FC Kosova Hamburg

Hang zur großen Show

„Wir sind die Vertreter des Kosovo im Hamburger Amateurfußball“, sagt Besir Kasami, Spieler des Klub Kosova – zu dessen Aufstiegsfeier sogar ein Botschafter nach Wilhelmsburg kam

Natürlich pflegte Amir Ukshini (23) vom Klub Kosova selbst im letzten Saisonspiel seine persönliche Tradition: Beim entscheidenden Kick um den Aufstieg gegen Schwarzenbek sank der Angreifer zu Boden. Ukshini brüllte. Der Physiotherapeut sprintete. Viele der 300 Zuschauer amüsierten sich. Trainer Thorsten Beyer blickte zur Uhr. „Schon nach 48 Sekunden am Boden zu liegen, ist ein neuer Rekord“, stellte Beyer fest.

Der legendäre „Amir-Ukshini-Sportplatz-Schrei“ darf nicht fehlen, wenn Kosova antritt. Bald werden ihn noch mehr Leute hören. Kosova machte an jenem 6. Mai auf dem heimischen Sportplatz an der Wilhelmsburger Dratelnstraße mit einem 4:0 den Aufstieg in die Oberliga perfekt. 2009 spielte der Verein noch in der Kreisliga (8. Liga) und ist nun der erste kosovarische Club in der Geschichte der höchsten Spielklasse Hamburgs.

Allein die Ansammlung der Typen, die den 1977 gegründeten Verein prägen, ist den Besuch eines Spiels wert. Zum Beispiel Agonis Krasniqi (21). Der Mittelfeldspieler identifiziert sich außerordentlich mit Real Madrids Superstar Christiano Ronaldo, inklusive dessen Hang zur großen Show. Schießt Krasniqi ein Tor, zelebriert er den Jubel am Seitenrand mit seiner Familie –mit skurrilen Folgen: Nach seinem 1:0 im Landesligaspiel bei Dersimspor am 17. April suchte Krasniqi unter den 500 Zuschauern minutenlang seine Lieben.

Der überragende Torwart Sebastian Menzel , privat ein ruhiger Typ, ist nach Siegen der Chef am Megafon. Er ist ein Publikumsliebling, genauso wie Besir Kasami (28) und Burhan Bedrolli (27), die schon seit Kreisligazeiten im Club kicken. Kasami gründete nebenbei sogar eine albanische Freizeitmannschaft. „Wir sind die Vertreter des Kosovo im Hamburger Amateurfußball“, sagt er.

Und tatsächlich: Zur Aufstiegsfeier kamen der stellvertretende Botschafter und der Gesundheitsminister des Kosovo und machten Vereinsboss Arton Mazrekaj (35) mächtig stolz. „Wir sind ein Team, ich bin das Gesicht des Vereins. Wie Uli Hoeneß bei Bayern, nur ohne viel Geld“, sagt der ehrgeizige Speditionsunternehmer. Sein 2008 entworfener Plan „Aufsteigen, etablieren, weiter aufsteigen“ hat glänzend funktioniert.

Coach Thorsten Beyer (54) ist ein Taktikfuchs. Als Jugend-trainer formte er beispielsweise Max Kruse (VfL Wolfsburg) zum Bundesligastar. Vieles im sehr familiär geführten Club beeindruckt ihn. „Die albanische Fahne taucht häufig am Spielfeldrand auf und bringt einigen Spielern Extramotivation. Die Identifikation mit der Heimat ist sehr groß“, sagt Beyer. Einige seiner Jungs erzählten ihm ihre eigenen Flüchtlings- und Kriegsschicksale und die ihrer Familien. „Das hat mich sehr bewegt.“ Als erster Hamburger Verein gewährte Kosova Flüchtlingen freien Eintritt. Das Erstaufnahmelager in Wilhelmsburg ist nur 500 Meter vom Sportplatz entfernt.

Auf das Abenteuer Oberliga freuen sich alle im Club. Mehr Zuschauer, klangvollere Gegner wie Altona 93 und Barmbek-Uhlenhorst und die Ehre, ganz oben im Amateurlager dabei sein zu dürfen, motivieren. „Vom Budget her sind wir Letzter. Doch mit Verbundenheit und Identifikation werden wir die Klasse halten“, sagt Boss Mazrekaj. Und dazu noch mit dem legendären „Amir-Ukshini-Sportplatz-Schrei“.

Text: Mirko Schneider
Foto: Joe Noveski

Fußball & Politik

In Hamburg gibt es zwei Landesligen. Vor der Spielzeit 2015/16 beantragte der serbische Club FK Nikola Tesla beim Hamburger Fußball-Verband eine Versetzung in die Landesliga Hammonia. Der Verein wollte nicht in der Landesliga Hansa gegen den Klub Kosova spielen. Es drohe die Gefahr von Fan-Ausschreitungen. Kosova unterstützte den letztlich erfolgreichen Antrag. Die Hammonia-Staffel spielte mit 17 Teams, die Hansa mit 15. Das löste im Hamburger Amateurfußball eine wochenlange Diskussion um ausländische Mannschaften und deren Fans aus. Sportlich behielt der Klub Kosova im indirekten Vergleich die Oberhand. Er stieg in die fünftklassige Oberliga Hamburg auf, Tesla in die siebtklassige Bezirksliga ab.