musicHHwomen – Netzwerk für Frauen im Musikbusiness

musicHHwomen will Musikfrauen aus den Bereichen Art, Business und Media vernetzen.

Die aktuelle Studie „Frauen in Kultur- und Medienberufen“ zeigt, dass Frauen zwar im Bereich der Ausbildung mit knapp 54 % am Start sind, aber einfach nicht in der Branche landen. Nur 7,4 Prozent der Mitgliedsunternehmen des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) werden von Frauen geführt. Auf Initiative von Rockcity Hamburg hatten darum im vergangenen Sommer 100 Musikfrauen der Stadt mit „musicHHwomen – art.business.media“ die erste eigene Interessenvertretung gegründet. Jetzt ist auch die erste Datenbank der Musikfrauen in Deutschland online gegangen.

Hintergrund der Netzwerkgründung sei die immer noch fehlende Gleichstellung in der Musikbranche, betont Rockcity- Geschäftsführerin Andrea Rothaug: „Solange kaum Teilhabe am politischen Dialog oder Zugang zur zumeist männlichen Führungselite existieren, bleiben Frauen im arbeitsreichen, aber schwach bezahlten Kultur- und Sozialsektor verhaftet, und nicht etwa in unserer Branche, in den Aufsichtsräten und Vorständen oder als Unternehmerinnen. Das wollen wir ändern.“ Rockcity selbst zeigt, wie es geht: Als reines SHE-Team im Office und mit 50 % Frauenanteil im Vorstand ist der Verein die wohl weiblichste Popförderinstitution Deutschlands.

Die Datenbank soll die Musikfrauen nun stärker vernetzen, die Präsenz erhöhen und zum Austausch anregen. Geplant ist ein bundesweiter Rollout: Perspektivisch sollen 16 lokale Netzwerke mit einer zentralen Datenbank aufgebaut werden. Aktuell wird auch an Mentoringprogrammen und Events gearbeitet. Das nächste Netzwerktreffen ist für den 19. April geplant (18-21 Uhr, Skybar im Molotow).

/ ILO

www.musichhwomen.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

BierSZENE – Neueröffnung: Bierbar Malto in Altona

Die guten Hopfentropfen von Birrificio Shanghait gab es in der Vergangenheit ausschließlich im Jimmy Elsass – bis jetzt. Denn seit kurzem hat die Hamburger Craft-Bier-Marke ihren eigenen Brewpub in Altona eröffnet. Biersommelier Daniel Elich hat für die SZENE Brauer Francesco und der neuen Bierbar einen Besuch abgestattet.

Gute Aussichten für die Hamburger Craft-Beer-Kultur: die Biere von Birrificio Shanghait bereichern die Szene. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Ein kleiner, puristisch eingerichteter Laden erwartet mich als ich die Tür zum Malto in der Max-Brauer-Allee öffne. Umso wärmer und herzlicher fällt die Begrüßung von Francesco und Antonio aus. Kaum habe ich es mir an der Bar gemütlich gemacht, versorgen mich die beiden mit meinem ersten frisch gezapften Bier an diesem Abend: ein American Pale Ale, gebraut von Francesco himself. Mega weiche Konturen, leicht bitter-süß und dabei herrlich tropisch fruchtig. Hammer Start. I like!

Schlicht, aber gemütlich: Das Malto glänzt mit Purismus. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Früher Croques. Heute Bier.

Eigentlich seien sie zu viert, berichtet Francesco. Mattia und Pedro fehlen und vervollständigen sonst das Vierergespann der Bierbargründer. Gut 1,5 Monate haben die vier Herren die Räume in Eigenregie renoviert. Wo jetzt aus acht Zapfhähnen richtig gute Kreativbiere fließen wurden noch vor kurzem Croques belegt. Bis die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres Hamburger wieder vor die Tür locken, soll auch der kleine Biergarten zum Hinterhof fertig sein.

Gastronom mit Herz: Brauer und Barbesitzer Francesco ist immer für ein Späßchen zu haben. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Die vier Barbesitzer kommen ursprünglich aus Italien und Spanien, ein Gespür für hochwertiges Essen und gute Getränke steckt also quasi in ihrer DNA. Das merkt man, sofort, wenn Sie erzählen, was sie in den kommenden Monaten noch mit dem Malto vorhaben: Sie wollen einen kleinen Ort schaffen, an dem tolles Bier und außergewöhnliche Weine ausgeschenkt und köstliche Kleinigkeiten gegen aufkommenden Bierhunger gereicht werden.

Läuft bei dir: Antonio ist einer der vier Barbesitzer. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Brauerinnen bevorzugt: Francesco sucht weibliche Unterstützung

Während mir Francesco das zweite Bier serviert (Ein Session IPA. Fruchtig-bitter, könnte aber vielleicht etwas mehr Körper vertragen, der die Aromen trägt.) erzählt er von weiteren Plänen für die Location. Bisher werden nämlich alle Birrificio-Shanghait-Biere auf einer Nanoanlage im Jimmy Elsass gebraut. Doch das soll sich in Zukunft ändern. Sobald wie möglich, möchte der Brauer und eigentliche Mathematiker eine eigene Brauanlage im Keller des Gebäudes. Das Bier könnte dann direkt aus Fässern im Untergeschoss an den Zapfhahn geleitet werden. Einen kürzeren Transportweg gebe es wohl kaum. Fürs Brauen sucht Francesco übrigens noch nach Unterstützung – am liebsten weibliche. „Brauen war früher ausschließlich Frauensache. Heute wird die Szene von Männern dominiert. Das finde ich schade“, so Francesco, mein drittes Bier zapfend. Das Panna Cotta IPA ist wieder meins: Ein sehr weiches Mundgefühl, ein milder bitter-süßer Geschmack, der von hellen Aromen von Ananas und Banane begleitet wird. Wirklich gut gemacht!

Birrificio Shanghait – da scheint dir die Sonne ausm Glas. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Klein, aber oho: Die Karte im Malto ist übersichtlich, kann aber was. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

Birrificio Shanghait – for Hamburg only

Francesco hat genaue Vorstellungen, wie er sein Bier an Mann und Frau bringen will: „Ich möchte ein lokaler Anbieter sein. Bier ist ein Frischeprodukt, das – wenn du es auf einem gleichbleibend hohen Niveau anbieten willst – nur kurze Transportwege hinter sich legen kann. Klar freue ich mich auch, andere Gastronomien mit Bier zu beliefern, aber das wird mit meinen Bieren nicht über Hamburgs Stadtgrenzen hinaus passieren.“ Sehr sympathische Ansichten hat der junge Mann aus L’Aquila aus Mittelitalien – und seine Biere habe ich sicherlich nicht das letzte Mal getrunken.

Malto: Max-Brauer-Allee 88 (Altona), Telefon 0151 65 12 33 91, Di-Do 17–23, Fr-Sa 17–1, So 16–22 Uhr; www.shanghait.beer

Stammgastfreundschaft: Fast täglich kommen Freunde auf ein Bier vorbei. Foto: Jennifer Meyer / Jupiter Union

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel


Foto: Felix Valentin / Jupiter Union

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

WohnSZENE – Wie viel dürfen Möbel kosten?

(Sponsored) Wie viel ein Möbel kosten darf, diese Frage löste neulich auf Sarah Ramroths Blog Wohn.glück spannende Diskussionen aus. Vor allem wenn es sich um kleinere Möbelstücke, wie ein Stuhl, Beistelltisch oder Regal handelt. Jetzt erklärt Sarah auf www.wohnfreude.de, warum sich ein Mix aus günstigen Trendteilen und teureren Designklassikern bezahlt macht.

Hej,

was ist der teuerste Betrag, den du je für ein Möbelstück ausgegeben hast? Kannst du dich noch daran erinnern? Ich habe mir vor kurzem einen Stuhl gegönnt, der eine spannende Diskussion ausgelöst hat: Wie viel darf ein Möbelstück eigentlich kosten?

Jedem von uns fällt bei der Frage nach hochpreisigen Möbeln als erstes die eigene Couch oder der Kleiderschrank ein. Ja, das sind natürlich Möbel, die einem gerne mal ein Loch ins eigene Bankkonto fressen, welches aber häufig gar nicht in Frage gestellt wird. Schließlich handelt es sich dabei um Möbelstücke, die benötigt werden. Aber was ist mit den anderen ,,kleineren“ Möbelstücken , die im ersten Moment nicht lebensnotwendig sind, wie zum Beispiel ein Stuhl, Beistelltisch oder Regal? Angenommen man hat sich unsterblich in eines davon verliebt, welches dann im ersten Moment gar nicht teuer erscheint, der Blick auf den Preiszettel einem allerdings einen Schlag in die Magengrube versetzt – ist es dann besser direkt einen Haken daran zu machen und nach günstigeren Alternativen zu schauen oder sich zu hinterfragen, warum besagter Stuhl oder das Regal eigentlich so teuer ist?

Text & Foto: Sarah Ramroth

 Dieser Text ist ein Auszug aus Sarahs Beitrag Neue Möbel? Die richtige Mischung macht’s. Weiter geht’s auf www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


Who the fuck is…

Sarah Ramroth gibt auf wohnglueck.hamburg und  @wohnglueckhamburg (Instagram) seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über Hamburger Wohnthemen für www.szene-hamburg.com und www.wohnfreude.de.

Wanda – „Der Kontrollverlust ist mir sehr recht“

Die Rockgruppe aus Wien spielte sich mit Liedern über kaputte Liebe, Alkohol und Tod in die ganz großen Hallen. Sänger Marco Michael Wanda über Gefühle vor der Masse und Bühnenmomente, die nicht mehr zu beeinflussen sind.

SZENE HAMBURG: Wer zu Wanda kommt …
Marco Michael Wanda: … der kommt! (lacht)

… zum Exzess – zumindest ist das ein weitverbreitetes Bild unter Konzertgängern. Kannst du damit etwas anfangen?
Jeder darf es erleben, wie er mag. Aber es soll um Gottes Willen kein Druck bei den Besuchern entstehen, sich irgendwann in Trance wiegen und durchdrehen zu müssen. Ein Konzert von uns soll erst mal nur ein Anreiz sein, ein Happening. Wir sind da, die Besucher sind da, und wir schauen dann gemeinsam, was passiert.

Und umgekehrt: Welche Gedanken habt ihr beim Bühnengang?
Ich gehe auf die Bühne, weil ich nichts anderes kann. Und ich gehe jedes Mal, als wäre es das letzte Konzert.

Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame.

Ist es auch jedes Mal ein ähnliches Gefühl dort oben?
Es ist immer anders. Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame. Vor allem aber gibt es welche, in denen man in ein Energiefeld kommt mit Menschen, die einem vorher völlig fremd waren. Das hat dann etwas sehr Nahes und Wohliges.

Du sprachst von einsamen Momenten. Kannst du die beschreiben?
Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine heftige Droge. Es spielen sich Sequenzen ab, ganz von alleine. Auf der Bühne kann man nichts mehr bewusst entscheiden. Man wird von Dingen irgendwann irgendwo hingezogen, die man gar nicht beschreiben kann.

Also ein Kontrollverlust?
Ein Kontrollverlust, der mir sehr recht ist.

Routine und Sicherheit setzen nicht ein, nach so vielen gespielten Konzerten?
Bis jetzt habe ich das noch nicht bei mir beobachtet. Sicher auch deshalb nicht, weil ich Konzerten immer noch mit großem Respekt und Demut begegne. Ich erlebe ja gerade einen unglaublichen Existenzialismus, der einfach geil ist.

Die Masse vor der Bühne will dich kennenlernen, du kennst die Masse schon etwas. Kennst du auch eine Sucht nach der Masse?
Zumindest mag ich die Situation, vor vielen Menschen zu stehen, sehr gerne. Ich finde, dass in der Anonymität eine tiefe Vertrautheit steckt.

Das musst du erklären.
Man muss sich mal anschauen, wie wir leben: Wir gehen eigentlich ständig aneinander vorbei und begegnen uns kaum. Der Begriff „Masse“ ist allgemein auch eher negativ konnotiert und mit Angstgefühlen behaftet. Ein Konzert empfinde ich da geradezu als erlösend. Ich muss sogar sagen, dass ich manchmal lieber im Publikum wäre als auf der Bühne. Es zieht mich zu diesen Menschen.

Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht.

Gibt es denn etwas, was der Band-Erfolg mit sich bringt, und wovon du gar nicht mehr genug bekommen kannst?
Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht. Es gibt nur Musik und Menschen, zumindest nehme ich nichts anderes wahr. Ich habe also ein Nicht-Verhältnis zum Erfolg. In ruhigen Momenten habe ich schon mal versucht zu spüren, ob das alles etwas mit mir macht, aber es macht erstaunlich wenig mit mir.

Und kannst du der ständig gesteigerten Popularität an sich nur Positives abgewinnen? Oder würdest du auch gerne mal wieder durch Wien gehen können, ohne Selfies machen zu müssen?
Das ist mir schon noch möglich. Die Menschen sind ja auch überfüttert mit Inhalten. Natürlich, wenn eine Platte herauskommt, stehe ich in der Öffentlichkeit und werde sehr oft erkannt. Und wenn es dann ein bisschen ruhiger wird, werde ich nur noch angeschaut, und man scheint zu denken: „Das ist er nicht, das kann er nicht sein!“ Das alles läuft in Wellen. Ich habe das Gefühl, sechs Monate ist man wer, und sechs Monate ist man niemand.

Würde es für dich die Schönheit der Kunst reduzieren, wenn weniger Menschen zu euren Konzerten kämen?
Hmm (überlegt lange). Keine Ahnung, bisher habe ich das noch nicht erlebt, es werden eigentlich immer mehr. Aber auch, wenn ich es noch nicht in der Karriere erfahren habe, habe ich doch schon Auf- und Abwärtsbewegungen im Leben erleiden müssen. Ich bin mittlerweile schon etwas geschult, mit Niederlagen umzugehen. Auf jeden Fall habe ich vor, mich in jeder noch kommenden Lebensniederlage tapfer zu schlagen.

Du hast mal gesagt, dass du schon als Zwölfjähriger gewusst hättest, dass du ein Star wirst. Hast du aus heutiger Star-Sicht auch ein Bild von deinem 50-jährigen Ich?
Ich glaube, dass man als Kind ein sehr festes Bild von dem hat, der man mal sein wird. Zu der Zeit ist ja auch noch alles möglich. Jetzt werde ich mich nicht mehr prognostisch oder mystisch puschen. Ohne den Vorteil der jugendlichen Hybris maße ich mir nicht an, in die Zukunft zu schauen. Ich hoffe einfach, dass ich lange genug da bin, um dieses komische Ding in meinem Hirn zu besiegen. Ich möchte schon in Klarheit abtreten, und das ist noch lange nicht der Fall. (lacht)

Interview: Erik Brandt-Höge

Sporthalle
24.3.18, 20 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Erster Teil: Die glorreichen 8 – Nina Kämpf

Acht Frauen, eine Branche: Wir haben grandiose Hamburgerinnen getroffen, die jeden Tag aufs Neue die Gastroszene aufmischen. Mit Pizza und Pasta, mit Fleisch und Wein – und mit viel Leidenschaft. Den Anfang macht Nina Kämpf von Mama aempf.

Nina Kämpf, 24, arbeitet als freie Foodjournalistin – unter anderem für den Hamburg-Blog von Mit Vergnügen, das starke Frauenmagazin Barbara und den Fernsehsender Kabel 1. Im Herbst 2017 erwartet die junge Hamburgerin ihr erstes Kind und schreibt darüber ganz und gar ehrlich auf ihrem Blog Mama aempf. Aber: Nina Kämpf will keine dieser Influencer mit perfektem Instagram-Kanal werden: „Ich möchte auch nach außen sein, wie ich bin, mein eigenes Ding machen und schreiben, wie es mir gefällt.“ Authentizität steht für sie an erster Stelle – denn das fehle vielen Printmedien heute. Für sie auch der Grund, warum einige Blogs so erfolgreich sind. Ob sie für immer im Journalismus bleiben möchte, weiß Nina Kämpf noch nicht. „Vielleicht mache ich irgendwann doch noch eine Kochausbildung.“

Fotos: Philipp Schmidt

Texte: Jennifer Meyer

www.mamaaempf.com

 


Essen+Trinken 2017/18 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG ESSEN + Trinken 2017/2018. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Josefine Rieks

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Josefine Rieks. Ihr Debüt „Serverland“ ist seit Ende Februar beim Hanser Verlag erhältlich. Sie liest draus am 27.3. im Literaturhaus Hamburg.

Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
Ich habe eigentlich immer Kleingeld in der Hosentasche.

Was bezeichnen Sie als männlich?
Sie, Herr Frisch. Und T.C. Boyle.

Was stört Sie an Begräbnissen?
Ich habe Angst vor dem Tod.

Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Sicher, dass sie sich nicht wohlfühlen? Vielleicht unterstellen wir den Tieren das nur. Dass sie auf weiter Steppe frei und unbeschwert wären und sich nicht alle gegenseitig fressen würden, können sich doch nur Hippies vorstellen.

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Literaturhaus Hamburg
27.3.18, 19.30 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Jörg Heikhaus – Ich will Galerie neu denken

Jörg Heikhaus ist Künstler, Galerist, TV-Talker und jetzt auch Podcaster. Wir sprachen mit dem Querdenker

SZENE HAMBURG: Jörg, dein Lebenslauf ist nicht unbedingt der klassische eines Galeristen – du hast mal Karriere in der Wirtschaft gemacht …
Jörg Heikhaus: Ich hatte gar nicht vor, in der Wirtschaft zu landen. Kunst habe ich immer schon gemacht, aber es war mir nach der Schule nur einfach nicht möglich, Kunst zu studieren. Ich musste erst mal Geld verdienen: In Köln habe ich im Umkreis der Independent- Musikszene in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als Fotograf, Grafiker und Bandmanager gearbeitet. Zur Wende habe ich als Journalist gearbeitet und habe Sonic Youth und Nirvana interviewt. 1996 habe ich schließlich mit einem australischen Bildhauer eine eigene Onlineagentur gegründet.

Ziemlich erfolgreich … Du hast es bis zum Vorstand geschafft …
Eine schwedische Firma kaufte die Agentur, und ich habe dann noch drei Jahre als Vorstandsvorsitzender von Deutschland aus gearbeitet. Ich bin dann gegangen, weil es am Ende nichts mehr mir zu tun hatte. Mit Anfang dreißig habe ich gesagt, jetzt oder nie, ich muss meine Kunst machen!

In Hamburg hast du 2002 die Galerie heliumcowboy gegründet. Woher kam der Mut?
Ich habe viel recherchiert, mich international mit Galeristen getroffen, Kunstmessen besucht, um herauszufinden was für eine Art Galerie fehlt eigentlich? Ehrlich gesagt habe im Gespräch mit den Galeristen immer gedacht, dass ich so nicht sein möchte. Mich interessiert nur das Konzept Künstler: Wo liegt das Einzigartige, wie ernsthaft ist die Auseinandersetzung mit der Kunst bei genau diesem Menschen? Ich will Leidenschaft sehen.

Was unterscheidet deine Art, Kunst zu zeigen?
Ich habe keinen Lebenslauf, wie man ihn erwartet. Doch die vielen verschiedenen Jobs, die ich gemacht habe, bilden eine gute Basis, ich konnte viele Erfahrungen aus erster Hand machen und dadurch Künstlern helfen. Das Wichtigste für jeden Galeristen bleiben aber Persönlichkeit und Passion – und die sind ja bei jedem anders ausgeprägt.

Du versuchst, Galerie neu zu denken, u. a. mit einem Talk-Format?
Auch wenn wir schnell eine der Hotshot-Galerien aus Deutschland wurden, war es ja nicht immer leicht, vor allem nach der Finanzkrise. Da muss man schon mal überlegen, was sich ändern kann. Ich glaube, dass der Markt heute extrem übersättigt ist, der funktioniert einfach nicht mehr. Aber niemand weiß so genau, wie er funktioniert. Hier müssen wir uns viel mehr austauschen. Nicht nur im Künstlergespräch, sondern mit Menschen, die mit dem Markt zu tun haben. Und natürlich unserem Publikum.

Wie sieht das heute aus?
Zusammen mit Jannes Vahl von den Clubkindern habe ich 2016 „heliumtalk – das Kunstgespräch“ mit Tide TV gestartet. Jetzt setzen wir das als Audio-Podcast fort, denn ich möchte noch viel mehr tolle Leute ausfragen, was Kunst bewegt, wie sie produziert, erlebt, geliebt, gehasst und eben auch verkauft wird. In der ersten Folge unterhalte ich mich Darko C. Nicolic, der ein unglaublich spannendes Konzept verfolgt. Am Anfang wird das Deutsch sein. Aber im April habe ich eine Ausstellung mit „The Jaunt“, die werde ich auf Englisch interviewen.

Und, schon Erkenntnisse? Wie ist der Hamburger Galeriestandort?
Ruhiger und unaufgeregter als anderswo, das ist aber oft auch ein Vorteil. Man hat hier den ruhigen Atem, Künstler sich entwickeln zu lassen und kann in Ruhe etwas aufbauen. Das Zurückhaltende ist hilfreich, denn über Nacht kann in der Kunst nichts passieren. Die Zusammenarbeit von Galerien und Museen klappt in Hamburg leider nicht wirklich. Unbedingt will ich Bettina Steinbrügge vom Kunstverein zum Talk laden, sie macht viel richtig.

Du baust gerade um und präsentierst dich im März mit einem neuen Galerie-Konzept …
Wir entfernen uns noch mehr vom klassischen White Cube. Die Ranch, so nennen wir die Galerie ja liebevoll, wird Studio und Showroom zugleich. Ein Teil meines Alex Diamond-Ateliers und das Podcast-Studio kommen in den Ausstellungsraum, ganz aus Altholz, wie eine Ranch. Die Galerie wird zum Ort, an dem Kunst nicht nur gezeigt, sondern auch produziert wird. Am 24. März eröffnen wir, da stellen wir das Potenzial des Raumes vor. Ich stelle mir einen Kunstsalon vor, jeder kann vorbeikommen, man tauscht sich aus, kommt ins Gespräch. Der Podcast soll das Kommunikative unterstreichen. Ich glaube, wir sind heute als Galerist mehr gefragt, Kunst lebendig zu machen und wieder zu erklären …

Interview: Stefanie Maeck

Heliumcowboy Artspace: Bäckerbreitergang 75 (Neustadt), www.heliumcowboy.com (Eröffnung am 24. März 2018)

heliumTALK – das Kunstgespräch: www.heliumcowboy.com/heliumtalk

www.alexdiamond.net


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Auf einen Song mit: Klara Söderberg

Jeden Monat trifft Erik Brandt-Höge Hamburger Musiker und holt sich aktuelle Musikempfehlungen von denen, die es wissen müssen. Diesmal mit Klara Söderberg von First Aid Kit, deren Album „RuinsEnde Januar erschienen ist.

SZENE HAMBURG: Klara, wir haben ernsthaften Liebeskummer! Welche Songs helfen uns, damit fertig zu werden?
Klara Söderberg: Erst mal: Tut mir leid, das ist ja blöd! Wird bestimmt bald besser, und in der Zwischenzeit solltet ihr das hier hören: „Nobody Gets What They Want Anymore“ von Marlon Williams feat. Aldous Harding. Marlon ist ein Freund von uns, er hat den Song geschrieben, und wir sind hin und weg davon. Marlons Stimme ist wie von einer anderen Welt, man kann sich mit seinem Schmerz richtig in diesem Sound suhlen und ordentlich heulen. Steckt aber auch viel Hoffnung drin. „Mary“ von Big Thief. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, wollte ich in meiner Wohnung sofort alle Lichter ausmachen. Dann saß ich da im Dunkeln und hörte diesen genauso traurigen wie verspielten Titel, in dessen Lyrics so viele komplexe Erinnerun- gen stecken. „Survivor“ von Destiny’s Child. Manchmal muss man loslassen und darauf vertrauen können, dass der Herzschmerz zu etwas Besserem führt.

Und so ganz allgemein: Lieber ein trauriges oder fröhliches Lied bei Liebeskummer?
Traurig! Es ist doch so: Man wünscht sich in solchen Momenten, man könnte seine Gefühle einfach unter den Teppich kehren – kann man aber nicht. Deshalb besser traurige Musik hören, das gibt einem auch das Gefühl, dass andere schon da waren, wo man selbst gerade ist. Dass man nicht alleine ist.

Und welche FAK-Songs taugen in einer Herzschmerzzeit?
Wenn es tatsächlich was Trauriges sein sollen, dann „Fireworks“. Darin geht es darum, in seinen eigenen Träumen gefangen zu sein, die jedoch nicht in Erfüllung gehen und einen am Ende allein dastehen lassen. Übrigens wurde unser gesamtes neues Album „Ruins“ geschrieben, als ich gerade in einer Trennungsphase war. Es steckt also in allen Songs ein bisschen was davon drin.

Interview: Erik Brandt-Höge

„Ruins“ ist am 19.1. erschienen (Smi Col/Sony); 10.3., Große Freiheit 36, 20 Uhr

SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze. E-Mail mit Betreff „FAK“ bis 1.3. an verlosung@vkfmi.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburger des Monats: Dominik Bloh

Als Obdachloser kam Dominik Bloh 2015 in die Kleiderkammer, um den geflüchteten Menschen zu helfen, obwohl er selbst Hilfe brauchte. Dort fand er Anschluss und Unterstützung, und wurde Gründungsmitglied des Vereins Hanseatic Help. Mittlerweile hat der 29-Jährige einen Job, eine Wohnung und das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ über seine Geschichte veröffentlicht. Er möchte für die Notleidenden auf den Straßen sensibilisieren

SZENE HAMBURG: Dominik, wenn du einen Wunsch frei hättest, mit dem du dem Leben von Obdachlosen mehr Perspektive geben könntest, welcher wäre das?
Dominik Bloh: Ich würde mir wünschen, dass jeder eine zweite Chance und ein Dach über dem Kopf bekommt.

In „Unter Palmen aus Stahl“ erzählst du von deiner Zeit als Obdachloser. Welche Reaktionen hast du bekommen?
Es gibt fast nur positives Feedback. Ich bekomme ganz viele Nachrichten oder erfahre in Gesprächen, dass tatsächlich Menschen mit anderen Augen durch ihre Stadt gehen und ihre Umwelt bewusster wahrnehmen. Das war auch mein Ziel für das Buch.

Also ist es dir gelungen, Menschen für das Thema zu sensibilisieren …
Vor Kurzem hat mir der Geschäftsführer der Tagesaufenthaltsstätte „herz as“ erzählt, dass er beim Amtsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Olaf Scholz beiden mein Buch geschenkt und ihnen herzlich die Lektüre empfohlen hat. Das finde ich sehr verrückt. Das Buch soll eine Stimme sein für Leute, deren Stimmen nicht gehört werden. Dass jetzt sogar Politiker davon erfahren, ist ein schönes Gefühl.

Viele wissen nicht, wie sie mit einem Obdachlosen umgehen sollen, der um Geld bittet. Man kann ja nicht jedem Geld geben. Was rätst du ihnen?
Es geht immer darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sollten mehr Empathie haben und aufeinander zugehen. Das braucht eine Prise Mut. Wir haben alle unsere vorgefertigten Bilder von Gruppen oder Menschen. Aber ich selbst lerne auch jeden Tag, dass, sobald man ins Gespräch kommt und jemanden näher kennenlernt, sowohl Ängste als auch das Gefühl von etwas Fremden verloren gehen. Und plötzlich werden aus Fremden Freunde. Ich gebe jedem Menschen Geld, der mich fragt. Ich bin nicht der Richter dieser Menschen und entscheide nicht, was sie damit machen. Für mich ist Betteln eine Form von um Hilfe bitten. Das kann mit am schwierigsten sein und deswegen habe ich Demut entwickelt vor Menschen, die das tun. Wer kein Geld geben kann oder möchte, kann trotzdem etwas tun: Das Schönste, was man schenken kann, kostet kein Geld und das sind Aufmerksamkeit und sich auf Augenhöhe begegnen. Ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, kann Hoffnung spenden und zum schönsten Moment des Tages werden.

Oft sind die Menschen aber auch nur in Eile …
Es ist wichtig, dass man etwas tut. Ich kann, wie jeder andere auch, nur bis zu meiner Grenze der Belastbarkeit helfen. Es gibt für mich auch Momente, in denen mir etwas zu viel ist und dann kann ich jemandem auch nicht weiterhelfen. Aber ich weiß, dass ich eine Minute am Tag überhabe. Die stört meine Termine nicht, wenn ich mich entscheide, jetzt hier eine Minute stehen zu bleiben, so gestresst kann ich gar nicht sein.

Aber wäre es nicht höhnisch, wenn man einen Obdachlosen anlächelt, der gerade bettelt?
Ein Lächeln ist kostbar und etwas Positives. Auf der Straße bist du die ganze Zeit mit negativen Gedanken beschäftigt, weil du das Gefühl hast, nicht wahrgenommen zu werden. Dann ist es etwas Besonders, wenn dich jemand anlächelt. Eine der schlimmsten Sachen auf der Straße ist die soziale Isolation, das Gefühl ganz unten zu sein und alle anderen sind darüber. Ich nehme mir die Zeit, jemandem mit Respekt zu begegnen. Für mich ist Respekt der kleinste gemeinsame Nenner im Umgang mit Menschen. Ich muss nicht gut finden, was jemand macht, aber ich respektiere jeden als Mensch. Wenn ich das auf Augenhöhe vermittle, kommt das nicht höhnisch oder zynisch rüber, sondern, dann ist es genau das: eine Geste der Menschlichkeit.

Als 2015 so viele Flüchtlinge ins Land kamen, forderten viele, die eigenen Notleidenden, die Obdachlosen, nicht zu vergessen. Wieso wolltest du trotz deiner Situation sofort helfen?
Menschen, die mal wenig hatten, die geben auch viel, das habe ich gelernt. Wahrscheinlich, weil sie die Erfahrung geteilt haben. In meinem Fall war das so, dass ich gesehen habe, wie die Menschen aus den Kriegsgebieten in der Wandelhalle ankamen. Sie hatten eine schlimme Flucht hinter sich und waren traumatisiert. Sie lagen dort auf Isomatten und ich wusste, wie sie sich fühlten, denn so lebte auch ich damals seit zehn Jahren. Aber ich wusste auch, dass es ein schwieriger Weg für die Menschen wird, hier anzukommen. Im Gegensatz zu mir können sie nicht die Landessprache. Ich wollte mit dem, was ich bereits erfahren hatte, etwas tun für diese Menschen. Am Ende des Tages war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte: Ich habe Gutes getan und seitdem kommt Gutes zurück. Für mich haben sich dadurch Türen geöffnet.

Welche anderen Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit auf der Straße noch gewonnen?
Ich habe gelernt, dass es eine gute Kombination ist, die Wahrheit zu sagen, an sich selbst zu glauben und Gutes zu tun, um ein glückliches Leben führen zu können. In der Vergangenheit habe ich viel gelogen. Jetzt weiß ich, die Wahrheit ist das Wichtigste überhaupt. Und dank meiner Großeltern, die immer an mich geglaubt haben, habe ich dann auch wieder an mich glauben können.

Um ein Leben führen zu können, braucht man aber auch ein bisschen Geld für seinen Lebensunterhalt. Wie bestreitest du den jetzt?
Seit Mitte 2016 habe ich ein Konto, das hatte ich jahrelang nicht. Als ich mein erstes Gehalt überwiesen bekommen habe, war das ein verrückter Tag für mich. Heute habe ich drei Jobs: Ich bin Lehrdozent und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die auch um die 15 und 16 Jahre alt sind, so wie ich früher, als ich zum ersten Mal auf die Straße gekommen bin. Ich sehe heute zum ersten Mal, wie jung ich war, dass eigentlich ein Kind mit zwei Koffern im Park geschlafen hat und morgens in die Schule gekommen ist und sich auf dem Schulklo noch kurz gewaschen hat. Es ist schön, dass ich den Kids jetzt helfen kann. Dieser Job bezahlt meinen Lebensunterhalt. Ich habe aber auch noch einen Job auf der Baustelle, der meine Krankenversicherung bezahlt. Durch das Veröffentlichen meines Buches und Blog Posts im Ankerherz Verlag kann ich die Miete zahlen. Ich habe endlich etwas zu tun.

Damit so viele Jobs auch funktionieren, muss man auch seinen Alltag strukturieren können und Termine einhalten. Fällt dir das schwer?
Das geht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Ich bin stolz, dass ich die Termine mit Buch und Arbeit ganz gut einhalte. Aber dann gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft und ich keine Briefe aufmache. Die Straße ist im Kopf. Sie ist schwer abzuschütteln. Auch das Ankommen ist nicht leicht. Wie ich im Buch schreibe, liegen meine Sachen immer noch in Taschen in der Wohnung und nicht im Regal. Ich schlage mich momentan auch immer noch mit meinen Schulden von früher rum und kann mich noch nicht so richtig auf längerfristige Zeiträume einstellen. Es braucht Zeit. Aber es geht in die richtige Richtung und das ist das Schöne.

Und in welche Richtung soll es sonst gehen? Wie möchtest du zukünftig über Obdachlosigkeit aufklären und informieren oder möchtest du mit dem Thema abschließen?
Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch da draußen sind. Für mich gingen die Türen auf. Mein Ziel ist es, für andere die Türen zu öffnen. Housing First Projekte (Anm. d. Red.: ein neuer Ansatz der Wohnungslosenhilfe, bei dem eine feste Unterkunft an erster Stelle steht, bevor alles andere Bürokratische geregelt wird) und der Duschbus, der durch die Stadt fährt und den Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu waschen, sind mir sehr wichtig. Waschen ist Würde, das ist für mich eins der ganz großen Themen. Ich möchte natürlich auch weiterschreiben. Das mache ich, seit ich ein Kind bin und es gibt noch viel, was ich schreiben kann. Es hat sich also noch nicht ausgeschrieben.

Interview: Melina Seiler

Foto: Jakob Börner 

www.facebook.com/ankerschmerz; „Unter Palmen aus Stahl“, Ankerherz Verlag, 191 Seiten, 20 Euro

Dominik Bloh war elf Jahre lang überwiegend obdachlos. Mit 16 Jahren wurde er von seiner psychisch kranken Mutter rausgeworfen. Trotz Obdachlosigkeit hat er Abitur gemacht. Seit 2015 schreibt er beim Ankerherz Verlag einen Blog über das Leben auf der Straße


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!