Knyphausen und Begemann singen über Monster

„Unter meinem Bett“ heißt das Album, auf dem Hamburger Liedermacher für Kinder singen. Am 29.11. findet das Release-Konzert statt

Das ist so toll: 13 der besten deutschen Singer-Songwriter – darunter Gisbert zu Knyphausen, Wolfgang Müller, Bernd Begemann, Moritz Krämer, Francesco Wilking, Jan Plewka, Clickclickdecker und Käptn Peng – spielen Kinderlieder, ein paar davon für die gute Nacht, andere für die prima Laune zwischendurch.

Unter meinem Bett HamburgSpeziell die Hamburger und Wahl-Hamburger haben hierfür ordentlich abgeliefert: Pohlmann erzählt von einem U-Boot-Fahrer mit Schaufelhänden („Maulwurf“), Olli Schulz taucht ebenfalls ab und wird unter Wasser zu „Kommissar Ärmchen“, Gisbert zu Knyphausen ärgert sich über zu viele Pflichten und meckert „Immer muss ich alles sollen“, und Bernd Begemann ist „Den ganzen Sommer lang“ gut drauf.

Das alles hätte liebevoller und rührender nicht gemacht werden können. Ein großer Spaß – für alle kleinen und großen Kinder ab vier. Am 29. November wird nun in der Ottensener Fabrik Release gefeiert.

Text: Daniel Schieferdecker

Fabrik
Barnerstraße 36 (Ottensen)
29.11., 18 Uhr

CD (17.90) oder LP (19.90 Euro) kaufen

John Lemon: Russisch Koks und Kegelbahn

Die Eckkneipe in Eimsbüttel hat kein W-Lan aber eine Kegelbahn und wird von den Machern des Yoko Mono im Karoviertel betrieben

Wer mit dem urigen Bild einer Kneipe im Kopf hier ankommt, wird überrascht sein. Die Räume strahlen mit glatten Oberflächen und kühlen Farben nicht die übliche Wärme und Gemütlichkeit aus. Das John Lemon ist eine abgespeckte Version einer Kneipe und setzt aufs Prinzip „reduce to the max“.

Übrig geblieben von der einstigen Eckkneipe ist die Kegelbahn im hinteren Teil der Bar. Sie versprüht, neben dem Fakt, dass man rauchen darf, den stärksten Stammkneipen-Charme. Wenn Leute in anderen Kneipen irgendwann vom Tresen aufstehen, um Kickern zu gehen, dann kann man hier viel cooler sagen: „Wollen wir ’ne Kugel schieben?“

Dass der Laden im Herzen eine Eckkneipe geblieben ist, in der sich Freunde auf ein Bier treffen, das zeigt sich an den Worten über dem Tresen: „No WLAN! Drink and … talk!“. Der Rat fruchtet. An den Holztischen sitzen keine Smartphone-Zombies, die sich wischend mit Ferienfotos langweilen, sondern schnatternde Gäste.

Nima Garouspour, Mitinhaber des John Lemon, sagt, er wolle nur bodenständige Bars betreiben. Nima und die Lokalität haben Vergangenheit. Als Kind ging er oft an der Ecke vorbei, wo damals schon eine Kneipe war. Einige Besitzer später hat er sie übernommen: „Das hat sich ganz spontan ergeben.“ Mit seiner jetzigen Mitinhaberin habe er am Tresen gesessen und die Verkaufsanzeige entdeckt. „Dann sind wir gleich rüber in den Laden und haben nachgefragt.“

Was in seiner ersten Bar – dem Yoko Mono im Karoviertel – funktioniert, hat er auch aufs John Lemon übertragen. Die Getränkekarte wurde samt den Preisen eins zu eins übernommen. Ihm war es wichtig, dass die Preise nicht erhöht werden, nur weil man annehme, dass die Gäste so nahe dem Schanzenviertel mehr auf der Tasche haben. Die Karte ist so solide und minimalistisch gehalten wie das Interieur.

Der einzige bunte Hund ist der Kurze „Russisch Koks“, ein Wodka mit einer in Zucker und Kaffeepulver gewendeten Zitronenscheibe. Die Cocktails werden vor dem Servieren fachgerecht mit einem sauberen Strohhalm probiert. Bardame Kateryna (Foto) liefert außerdem die schönste Allegorie auf die Bar: Ihre weiße Bluse ist ordentlich bis oben hin zugeknöpft aber salopp zerknittert …

John Lemon
Vereinsstraße 34 (Eimsbüttel)
Mo-So ab 18 Uhr
0,3 Liter Bier 2,50 Euro

Text: Sara Lisa Schäubli
Foto: Jakob Börner

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SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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Luft nach unten: Nordwind-Festival auf Kampnagel

Am 27.11. startet das nordische Kulturfestival. Der russische Radikalkünstler Pjotr Pawlenski kann nicht kommen. Er wurde in Moskau verhaftet – wegen Brandstiftung

Auch wenn der Hamburger das nicht gerne zugibt: Es geht noch viel, viel nördlicher. Skandinavier, Isländer, die Bewohner des Baltikums zucken nur amüsiert mit den Mundwinkeln, wenn wir über unser laues Seelüftchen sprechen. Darum trägt das größte deutsche Festival für Darstellende Künste und Musik aus den nordischen Ländern den passenden Namen Nordwind.

Ende November sollte dieser auch einen besonderen russischen Künstler nach Kampnagel fegen, den Regierungskritiker Pjotr Pawlenski, der sich den Mund zunähte und seinen Hodensack auf den Roten Platz nagelte. Aber auch der größte Sturm ist gegen die russische Justiz machtlos. Pawlenski wurde jüngst verhaftet, weil er die Tür zum russischen Geheimdienst FSB in Brand setzte, um gegen den staatlichen Terror zu protestieren. Dass die Staatsmacht wenig humorvoll und respektvoll im Angesicht dieser Kunstaktion reagierte, war abzusehen.

Kampnagel zeigt die weltweit erste Pawlenski-Retrospektive. Videos, Fotos und Reaktionen von Medien und der russischen Justiz sind zu sehen. Da der Künstler nach wie vor in Haft sitzt, wird seine Mitarbeiterin Oxana Schalygina zu Gast sein. Weitere Künstler sind zum Festival geladen:  Unter anderem zeigt die isländische Tänzerin und Choreografin Erna Ómarsdóttir bereits zum vierten Mal ihre düster-dynamische Bühnenarbeit „Black Marrow“ (Foto). Das Nordwind-Festival findet bis zum 5. Dezember statt.

Text: Lena Frommeyer
Foto: Bjarni Grimsson

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
27.11.–5.12.

Programm & Tickets

Olympia in Hamburg: Ja, nein, ich meine jein

Am 29.11. findet das Referendum für oder gegen Olympia 2024 statt. Höchste Zeit, sich einen Überblick zu verschaffen. Ein Stimmungsbild

Ja!

Alexander Otto
Olympia-Botschafter

Olympische und Paralympische Spiele 2024 in Hamburg werden unsere Stadt und alle Bürgerinnen und Bürger in vielen Bereichen weiter voranbringen. Die Spiele werden zum Katalysator für Stadtentwicklungsprojekte, die sonst Jahrzehnte dauern würden. Davon profitieren auch alle Breitensportlerinnen und Breitensportler, deren Sportstätten modernisiert werden. Auf dem Kleinen Grasbrook entsteht ein neuer, voll inklusiver Stadtteil mit 8.000 Wohnungen und 7.000 Arbeitsplätzen. Hamburg wird in einem Atemzug mit London, Barcelona, Sydney, Paris oder Los Angeles genannt, was unserer Stadt das internationale Ansehen verschafft, welches sie schon lange verdient. Alle Hamburgerinnen und Hamburger können der Welt zeigen, wie sympathisch, lebenswert und aufgeschlossen wir sind.

Zugleich wird Hamburg 2024 beweisen, dass demokratische und pluralistische Gesellschaften die Spiele durchführen können – mit dem nachhaltigsten, kompaktesten und transparentesten Konzept aller Zeiten. Lasst uns Olympische und Paralympische Spiele 2024 nach Hamburg holen, um mit unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen das sportliche Weltereignis zu feiern, welches wie kein anderes verbindet. Diese Chance kommt nur einmal!

Nein!

Florian Kasiske
Pressesprecher von Nolympia

Viele bunte Seifenblasen werden uns derzeit von den Kreisen präsentiert, die die Bewerbung Hamburgs für Olympische Spiele 2024 vorantreiben. Wie immer wenn Poiltiker das Blaue vom Himmel versprechen, sollte man misstrauisch sein. Sport ist bei Olympischen Spielen nur eine Nebensache – der Politik und der Immobilienlobby geht es um gigantische Stadtumbauprojekte, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) um milliardenschwere Einnahmen aus den Übertragungsrechten und aus Sponsorenverträgen.

Die Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung sind keineswegs so positiv, wie sie dargestellt werden: Ein drastisch beschleunigter Anstieg der Mieten, Kostenexplosionen beim Bau und rigorose Sicherheitsmaßnahmen, die unsere Bewegungsfreiheit einschränken, sind überall die andere Seite der olympischen Medaille. Das Geld, das für ein wenige Wochen dauerndes Event und den anschließenden Rückbau der Stadien ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle: Ob in Schulen, sozialen Einrichtungen, oder beim Breitensport.

Vielleicht!

Anja Bensinger-Stolze
Vorsitzende der GEW Hamburg

Hamburg soll als deutsche Bewerberstadt in das Rennen um die Olympischen Sommerspiele 2024 gehen. Das Bewerbungskonzept hat Lob und Anerkennung erfahren, allerdings hat es auch deutliche Mängel gezeigt. Die GEW hat beschlossen, auf die aus ihrer Sicht erkennbaren Risiken, Schwächen und Gefahren der Bewerbung hinzuweisen und den Prozess kritisch zu begleiten.Hat der Senat eine Risikoanalyse erstellt?  Wird für die Volksbefragung umfassend und seriös informiert? Werden die Bewerbungs- und Realisierungskosten offengelegt? Welche Ausweichmöglichkeiten sind für den Schul- und Breitensport geplant? Inwiefern kann der Schulsport profitieren? Auf einem Workshop Mitte Oktober werden wir die von der GEW beschlossenen Anforderungen  prüfen. Aus den Ergebnissen wird die GEW ihre Position zu Olympia formulieren und für diese Position in der Mitgliedschaft sowie den anderen Gewerkschaften und dem DGB werben.

Ja!

Nikolas Hill
Geschäftsführer der Hamburger Olympia-Bewerbungsgesellschaft

Rund 10.000 Sportler stehen auf Barkassen und fahren von den Landungsbrücken in Richtung Kleiner Grasbrook – herzlich willkommen Sportwelt in Hamburg. So könnte der „Einmarsch“ der Athletinnen und Athleten zu den Olympischen und Paralympischen Spielen 2024 in Hamburg aussehen. Wir öffnen das Tor für die Welt und erhalten gleichzeitig mit mehr als 3 Milliarden Fernsehzuschauern weltweit Aufmerksamkeit für unsere Stadt.

Diese Bilder und Visionen und die zahlreichen positiven Veränderungen, die mit ihnen verbunden sind, stärken täglich neu meine Begeisterung für das Event, um das wir uns bewerben. Mit den Spielen in Hamburg haben wir die einmalige Chance, unsere Stadt zu entwickeln und zu modernisieren. Hamburg ist heute noch längst nicht barrierefrei. Durch den Zuschlag für die Spiele 2024 in unserer Stadt haben wir mit OlympiaCity die Möglichkeit, den ersten vollständig inklusiven Stadtteil Deutschlands zu realisieren. Gleichzeitig bieten wir einmalige emotionale Momente. In Hamburg treten Menschen aus allen Nationen an, um über sich hinauszuwachsen. Schwitzen, zittern, feiern: Aus jahrelanger Vorbereitung wird dieser eine Moment – der Wettkampf um eine olympische oder paralympische Medaille.

Die Vorbereitung auf das international größte Sportereignis ist nicht nur viel Arbeit, sie ist bereits ein hoher Gewinn. Etwa 50 Sportanlagen in allen Bezirken Hamburgs werden instand gesetzt oder modernisiert, einige werden neu gebaut. Die Kulturszene wird neue Impulse erhalten und ein Begleitprogramm zu den Spielen entwickeln können. Dazu kommen 8.000 Wohnungen für 18.000 Menschen im Drittelmix: Ein Drittel sozial geförderte Mietwohnungen, ein Drittel frei finanzierte Mietwohnungen und ein Drittel Eigentumswohnungen.

Nur die Olympischen Spiele haben die Kraft, solche Ressourcen freizusetzen und neue Perspektiven zu schaffen. Hamburg wird stellvertretend für Deutschland Gastgeber sein, und damit das Bild unseres Landes in der Welt prägen. Im Mittelpunkt stehen die Sportlerinnen und Sportler und die Begegnungen von Menschen aus der ganzen Welt. Wir können uns als ein modernes, tolerantes, vielfältiges und sympathisches Deutschland präsentieren.

Nein!

Manfred Braasch
Geschäftsführer BUND Hamburg

Am 29. November sind alle Hamburger Wahlberechtigten aufgerufen, über die Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 zu entscheiden. Aus Sicht des BUND Hamburg reicht es nicht für ein „Ja“. Zu dünn ist die Informationsdecke, zu schlecht die Erfahrungen bei anderen Großprojekten. In der Vergangenheit wurden gerade umweltrelevante Vorgaben immer wieder missachtet. Das Kohlekraftwerk Moorburg oder die Zuschüttung des Mühlenberger Lochs nur als Stichworte.

Und auch bei Olympia wurde schon viel versprochen. London 2012 gilt als Meilenstein grüner Spiele. Aber nicht mal 50 Prozent der ursprünglich geplanten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden konsequent umgesetzt. Und auf welcher Grundlage stimmen wir ab? Es gibt reichlich bunt bedrucktes Papier, aber wenig belastbare Daten. Es fehlt eine Kosten-Nutzen-Untersuchung – was wäre tatsächlich der Mehrwert für die Stadt? Und es fehlt eine strategische Umweltprüfung, um tatsächlich alle ökologischen Auswirkungen zu beleuchten.

Der Landesrechnungshof kritisiert schließlich, dass die finanziellen Risiken einseitig bei der Gastgeberstadt liegen. Also bei Hamburg – und schon heute sind hier der Natur- und Umweltschutz sowie andere wichtige Bereiche unterfinanziert. Der Senat hätte mehr liefern können, mehr liefern müssen. Ohne Not wurde aber am Referendumstermin festgehalten. Also reicht es nicht für ein „Ja“.

Vielleicht!

Landespastor Dirk Ahrens
Diakonisches Werk Hamburg

Wenige Wochen vor dem Referendum wissen wir noch immer nicht: Welche sozialen Folgen hätte die Olympiade für die Hamburgerinnen und Hamburger, vor allem für Arbeitslose, Wohnungslose, Familien und Rentner mit geringem Einkommen, Flüchtlinge oder Menschen mit Behinderungen? Verstärkt sie die nach wie vor wachsende soziale Kluft zwischen arm und reich? Ich höre gut gemeinte Absichtserklärungen, kenne aber bis heute keine solide Kosten-Nutzen-Analyse des Senats, die diese Fragen beantwortet. Das ist für mich bei einem Projekt dieser Größenordnung unverständlich. Unklar ist auch, ob Hamburg – trotz angeblich „entschärfter“ Verträge – gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee die Chance hätte, „soziale“ Spiele durchzusetzen. Wir sind als Diakonie nicht für oder gegen Olympia. Aber wir haben darauf zu achten, dass nicht die ohnehin Benachteiligten in dieser Stadt zu den Verlierern einer Olympiade gehören. Das bisherige Schweigen im Rathaus beruhigt mich leider nicht.

SZENE HAMBURG OLYMPIA kleinJetzt am Kiosk: SZENE HAMBURG SPORT! mit einem detaillierten Überblick zur Bewerbung: Was passierte wann? Außerdem zeigen wir, welche Spielstätten geplant sind, berichten vom Kleinen Grasbrook, stellen Sportler vor, darunter Paralympic-Teilnehmerin Edina Müller und porträtieren Sportvereine in Hamburg.
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Jannes Wochenrückblick Vol. 32

Kolumne: Klassik. Oder warum man zwischen Deichkind, Sepultura und Marteria auch immer etwas Beethoven in seiner Playlist haben sollte

Normalerweise geht Jannes eher auf Konzerte von Metalbands oder Marteria, gerne auch von aufregenden und jungen Hamburger Musikern. Diese Woche waren sie besonders aufregend.

Im Sommer trank ich mit Matthes Günther einen Kaffee. Das ist ein aufgeräumter, zielstrebiger und junger Mann, der mir kurzerhand erzählte, dass er stellvertretend für 40 junge Profimusiker zwischen 18 und 29 Jahren spräche. Er meinte das ensemble reflektor und suchte einen Ort für ihren Auftritt. Da komme ich ins Spiel: Ich arbeite für den Musikclub Gruenspan, dessen Immobilie vor über hundert Jahren genau für diesen Zweck erbaut wurde: Kammerorchester zu Gast zu haben.

Gesagt, geplant: Wir trafen uns noch einige Male, mit dem Konzertmeister, mit der Kommunikationsmeisterin … Ein Kammerorchester benötigt neben Violinen, Trompeten und einer Pauke eben auch Booking, BWL und Plakate. Und heute ist es so weit: Das ensemble reflektor hat seinen großen Auftritt.

Die vergangenen zehn Tage wurde permanent geprobt: eine Komposition von Konstantin Heuer (Jahrgang 1989), die klassische Klänge mit Live-Elektronik kombiniert. Die Solistin Tanja Tetzlaff präsentiert anschließend Robert Schumanns Cellokonzert und schließlich erklingt Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 – dirigiert von Thomas Klug. Ein 45-Minuten-Epos in vier Sätzen, das Beethoven Napoleon Bonaparte gewidmet hat.

Ich moderiere und führe kurze Interviews zwischen den Stücken. Und da ich schon bei den Proben Tränen der Erfüllung in den Augen stehen hatte, wird der heutige Abend ein ganz besonderer. Für die 40 jungen Musiker, für die Zuschauer und für mich, der klassische Musik von 1804 ganz selbstverständlich zwischen Deichkind, Sepultura und Marteria in seiner Playlist hat. Und ich finde: Genau so sollte es sein.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Marsimoto – kein Star zum Anfassen

Marsimoto kommt ins Docks (24./25.11.) – das kiffende Alter Ego von Popstar Marteria rappt auf dem Kiez über Victory-Schuhe und Stereoanlagen

Einfach mal die Identität wechseln, das wünschen sich viele. Drum lässt sich der Abteilungsleiter gelegentlich auspeitschen. Der Dichter liest heimlich GALA. Und der brave deutsche Popstar Marteria setzt sich eine Maske auf und rappt übers Kiffen. Sein Alter Ego Marsimoto ermöglicht dem Musiker Marten Laciny ein zweites künstlerisches Ich. Eines, das auf gewaltigen Bässen und einer hochgepitchten Heliumstimme basiert.

Nicht nur stilistisch, auch textlich liegen Welten zwischen Marteria und Marsimoto. Ersterer schaut in die Zukunft, auf das Schicksal der Menschheit und unseren Planeten. Zweiterer ist ein Kind der Neunziger, rappt über Victory-Schuhe und Stereoanlagen – mit nicht minder vielen doppelten Böden. Das Retro-Faible deutet auch seine Maskerade an: Grasgrün, von Maske bis Fuß, könnte Marsimoto einem alten Comic entsprungen sein, als fleischgewordene Compilation von Superheld Green Hornet und Spiderman-Feind Green Goblin.

Doch Marsimoto braucht weder Superkräfte noch ein Hoverboard, um abzuheben, er schwebt auf einer Wolke aus Weed über den Kiez bis ins Docks, und das gleich an zwei Abenden.

Text: Lena Frommeyer

Grüner wird’s nicht

Kurzgespräch mit Marsimoto über sein neues Album „Ring der Nebelungen“

Marsimoto, auf deinem aktuellen Album geht es viel ums Reisen. Ist dir deine Heimat Green Berlin mittlerweile zu klein geworden?

Ja, das ist ein bisschen so. „Ring der Nebelungen“ beschreibt daher auch den Weg von Green Berlin zu Green Pangea – den einen großen Kontinent. Ich rappe zwar auf Deutsch, sehe mich aber als Weltmusiker und verstehe Menschen nicht, deren Horizont nur von Passau bis Hamburg reicht. Marsimoto repräsentiert alles: ein deutsches Dorf genauso wie eine asiatische Megametropole. Ich bin Mexikaner, Kolumbianer, Chinese, Jamaikaner, Berliner, Hamburger – alles!

Dein Werken und Wirken war und ist stets von Widersprüchen durchsetzt. Ist es wichtig, eine Figur wie Marsimoto nicht greifbar werden zu lassen?

Absolut. Deshalb kann ich auch keine Hände schütteln oder Autogramme geben. Ich bin kein Star zum Anfassen und spiele auch keine kleinen Gigs mehr – hier in Hamburg muss es schon das Docks sein. Mein erster Auftritt zum neuen Album war ja gleich beim Rock am Ring: Urban-Bereich, Dunkelheit, Hauptact. Das ist die Marsi-Attitude. Da fängt es gleich groß an. Weil es groß ist.

Bescheidenheit ist nicht so dein Ding, oder?

Warum auch? Ich habe kein Problem damit, meine Eier auf den Tisch zu legen – weil ich weiß, dass man dann vor lauter Eiern den Tisch nicht mehr sieht.

Interview: Daniel Schieferdecker

Docks
Spielbudenplatz 19 (St. Pauli)
24 & 25.11., 20 Uhr
beide Konzerte sind ausverkauft

Nagel: Traditionshaus mit Brechbecken

Kultwirt Harald Vitense ist Experte für Sorgen, Nöte oder ein einfaches kühles Bier. Mit Blume und Papierkrause am Hamburger Hauptbahnhof

Es ist gut und wichtig, dass es noch Kneipen wie der Nagel gibt. Neben all den Spezialisten für Craft Beer oder Gin vergessen die Leute oft, dass die besonderen Wirte wie Harald Vitense (Foto) die Experten für ganz andere elementare Dinge des Großstadtlebens sind: Sorgen, Nöte, Liebeskummer oder ein einfaches kühles Bier. Mit Blume und Papierkrause.

Harald war schon immer ein Freund der „Übriggebliebenen“. Aber auch von Touristen, Schauspielern, Lebenskünstlern und Bahnreisenden, die hier alle ebenso einkehren. Wichtig sind ihm Anstand und Respekt, in diesen Bereichen hat er Erfahrung wie kaum ein zweiter in Hamburgs Gastronomie. Obwohl er natürlich auch andere Geschichten erzählen kann: Fragen Sie ihn doch zum Beispiel, wie ihm die gute alte D-Mark mal den Allerwertesten gerettet hat.

Chef und Fleischermeister Peter Wörlein weiß, dass der Nagel eine der ältesten Bierstuben Hamburgs ist – laut Eigenauskunft steht sie seit dem Revoluzzerjahr 1848. Damals allerdings am Rödingsmarkt, an den Hauptbahnhof verschlug es die Speisewirtschaft Nagel 1916. Seit 99 Jahren also eine vergnügliche Adresse für „ein Pils vom Fass“ (0,33 Liter 3,50 Euro). Oder die weltberühmten Bratkartoffeln – wahlweise mit Schnitzel oder Eisbein.

Überall hängen Plaketten, Bilder und alte Werbeschilder an den von Millionen Zigaretten naturbraun gefärbten Wänden, unzählige Flaschen Schnaps und (guter) Wein zieren die leiterhohen Regale; und auf dem Männerklo steht das weltberühmte Kotzbecken – eine Einrichtung, die sich von selbst erklärt.

Würde sich Harald sonst aber auch bereitwillig drüber auslassen. Wie bei Fragen nach seiner Bartpflege (seit 1974 züchtet er das gute Stück), nach seinem mexikanischen Miniautomobil oder seinem ersten Tag im Nagel – eigentlich sollte er lediglich seiner Schwiegermutter bei der Inventur helfen. Einen Samstag. Nun ist er seit 27 Jahren da. Und bleibt noch fünf. Dann möchte er in Rente gehen und mit ihm ein echter Kneipen-Dinosaurier.

Text: Jannes Vahl
Foto: Jakob Börner

Nagel
Kirchenallee 57 (St. Georg)
Telefon 24 71 21
Mo-So ab 10 Uhr
0,33 Liter Bier 3,50 Euro

Andere Kneipen in Hamburg:

Aaalhaus HamburgDas Aalhaus: Hamburgs modernste Gardinenkneipe
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The Chug ClubThe Chug Club
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SZENE NovemberWeitere Vorschläge für einen gepflegten Drink findet ihr in der druckfrischen November-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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Rock ’n’ Roll Wrestling Bash (20.11.)

Show, Schweiß und Gitarrenriffs: Es gibt wieder was auf die Mütze beim Trash-Fight auf St. Pauli

Trash trifft Rock ’n’ Roll trifft Showkampf – seit Jahren begeistert das subkulturelle Spektakel auch über Hamburgs Grenzen hinaus. Kreativ kostümierte Kämpfer treten bei diesem komprimierten Turnier paarweise gegeneinander an, stets begleitet von krachenden Live-Auftritten des El Brujo Gore-Chestra in den Showpausen. Die Songs des Gore-Chestra passen perfekt zu den dynamischen Storylines der Wrestler. Den Gesamtsieger kürt das tobende Publikum, Adrenalinstöße sind garantiert. Ein Kiezbummel der anderen Art verspricht im altehrwürdigen Gruenspan beste Unterhaltung.

Text: Kathrin Schwatlo

Gruenspan
Große Freiheit 58 (St. Pauli)
20.11., 19 Uhr
Tickets: 23 Euro

Segler, sag mal „Piep!“

E-Mail vom 12. November: Endlich, ein Lebenszeichen von Axel. Er hat diverse Waschgänge hinter sich, kreuzte ohne Licht den englischen Kanal und hatte einen vomierenden Mitfahrer an Bord

12. November

Lieber Axel,

Langsam mache ich mir Sorgen um dich. Wir hören nichts von dir und du reagierst nicht auf meine Mails. Wolltest du zu dieser Zeit nicht bereits in Lissabon sein? Hat das zweite Ruder etwa nicht gehalten? Ich möchte es mir gar nicht ausmalen… Oder hängst du – Gott in Frankreich gleich – in Bordeaux ab?

Bitte melde dich!

Bis dahin, Mast- und Schotbruch

Lisa

12. November

Moin Lisa,

ich habe letzten Freitag endlich das Ruder bekommen. Die Versicherung bezahlt wohl den Schaden. Dann habe ich alles selbst gestrichen (5 Schichten) und eingebaut (ohne das Boot aus dem Wasser zu kranen, das Ruder wiegt gute 50 kg). Ich bin noch Samstagnacht um 1 Uhr losgesegelt.

Mein Mitsegler hat sich, nachdem wir uns in der ersten Nacht bei Flaute noch mit der Wache abgewechselt haben, ab dem nächsten Tag darum gekümmert, dass die Fische groß und stark werden … Es war heftig: Im Sturm gegenan, zu viel Segelfläche im Wind, viel Wasser im Boot, Wellen die immer wieder das Deck überspülten.

In der zweiten Nacht war auch ich mit meiner Konzentration am Limit. Es kam bei schlechter Sicht auch noch hinzu, dass die ganz neue Frontlaterne (die alte hat mir der Seenotkreuzer abgefahren) nicht wasserdicht ist und die LED Birne nicht mehr ging. Ich konnte sie noch mit ordentlichem Waschgang auf dem Vorschiff wechseln, aber dann ist sie kurz bevor wir die zwei Fahrrinnen des englischen Kanals kreuzen wollten, auch ausgefallen…

Wie das Abenteuer von da an weiter geht, erzähle ich in einer weiteren E-Mail. Ebenso gibt’s dann neue Fotos. Gleich bin ich nämlich schon auf den Iles de Glenan angekommen und möchte noch die letzten Sonnenstrahlen genießen, gegebenfalls bei einer Kitesession. Aber es war wirklich nicht viel Zeit für irgendwas, geschweige denn E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu beantworten… Noch viele Baustellen an Bord, die erledigt werden müssen.

Liebe Grüße von der Zest auch von meinem Mitsegler Kevin, dem es mittlerweile richtig gut geht.

Ahoi, Axel

Weitere spannende Seefahrer-Geschichte aus Axels Logbuch gibt es hier

Such den Axel

Wo der Hamburger gerade über den Atlantik segelt, kann man auf dieser Karte verfolgen:

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Was zuvor geschah:


Axel HackbarthEin Hamburger allein auf dem Atlantik
E-Mail vom 15. Oktober: Jetzt geht’s los! Axel ist kurz vor der holländischen Küste angekommen und hat die erste Nacht Nüsse knabbernd an Deck verbracht

 

ContainerSchiffeTurbulenzen zwischen Containerschiffen
E-Mail vom 21. Oktober: Großes Malheur vor Dover! Im Englischen Kanal bricht das Ruderblatt der Zest. Axel baut aus einem Brett seiner Koje fix ein neues, wird dann aber doch von Seenotrettern geborgen