inwiefern?
Jeder weiß, wo sein Platz ist. Fußgänger haben den ihren auf dem Fußweg, Radfahrer und Autos auf der Straße. Autofahrer werden keinesfalls ausgeschlossen, können rücksichtsvoll passieren. Am Leinpfad und an der Schanzenstraße profitieren die Fußgänger von deutlich komfortableren und breiteren Gehwegen. Ihr Raum ist durch die Veränderung aufgewertet worden.

Was gefällt Ihnen noch in den Niederlanden?
Die Radschnellwege außerhalb der Innenstadt. Wir haben zu dem Thema Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben. In der Metropolregion Hamburg zügig unterwegs sein zu können, ist ein großes Plus. Die Räder werden ja auch immer schneller. Pedelecs und Lastenräder liegen im Trend. Durch Radschnellwege stelle ich sicher, dass überholt werden kann, ein flüssiger Verkehr gewährleistet wird.

Klingt, als laufe alles perfekt. Gibt es gar keine Stelle, wo es hakt?
Natürlich ist die Koordinierung der verschiedenen Beteiligten bis zur Umsetzung einer Maßnahme oftmals ein langwieriger Prozess (lacht). Als ungeduldiger Mensch denke ich manchmal: Hier muss doch sofort gebaut werden. Da zügele ich mich dann, übe mich in Langmut.

Gelingt Ihnen dies ebenfalls, wenn Sie selbst auf dem Rad unterwegs sind? Was ist da für Sie das größte Ärgernis?
Das sind die Momente, in denen ich merke, wie hoch der Stresslevel bei allen ist, wie emotional das Thema Radfahren manchmal immer noch gesehen wird. Besonders ärgere ich mich, wenn Radfahrstreifen beparkt werden. Weil ich weiß: Das lässt den Adrenalinpegel in jede Richtung extrem nach oben schießen.

Haben Sie jemals an der Critical Mass teilgenommen?
Ja, habe ich.

Wie sehen Sie diese Protestdemo der Radfahrer heute?
Ich finde sie nach wie vor wichtig. Sie dreht die Verhältnisse um, in dem sich Tausende Radfahrer Platz auf der Straße nehmen. Sie zeigen: Wir sind auch Verkehr! Ich verstehe durchaus, dass das Autofahrer wütend macht, weil sie sich ausgebremst fühlen. Ich glaube aber, dass durch diese Polarisierung viele Begegnungen stattfinden und dass diese Begegnungen wichtig sind für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Critical Mass befördert den Diskurs, den es braucht. Insgesamt finde ich übrigens, die Mentalität der Hamburger hat sich bei dem Thema sehr positiv entwickelt.

Hat sie?
Ja. Als ich Anfang der 90er das Radfahren für mich entdeckte, war das ein Nischenthema (lacht). Ein bisschen waren wir wie Freaks. Radfahren ist seitdem immer sichtbarer geworden. Gehen Sie mal durch die HafenCity. Jede Boutique, die was auf sich hält, hat im Schaufenster ein Fahrrad stehen. Radfahren ist Teil einer Lebensphilosophie, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das wollen wir weiter fördern. Und es geht immer weiter: Seit Neuestem sind in der Hamburg Tourismus App Radrouten und das StadtRAD integriert. Radfahren ist Teil Hamburger Lebensqualität.

Interview: Mirko Schneider

Foto: Jakob Börner


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

1 Antwort
  1. Heini
    Heini says:

    Amsterdam! Nun ich glaube Frau Pfaue, dass sie das dort toll findet. Bloß der ausschlaggebende Faktor dafür wird nicht genannt:

    die Liebe zum Fahrrad und die Freiheit, die es vermittelt. In Amsterdam beschwert sich niemand über „Geisterradler“, „ohne Licht“ oder Radfahren mit Handy in der Hand.

    In Hamburg, der weiter real existierenden Autostadt, schikaniert die sogenannte „Fahrradstaffel“ den Radverkehr und torpediert damit das angebliche Ziel der Fahrradstadt, das von der Hamburger Politik nur deshalb ausgerufen wird, weil es stadtmarketingtechnisch notwendig erscheint, aber doch nicht, weil die Fahrradstadt wirklich gewollt wäre.

    Im Verkehr gäbe es anderes anzugehen, als „Geisterradler“, die künstlich zu einem Problem hochgeredet werden, tatsächlich aber keines wären, würde das Fahrradfahren so akzeptiert wie es tatsächlich ist, nämlich flexibel und frei.

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