„Ich bin ein Anti-Sänger“. Tom Schilling im Interview

Den Schauspieler Tom Schilling kennt jeder. Den Sänger Tom Schilling noch nicht. Zusammen mit seiner Berliner Band, The Jazz Kids, macht er melancholische Popmusik mit Chansonhaften Zügen und geht damit nun auf Tournee.

Ein Gespräch mit dem 34-Jährigen über Musik, für die er immer wieder viel Mut aufbringt.

SZENE HAMBURG: Tom Schilling, sind Sie ein Fan von Mutproben?

Tom Schilling: Ja, unbedingt! Vor ungefähr einem Jahr habe ich sogar beschlossen, nur noch Sachen zu machen, die mich wirklich Überwindung kosten.

Wie kamen Sie darauf?

Ich bin privat kein wirklich exzentrischer, sich ständig selbst darstellender Mensch, der auf einer Party seinen gesamten Freundeskreis alleine unterhalten kann. Und auch im Job muss ich sehr viel Mut aufbringen, um bestimmte Dinge tun zu können, die ich als Schauspieler eben tun muss, z.B. für eine Rolle ein anderer Mensch werden.

Muss man es auch als Kampf gegen die eigene Komfortzone sehen?

Ja. Ich hatte irgendwann ein paar Filme, in denen ich mitgespielt habe, die ich wirklich mochte. Ich wusste also, was ich konnte, wollte mich aber nicht wiederholen. Und um das zu verhindern, brauche ich nun mal regelmäßige Mutproben.

Gehört das Singen auch dazu?

Ja und nein. Wenn ich auf der Bühne stehe und singe, macht mir das schon Spaß. Allerdings verstehe ich mich nicht als richtigen Sänger. In meinen Augen bin ich eher ein Anti-Sänger.

Das müssen Sie erklären.

Es gibt sehr viele Menschen, die ganz toll singen können. Meine Stärke liegt hingegen mehr in dem, was ich beim Singen verhandele. Ich bin durchs Schreiben zum Singen gekommen, das merkt man schon auch.

Wann haben Sie angefangen, Lieder zu schreiben?

Ich texte und komponiere schon seit vielen Jahren, aber immer nur für mich.

Nun gehen Sie mit Ihren Songs in die Öffentlichkeit. Wie kommt das?

Es waren zuerst meine Freunde, denen ich meine Stücke vorgestellt habe. Die haben mich ermutigt, mehr daraus zu machen. Es ging dann darum, den richtigen Rahmen dafür zu finden, also die passenden Musiker. Vor fünf Jahren habe ich es zum ersten Mal mit einer Band versucht, die Lieder umzusetzen, das hat mir aber nicht so gut gefallen. Ich musste erst die Jazz Kids kennen lernen …

… was während der Dreharbeiten am Film „Oh Boy“ passierte. Hierfür haben die Jazz Kids die Musik aufgenommen.

Genau. Wir sind zuerst Freunde, später auch eine Band geworden. Leider kommen wir viel zu selten dazu, gemeinsam in unseren Proberaum in der Nähe des Berliner Ostkreuzes zu gehen.

Dafür gehen Sie nun gemeinsam auf Tour. „Wir fahren durchs gute alte Deutschland und spielen hier und dort ein paar schwermütige Lieder“, schreiben Sie auf Facebook. Hatten Sie schon immer einen Hang zur Melancholie?

Ja, der ist tief in mir verwurzelt. Ich bin selbst so wie die melancholische Musik, die ich höre und mache. Einen Song wie „Happy“ könnte ich gar nicht schreiben. Das liegt aber auch daran, dass ich mit Musik ernsthaft etwas ausdrücken und vermitteln will, was ich mit so einem Feel-Good-Sound gar nicht könnte.

Und wenn Sie auf der Bühne sind und singen, nehmen Sie dann wie im Schauspiel eine Rolle an, um einerseits diese Ernsthaftigkeit rüber zubringen, sich vielleicht aber auch vor Nervosität zu schützen?

Ich habe mich noch nie hinter Posen versteckt, trage auch keine Sonnenbrillen gegen die Aufgeregtheit. Bei mir ist es so, dass das Publikum eher damit umgehen muss, dass da eventuell jemand unsicher ist bei dem, was er macht.

Sie wissen sicherlich, dass so etwas beim Publikum gut ankommt.

Zumindest merkt das Publikum, wenn es jemand ehrlich meint und etwas von sich preisgibt. Das weiß es zu schätzen. Da sind sich Schauspiel und Musik auch ziemlich ähnlich.

Inwiefern?

Meiner Meinung nach gibt es zwei Gruppen von Schauspielern: Die eine muss sich für ihre Rollen vollkommen von sich selbst weg bewegen und verwandeln, die andere entwickelt eine Figur aus sich heraus. Ich gehöre zur zweiten Gruppe und halte es bei der Musik genauso, ja sogar noch etwas extremer, weil ich beim Schreiben und Singen noch persönlicher werde.

Machen Sie sich auch Gedanken darüber, wie ihre Songs ankommen?

Ich bin kein Hit-Schreiber. Was ich schreibe, muss vor allem mir selbst gefallen. Ich finde jetzt aber die Umstände passend genug, um mit dem Geschriebenen auf Tour zu gehen. Außerdem nehmen wir in Kürze unser erstes Album auf, das im Frühjahr oder Sommer 2017 erscheinen wird.

 Interview: Erik Brandt-Höge

Foto: hfr