Im Notfall für St. Pauli

Amateurfußball: Eine Regel verwandelt eiserne HSV-Fans in Teilzeit-Anhänger der Kiezkicker

Foto: HSV-Fans im FC St. Pauli-Fieber – Jan Haimerl, Florian Peters, Wolfgang Krause (von links)

Concordias Florian Peters atmet durch, als er sich beim Fototermin das braun-weiße Trikot überstreift. „Danke, St. Pauli“, sagt Peters. „Und bitte steigt nicht ab.“ Billstedts Wolfgang Krause und Barmbeks Jan Haimerl nicken. „Beim Fegen zu meinem 30. Geburtstag bin ich mit St. Pauli-Klamotten verschont worden. Nun ist es so weit“, sagt Haimerl. „Ich ertrage dieses einmalige Erlebnis wie ein Mann. Mein inneres Verhältnis zu St. Pauli ist gar nicht mehr so gespannt“, ergänzt Krause.

Peters, Krause und Haimerl sind HSV-Fans. Profifußball bedeutet für sie in erster Linie „Immer Erste Liga, HSV“. Doch Peters, Krause und Haimerl sind auch mit großer Leidenschaft im Hamburger Amateurfußball aktiv. Peters managt Oberliga-Aufsteiger Concordia (5. Liga), Krause den Landesligisten SC V/W Billstedt (6. Liga), Haimerl spielt für den Bezirksligisten Barmbek-Uhlenhorst II (7. Liga).

Paradox: Ihre Liebe zum Kampf um den Ball in unteren Spielklassen macht sie und viele weitere HSV-Anhänger im eher bürgerlichen Milieu des Hamburger Amateurfußballs zu Teilzeit-Anhängern St. Paulis. Schuld daran ist eine 2012 eingeführte Regel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die bei einem Abstieg St. Paulis zum Zwangsabstieg von St. Pauli II (siehe Kasten) und damit zum Verlust von Aufstiegsplätzen für die Amateurkicker führen würde.

Unmittelbar betroffen davon war vergangene Saison Concordia: Der Verein konnte nur aufsteigen, weil St. Pauli in der 2. Liga blieb. „In unserem Verein wünschten viele HSVer St. Pauli erst den Abstieg“, erklärt Peters. „Als wir merkten, dass wir von St. Pauli abhängig sind, drehte sich die Stimmung. Es entstand eine richtige Welle im Verein“, beschreibt Peters die kuriosen Folgen. „Wir waren alle im Pauli-Fieber. Auch ich habe plötzlich Zweite Bundesliga geguckt. Ich hätte nie gedacht, dass ich St. Pauli mal die Daumen drücke.“

In dieser Saison bibbern Landesligist Billstedt und Bezirksligist Barmbek-Uhlenhorst II. Sie gelten als heiße Aufstiegskandidaten, ein Abstieg des FC St. Pauli könnte aber einen möglichen Aufstieg vereiteln. „Die Regel von 2012 ist völliger Blödsinn“, kritisiert Billstedts Manager Krause. „Ein Abstieg innerhalb der drei Profiligen darf keine Auswirkungen auf den Amateurbereich haben.“ Peters stimmt zu: „Für uns als Amateure ist es traurig, unseren Aufstieg nicht selbst in der Hand zu haben.“

Auch für Haimerl „ist diese Abhängigkeit keine schöne Situation“. Mit Einführung der Regel wollte der DFB die Anzahl der zweiten Mannschaften in den Regionalligen begrenzen. Es gelang nicht, die Anzahl ist nahezu unverändert. „Schon das Ziel ist falsch“, findet Peters. „Sport soll doch fair sein. Es ist ungerecht, dass St. Pauli II nur in der Regionalliga Nord spielen darf, wenn St. Pauli I nicht absteigt.“

Initiativen zur Abschaffung der umstrittenen Regel gibt es wohl nicht. Der Norddeutsche Fußball-Verband ließ unsere Presseanfrage unbeantwortet. Wer im Hamburger Amateurfußball aufsteigen will, darf sich also weiterhin St. Paulis Abstieg nicht wünschen. Peters, Krause und Haimerl beteuern, das würden sie sowieso nicht tun. „Der FC St. Pauli gehört einfach zu Hamburg und in die Zweite Bundesliga“, weiß Krause. Mindestens!

Text: Mirko Schneider
Foto: Josef Noveski

Regelwerk

Die ersten drei Fußball-Ligen in Deutschland sind Profi-Spielklassen. Ab der in fünf Staffeln aufgeteilten Regionalliga (4. Liga) beginnt der Amateurbereich. Zweite Mannschaften können bis in die 3. Liga aufsteigen. Sie dürfen, wenn sie sich sportlich qualifizieren, eine Liga tiefer spielen als ihre erste Mannschaft. Eine Ausnahme von dieser Regel beschloss der Deutsche Fußball-Bund 2012: Ein Verein, dessen erste Mannschaft in der 3. Liga spielt, darf keine zweite Mannschaft in der 4. Liga haben. Steigt der FC St. Pauli in die 3. Liga ab, muss der FC St. Pauli II aus der 4. Liga in die fünftklassige Oberliga Hamburg zwangsweise absteigen. Dort würde er einen Startplatz blockieren. Von der Landesliga (6. Liga) bis zur Kreisklasse (9. Liga) würde allen Hamburger Amateurligen ein Aufstiegsplatz verloren gehen.