Hamburgs entspannteste Elbinsel

Eine Fahrradtour von den Landungsbrücken entfernt liegt Lühesand, eine Oase für Camper, Wassersportler und Schiffegucker. Holger Blohm ist Chef der Insel

Das Tuckern des Fährboots wird leiser, immer leiser, bald ist nur noch das Wasser zu hören, das hier schaumig auf die Küstensteine schwappt. „Hier ist Ruhe“, sagt Holger Blohm, der das Boot behutsam am Steg anlegt. Und tatsächlich: es herrscht Stille. Ein paar Möwen in der Ferne, ja, auch das sich im leichten Wind biegende Schilf ist zu hören, aber sonst – nichts. Auf Lühesand, der Elbinsel vor dem Alten Land, die zu gleichen Teilen zu Hamburg und Niedersachsen gehört, ist Lärm ein Fremdwort und Stress nicht mal das.

Blohm hat das erkannt, oder besser: erkennen gelernt. „Ich bin da so reingerutscht“, sagt er und meint das Familiengeschäft, das sein Vater und Großvater hier 1933 begannen. Die Blohms sind Pächter eines Großteils des 120 Hektar großen Eilands, auf dem sie einen Campingplatz und eine Gaststätte betreiben. Seit 1987 ist Holger Blohm Chef auf Lühesand, und ein wenig melancholisch wird der 57-Jährige schon, als er erzählt, dass seine beiden Kinder die Familientradition nicht fortsetzen werden. Nach ihm ist Schluss. „Dann muss das jemand anderes machen“, meint er, „ist eben so.“ Nordische Trockenheit.

Entschleunigung durch Schiffegucken

Holger Blohm Luehesand HamburgBis Ablösung kommt, bleibt Blohm natürlich da, fährt ab Ende März wieder Gäste vom Festland nach Lühesand, in der Hauptsaison 100 bis 200 am Tag. „Manche kommen schon seit 40 Jahren“, so Blohm, „die Dauercamper wissen genau, was sie an Lühesand haben.“ Was er meint, ist nicht bloß die grüne Oase auf dem Fluss, mit dem moosweichen Boden, der waldgleichen Baumdichte und den unzähligen roten Rosensträuchern. Die Hauptattraktion ist und bleibt hier das Drumherum: die Elbe. Blohm: „Fast jeder, der regelmäßig nach Lühesand kommt, hat auch ein Boot vor Ort, fährt Kajak, angelt oder sitzt einfach am Ufer und guckt den Schiffen nach, das entspannt sofort.“

Schiffegucken – wenn alles nur so einfach wäre, so mühelos und entschleunigend. Tagsüber sind es die dickbäuchigen Containerschiffe, die an der Insel vorüberziehen, abends die Kreuzfahrtdampfer mit ihren bunten Lichtern. Wenn es dunkel wird, finden sich Gäste gerne an den vielen Feuerstellen auf der Insel zusammen, gucken, grillen, trinken, schnacken und – eh klar – genießen die Ruhe.

Auch ein Grund für die Idylle: Es gibt keine Autos auf Lühesand, nicht mal Fahrräder. Wird hier alles nicht gebraucht, bleibt alles hinterm Deich. Nur die Wohnwagen, die mit der Fähre gebracht und gemeinschaftlich per Hand bewegt werden, sind erlaubt. Allgemein, sagt Blohm, gelte auf seinem Areal noch das Prinzip „jeder hilft jedem“. Camper sind für Camper da – das mache den Aufenthalt noch attraktiver. Und nicht nur auf die Inselnachbarn ist Verlass. Was die Energieversorgung Lühesands angeht, ist eine Quelle ganz weit vorne: die Natur. Zwei riesige Strommasten sind zwar auf der Insel verankert, werden jedoch nicht gebraucht. Eine Solaranlage und ein Windrad reichen aus, um ganz Lühesand in Gang zu halten.

Das Gasthaus inklusive – in dem es erwartungsgemäß gute Hausmannskost gibt. Vom großen Bauernfrühstück bis zum Schnitzelteller ist für jeden Hunger etwas dabei, ebenso Bier und Schnaps bei Musik am Abend – und das alles zum angemessenen Preis. Überhaupt: Wer Lühesand erleben will, darf mit finanzieller Fairness rechnen. Während andere Urlaubsmacher ihre Kunden teils schon beim Gang über den Deich tief in die Tasche greifen lassen, will Holger Blohm für eine Fährfahrt nicht mehr als 2 Euro, für Kinder zwischen 6 und 14 gerade einmal 80 Cent.

Trotzdem: „Das ist Arbeit“

Ist das alles eigentlich noch Arbeit – oder schon Vergnügen? „Das ist Arbeit“, betont Blohm, „in den sieben Monaten, in denen Leute nach Lühesand kommen, wohne ich praktisch auf der Insel, meine Tage könnten dann auch gerne mehr als 24 Stunden haben.“ Zwar habe er ein paar Aushilfen fürs Restaurant, übernehme aber die meisten Arbeiten selbst. Zu tun gebe es auf Lühesand immer etwas – und das sei auch gut so. Wenn Blohm von seinem Job spricht, klingt das, als spreche er von seiner großen Liebe. Diese Insel ist sein Baby. Und wenn er sich vielleicht auch ein wenig auf die Zeit freut, in der er nur noch Gast auf Lühesand sein wird, wird ihm das alles hier sicher fehlen, vom Anschmeißen des Fährmotors bis zur Freude über besonders zufriedene, weil enorm entspannte Gäste.

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Julia Kleinwächter, Philipp Schmidt

täglicher Fährbetrieb, wetterbedingte Abweichungen möglich; Infos: www.luehesand.de