Filmperle im März: Die letzten Männer von Aleppo

Am 16. März startet der preisgekrönte Film „Die letzten Männer von Aleppo“ in den Kinos

Zu alltäglich sind die Bilder zerbombter Häuser, zahl- und gesichtsloser Verletzter und Toter in Syrien geworden, als dass sie noch wirklich betroffen machen würden. „Die letzten Männer von Aleppo“ setzt einen Gegenpol, ein filmisches Statement gegen die Alltäglichkeit des Grauens.

Filmemacher Feras Fayyad und sein dänischer Co-Regisseur und Cutter Steen Johannessen haben fast zwei Jahre lang drei Männer der zivilen Hilfsorganisation “Weißhelme” bei ihren Rettungsversuchen in den Trümmern von Aleppo begleitet. Die daraus entstandene Doku zeigt nicht nur das Grauen, die Verzweiflung und Trauer der Einwohner von Aleppo. Sie ist auch ein eindringlicher Schrei eines gemarterten Volkes nach Hilfe. Sehenswert und eine unserer Filmperlen im März. / MAS

ab 16.3.2017 im Kino 

Foto: Rise And Shine Cinema

Serie: Eimsbüttel. Das Tauschhaus

Seit mehr als zwei Jahren ist das Tauschhaus in der Stellinger Straße Sinnbild für eine faire und gute Nachbarschaft im Viertel

Vom Tisch zum Haus – die Fundgrube am Stellinger Weg hat sich gemacht. Aus dem ehemaligen Tauschtisch ist inzwischen eine kleine überdachte Hütte geworden – ordentlich sortiert und mit Aushängen und Zeitungsartikeln verziert.

Aber erst einmal zur Sache. Was ist ein Tauschhaus?

Seit zweieinhalb Jahren tauschen in dem kleinen, grün angemalten Unterstand Anwohner im Viertel Klamotten, Bücher oder kleine Schnick-Schnack-Teile. Die Idee kommt an. An manchen Tagen bilden sich sogar kleine Menschentrauben vor dem Häuschen. Was so nett und nachbarschaftlich daher kommt, ist natürlich oftmals eine Angriffsfläche für Vandalen und zerstörungswilliges Publikum. Im Stellinger Weg weiß man sich zu helfen. Dank freiwilliger Helfer ist Vandalismus schon längst kein Problem mehr.

„Wir kommen immer mal für ein paar Stunden her und sehen nach dem Rechten“, sagen Peter (70) und Steve (55). „Es gibt natürlich noch mehr Helfer, mit denen wir uns abwechseln. Hier soll alles so schön bleiben, wie es ist.“ Es sei ein faires Geben und Nehmen, sagen sie. „Die meisten Leute sind sehr rücksichtsvoll. Wer etwas mitnimmt, bringt meistens auch etwas anderes.“

Das Tauschgeschäft stand im vergangenen Jahr noch vor dem vorläufigen Aus. Das Bezirksamt Eimsbüttel wollte ihm ein Ende bereiten, da keine Sondergenehmigung vorlag. Die besorgte dann aber kurzerhand der Guerilla-Gärtner Andreas Böhle. Der hatte sich im Vorfeld bereits für ein „wildes Blumenbeet“ im Viertel stark gemacht hatte. Jetzt blüht hier auch der Tauschhandel. Fair und unkompliziert.

Ein Viertel ist eben immer das, was seine Bewohner daraus machen. / NH / Foto: Philipp Jung

 

 

60 Jahre Savoy. Die Geburtstagsfeier

Mit den zahlreichen Hamburger OV-Freunden feiert das Kino am 14. März 2017 sein 60-jähriges Bestehen – und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück

Savoy

Das Savoy Filmtheater von Innen.

Im Sommer wurde das traditionsreiche Filmtheater Savoy am Steindamm in Hamburg wiedereröffnet. Als Kino für Filme in der Originalversion erfreut sich das Filmtheater seitdem eines großen und stetig weiter wachsenden Stammpublikums. „Der Kinosaal
des SAVOY ist beeindruckend und einer der schönsten Filmtheatersäle Hamburgs“, schwärmt einer, der es wissen muss: Hans-Joachim Flebbe.

Als er das Kino übernahm, hatte es seit der zwischenzeitlichen Bespielung durch das Metropolis-Kino leer gestanden. Der Kino-Visionär glaubte aber an den Standort und an den Erfolg – mit Originalversionen.

Flebbe investierte und legte die Leitung des Kinos in die Hände von Gary Rohweder, der als ehemaliger Teaterleiter des Streit’s Filmtheaters unter den Freunden von originalsprachlichen Filmen in Hamburg bereits bestens bekannt war. Mit dem neuen Savoy schuf Hans-Joachim Flebbe ein besonderes Kino. Per Digitalprojektion inklusive D-Technik und mit einer aufwendigen Tonanlagen wird die riesige Leinwand bespielt. Zeitweise, sofern verfügbar, sogar mit Filmen auf 70 mm – ein Alleinstellungsmerkmal in der Hamburger Kinoszene.

Davor genießt das Publikum auf bequemen Ledersesseln mit beweglichen Rückenlehnen und großem Reihenabstand die Filme – und kann im Logenbereich sogar die Füße hochlegen wie zu Hause auf dem Sofa. Darüber hinaus zählen eine Garderobe und ein Lounge-Bereich mit Bar zu den Glanzpunkten des „neuen Savoy“.

TODD-AO.Darum erlebt der analoge 70mm-Film seinen zweiten Frühling

Savoy

Bild aus dem Jahr 1958

Als „modernstes Filmtheater Europas“ war das Savoy zur Eröffnung der erste Todd-AO-Filmpalast. Die Filme werden auf einer stark gekrümmten Leinwand gezeigt, was dem Todd-AO-Verfahren extrem guttat. Das Publikum sitzt so scheinbar mitten im Geschehen.

Aber was genau heißt TODD-AO? Der Name Todd-AO ist auf den Erfinder Michael Todd zurückzuführen. Er hatte damals für und mit der American Optical Co. (AO) das Breitwandverfahren entwickelt.  Dabei wurde mit Weitwinkel-Objektiven auf 65mm-Negativfilm gefilmt, auf 70mm-Film kopiert und auf eine gekrümmte Großbildwand projiziert. Der Vorteil: die Bildqualität, die im vollen Format Auflösungen bis 16k erreichen kann.

Allerdings ist die Produktion sehr teuer, weshalb das Verfahren nur noch sehr selten angewandt wird. Quentin Tarantino zum Beispiel verhalf der Technik zu einem zweiten Frühling und drehte seinen Film „ The Hateful Eight“ mit analoger Kamera.

Dieser 70mm-Film wurde deutschlandweit nur in vier Kinos überhaupt gezeigt, darunter das Savoy. Denn das hatte zum Filmstart erneut einen 70mm-Projektor installiert. Mit „Dunkirk“ kommt im Sommer voraussichtlich der nächste 70mm-Neustart ins Savoy, das in Hamburg mit dieser Projektion das einzige Kino ist.

Darüber hinaus ist aber auch geplant, Klassiker in 70mm zurück auf die große Leinwand zu bringen. „Das Thema ist für uns eine tolle Verbindung zur Geschichte und Tradition des Hauses, auf dieses Alleinstellungsmerkmal sind wir sehr stolz“, freut sich auch Theaterleiter Gary Rohweder. Und das kann er auch sein – in der Tat kann kein anderes Kino in Hamburg noch den analogen 70mm-Film, der von Filmemachern auch als „Camera Porn“ bezeichnet wird.

Savoy

Quentin Tarantino ist übrigens nicht der einzige, der wieder auf diese Technik setzt. Auch Christopher Nolan filmte „Interstellar“ analog und begeisterte die Cineasten. „Analoger Film hat etwas Magisches“, sagte Tarantino damals. Und diese Magie fehle dem digitalen Film.

Die Geburtstagsfeier

Savoy

Savoy Filmtheaterleiter Gary Rohweder. Foto: Philipp Jung

Am Dienstag, dem 14. März 2017, will Theaterleiter Gary Rohweder ab 18 Uhr mit seinen Gästen auf das Jubiläum anstoßen. Um 20 Uhr zeigt das Savoy „Das Boot“ als Director’s Cut. Zeit, abzutauchen in magische Kinowelten. Happy Birthday!

Fotos: Savoy / Philipp Jung (Porträt Gary Rohweder) 

 

 

 

gute aussichten in den Deichtorhallen

Im 13. Jahr von gute aussichten wählte die Jury sieben Arbeiten aus. Vom 10.3- 1.5.2017 sind sie in den Deichtorhallen zu bewundern

77  Einreichungen aus 32 Institutionen erreichten die Jury des Wettbewerb gute aussichten – junge deutsche fotografie 2016/2017.  Und das sind die Gewinner

gute aussichten

Foto Miia Autio, Variation of White, www.guteaussichten.org

Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld

Dunkelhäutige Frauen und Männer in bunter Kleidung bevölkern die Porträts von Miia Autio und verorten diese Menschen in unserem westlichen Blick nahezu instinktiv in Afrika. Irritation erregt jedoch sofort ein roter Punkt an der immer gleichen Stelle.

Auch die röntgenartige Optik, die sich in „unser“ Bild drängt, signalisiert, dass unser Eindruck und der wahre Bildgegenstand vielleicht nicht übereinstimmen. Denn nicht das Positiv, sondern das Negativ wurde für den Abzug verwendet. Und dieses sorgt dafür, dass wir schwarze Menschen sehen, die in Wirklichkeit weiß sind. Ein genetischer Defekt hat aus ihnen Albinos gemacht, was in Tansania mit dem Glauben an magische Kräfte verknüpft ist und die Betroffenen zu Außenseitern der Gesellschaft stempelt.

So behandelt ‚Variation of White‘ in erster Linie das sub­jektive Sehen und das Entstehen von Bildern in unserem Kopf, das nach vergleichbaren Mustern abläuft wie die Bildung von Vorurteilen.

gute aussichten

Foto Chris Becher, Boys, www.guteaussichten.org

Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln

Um vorgefertigte Bilder und klischeebehaftete Meinungen geht es in ‚Boys‘ von Chris Becher. Dieses Sujet ist ein besonderes Minenfeld, denn Menschen, die professionell ihren Körper anbieten, umgibt in der Vorstellung der „Normalbürger“ ein schmuddeliges, zwiespältiges Image.

Es ist schnell die Rede von einem halbseidenen Milieu mit zwielichtigen Protagonisten. Dabei handelt es sich um ein Gewerbe, das so alt sein dürfte wie die Welt. Je nach kulturhistorischem, politischem oder religiösem Kontext schwankt die öffentliche Meinung zwischen Akzeptanz, Ablehnung, Kriminalisierung oder Verfolgung. All dieses hat Chris Becher mit seiner fotografischen Feldstudie elegant umschifft.

Indem er uns männliche Sexarbeiter auf gleicher Augenhöhe in sachlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt, lenkt er unseren Blick auf die Menschen, die im Fokus seiner Untersuchung stehen. Und indem er jegliche Bewertung bewusst vermeidet, öffnet er auch unseren Blick für eine wertfreie Betrachtung.

gute aussichten

Foto Carmen Catuti, Marmarilo, www.guteaussichten.org

Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Marmor, Gold, Samt und Seide sind Materialien, die in sakralen Kontexten zur Inszenierung von Heiligkeit und Spiritualität dienen. Ihre Kostbarkeit illustriert göttliche Allmacht und Präsenz.

Hinzu gesellt sich ein Kanon von Formen, Gesten und Haltungen, der sich im Lauf der Jahrhunderte in der christlichen Bildpraxis etabliert hat. Auf dieses Dreigespann aus Material, Geste und Form referiert ‚Marmarilo‘ (georgisch für Marmor). Gegliedert in zwölf Werkgruppen, befragt, zitiert und interpretiert Carmen Catuti die Zeichensprache religiöser Repräsentanz.

So schimmert das Blau als Verweis auf das Göttliche im Bildnis einer jungen Frau, in einem Faltenwurf oder als Dekor für liturgische Artefakte. Gegenspieler ist das Rot, in der Bibel die Farbe für Sünde und Sühne, verknüpft mit Strafe, Krieg und Tod. Im Rot schließt sich der Kreis, ganz im bildhaften Sinne des Wortes – als Metapher und als Versprechen des Ewigen.

gute aussichten

Foto Andreas Hopfgarten, Die Weltesche Yggdrasil, www.guteaussichten.org

Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Aus Briefen, Dokumenten, Erzählungen, Fotos und anderen Fundstücken konstruierte Andreas Hopfgarten‚ ,die verlorene Erinnerung‘ seiner Familie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach.

Ein hybrides Puzzle mit vielen Leerstellen, das er, einem Archäologen gleich, Stück für Stück ausgräbt, zusammensetzt und mit eigenen Bildern und Objekten füllt. Hopfgartens Vorgehensweise kann als exemplarisch gelten, speist sich unsere Erinnerung doch aus einer Vielzahl von Bruch- und Versatzstücken gelebten Lebens.

Sich erinnern ist nie ein faktischer Akt, sondern ein Hineintauchen in die Sedimente unserer Seele. Dorthin, wo wir Angst, Freude, Glück, Liebe, Schmerz und Verlust vergraben, alles  Erlebte speichern wie in einer Blackbox. Ein Geruch, ein Klang, ein Bild vermögen diese Box zu öffnen und uns zu vergegenwärtigen, dass Erinnerungen tief verwurzelt sind in unserem Sein ­– wie die ‚Weltesche Yggdrasil‘, der Weltenbaum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreift.

gute aussichten

Foto Holger Jenss, Last Chance Junction, www.guteaussichten.org

Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel

Ein weißer Europäer fährt nach Afrika – das erweckt in uns Bilder von Forschern und Eroberern, von „Wilden“, denen Kolonialisten Kultur brachten, von Versklavung, Hunger und Krieg, von Dr. Grzimek, Safari und postkolonialer Afrikaromantik.

Nichts von alledem hat Holger Jenss aus Ghana mitgebracht, und doch steckt all das in ‚Last Chance Junction‘. „Critical Whiteness“ ist eines der Stichwörter, dem Jenss auf die Spur kommen wollte. Er war in Ghana die Minderheit. Der Weiße, der mit einem Blick nach Afrika kommt, in den unausweichlich all jene Bilder eines Kontinents geflossen sind, der seit der Antike von fremden Mächten heimgesucht wird. So setzt sich Jenss in (selbst)ironischer Weise mit diesen Sedimenten unseres kollektiven (Bild-)Gedächtnisses auseinander und nimmt dabei nicht nur seine eigene kulturelle Aneignung, sondern auch die kuriose Verinnerlichung der weißen Kultur seitens der Afrikaner aufs Korn.

gute aussichten

Foto Quoc-Van Ninh, Tenebrae, www.guteaussichten.org

Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Was aktuell moralisch wie politisch für gehörigen Sprengstoff sorgt und zwischen den verschiedenen Fronten zu einem Granulat aus bizarren An- und Aussprüchen zermahlen wird, betrachtet Quoc-Van Ninh in ‚Tenebrae‘ trotz seiner inneren Zerrissenheit mit einer gewissen Gelassenheit. Er hat die gratwandlerische Aufgabe, sich zwischen drei verschiedenen Kulturkreisen zu bewegen: Sein Vater ist Vietnamese, seine Mutter aus China und er in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Es begleite ihn stets ein Gefühl der Fremde, sagt er, und ich möchte ihm zurufen: „Mich auch!“, bin ich mir doch gar nicht so sicher, ob ich stets auf jene Kultur referieren möchte, die qua Geburt und Familienhintergrund nur deutsch ist.

Quoc-Van Ninh ist gerade ob dieses Hin-und-her-Geworfenseins ein gelungenes Beispiel dafür, dass Integration immer dann gelingt, wenn nicht verlangt wird, alle „fremden“ kulturellen Wurzeln zu kappen. Die subjektive Verortung ist bisweilen unbestreitbar schwer, aber sie ist integrativer Bestandteil jeder Sozialisation. Es ist gut, Quoc-Van Ninh in die dunkle Welt seines gefühlten Andersseins zu folgen,erzählt sie uns doch in jedem Fall auch etwas über uns selbst.

gute aussichten

Foto Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org

Julia Steinigeweg // Ein verwirrendes Potenzial // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Puppen haben eine lange Tradition – im Kinderzimmer wie in der Kunst. Im Kinderzimmer wird spielerisch das Leben an ihnen geübt. In der Kunst dienen sie als Modell, als Artefakt oder Objekt, als Projektionsfläche oder als lebensechte Skulptur. Julia Steinigeweg untersucht ein Phänomen, das irgendwo dazwischen angesiedelt ist: Lebensgemeinschaften mit Puppen – als Partner- oder Kindersatz, möchte man instinktiv hinzufügen und bezweifelt sogleich, ob dies so stimmt.

Viele Gründe können Menschen dazu bewegen, ihr Leben mit einem lebensechten, aber nicht lebendigen Gegenüber zu verbringen. Die Rollen zwischen Mensch und Puppe jedenfalls sind klar verteilt. Einerseits. Anderseits stellt sich die Frage, in welche Art der Beziehung ein erwachsener Mensch zu einem leblosen Objekt treten kann und will. Und wie reagieren wir auf ein solches Phänomen? Kinder jedenfalls lieben und hassen ihre Puppen, behandeln sie wie ihresgleichen und benehmen sich ihnen gegenüber manchmal auch sehr schlecht. Also durchaus: ‚Ein verwirrendes Potenzial‘.

Haus der Fotografie in den Deichtorhallen, 10. März bis 1. Mai 2015

 

Tipp: Der Katalog zu gute aussichten – junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017 stellt die sieben Preisträger und ihre Arbeiten in Wort und Bild vor. Stefan Becht & Josefine Raab (Herausgeber),  224 Seiten, über 380 Abbildungen, 24,90 Euro, Sieveking Verlag, München

#wirfueraltona. Die Crowdfunding-Aktion von Altona93

Altona 93 hat Großes vor: Der Traditionsverein möchte ein neues Vereinshaus im Sportpark Baurstraße bauen. Bis zum 15.03.17 läuft die Crowdfunding-Aktion 

Ein Treffpunkt für alle Kids aus dem gesamten Stadtteil soll im Sportpark Baurstraße entstehen.  Dazu startet am 4.3. 2017 unter kicker-crowd.de/#!wirfueraltona eine Crowdfunding-Kampagne. Ziel ist es, 250.000 Euro zu sammeln –  in elf Tagen. 

„Die Anlage soll zum Herzstück des Vereins und des Stadtteils werden. Wir möchten einen Treffpunkt für echte soziale Kontakte schaffen, fernab von Tablet, TV und der Straße. Und zwar für Jung und Alt, Arm und Reich, sozial stark und schwach – eben als Spiegelbild der Bevölkerungsstruktur von Altona“,beschreibt Dirk Barthel, 1. Vorsitzender von Altona 93, das Vorhaben. „Bis dato sind fast alle unsere Mannschaften auf verschiedenen Plätzen im Stadtteil verteilt aktiv. Dieser ungute Zustand wird sich mit der Eröffnung der neuen Kunstrasenplätze an der Baurstraße endlich ändern. Und dort, wo der zentrale Punkt der sportlichen Aktivitäten ist, muss zwangsläufig auch die zentrale Anlaufstation, nämlich das Vereinsheim, entstehen.“
Die Kampagne läuft noch bis zum 15. März 2017. Mitmachen können alle Unterstützer unter dem Link www.kicker-crowd.de/#!wirfueraltona
Der Altonaer Fussball-Club von 1893 e.V. ist DFB Gründungsmitglied und zählt aktuell über 1000 Mitglieder, davon etwa 500 Jungen sowie über 200 Mädchen und Frauen, die damit die größte Frauenfußballabteilung Hamburgs darstellen. Mehr über den Verein erfahrt ihr auf der Website.

Serie: Eimsbüttel. Der Delphi Showpalast

Früher Glitzer-Partys, heute Familien-Revues und Firmenfeiern: Wie aus dem Trinity der Delphi Showpalast wurde

Samstagabend war Diskozeit. Vor dem Trinity an der Eimsbütteler Chaussee glitzerte es, hell bis grell bekleidete Menschen stiegen aus Limousinen direkt ins Scheinwerferlicht, das wie ein Heiligenschein über dem Club-Eingang lag. Wer hier her kam, dem war Glamour garantiert, ach was: ein ganzer Glamour-Palast.

Als eine Art Hamburger „Studio 54“ war das Trinity geplant. Auch in Eimsbüttel sollten ausschweifende Promi-Partys mit Nebel- und Lasershows stattfinden, selbst wenn 1978, als der Trinity-Startschuss fiel, die Hansestadt alles andere als eine Disko-Metropole, sondern vielmehr für Rockmusik bekannt war. Es passierte also etwas, und die erhofften Stars und Sternchen kamen, ob Grace Jones (der Legende nach nackt auf einem Schimmel einreitend) oder Madonna (angeblich mit einer Schampus-Bestellung, für die auch noch die benachbarten Bars leergekauft werden mussten). Sogar Depeche Mode traten 1982 im Trinity auf, Eintrittspreis: 15 Mark an der Abendkasse.

Soweit, so die große Zeit des Trinity. Womit die Betreiber nämlich nicht gerechnet hatten: mit den 90ern. Menschen wie Michael Ammer hatten es vom Trinity-Türsteher bis zu ungekrönten Feierkönigen der Stadt gebracht. Ausgeh- und Musikvorlieben änderten sich. Drogen wurden der neue Pop. Und die Geschäftemacher der 54-Kopie waren sich immer uneiniger. 1992 wurde der einst so schimmernde Club endgültig dicht gemacht.

Delphi Showpalast

Einst floss hier der Champagner in Strömen: der Delphie Showpalast. Foto: Philipp Jung

Wenn der Vorhang fällt

Der letzte Trinity-Vorhang war gefallen – nicht aber der finale für die Räumlichkeiten. Das Trinity – vor der Disko-Ära bereits Kino und Tanzsaal – wurde umgebaut, ja geradezu runderneuert und heißt seit nunmehr 17 Jahren Delphi Showpalast. Das Ehepaar Angela und Horst Altlinger hatte übernommen und aus dem Dancefloor ein Bankett gemacht, mit Tischen und Stühlen für rund 300 Besucher sowie 140 weiteren oben auf den Rängen. Das groß angelegte DJ-Pult war einer noch größeren Bühne gewichen, auf der fortan eine Musikrevue stattfand. Die momentane Produktion: „Forever Young“, mit Ensemble-Mitgliedern wie Ex-„Deutschland sucht den Superstar“-Sieger Mehrzad Marashi und der ebenfalls ehemaligen TV-Castingshow-Teilnehmerin Silvia Amarú. Auch zu sehen auf der Delphi-Showbühne ist Sohn Aron Altlinger (Foto). „Ich bin hier aufgewachsen“, erzählt der 24-Jährige mit Stolz in den Augen, „war schon zu Schulzeiten jeden Abend in den Shows. Mit 13 stand ich zum ersten Mal selbst auf der Bühne, spiele bis heute auch bei den Vorstellungen mit, genau wie meine Eltern.“

Mit „Wie krass bist du denn“ gibt seit einigen Wochen auch noch eine regelmäßig stattfindende Talentsuche im Delphi.

Comeback als Mini-Las-Vegas

Neben den Auftritten plant Aron alles, was im Delphi-Gastrobereich passiert, hilft am Tresen und an den Tischen, ist im Ticketverkauf involviert. Die Jahre im Showpalast empfindet er als enorm bereichernd, wenn auch nicht als derart spannend, wie es sich Außenstehende womöglich vorstellen: „Klar habe ich hier die ein oder andere Privatparty gefeiert. Es ist schon cool, wenn man zu seinen Freunden sagen kann, ‚komm, wir gehen noch zu mir!’, und dann ist da eine eigene Bar mit Tanzmöglichkeit. Allerdings konnte und kann ich hier nie nur ans Feiern denken, dazu ist das alles in meinem Kopf zu sehr mit Arbeit verknüpft.“ Und die wurde zuletzt nicht weniger. Mit „Wie krass bist du denn“ gibt seit einigen Wochen auch noch eine regelmäßig stattfindende Talentsuche im Delphi. Sänger, Tänzer, Comedians, Clowns – hier können sich angehende Bühnenstars erstmals vor Publikum und einer Jury beweisen, in der einer natürlich nicht fehlen darf: „DSDS“-Marashi. Außerdem können Firmen den Laden für ihre Feiern nutzen und einen Abend lang im Mini-Las-Vegas von Eimsbüttel bespaßt werden. Spätestens dann kommt er wieder ein wenig auf, der alte Disko-Charme. „Neulich haben wir eine Party für eine polnische Gruppe veranstaltet. Es gab sieben Stunden Live-Musik, der Wodka floss in Strömen, eine wirklich wilde Nacht“, sagt Aron.

Ob er das alles für immer machen und Delphi ganz übernehmen möchte, weiß er noch nicht. Derzeit studiert er nebenher noch BWL. Keine schlechte Basis, um die Show-Geschäfte auch in Zukunft am Laufen zu halten.

Text: Erik Brandt-Höge / Fotos: Philipp Jung

Szene testet. Cantina Popular im Schulterblatt

Geil geschmortes Fleisch, gegrillte Herzen und richtig guter Fisch – in der Cantina Popular wird lateinamerikanische Küche neu interpretiert. Wer hätte gedacht, dass ein Autor und ein Ex-RAF Terrorist so viel Ahnung von gutem Essen haben?

Reservieren ist laut der Facebook-Infoseite der Cantina Popular (Lesen! Geschrieben von Heinz Strunk himself.) „nur was für Trottel“.

Um gut eine Woche nach der Eröffnung trotzdem einen Platz zu ergattern, betreten wir zur besten Rentner-Abendbrotzeit den neuen „Place to be“ am Schulterblatt. Betrieben wird das neue Restaurant vom „Who is Who der Hamburger Opinion Leader und Influencer:“ Cristián Orellanus (Küchenchef. Foto oben), Heinz Strunk (Autor) Karl Heinz Dellwo (Verleger, Dokumentarfilmer, Ex-RAF-Terrorist), Alvaro Pina und Maria Endrich (beide Bistro Carmagnole). Als wir hereinkommen, steht Orellanus am Herd. Von den anderen steht oder sitzt niemand herum. 

Das fein abgeschmeckte Ceviche aus Adlerfisch (10,50 Euro) besticht durch Leichtigkeit und säuerliche Frische und wird durch die cremig-runden Pürees aus Süßkartoffel, Erbse und Mais wunderbar ergänzt; das beste Ceviche, das ich bisher in Hamburg gegessen habe.

Während wir uns über das Mais-Jalapeño-Brot mit Tomatensalsa hermachen und dabei überlegen, wie das nur mit der Resozialisierung von Karl-Heinz Dellwo jemals etwas werden soll, wenn er nicht zur Arbeit erscheint (das Hamburger Abendblatt berichtete), erklärt uns unser Kellner, wie das mit dem Essen in der Cantina so läuft: Die Portionsgrößen seien dem Tapas-Prinzip angepasst: Pro Person also einfach zwei bis drei Gerichte bestellen und alles in die Mitte des Tisches stellen, dann kann das fröhliche Teilen beginnen. Grundsätzlich versteht man hier, wie Service funktioniert. Unser Kellner ist ein flinker und kompetenter Kerl, der geduldig all unsere Fragen zu unbekannten Zutaten beantwortet.

Ceviche Vegetariano

Ceviche Vegetariano

Aus der offenen Küche kommt schon nach kurzer Zeit eine Vielfalt ästhetisch angerichteter Speisen an unseren Tisch. Das fein abgeschmeckte Ceviche aus Adlerfisch (10,50 Euro) besticht durch Leichtigkeit und säuerliche Frische und wird durch die cremig-runden Pürees aus Süßkartoffel, Erbse und Mais wunderbar ergänzt; das beste Ceviche, das ich bisher in Hamburg gegessen habe. Dass sich in der Küche der Cantina jemand mit Fischqualität auskennt, schmeckt man auch beim Biolachs mit Wakamesalat (12,50 Euro) sowie beim in weißer Misopaste mariniertem und anschließend gebratenem Pulpo (10,50 Euro). Doch auch an der Fleischfront sieht es gut aus: Die geschmorte Querrippe vom Biorind (8 Euro) ist mega gewürzt und butterweich – aber auch rustikal, wie es im Buche steht. Soll heißen: Wer nicht mit Fett und Knochen an seinem Fleisch umgehen kann, sollte lieber etwas anderes bestellen. Kühn und beschwipst vom süffig-leichten Sauvignon Blanc (5 Euro pro Glas) wagen wir uns sonst so filetverwöhnten Kinder an die Grillspieße mit Bio-Rinderherzen (8 Euro).

Cantina Popular

Ceviche Mixto Caliente a la Chalaca

Unser Mut wird belohnt: Das Muskelfleisch ist schön kross und außergewöhnlich gut gewürzt. Dass man Innereien isst, schmeckt man erst im Abgang. Eine Erfahrung, die einem beim nächsten Metzgerbesuch hoffentlich experimentierfreudiger werden lässt. Meine Begleitung und ich sind begeistert.

Ein Essen soll man aber ja bekanntlich nicht vor dem Nachtisch loben. Leider kommt der in Form eines kühlschrankkalten Tiramisu de Bacuri daher. Ein sabschiges Stück Dessert, bei dem sich von oben klümpchenweise Kakaopulver in die weiße Creme frisst, während sich unten – der Bacuri-Frucht sei dank – die Sahne zu einem weißen See auf dem Teller verflüchtigt. Muttis, die chefkoch.de für den heiligen Gral des Internets halten, hätten vermutlich ein ansehnlicheres Tiramisu auf den Teller gebracht. Auf Nachfrage verheimlichen wir unsere Abneigung gegen den letzten Gang nicht. Dass wir das Tiramisu deshalb nicht zu zahlen brauchen, ist fair.

Cantina Popular

Kantinengefühl hat bei Deckenschmuck wie diesem keine Chance

Kantinengefühle kommen in der Cantina Popular übrigens nicht auf. Im Gegenteil: Bunte Farben und Fliesen sowie gedämmtes Licht sorgen für eine warme Stimmung. Ein paar Polstermöbel statt Holzstühle hätten dem Restaurant in puncto Gemütlichkeit trotzdem nicht geschadet. Das schwarz-goldene Besteck hat aber so viel Stil, dass man das zwischenzeitlich vergisst und einfach ganz und gar entzückt ist von dieser kulinarischen Schanzenperle. / Jennifer Meyer / Foto: www.seren-dal.com)

Cantina Popular: Schulterblatt 16 (Sternschanze), Telefon 65 06 52 55, Mo-Do 17–22.30, Fr-Sa 17–23.30 Uhr


Jenny Meyer Essen + TrinkenSteckt gerade mitten im Kulinarik-Wahn: Jennifer Meyer bereitet gemeinsam mit Kollegin Sybille Fischer die Szene Hamburg Essen + Trinken vor.

Serie: Eimsbüttel. Die Lenzsiedlung

Früher als „Ghetto“ verschrien, sind die Blocks von Eimsbüttel heute Orte mit Perspektive. Zahlreiche soziale Projekte haben das Leben in der Lenzsiedlung nachhaltig verändert

Sie schleppen Müll heran, säckeweise leere Plastikflaschen, zerknülltes Papier und Zigarettenkippen. Auf den Wegen, Vorgärten und Spielplätzen verstreuen sie das Zeug. Dreck für das Ghetto, in dem es schon lange keinen Dreck mehr gibt, ja das nicht mal mehr ein Ghetto ist. Mitarbeiter einer Filmproduktionsfirma bereiten die Kulisse für einen Krimi vor, der hier, in der Siedlung zwischen Eidelstedter Weg, Julius-Vosseler-Straße und Lenzweg gedreht werden soll. Nicht der erste Fall von Verdrehung der Tatsachen, den „das Quartier“, wie Ralf Helling (Foto), Diplompädagoge und seit sechs Jahren der Geschäftsführer von „Lenzsiedlung e.V.“ – Verein für Kinder, Jugend und Gemeinwesen – das raketenförmige Areal nennt.

Lenzsiedlung

Foto: Philipp Jung

Immer wieder würden Fernsehteams anrücken, um Schauermärchen zu inszenieren. Die gebe es hier allerdings schon lange nicht mehr, und überhaupt: „Der einst so schlechte Ruf ist von außen entstanden, wohl auch zur eigenen Erhöhung des Rests von Eimsbüttel“, so Helling. „Man brauchte wohl etwas, das weniger wert war als das eigene Dasein. Fakt war: Die Gastarbeiter, die in den 80er Jahren hierher kamen, stammten vorwiegend aus Anatolien und verfügten nicht über eine besonders gute Bildung, wurden vom Staat aber auch nicht weiter gefördert, sondern als hoffnungslose Fälle betrachtet. Eine extreme Ausgrenzung war die Folge, dafür konnten die Menschen hier gar nichts. Sie mussten aber darunter leiden.“

Hamburger Dichtemodell

Los ging es in der Lenzsiedlung schon einige Jahre zuvor, genauer: 1974, als das Hamburger Dichtemodell Schule machte, also die Idee von zahlreichen Neubauten rund um die großen Bahnstationen der Stadt. Der U-Bahnhof Lutterothstraße bot sich hierfür geradezu an, gab es doch ein riesiges Grundstück im unmittelbaren Umfeld, auf dem Mitte der 70er ausschließlich Schrebergärten lagen. Die Umstrukturierung des Gebiets war eines Leichtes, und so wurden bis 1979 insgesamt 60 Wohnblöcke mit bis zu 15 Geschossen für rund 3.000 Menschen gebaut. Auf einer Fläche von 7,6 Hektar entsprach das in etwa der Einwohnerdichte von Mexiko City – ein enormer Kontrast zum anschließenden, sich allein durch sein Gründerzeit-Äußeres deutlich unterscheidendes Eimsbüttel. Und die Nachfrage für die 1.200 Block-Wohnungen – die meisten von ihnen sozial gefördert – groß. Henning: „Damals hatte es durchaus etwas, in einer solchen Neubausiedlung zu wohnen – auch für Mittelstandsbürger. Hier lebten zunächst fast nur Deutsche. Erst mit dem Zuzug der Gastarbeiter Anfang der 80er Jahre veränderte sich das Mieterbild.“ Und nicht nur das.

Blick ins Blaue. Auch in der Lenzsiedlung ist die Entwicklung der Mieten ungewiss. Foto: Philipp Jung

Blick ins Blaue. Auch in der Lenzsiedlung ist die Entwicklung der Mieten ungewiss. Foto: Philipp Jung

„Irgendwann entspricht man seinem Image“

Zwei Drittel der Bewohner stammten fortan aus der Türkei, aus Pakistan, Afghanistan, dem Iran, Russland. Es entstanden Communitys, und in der Siedlung wurde weniger das friedliche Miteinander als Kriminalität gefördert. Hinzu kam eine Perspektivlosigkeit, die in Hellings Augen aus der Unaufmerksamkeit der Politik, aber auch aus dem Nichtschaffen von Freizeitprogrammen innerhalb der Siedlung resultierte. Ein weiterer Fehler: Im Mittelteil des Hochhaus-Komplexes sollte ursprünglich ein Einkaufszentrum errichtet werden, auch ein Wochenmarkt regelmäßig stattfinden, für Mieter und als Lockmittel für alle anderen Eimsbütteler, die sich sonst kaum zwischen die Blocks trauten. Es kam jedoch lediglich zu einem Supermarkt am Rand der Betonriesenreihen (heute SAGA-Büroräume; Anm. d. Red.) – und auch der ging nicht ganz auf. „Es gab Fälle, da kamen Jugendliche von der Schule und stürmten zu Dutzenden den Laden, nahmen einfach alles mit, was sie haben wollten“, erzählt Ole Müller, der heute in der Lenzsiedlung den Kinder- und Jugendbereich koordiniert. Müllers Erklärung gleicht der von Helling: „Es ist dieses grandios schlechte Stigma, das von außen an die Siedlung heran getragen wurde. Die Erfahrung zeigt: Je schlechter man gemacht wird, umso mehr entspricht man seinem Image irgendwann auch.“ Die Lösung der Quartiersverantwortlichen: Neuerungen auf allen Ebenen.

„Wir sind immer eine Option für die Menschen hier“

Im Jahr 2000 gab es eine Bestandsaufnahme: Wer wohnt in der Lenzsiedlung? Woher kommen die Menschen? Welchen Status haben sie? Welche Wünsche und Bedürfnisse bestehen? Neben der Pflege des Äußeren, von Grünflächen über den großen Spielplatz im Innenhof bis zur Farberhellung der Häuserfassaden, kümmerten sich rund 20 Haupt- und Ehrenamtliche um ein breites Angebot für alle Altersklassen, speziell für Kinder und Jugendliche. Clubhäuser, Bolzplätze, Computerräume, Tonstudios, Werkstätten, Cafés: Fortan wurde weitergedacht, wenn es darum ging, Probleme in der Siedlung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Müller: „Seit den frühen 00er Jahren machen wir eine gute sozialpädagogische Arbeit. Wir sind immer eine Option für die Menschen, die hier leben, auch für die Eltern, die viele Dinge selbst nicht schaffen können, weil z.B. ein Teil arbeitet und der andere mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Als wir aktiv wurden, funktionierte dieses Dorf wieder.“

Lenzsiedlung

Anil in der Gesangskabine. Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Foto: Philipp Jung

„Ist doch voll gut hier“

Das sagen auch Anil und Can, beide 21, beide in der Lenzsiedlung aufgewachsen. Im Musikraum, zwischen E-Gitarren, Schlagzeug und Gesangskabine, sitzen sie auf einem zerknautschten Ledersofa, zwischen ihnen glänzt eine überlebensgroße Zeichnung des US-Rappers Jay-Z an der Wand. „Ich war immer hier“, meint Can und grinst, als er sich die alten Fotos ansieht, die rund um das große Idol kleben: Jungs in breitbeinigen Posen am Mikrofon. Und Anil: „Ist ja auch voll gut hier, keine Ahnung, wo ich sonst hingegangen wäre.“ „Ole hat uns immer aufgemacht, wenn wir rein wollten“, so Can, „hier konnten wir unseren Kram sogar aufnehmen, das war schon ganz cool.“ „Du meinst, meine Raps waren ganz cool, deine ja eher nicht so“, grinst Anil und verpasst Can einen Klaps auf den Schirm seins Basecaps. Ein paar alte Geschichten später verabschieden sich die beiden mit Shake-Hands von Müller, der ihnen zufrieden, aber auch ein wenig sorgenvoll nachblickt: „Die Jungs kommen schon klar. Leider ist es immer noch kein Empfehlungsschreiben in den Augen von Schulen und Ausbildungsstätten, wenn in der Adresszeile des Bewerbungsschreibens ‚Lenzweg 8’ steht.“

Ruf und Mieterschutz

Immerhin, meint Müller, es sei auch kein absolutes Ausschlusskriterium mehr. Der letztlich von verschiedenen Seiten ruinierte Ruf der Siedlung habe sich verändert. Die Kriminalität in der Osterstraße, wirft Helling ein, sei derzeit höher als in der Lenzsiedlung. Dafür sahen sich die Verantwortlichen zuletzt mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Ein großer Teil der insgesamt 900 geförderten Wohnungen sollte ihren sozialen Status verlieren, der Mieterschutz damit passé sein. Die Angst der Lenz-Bewohner: ein deutlicher Anstieg der Mietpreise. Derzeit sind die Quadratmeterpreise mit fünf bis sechs Euro noch erschwinglich, im restlichen Stadtteil reichen sie teils bis zum Dreifachen. Doch auch 30 Euro mehr für eine Zwei-Zimmer-Wohnung tun vielen Familien weh. Helling: „Es gab Verhandlungen mit der SAGA, dem Bezirksamt, auch Mieter haben sich zusammen geschlossen und sehr engagiert gearbeitet. Das Ergebnis war, dass die Jobbörsen die bisherigen Mehrkosten übernommen haben. Die Sorgen der Mieter konnten damit zumindest vorerst genommen werden.“

Wie es weitergeht mit den Mieten, bleibt offen. Die Lebensverhältnisse in der Siedlung jedenfalls scheinen gleichbleibend geordnet. Sozialarbeitern wie Ole Müller ist es zu verdanken, dass die Hoffnungen derer, die hier einst in den 80ern einzogen und innerhalb kürzester Zeit desillusioniert vor dem Nichts standen, endlich gelebt werden können – auch wenn Filmteams weiterhin die alten Tage vor den Blocks nachspielen.

Text: Erik Brandt-Höge / Fotos: Philipp Jung

 

Serie: Eimsbüttel. Der Mairisch Verlag

Der Mairisch Verlag aus Eimsbüttel belebt seit über 10 Jahren die unabhängige Literaturszene in Hamburg

Mairisch Verlag

Klein, aber fein. Der Mairisch Verlag steht für die unabhängige Literaturszene in Hamburg. Auch Musik findet man hier.

Ein Verlag, der sich selbst nach einer unbeliebten Pflanze benennt, erntet für gewöhnlich erst einmal irritierte Blicke oder sein Name wird für kokette Selbstironie gehalten. Und doch könnte ein solcher Name für einen Independent-Verlag wie den in Eimsbüttel ansässigen Mairisch Verlag kaum passender sein.

Vielleicht erzählen Peter Reichenbach und Daniel Beskos (Foto)  deshalb die Entstehungsanekdote mit einem leichten, fast diebischen Schmunzeln. Damals, in den 90ern, saßen die beiden Verlagsgründer im heimischen Rottgau (Hessen) im Garten und kreierten mal wieder zusammen Bücher. Irgendwann kam die Oma von einem der beiden heraus und sagte, sie sollen doch mal diesen ganzen nutzlosen Literaturkram sein lassen und stattdessen lieber den Mairisch aus dem Garten entfernen. Mairisch meint die Vogelmiere und wird in Hessen auch pauschal als Begriff für Unkraut genutzt. „Der Name hat sich eingeprägt. Diese Pflanzen werden immer übersehen, obwohl sie mit ihren weißen Blüten eigentlich sehr hübsch sind. Das passt gut zu uns: wir wollen gute Autoren entdecken und fördern, die sonst übersehen werden. Außerdem ist es schön, dass der Name in unsere Vergangenheit reicht“, sagt Peter Reichenbach.

Schließlich entdecken sie die Schönheit, wo andere nicht richtig hinsehen – zu unser aller Glück.

Diese gemeinsame Vergangenheit reicht weit zurück: Reichenbach und Beskos lernten sich bereits in ihrer Schulzeit in Rodgau kennen. Dort organisierten sie im Jugendzentrum neben Konzerten auch Lesungen, die sich zu ihrer Überraschung großer Beliebtheit erfreuten. 1999 gründeten sie offiziell ihren Verlag, der sich neben der Belletristik auch als Plattenlabel unabhängiger Musik und experimentellen Hörspielen widmet. „Es war anfangs eher noch ein Hobby. Wir wussten vieles noch gar nicht und mussten erst einmal lernen, mit welchen Druckhäusern wir zusammenarbeiten können oder wie man eine ISBN beantragt“, erinnert sich Daniel Beskos. Lange finanzierten sie ihr Hobby mit Nebenjobs, auch noch in Hamburg, wohin sie nach ihrem Grundstudium zogen. Dass die manchmal etwas eingeschlafen wirkende Hamburger Literaturszene heute noch pulsiert, ist auch dem Mairisch Verlag und seinen erfrischenden Initiativen zu verdanken.

Mairisch Verlag

Seit 2003 organisieren Reichenbach und Beskos regelmäßig Lesereihen wie „Transit“ und „Piloten“, 2009 initiierten sie die Hotlist der unabhängigen Verlage mit und 2013 riefen sie den „Indiebookday“ ins Leben, ein so simples wie wirkungsvolles Konzept. Am Indiebookday werden Leute via Facebook dazu aufgerufen, ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen und anschließend ein Foto via Facebook zu posten. Im ersten Jahr machten 15.000 Leute mit.

Es sind solche Ideen, die unabhängigen Verlagen die kommerziell notwendige Aufmerksamkeit der Medien und Buchhandlungen bescheren. Seit dem ersten Erfolg des Indiebookday bereiten Buchhandlungen jedes Jahr Büchertische und Lesungen mit Werken und Autoren von Independent-Verlagen vor. „Das ist wichtig, weil es für kleine Verlage immer schwieriger wird, in die Buchhandlungen zu kommen“, erklärt Beskos.

Heute schreibt der Mairisch Verlag schwarze Zahlen und hat eine beachtliche Umsatzsteigerung vorzuweisen, die Verlagsarbeit ist für Reichenbach und Beskos längst zum Hauptberuf geworden. Der Erfolg ist neben der Eigeninitiative auch einem Quäntchen Glück und einem guten Händchen für junge Nachwuchsautoren zu verdanken. 2005 veröffentlichte er Finn-Ole Heinrichs Debüt „die Taschen voll Wasser“, der Erzählband wurde zu einem Überraschungserfolg. Die erste Auflage war so schnell vergriffen, dass der Druck kaum hinterherkam. „Das war ein toller Erfolg, wenn auch schlecht kalkuliert“, lacht Peter Reichenbach. Der Erzählband verkaufte sich weit über 3.000 Mal, eine große Zahl für einen noch kleinen Nachwuchsverlag. Heinrichs 2007 erschienener Roman „Räuberhände“ wurde ebenfalls ein großer überregionaler Erfolg, er wurde vom Thalia-Theater adaptiert und war 2013 und 2014 Abiturthema an allen Hamburger Schulen.

Auch mit der Entdeckung und langjährigen Förderung anderer bekannter Autoren und Musiker wie Stefan Beuse, Benjamin Maack, Dagrun Hintze, Spaceman Spiff oder Stevan Paul haben Reichenbach und Beskos bewiesen, dass sie sich die Bedeutung ihres Verlagsnamens redlich verdient haben: Schließlich entdecken sie die Schönheit, wo andere nicht richtig hinsehen – zu unser aller Glück. / Ulrich Thiele

Am 13. März findet zum 5. Mal der Indiebookday statt. Zeit für einen Ausflug ins Mairisch!

Text: Ulrich Thiele / Fotos: Philipp Jung

#IchBinHier – Interview mit Initiator Hannes Ley

Hannes Ley (43) hat die Hetze im Internet nicht mehr ausgehalten. Er gründetet die Facebook-Gruppe #ichbinhier, die in den Kommentarspalten um Respekt kämpft. Hedda Bültmann hat mit ihm gesprochen

 Fast 18.000 Mitglieder nach zwei Monaten, viele große Medien berichten über euch und vor Kurzem hat Facebook Deutschland um ein Treffen gebeten. Wie bist du darauf gekommen #ichbinhier zu gründen?

Die Idee habe ich von der schwedischen Gruppe „jagärhär“ übernommen. Ich fand das sofort großartig, und habe über Nacht entschieden, das hier zu starten. Seit Jahren lese ich die Kommentarspalten und frage mich, was geht eigentlich in unserem Land ab? Und was ist aus unseren humanistischen Grundprinzipen geworden? Oft habe ich mich ohnmächtig gefühlt. Und mit #ichbinhier glaube ich, etwas verändern zu können.

Man merkt, 18.000 Menschen haben die Kraft im Netz für Aufruhr zu sorgen und was zu bewegen.

Was ist die Kernarbeit der Gruppe?

Nachrichten werden immer mehr über Facebook konsumiert und dort kommentiert. Wir vom Moderationsteam durchforsten die Artikel der großen Publikumsmedien und wenn uns eine Kommentarspalte auffällt, weil diese von Hassrede dominiert wird, machen wir daraus eine Aktion, in dem wir die Gruppe auffordern, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Pro Tag sind es drei bis vier.

Ich glaube, dass Facebook nicht untätig ist, dafür investieren sie mittlerweile zu viel in diesen Bereich. Aber sie sind sehr vorsichtig, um nicht unter Verdacht zu geraten, dass sie die Meinungsfreiheit einschränken.

 

Wie wollt ihr die Gesprächskultur vom teilweise unterirdischen Ton ins Sachliche drehen?

Gestern zum Beispiel haben rund 200 Leute von #ichbinhier unter einem Artikel Kommentare geschrieben. Und mehrere Tausende haben diese Kommentare geliked. Beiträge mit vielen Likes wandern, bei der Grundeinstellung von Facebook, in der Kommentarspalte nach oben. Mit einer geballten Präsenz von positiven und sachlichen Beiträge wollen wir die hetzerischen Kommentare verdrängen und die Diskussion wieder in eine lösungsorientierte Richtung drehen. Jedes aktive Gruppenmitglied verpflichtet sich, respektvoll zu schreiben, niemanden zu beleidigen oder abzuwerten. Es geht uns um den Ton, dabei sind Meinungen jeder politischen Couleur erlaubt. Unser Anspruch ist es, überparteilich und demokratisch zu agieren.

Du hast auf Facebook geschrieben, der Hashtag sei wie ein Schutzmantel für die Gruppenmitglieder …

Viele unserer Mitglieder sind schon länger in den Kommentarspalten der Medien aktiv, aber immer alleine. Die Übermacht der Hater ist so groß, dass sie richtig fertiggemacht wurden und irgendwann resigniert aufgegeben haben. Wenn wir zu einer Aktion aufrufen, gehen Hunderte von uns gleichzeitig in dieselbe Diskussion und es entsteht ein Gefühl von Zusammenhalt. Viele haben uns geschrieben, dass sie so viel Rückhalt empfinden und deshalb wieder Hoffnung haben.

 

Heftig war es, als der Artikel über einen ermordeten Flüchtling in Berlin erschienen ist. Die Kommentare darunter waren einfach unfassbar unmenschlich und rassistisch. Und Focus online hat stundenlang nicht eingegriffen, nichts gelöscht oder moderiert und somit eine sehr schlimme Diskussion zugelassen.

 

Aber der Preis für die Verteidigung menschlicher Werte scheint hoch …

Das ist die Kehrseite. Viele von uns, vor allem die Frauen, werden verbal angegriffen. Wir bekommen private Droh- oder Hass-Nachrichten über den Messenger. Da stehen ziemlich üble Sachen drin.

Sind es immer dieselben Leute, die Hassparolen verbreiten?

Die Hater organisieren sich in Gruppen und machen das schon viel länger als wir. Sie wissen genau unter welchen Bedingungen sie hetzen können und was strafrechtlich relevant ist. Entsprechend formulieren sie ihre Sätze. Wenn man sich ihr Profil anschaut, haben sie immer ein geschlossenes Visier, das heißt, kein Klarname, kein Foto und die Timeline ist meist leer.

Bist du bei dem ganzen Hass schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Heftig war es, als der Artikel über einen ermordeten Flüchtling in Berlin erschienen ist. Die Kommentare darunter waren einfach unfassbar unmenschlich und rassistisch. Und Focus online hat stundenlang nicht eingegriffen, nichts gelöscht oder moderiert und somit eine sehr schlimme Diskussion zugelassen. Wenn Leute sich darüber lustig machen und jubeln, dass ein Mensch, der schon viel Elend durchleben musste, umgebracht wurde, geht mir das sehr nahe. Ich war fassungslos, denn das kann ich nicht mehr verstehen.

Was sagt Facebook?

Facebook ist unter anderem auch der Meinung, dass die Politik mit dem Finger auf sie zeige und fordere, dass sie Hasskommentare und Profile mit entsprechenden Inhalten schneller löschen, aber das würde das dahinterliegende gesellschaftliche Problem nicht lösen. Es gibt Studien, die sagen, dass 15 Prozent der Gesellschaft mehr oder weniger latent rassistisch seien und das seit Jahrzehnten. Nur jetzt haben sie mit Facebook ein Sprachrohr. Mittlerweile kümmert sich ein Dienstleister von Facebook mit mehr als 600 Leuten um die Meldungen, die eingehen. Aber noch löschen sie relativ verhalten.

Hat Facebook überhaupt Interesse sauber zu bleiben?

Ich glaube, dass Facebook nicht untätig ist, dafür investieren sie mittlerweile zu viel in diesen Bereich. Aber sie sind sehr vorsichtig, um nicht unter Verdacht zu geraten, dass sie die Meinungsfreiheit einschränken. Zudem haben die Leute, die sich um diese Meldungen kümmern, oft nicht das politische bzw. juristische Backup für ihre Entscheidungen. Wenn Profile aufgrund strafrechtlich relevanter Argumente gelöscht werden, muss das Hand und Fuß haben. Und man darf nicht vergessen, Facebook ist ein Unternehmen, das mit seinen Usern viel Geld verdient. Jeder einzelne ist ein potentieller Werbekunde, auch der Hater.

Foto: mde


Hedda Bültmann SZENE HAMBURGHedda Bültmann leitet das Theater-Ressort. Und stellt fest: Auch die sozialen Netzwerke stellen eine eigene Bühne dar. Manchmal muss eine Regie eingreifen…