Off Road Kids – Die Straßenromantik ist vorbei

Sozialarbeit auf Hamburgs Straßen: Benthe Müller, Leiterin der Off Road Kids, begleitet die „Disconnected Youth“ – junge und haltlose Menschen – in ein neues Leben.

You got to get up and try, ist auf Benthe Müllers rechten Unterarm tätowiert – eine Philosophie, die sie auch ihren Klienten weitergibt. Seit 2005 leitet sie in St. Georg den Hamburger Stand­ort der Off Road Kids. Die Stiftung setzt sich deutschlandweit für Jugendliche und junge Erwachsene ohne familiären Halt ein und finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Rund 2.500 Kinder (von 12 bis 18 Jahren) geraten pro Jahr bundesweit zumindest zeitweise auf die Straße, wie eine Statistik der Off Road Kids belegt. Und 30.000 Volljährige bis Ende zwanzig zählen zur „Disconnected Youth“, den haltlosen jungen Menschen. Diese will die Stiftung mit ihrem Angebot erreichen.

Nicht der leichteste Job

Der leichteste Job ist das nicht: „Die Straßensozialarbeit ist eine Arbeit, die man nicht so einfach abstreift“, erzählt Benthe Müller, „auch nach Feierabend berührt mich vieles, was die Klienten mir erzählen.“ Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitete zunächst in der Jugendberufsbildung, dann in der Erwachsenen-Suchthilfe. Der Wunsch, jungen Menschen zu helfen, hat sich durchgesetzt: „Das Gefühl, mit unseren Klienten eine unmittelbare Perspektive erarbeiten zu können, treibt mich an.“

Gegründet wurden die Off Road Kids 1993 im Schwarzwald, waren ein paar Jahre später in Berlin aktiv und führen seit 2005 auch Standorte in anderen deutschen Städten. Seitdem leitet Benthe den Hamburger Zweig. Auch wenn ein großer Teil ihrer Arbeit inzwischen im Büro, auf dem Amt oder in Arztpraxen stattfindet, versuchen sie und ihre Kollegen so oft wie möglich, den persönlichen Kontakt zu den Jugendlichen zu suchen. An vier Tagen der Woche gehen sie für ein paar Stunden raus auf die Straße, zu den beliebten Treffpunkten der Szene. Viele würden sie inzwischen kennen und an Freunde weiterempfehlen, erzählt Benthe. „Das macht den Erstkontakt natürlich einfacher.“

Über ernste Themen würde sie auf der Straße nicht reden, aber man könne ganz einfach nach einer Verabredung zum Kaffee fragen. Oder eines der Täschchen des Projekts „Streetwork+“ verteilen, in dem die Jugendlichen Info-Materialien, Hygiene- und Verhütungsartikel finden.

Die Treffpunkte der Szene sind immer schwieriger zu finden

Inzwischen wissen Benthe und ihre Kollegen, wo die Szene-Treffpunkte sind: Der Hauptbahnhof, Altona, aber auch ­die Schanze und der Kiez sind beliebte Auf­enthaltsorte. Oft dort, wo die Ausreißer in der Großstadt ankommen. „Wobei wir manchmal ein bisschen hinterherrennen“, seufzt Benthe. Früher hätte sich die Szene zu festen Uhrzeiten an öffentlichen Orten versammelt. „Wenn ich freitags um 16 Uhr bei McDonald’s im Hauptbahnhof war, habe ich dort alle getroffen, mit denen ich sprechen wollte.“

Heute ist das anders. An Plätzen wie der Schanze oder den Landungsbrücken sind Punks und Obdach­lose nicht gerne gesehen – zu unattraktiv für die Touristen in der Hansestadt. Das Resultat ist eine langsame Vertreibung durch Politik und Bezirke. Aber nur, weil das Problem nicht mehr sichtbar ist, ist es noch lange nicht verschwunden. Je weniger die Kinder und Jugendliche an öffentlichen Orten existieren können, desto schutzloser werden sie. Für die Streetworker von den Off Road Kids und anderen sozialen Einrichtungen ist es deswegen zunehmend schwieriger, sie im realen Leben zu finden.

Viel läuft inzwischen über Chatrooms und So­ziale Medien. Auch die Off Road Kids mussten sich dem Trend anpassen, und betreiben inzwischen eine anonyme Onlineberatung. Diese notwendige Sozialarbeit würden in Hamburg auch noch viele andere tolle Einrichtungen machen, findet Benthe. „Aber in den Ebenen darüber, in der Politik und Wirtschaft, spüre ich häufig ein Unverständnis und eine Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen.“ Von der Stadt Hamburg würde sie sich mehr Unterstützung wünschen, beispielsweise im sozialen Wohnungsbau.

Was bewegt junge Menschen ihr Zuhause zu verlassen?

Aber was bewegt junge Menschen dazu, ihr Zuhause zu verlassen und auf der Straße zu leben? „Es gibt keinen Grund, den es nicht gibt“, so Benthe. Von Scheidungen, dem neuen Partner eines Elternteils bis hin zu Missbrauch oder Gewalt – all das kann dazu führen, dass sich Jugendliche in die Obdachlosigkeit begeben. „Solche Brüche passieren oft in einer Zeit, in der sehr viel mit einem jungen Menschen passiert“, erklärt die Pädagogin.

Pubertät, Zukunftszweifel oder Leistungsdruck in der Schule würden sie eh schon beschäftigen. Wenn dann noch Stress zu Hause hinzukomme, könnten Jugendliche das nicht mehr so leicht kompensieren. Die Szene der Großstädte bietet ihnen oft Anonymität und das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein. Aber die romantische Vorstellung der absoluten Freiheit der Straße ist für viele schnell vorbei – obdachlos zu sein, ist ein Überlebenskampf. „Was muss das für eine Stärke sein, sich täglich auf der Straße durchzuschlagen?“, fragt sich Benthe ständig.

Für sie ist es essenziell, genau diese Stärke in ihren Klienten zu finden, und sie ans Tageslicht zu befördern. „Unglaublich, was für ein Strahlen aus diesen jungen Menschen kommen kann“, wie sie findet. An der Vergangenheit ihrer Klienten hängt sie sich nicht lange auf. „Was ich hier tun kann, ist nach vorne schauen.“

„Ich bin nur das Sicherheitsnetz“

Der erste Ansatzpunkt ist meistens eine Notunterkunft. Zuerst muss Ruhe einkehren, ein Ort gefunden werden, von dem aus die Jugendlichen in den Tag starten können. Dann geht es für viele zur Behörde: Wer lange auf der Straße lebt, hat keinen Ausweis mehr, und ohne diesen lassen sich wiederum keine Gelder beantragen. Außerdem kümmern sich Benthe und ihre Kollegen um die Gesundheit ihrer Klienten, die durch Alkohol- oder Drogenkonsum oft in Mitleidenschaft gezogen wurde. Grundlegend ist bei ihrer Arbeit aber vor allem eins: Der junge Mensch muss den ersten Schritt machen und die Hilfe an­nehmen.

„Wir wollen unseren Klienten das Gefühl geben, dass sie selbst der Motor sind. Ich bin nur das Sicherheitsnetz.“ Viele der Jugendlichen, die zur Beratung kommen, haben bereits eine Vorstellung von ihrer Zukunft. Eine Wohnung wünschen sich viele, einen Abschluss, einen Ausbildungsplatz oder festen Job. Benthe erzählt von einem Punk, den sie einmal betreut hat. „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“, fragte sie ihn im Gespräch. Er sah sich in einem Haus in seiner Heimat, mit einer Frau und Kindern, die er eigenständig versorgen kann – diese Zukunftsentwürfe sind für viele selbstverständlich.

Aber wer früh den familiären Halt verloren hat, auf der Straße gelebt oder in der Jugendhilfe gelandet ist, dem fehlt eine entscheidende Basis auf der er reifen kann. In einer intakten Familie darf jeder scheitern, ohne die Liebe oder Unterstützung zu verlieren. Aber wenn ein junger Mensch in der staatlichen Jugendhilfe einen Fehler macht, bekommt er eben diese Unterstützung nicht mehr, sondern fliegt im schlimmsten Fall aus dem Programm. „Die Jugendhilfe, die sanktioniert“, erklärt Benthe.

Scheitern erlaubt

Auch wenn ihre Schützlinge mal zurückfallen, greift sie ihnen weiterhin unter die Arme, begleitet sie Schritt für Schritt, bis sie unabhängig vom Sozial­system leben können. Dass dieses Konzept funktioniert, zeigen die Zahlen: Rund 5.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen bundesweit konnten die Off Road Kids nach eigenen Angaben bereits helfen, in Hamburg sind es über 900.

Bei der Frage, ob ihr einige davon besonders in Erinnerung geblieben sind, muss Benthe schmunzeln: „Viele.“ Eine Klientin, die sie seit elf Jahren kennt, ist ­inzwischen 27 – und hat als beste Absolventin in Hamburg eine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen. „Das erfüllt mich voller Stolz.“ Das Potenzial sei da, ­erklärt Benthe, es wäre nur verschüttet unter schlechten Erfahrungen. Aber es würde sich lohnen, dranzubleiben, denn: „Jeder Mensch lohnt sich!“ 

Text: Sophia Herzog


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Elbe-Werkstätten – Das Normalisierungsprinzip

So geht Gemeinschaft #3: Der Betrieb „ReTörn“ der Elbe-Werkstätten ermöglicht Menschen, die durch eine psychische Krankheit eingeschränkt sind, wieder einen Weg zurück zum „normalen“ Arbeitsmarkt zu finden.

Manche der Arbeiter unterbrechen für einen Augenblick ihre Tätigkeit und mustern kurz den Besucher, den Jens Rabe durch die Buchbinde-Werkstatt führt. Rabe ist Angestellter der Elbe-­Werkstätten, genauer: Er leitet die Produktion im Betrieb Elbe ReTörn, der Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Rehabilitation und die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht. Doch zu lange will sich keiner von dem Besuchern ablenken lassen, und schnell sind wieder alle in ihre Aufgabe vertieft. „Ein Stück Öffentlichkeit in die Werkstatt zu bringen gehört zum Normalisierungsprinzip“, sagt Rabe. Denn das ist das Kernziel des Betriebs: ReTörn will Menschen, die psychisch so stark erkrankt sind, dass sie für den normalen Arbeitsmarkt zu eingeschränkt sind, zu ebendiesem zurück verhelfen.

Normalität und Struktur im Alltag

450 Menschen mit verschiedensten psychischen Erkrankungen verhelfen die Elbe-Werkstätten somit zu mehr Normalität und Struktur im Alltag. Entweder mit einer Außenstelle in der Produktion bei Unternehmen wie Otto und Lidl, die mit den Elbe-Werkstätten zusammenarbeiten. Rund 30 Prozent der Arbeiter sind an einer solchen Außenstelle aktiv. Oder in einem der drei ReTörn-Betriebe wie hier in der Behringstraße, wo knapp 100 Menschen in unterschiedlichen Bereichen arbeiten – je nach den individuellen Fähigkeiten ausgerichtet: In der Hauswirtschaft, in der Digitalisierung oder eben in der Buchbinderei. Letztere ist der große Stolz des Betriebs. „Wir leisten hier Arbeit auf hohem Niveau, die Kunden sind erstaunt“, sagt Rabe, der seit 28 Jahren bei den Elbe-­Werkstätten und seit 18 Jahren als Betriebsleiter tätig ist.

Stolz auf die hochwertige Arbeit

In der Buchbinderei werden Bücher für den Print-on-Demand-Dienstleister „BoD“ fertiggestellt – also jene Bücher, die Verlage erst auf Bestellung drucken lassen, um die hohen Kosten einer ganzen Auflage zu sparen. Hier kommt Rabes Werkstatt ins Spiel: In rund 20 Teilschritten werden die Seiten ins richtige Format gebracht, die gebundenen Seiten mit Leim am Umschlag befestigt und gegebenenfalls wird auch ein Lese­bändchen angebracht – so werden hier bis zu 300 Bücher am Tag produziert. Der Stolz auf die hochwertige Arbeit ist auch bei vielen Mitarbeitern angekommen – so wie bei der Frau an der Einhänge­maschine, die bereitwillig demonstriert, wie die Buchseiten mit dem Hardcover verbunden werden. Eine Arbeit, die viel Feinsinn verlange, wie Jens Rabe erzählt. Um es dorthin schaffen zu können, müssen die Mitarbeiter zunächst für ein bis zwei Jahre in den Berufsbildungsbereich, in dem durch Praktika in den Werkstätten die individuellen Fähigkeiten eins jeden festgestellt werden. Erst dann geht es in ­ die eigentliche Praxis, die viele Tätigkeitsfelder bereithält.

Ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln

„Das öffentliche Bewusstsein für psychische Erkrankungen ist gestiegen“, sagt Rabe. „Unternehmen zeigen zunehmend die Bereitschaft, eingeschränkte Menschen zu beschäftigen.“ Und die Politik hilft mit: Seit 2012 gibt es mit dem Hamburger Budget für Arbeit einen Lohnkostenzuschuss für Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen. „Das ist ein großes Sprungbrett, um Menschen mit Behinderungen eine tarifliche Beschäftigung zu vermitteln“, erklärt Rabe. Bis Ende 2017 wurden in ganz Hamburg über 250 Menschen durch das Gesetz in Arbeit gebracht. Damit wird auch einer bedauernswerten Entwicklung entgegengewirkt: „Früher gab es in der Arbeitsgesellschaft für Menschen mit ausgeprägten individuellen Verhaltensweisen mehr Plätze auf dem Arbeitsmarkt, etwa als Bote in einem großen Unternehmen“, so Rabe. „Es gab mehr Nischen, die auf dem heutigen Arbeitsmarkt durch die Technisierung wegfallen.“ Auch dank des Gesetzes registrierten aber immer mehr Unternehmen, dass Menschen mit Behinderungen zwar weniger Leistung bringen, aber trotzdem gewissenhaft arbeiten, so Rabe.

Text: Ulrich Thiele

www.elbe-werkstaetten.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Stadt.Land.Fluss – Idyll mit politischer Botschaft

So geht Gemeinschaft #2: Seit einem Jahr wohnen die Mitglieder des generationenübergreifenden „Stadt.Land.Fluss“-Wohnprojekts in Ochsenwerder. Ihr Motto: Solidarität, Inklusion, Nachhaltigkeit.

Ja, die Bullerbü-Sehnsucht spielte auch eine Rolle, als im Jahre 2010 fünf Familien beschlossen, für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt aufs Land zu ziehen. Aber nein, das Wohnprojekt „Stadt.Land.Fluss“ in Ochsenwerder ist nicht einfach nur ein privates Naturidyll für gestresste Großstädter. „Wir haben eine explizit politische Dimension“, sagt Karoline Redlich, die sich gemeinsam mit ihrem Ehemann dem Projekt anschloss. „Wir sind ein kleines gesellschaftliches Abbild und wollen einen solidarischen gesamtgesellschaftlichen Gedanken leben.“

19 Kinder und 30 Erwachsene unter einem Dach

Ein gesellschaftliches Abbild zu sein und nicht in anonymer Nachbarschaft wie in der Stadt zu leben, das bedeutet, Menschen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten zu vereinen. In Ochsenwerder ist das der Fall: Rentner, zwei jugendliche Geflüchtete, alleinerziehende Mütter mit Assistenzbedarf, die von der „alsterdorf assistenz ost“ unterstützt werden, Klempner, Bootsbauer, Tischler und junge Akademikerfamilien leben hier unter einem Dach – mittlerweile 19 Kinder und 30 Erwachsene. Die Jungen bringen den Rentnern die Einkäufe, die Lehrer helfen den jungen Geflüchteten bei ihrem Schulabschluss und die alleinerziehenden Mütter profitieren davon, dass ohnehin immer andere da sind, die sie entlasten und unterstützen können. Eine Utopie auf 3.500 Quadratmetern – fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Wie kann eine solche Gemeinschaftlichkeit gelingen?

„Einfach nur gemeinsam zu wohnen, bedeutet noch keine Inklusion“, stellt Karoline Redlich klar. Deswegen findet seit sechs Jahren einmal die Woche ein Plenum statt, in dem Fragen der Gartenplanung, der Öffentlichkeitsarbeit, der Finanzen und ­der Integration ins Dorfleben besprochen werden. Der Weg dorthin war weit: Nach vier Jahren der Immobiliensuche erhielt die Gruppe 2014 die Zusage für das Gelände rund um „Rieges Gasthof“ am Ochsenwerder Kirchendeich. Mit einiger Unterstützung: Die Wohnhäuser gehören der Baugenossenschaft „Wohnreform eG“, die Bewohner haben Anteile gezeichnet und zahlen je nach Einkommen bis zu 8,10 Euro Miete pro Quadratmeter. Insgesamt 18 Wohnungen sind seit 2015 mithilfe eines Architektenbüros und der Betreuung von „Stattbau Hamburg“ entstanden – aufgeteilt in drei Häusern: im „Saal“, im „Gasthof“ und im „Gartenhaus“.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Assimilation im Dorf

Das alte Saalgebäude, das für die Dorfbewohner mit vielen Erinnerungen verbunden ist, konnte erhalten und saniert werden und soll den Dorfbewohnern weiterhin als öffentlicher Raum mit Kulturveranstaltungen zur Verfügung stehen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Assimilation im Dorf, denn die Skepsis der Anwohner gegenüber dem neuen Wohnprojekt war ­anfangs groß. „Die Leute dachten an eine Kommune und hatten deswegen bestimmte Bilder im Kopf“, erzählt Karo­line Redlich. „Das Gute ist, dass wir viel Gartenfläche haben. Die Leute kommen oft vorbei, bleiben am Zaun stehen und stellen Fragen.“ So komme man mit den Nachbarn ins Gespräch und gewinne ­Vertrauen. Ein Jahr nach dem offiziellen Einzug im Sommer 2017 gibt es in dem großen Gemeinschaftsgarten übrigens auch schon einen ansehnlichen Abenteuerspielplatz für die Kinder – ein bisschen Bullerbü-Träumerei gehört eben auch dazu.

Text: Ulrich Thiele

www.wohnprojekt-slf.de


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3 Tipps – Was brauche ich für ein perfektes Picknick?

Für ein gelungenes Picknick braucht man nicht nur Sonnenschein und gute Gesellschaft, sondern auch ein paar schlaue Extras. Wir haben einen Korb gepackt, prall gefüllt mit praktischen Tipps für leckere Stunden unter freiem Himmel.

1) Gaia Wrap

Ein Leben ohne Plastik – ist das möglich? Irgendwie müssen die Leckereien ja von A nach B gebracht werden. Es gibt mittlerweile tolle Alternativen zu Frischhaltefolie, zum Beispiel Brotdosen aus Metall oder Bienenwachs­tücher. Letztere kann man seit Kurzem von einem Hamburger Start-up beziehen: Gaia Wrap ist eine nachhaltige Frischhaltefolie, die je nach Beanspruchung ein halbes bis zwei Jahre lang hält. Nach dem Benutzen wird das Tuch mit kaltem Wasser gewaschen, getrocknet und kann dann wiederverwendet werden. Ganz nebenbei wirkt das Bienenwachs antibakteriell, sodass die Lebensmittel schön frisch bleiben. Knapp zehn Euro pro Tuch sind zwar nichts für den schmalen Geldbeutel, doch immerhin fließt das Geld in ein engagiertes Projekt: Alle Materialien sind biologisch hergestellt und das Bienenwachs wird von ­einer Demeter-zertifizierten Imkerin bezogen. In Workshops informieren die jungen Firmengründer über Nachhaltigkeit und ökologisches Leben und zeigen, wie das Einwachsen von Baumwolltüchern funktioniert.
www.gaiawrap.de

2) Mundraub

Keinen Garten vor der Tür und Lust auf frisches Obst? Die Stadt hat viele Leckereien zu bieten: Auf mundraub.org findet man öffentlich zugängliche Bäume, Sträucher und Kräuter, die auf einer Karte verzeichnet sind. Eigentlich ist das also gar kein Raub, sondern legales, gemeinschaftliches Teilen von Früchten aus dem Stadtgebiet. In Hamburg findet sich ein überraschend großes Angebot von Obst- und Nussbäumen – nebenbei eine gute Möglichkeit, neue Orte zu entdecken. Einfach den Standort eingeben, Quelle finden und pflücken gehen. Umgekehrt funktioniert das übrigens auch: Wer einen Baum hat und nicht zum Ernten kommt, kann ihn in der Karte eintragen, damit die Früchte nicht zum Fallobst werden. Skrupel angesichts der urbanen Schadstoffbelastung? Wer zehn Meter Abstand von größeren Straßen hält, ist auf der sicheren Seite. Ebenfalls hilft, das Obst gründlich zu waschen. Ein Portal mit Infos, Tipps und Rezepten ergänzt das Angebot der Onlineplattform.
www.mundraub.org

3) Minipresso

Lauwarmer Filterkaffee aus der Thermoskanne war gestern. Abenteuerlustige Feinschmecker benutzen Espressokocher im Miniformat. Duftender Espresso auf einem einsamen Berggipfel oder mal zwischendurch im Park um die Ecke – verlockend, oder? Industriedesigner Hugo Cailleton aus Hongkong wollte auf Geschäftsreisen nicht länger auf perfekt zubereiteten Kaffee verzichten und entwickelte einen mobilen Espressokocher nach dem Prinzip einer Matroschka: Das smarte Gerät wiegt um die 400 Gramm und beinhaltet einen Wassertank, eine manuelle Pumpe, einen Siebträger, Filter, Dosierlöffel und Kaffeebecher. Der Druck beträgt um die acht Bar – das ist Siebträgerqualität. Eine feine Crema gibt es natürlich auch. Haken: Der Minipresso muss mit heißem Wasser befüllt werden, das sich in der freien Wildbahn natürlich nicht so leicht auftreiben lässt. Und schwupps kommt die Thermoskanne wieder ins Spiel …
www.wacaco.com

Texte: Sabrina Pohlmann

 


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Tatkräftig – Engagement für Zwischendurch

So geht Gemeinschaft #1: Es muss nicht immer etwas ganz Großes sein, um etwas zu bewegen. Oft reicht ein bewussterer Umgang miteinander und kleine Hilfen hier und da. Die gemeinnützige Initiative „tatkräftig“ ist Anlaufstelle für alle, die spontan und zeitlich begrenzt helfen möchten und macht den Anfang unserer Serie, in der wir drei soziale Projekte aus Hamburg vorstellen.

Sich sozial zu engagieren, ist erfüllend und aller Ehren wert, nur: Gerade jungen Menschen, die gerne helfen würden, fehlt häufig die Zeit dafür. Studium und Nebenjob oder Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist schon aufwendig genug. Und so ist es kaum verwunderlich, dass eine Gruppe von Studenten und jungen Berufsanfängern mit der gemeinnützigen Initiative „tatkräftig – Hände für Hamburg“ eine clevere Idee entwickelte, um auch vielbeschäftigten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich in der Freizeit sozial zu engagieren. „Es gibt viele soziale Projekten, an denen man mitwirken kann, aber uns ist aufgefallen, dass sie fast alle langfristig ausgerichtet sind“, sagt Julia Warnecke, „tatkräftig“-Vorstandsmitglied und Zuständige für die Öffentlichkeitsarbeit.

Der Clou: Die Projekte sind speziell auf junge Menschen zugeschnitten und sehen nur eintägige Einsätze von vier bis acht Stunden vor.

Sich langfristig an ein Projekt zu binden, könne allerdings mit dem Terminkalender kollidieren und zu Zeitdruck führen. „tatkräftig“ entgegnet dem Problem mit einem besonderen Konzept, indem es als Vermittler fungiert. Der Clou: Die Projekte sind speziell auf junge Menschen zugeschnitten und sehen nur eintägige Einsätze von vier bis acht Stunden vor. Wer also zwischendurch mal Zeit und Lust hat, mitanzupacken, kann auf die „tatkräftig“-Homepage gehen, sich dort aus dem umfangreichen Projekt-Portfolio die gewünschte Tätigkeit heraussuchen und im Kontaktformular angeben: ob im sozialen, kulturellen oder ökologischen Bereich, ob die Arbeit mit Kindern, Senioren oder Menschen mit Behinderung. Und ob einem eher nach gärtnern ist, handwerklichen Tätigkeiten oder danach, einer alleinerziehenden Mutter beim Umzug zu helfen – die Liste ließe sich ellenlang weiterführen. Und wer zu schüchtern ist, sich in eine neue Projektgruppe mit fremden Menschen zu wagen, kann sich gemeinsam mit Freunden bewerben. Übrigens: Nicht nur Privatpersonen, auch Firmen ermöglicht „tatkräftig“ im Rahmen einer eintägigen Projektarbeit ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.

Die Idee für das außergewöhnliche Vermittlungsprogramm stammt aus den Niederlanden.

Hervorgegangen aus der evangelischen Kirchengemeinde „Hamburgprojekt“, die sich vornehmlich an junge Menschen und Familien richtet, entstand 2011 die Initiative „tatkräftig“ durch den Zusammenschluss einer Gruppe von Freunden. „Alle kannten das Gefühl aus eigener Erfahrung, helfen zu wollen, aber aus beruflichen Gründen keine Zeit zu haben“, erklärt Julia Warnecke, die erst im Oktober 2015 als Bundesfreiwilligendienstleistende zu „tatkräftig“ dazustieß. Die Idee für das außergewöhnliche Vermittlungsprogramm stammt aus den Niederlanden. Die Gruppe fuhr nach Amsterdam, um sich von der Freiwilligenorganisation „Stichting Present“, die in allen größeren Städten der Niederlande präsent ist, inspirieren zu lassen – und entschied sich, das Konzept auf Hamburg zu übertragen.

Im Sommer 2011 war die Hamburger Version geboren, schon in den ersten zwölf Monaten konnten die Gründer über 150 Freiwillige in 35 Hilfs- und Begegnungsprojekte vermitteln und begleiten. Inzwischen ist „tatkräftig“ offiziell ein eingetragener, gemeinnütziger Verein und somit berechtigt, Spendenbescheinigungen auszustellen – was von zentraler Bedeutung für die zum großen Teil spendenfinanzierte Initiative ist. Die Tendenz in den letzten Jahren: steigend. Was ist noch möglich? „Ganz vorsichtig liebäugeln wir damit, das Projekt eines Tages auch in anderen Städten etablieren zu können“, sagt Julia Warnecke.

Text: Ulrich Thiele
Beitragsbild: Mario Chavarria


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Felix Wendland Stiftung – Forschung fördern im Kampf gegen Mukoviszidose

Eine Herzensangelegenheit: Felix Wendland (42) hat die Wendland-Stiftung gegründet, die den Kampf gegen die seltene Krankheit Mukoviszidose unterstützt.

SZENE HAMBURG: Felix Wendland, was hat Sie veranlasst eine ­Stiftung zu gründen?
Felix Wendland: In der Vergangenheit haben meine Frau und ich zu jedem möglichen Anlass um Spenden gebeten, meistens für den Muko e. V. – der Hauptverband in Deutschland für Mukoviszidose. Auch unsere Familie hat immer wieder direkt gespendet. Das reichte uns auf Dauer aber nicht, da ­wir etwas bewegen möchten und dafür benötigten wir eine Art „Bündelung“ unserer Mittel.

Was braucht es, um eine Stiftung zu gründen?
Wir haben uns für eine Treuhänderstiftung entschieden. Die Haspa-Ham­burg-Stiftung hat den gesamten ­Anmeldeprozess, bis hin zu den steuerlichen Angelegenheiten, geklärt. Dafür waren nur zwei persönliche Termine, ­inklusive Kennenlernen vonnöten – und ein wenig Schriftverkehr.

„Unser Fokus liegt auf der Erforschung und Verbesserung der Therapie der seltenen Krankheit Mukoviszidose“

Welche Projekte unterstützen Sie?
Unser Fokus liegt auf der Erforschung und Verbesserung der Therapie der seltenen Krankheit Mukoviszidose. Dies ist bis heute unser größtes Anliegen. Parallel unterstützen wir das Haus „Schutzengel“ in Hannover, wo Angehörige wohnen können, während ihre Kinder zum Beispiel auf eine Lungentransplantation warten. Zum einen ist diese Zeit sehr belastend und deswegen werden die Angehörigen von qualifizierten Mitarbeitern seelisch betreut, zum anderen muss gewährleistet sein, dass das gesamte Umfeld steril ist, um die Gefahr von Infektionen zu reduzieren.

Woher kommt das Geld für die Finanzierung?
Das Kapital stammt aus unserer Familie und die laufenden Spenden erhalten wir von zahlreichen Unterstützern, Förderern und uns selber. Darunter sind viele Kleinspenden, aber auch größere Beträge, was uns immer wieder sehr freut. Das reicht von Geburtstagsfeiern, wo das „Geburtstagskind“ auf Geschenke verzichtet und dafür um Spenden bittet, bis zu Firmen, die statt beispielsweise Weihnachtspräsente zu verteilen, an uns spenden.

Ob man (viel) Geld spendet oder über eine Stiftung Projekte fördert, wo ist der Unterschied?
Es war mir immer unangenehm, wenn ich um Spenden gebeten habe, diese auf meinem Konto eingingen, um die Summe dann weiterzuleiten. Es hat immer ein „Geschmäckle“, wenn das Geld auf einem Privatkonto landet. Zudem muss es auch zeitnah weiter­geleitet werden. Mit der Stiftung können wir sehr transparent sammeln und bei einem gegebenen Anlass die Gelder weiterleiten.

Es ist ein geringer Teil der Bevölkerung, den Mukoviszidose betrifft. Ist es deshalb schwieriger Unterstützung und Spenden zu generieren?
Dieses Schicksal betrifft jede „seltene Krankheit“. Für unsere Arbeit ist es nicht so auschlaggebend wie bekannt die Krankheit ist, sondern die Spender davon zu überzeugen, dass wir verantwortungsvoll mit den Geldern umgehen und zu 100 Prozent weiterleiten.

Sie, als betroffener Angehöriger, kennen die Bedürfnisse der Erkrankten aus eigener Erfahrung. Ist es dadurch ­einfacher oder schwieriger, sich für ­einzelne Projekte zu entscheiden?
Durch die eigenen Erfahrungen, wissen wir sehr gut, was den Alltag verbessern würde, aber die Entscheidungen, welche Forschungseinrichtung wir unterstützen, verläuft neutral. Der Muko e. V. hat eine Fachjury mit „ethischen“, medizinischen und wissenschaftlichen Mitgliedern, die eine ­Vorauswahl treffen und permanent überwachen. Aus diesen vorgeschlagenen Projekten suchen wir aus, was wir unterstützen.

„Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt eindrucksvoll, wie sich die Sterblichkeitsrate von Be­troffenen mit Mukoviszidose deutlich verbessert hat.“

Die Pharmaindustrie vernachlässigt aus wirtschaftlichen Gründen oft die Forschung von seltenen Krankheiten. Haben Sie das Gefühl, dass diese Menschen im Stich gelassen werden?
Aus meiner Sicht ist die Forschung recht aktiv und die Entwicklung der letzten Jahre zeigt eindrucksvoll, wie sich die Sterblichkeitsrate von Be­troffenen mit Mukoviszidose deutlich verbessert hat. Die Pharmaindustrie könnte sicherlich noch viel aktiver werden, aber uns geht es um die Grundlagen- und Ursachenforschung, sowie Therapie-Erfahrungen. Diese Arbeit wird überwiegend von öffentlichen Instituten und Forschungseinrichtungen wahrgenommen.

Sie haben ein Unternehmen mit mehr als hundert Mitarbeitern geführt. ­Unterscheidet sich die Leitungsweise zu der einer Stiftung?
In der freien Wirtschaft hat jeder seine Aufgaben und diese sind oft gegeneinander ausgerichtet. Beispiels­weise will ein Kunde günstig einkaufen und den besten Service, der Lieferant hat das gegenteilige Interesse und Mitarbeiter haben wiederum ihre. Diese „Kämpfe“ gehörten zum Alltag. Bei der Stiftungsarbeit ist es genau umgekehrt, jeder hat dasselbe Interesse und möchte etwas Gutes voranbringen – das macht wahnsinnig viel Spaß!

Welche Bedeutung hat das Stiftungs­wesen für die Gesellschaft?
Das Stiftungswesen und die gesamte, ehrenamtliche Arbeit von allen ist das Fundament unserer Gesellschaft. Der Staat hat viele wichtige Aufgaben, die sicherlich in Teilen verbesserungswürdig sind, aber jeder Einzelne sollte sich aktiv für die Gesellschaft einbringen anstatt zu meckern.

Wenn Sie jetzt, nach jahrelangem ­Stifterdasein, ein Resümee ziehen, zu welchem Ergebnis kommen Sie?
Die Entscheidung, diese Stiftung zu gründen war für uns genau die richtige und ich kann nur jedem empfehlen, der etwas bewegen möchte, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Die Arbeit ist äußerst sinnstiftend und bereichernd und jede Minute, die wir dafür aufbringen, lohnt sich.

Haben Sie einen Wunsch für die Zukunft?
Mein Wunsch ist es, dass der Zugang zur besten Medizin und Betreuung vom Bedarf der Betroffenen abhängig ist und nicht von der Art der Versicherung.

Interview: Hedda Bültmann

Beitragsbild: Oliver Hardt

www.wendland-stiftung.de


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MS Dockville 2018 – Es wird angedockt

Drei Tage, mehr als 130 Bands: volles Programm bei der 12. Ausgabe des Wilhelmsburger Festivals.

Anfänglich kamen 5.000 Menschen nach Wilhelmsburg, um beim Dockville-Festival dabei zu sein. Dass der Standort zwischen grünem Deich und Industrie-Charme zu Größerem taugt, war allen Beteiligten schnell klar. Mittlerweile sind es rund 60.000 Menschen jährlich, die für Kunst und Musik vor einer faszinierenden Kulisse auf die Elbinsel strömen.

Die Szenerie für alles wird beim MS Artville kreiert. Künstler aus verschiedenen Ländern leben und arbeiten eine Woche lang zusammen und haben mit dem anschließenden Festival die denkbar beste Ausstellungsmöglichkeit für die Ergebnisse.

Der Dockville-Soundtrack wird dieses Jahr gestaltet von u. a. Alt-J, Bonobo, First Aid Kit, Cigarettes After Sex, Fink, Faber, Superorganism, Erobique, Chefboss, Leyya, Trettmann und Granada (Foto). Speziell ­ letztere, fünf Gitarrenpopper aus Graz, werden mit den Songs aus ihrem kürzlich veröffentlichten Album „Ge Bitte“ die eh schon immer gute Dockville-Stimmung steigen lassen.

Mitreißende Melodien, melancholisches Akkordeonspiel und Geschichten übers Schwitzen in der Sauna, Lust auf Saufen und Tanzen passen aufs Dockville-Gelände wie das Schirmchen in den eiskalten Festival-Cocktail.

Text: Erik Brandt-Höge
Beitragsbild: Carina Antl

MS Dockville (Schlengendeich 12)
17. –19.8.18


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Rindchen schlemmt – Pavoni

Ein Italiener für Fortgeschrittene – Das Pavoni steht für absolute Kompromisslosigkeit.

Nachdem Mario Zini sein legendäres „La Scala“ in Eppendorf aufgegeben hatte, war die Trauer bei etlichen Freunden einer authentischen, unverfälschten Küche in dieser Ecke der Stadt groß. Um so größer war bei uns die Freude als wir feststellten, das just ums Eck in der Löwenstraße seit drei Jahren ein großartiger italienischer Küchenkünstler den Löffel schwingt: Enrico Pavoni geheißen und voller – berechtigtem – Stolz das Lokal nach sich selbst benannt habend.

Wie alle herausragenden Köche seines Landes ist auch Pavoni vor allem eines: Verfechter absolut kompromissloser Produktqualitäten. Denn die italienische Küche ist ja neben der japanischen unter den ganz Großen der Welt diejenige, bei der das Ausgangsprodukt am meisten im Mittelpunkt steht und am unverfälschtesten auf dem Teller landet. Da die Karte nahezu täglich variiert und sehr stark auf saisonale Highlights setzt ist es eher müßig, hier einzelne Gerichte zu empfehlen.

Was immer brillant ist, sind die gemischten Antipasti (ca. 19 Euro): lauter kleine, liebevoll komponierte Gesamtkunstwerke, die einen diametralen Gegensatz zur öligen Einheits­öde mancher unter grün-weißroter Flagge segelnden Italie­ner-Karikatur abgeben. Das Gleiche gilt für die auf hervorragenden Qualitäten der häufig haus­gemachten Grundpasta basierenden ­Nudelgerichte (14 bis 20 Euro). Herausragend auch alle Kompositionen, ob Carpaccio, Tatar oder Filet, rund um das renommierte Fassone-Rind. Dazu gesellt sich eine recht passable Auswahl von Gewächsen teilweise bekannter, teil­weise ­noch unentdeckter Winzer. Das ist alles nicht supergünstig, aber eingedenk der gebotenen Qualitäten nachvollziehbar und fair kalkuliert.

Dazu sitzt man in dem sehr kleinen Laden oder dem überaus lauschigen Gastgarten auch noch sehr nett und wird hauptsächlich von der Familie des begnadeten Herdartisten freundlich und kenntnisreich bedient. Kurzum: Wir sind ausgesprochen glücklich, einen solch sympathischen Hort der italienischen Hochküche entdeckt zu haben. 

Pavoni, Löwenstraße 12, Tele­fon 84 70 55 56, Di-So 17.30– 23 Uhr; www.casapavoni.de



Gerd Rindchen im Rindchen's Weinkontor. Foto:

Gerd Rindchen im Rindchen’s Weinkontor.

Gerd Rindchen ist Gründer von Rindchen’s Weinkontor. Seit 25 Jahren verkostet er Weine nach dem Prinzip „Bestes Preis-Genuss-Verhältnis“. In der SZENE HAMBURG wendet er dieses Prinzip jeden Monat auch auf die Küchen dieser Stadt an.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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So was von da – Großer Rausch mit Tendenz zur Überdosis

Jakob Lass bringt Tino Hanekamps Romanvorlage als großen Rausch mit Tendenz zur Überdosis auf die Leinwand.

Es ist zum Kotzen. Im übertragenen genauso wie im wortwörtlichen Sinn. Irgendwann fischt Oskar (Niklas Bruhn) dann tatsächlich in der hochprozentigen Brühe, die er gerade ins vergammelte Klo gewürgt hat, nach seinem Handy. Schließlich muss er ja erreichbar sein für Kiez-Kalle, der ihm noch in dieser Nacht zehn Mille Schutzgeld abpressen will. Diese Nacht… Die letzte. Die letzte des Jahres. Und die letzte seines Clubs: Die „Rakete“ muss dichtmachen, weil das Gebäude abgerissen werden soll – Investorenkohle sticht Kulturraum, hier auf dem Kiez genauso wie anderswo in Hamburg. Doch das sind längst nicht die einzigen Probleme, die Oskar durch den Kopf dröhnen. Nina, die sich merkwürdig benimmt. Rocky, der psychisch angeknackst zu sein scheint. Dessen halbtoten Vater. Die Innensenatorin. Die Party, die völlig aus den Fugen gerät. Und Mathilda. Mathilda … Scheißegal.

Regisseur Jakob Lass haut dem Zuschauer die Endzeitstimmung, in der sich Oskar und seine Freunde befinden, mit voller Wucht ins Gesicht. Wie ein Rausch zieht diese tempo- und katastrophenreiche Abrissnacht vorbei. Für manche der Statisten war es wohl ein realer: Die Produktionsfirma hatte im November 2016 an vier Samstagen zur Party geladen. Möglichst authentisch sollte das Ganze wirken, und so tanzten und tranken sich insgesamt rund 3000 Hamburger zu Beats aus der Konserve und Live-Musik von Acts wie Mule and Man oder Großstadtgeflüster vor der Filmkamera ins Delirium (SZENE HAMBURG berichtete in Ausgabe 12/2016). Oder versuchten es zumindest, denn bei laufender Kamera ist mächtig feiern gar nicht so einfach. Doch alles eine Frage des Pegels…

Auch dem Cast scheint es stellenweise schwer zu fallen, richtig in Stimmung zu kommen. Niklas Bruhn alias Oskar Wrobel ist vor allem in den ruhigeren Passagen überzeugend; geht‘s um Alkohol und Drogen, schießt er über das Ziel hinaus. Oder liegt es am Konzept? Wie schon bei seinen preisgekrönten „Love Steaks“ oder „Tiger Girl“ arbeitete Lass auch hier nur mit einem Skelett-Drehbuch. Die Dialoge sind improvisiert – der 37-jährige Regisseur glaubt, dass die Schauspieler dann authentischer agieren. Doch das funktioniert nur bedingt. Martina Schöne-Raunski, die die todkranke, durchgeknallte, liebenswerte Nina spielt, ist großartig und genau wie „Innensenatorin“ Corinna Harfouch dieser Aufgabe voll gewachsen. Dass Mathias Bloech, der hier den Rocky gibt, auch im wahren Leben Musiker (Frontman von Heisskalt) und mitnichten Schauspieler ist, wird stellenweise dagegen schmerzhaft deutlich. Auch andere Szenen und Gespräche (wie die zwischen Mathilda und Oskar) laden durch ihre Unbeholfenheit fröhlich zum Fremdschämen ein.

Unterm Strich bringt Lass das Abrissparty-Cliquen-Gefühl der gleichnamigen Romanvorlage von Tino Hanekamp dennoch gut auf die Leinwand, ein gewisser Flow ist durchaus da. Leider tendiert der Rausch aber stellenweise – auch in Sachen Kostüm und Schnitt – zur Überdosis. Ein bisschen weniger wäre da mehr gewesen.

 

SZENE HAMBURG: Hi Jakob! Du arbeitest nur mit Skelett-Drehbüchern und besonderen Regeln. Eine davon besagt, dass möglichst in einem Rutsch und chronologisch gedreht wird, damit ein Flow entsteht. Hat die Verteilung auf die vier Party-Samstage das nicht sehr erschwert?

Regisseur Jakob Lass. Foto: Gordon Timpen

Jakob Lass: Wir haben versucht, trotzdem mehr oder weniger chronologisch zu bleiben. Das ist natürlich immer nur bedingt möglich, da spielen ja auch andere Faktoren eine Rolle. Weitestgehend ist uns das aber gelungen – zumindest im Vergleich zu vielen anderen Filmarbeiten, wo ja zum Teil Sekundenbruchstücke des Films völlig voneinander abgesetzt und in zusammengewürfelter Reihenfolge gedreht werden, zum Beispiel die Schlussszene ganz zu Beginn, die dort hinführende dann drei Wochen später und so weiter. Meiner Meinung nach macht es das den Schauspielern fast unmöglich, wirklich in ihrer Figur anzukommen.

 

Hatten die Schauspieler das Buch eigentlich gelesen? Ich stelle es mir sehr schwer vor, eine Szene zu improvisieren, wenn ich schon die Romanvorlage im Kopf habe.

Ich habe ihnen die Entscheidung überlassen, ob sie den Roman lesen wollen oder nicht. Manche haben es getan, und andere, die glaubten, dass sie das behindert, nicht. Wir hatten ja auch noch das Skelettbuch, also quasi die Essenz des Romans, mit der man arbeiten konnte. Jeder hat seine eigene Lösung gefunden.

Vor allem über die Figur der Innensenatorin wird politische Kritik transportiert: Überregulierung, Überwachungswut und auch, dass Geld häufig mehr zählt als kultureller Freiraum. Auch das Clubsterben wird angeprangert. Oder ist das jetzt überinterpretiert?

Nein, das sollte man unbedingt so sehen. Das ist auch mein Blick auf Hamburg. Ich denke, da ist die Gentrifizierung noch spürbarer als in anderen deutschen Städten. Hier müssen viele Freiräume, Möglichkeitsräume geschlossen werden und mein Eindruck ist, dass das von der Politik aktiv und massiv vorangetrieben wird. Natürlich ist das ein Teil eines wirtschaftlich gesteuerten Gesellschaftsmodells, aber eine politische Führung kann das forcieren oder auch nicht. Meinem Gefühl nach ist das in Hamburg sehr stark der Fall. In Berlin, wo ich lebe, wird das auch nicht verhindert. Aber es passiert nicht so schnell, nicht so brutal.

Magst du eigentlich Silvester?

Mag ich Silvester? Gute Frage. Meistens sind das ja so Partys, bei denen alle krampfhaft versuchen, es so richtig krachen zu lassen. Manchmal ganz lustig. Aber ich liebe diesen Mitternachtsmoment, wenn sich wildfremde Menschen in die Arme fallen und gemeinsam in Gedanken nach vorne und nach hinten schwelgen und doch voll im Jetzt sind, an diesem kollektiv vereinbarten Jahreswechsel.

Text & Interview: Maike Schade


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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