Jannes Wochenrückblick Vol. 24

Kolumne: Ich kann auf die Reeperbahn – oder warum das lange Wochenende der Musik ein entspannteres Publikum auf den Kiez spült

Unsere geile Meile. Die Muse von Udo Lindenberg und Jan Delay, Hamburgs bunteste Straße musste in der jüngsten Vergangenheit viel einstecken: Kritik an der zunehmenden Dichte von Glitzer-Entertainment, Dönerläden und Energy-Kiosken. Alljährliches Geknatter von Schlagerfans und Motorrad-Rockern. Und dann auch noch der Brand auf der Bühne des Spielbudenplatzes. Eine Woche vor dem zehnten Reeperbahn Festival.

Was ich aber immer wieder feststelle – und unser Büro liegt ja seit fünf Jahren direkt neben der Reeperbahn: Das Festival schafft es jedes Jahr, dass wirklich interessante Menschen nach St. Pauli kommen.

Und damit meine ich nicht nur die Bands oder Speaker, sondern in erster Linie die 28.000 Besucher, die das lange Wochenende Jahr für Jahr anlockt. Wirklich: sehr spannendes und entspanntes Publikum. Ich möchte mal unterstellen: Publikum, das auch weniger an Fassaden pisst, weniger Pizza nach dem Verdauungsvorgang zurück auf Bordsteine schmettert, weniger hemmungslos in Hauseingängen pettingt als andere Gäste.

Ich mag die Woche der Musik immer, weil sie es schafft, dass wirklich coole Engländer, Australier oder Amerikaner nach Hamburg kommen. Relaxte Skandinavier, Holländer und Kanadier. In Clubs, Bars oder morgens im Mothers Finest Café.

Außerdem haben mit dem neuen Sommersalon, dem Häkken, überhaupt dem Klubhaus und unserem Unterm Strich – pünktlich zum Festival – auch gleich ein paar neue Läden die Reeperbahn befruchten dürfen. Ich hoffe, dass die gute Stimmung von Hamburgern, Gästen und Branchenleuten wieder lange anhält und freue mich auf das nächste Reeperbahn Festival, aber auch auf das nächste Reeperbahn Wochenende. Reeperbahn, Du geile Meile, auf die ich kann.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Fränzi: vegetarischer Burgerschmaus

Fränzi hieß Mariam Taherpours Oma, und bei der hat es auch immer geschmeckt – wie im neuen Bistro in der Langen Reihe

Mariam Taherpour (27) und Tobias Hardjowirogo (30) sind die Macher des neuen Bistros in St. Georg. Das Pärchen hat internationale Wurzeln – ihre Familien stammen aus dem Iran und aus Indonesien. Keine dieser Landesküchen spielen jedoch im Fränzi eine Rolle, sondern moderne Vollwertkost: Burger, Salate und Teigtaschen, allesamt vegetarisch oder vegan.

Im Fränzi trifft Stuck auf Blümchengardinen und die Wände sind in Pastelltönen gestrichen. Junge Leute trinken hausgemachte Limo und bearbeiten ihre Burgertürme. Sechs Varianten gibt es, darunter den „BBQ Börger“ mit hausgemachter Sauce und gebackener Aubergine (8,50 Euro) sowie den „Preiselbörger“ mit Preiselbeeren und Weichkäse (8 Euro), als Beilage Sesam-Süßkartoffeln oder Tomatencarpaccio mit Himbeeren, Basilikum und Cashewkernen (beides 3,50 Euro).

Alles schmeckt frisch und richtig gut. Die Speisen sind nicht überwürzt, wie es oft bei der vegetarischen Küche vorkommt – als wolle man mit Chili und Kardamon über den Verzicht auf Fleisch hinwegtrösten. Im Fränzi steht der Geschmack der Zutaten für sich.

Die veganen Buletten stammen von Mariams Eltern, die seit 1994 Vegetarisches produzieren und an Reformhäuser verkaufen. Im Bistro erhitzt Tobias die frische Ware im großen Ofen. Der stammt noch vom vorherigen Mieter, der Biobäckerei Pitzschel. Fränzi ist übrigens der Name von Mariams Oma. „Wir wollten nicht das Tausendste Veggi-Wortspiel erfinden“ , erklärt sie. „Und bei Oma hat’s immer gut geschmeckt!“

Text: Lena Frommeyer

Fränzi: Lange Reihe 93 (St. Georg)
Mo-Sa 11–21 Uhr
Mittagstisch 12-16 Uhr

Madsen machen Musik für Mama

Kurzinterview: Sänger und Gitarrist Sebastian Madsen erklärt, worum es in dem neuen Album „ Kompass“ geht

SZENE HAMBURG: Sebastian, es heißt, „Kompass“ stelle eine Reise dar. Wie ist das gemeint?

Sebastian Madsen: Auf „Kompass“ geht es extrem viel um Berge, Leuchttürme und maritime Themen. Bei der Songauswahl habe ich gemerkt, dass das ein Album wird, das man in den Rucksack packen kann, wenn man auf Weltreise geht. Weil es so vielfältig ist und auch so viele landschaftliche Dinge beinhaltet. Es ist aber auch eine emotionale Reise.

Das Stück „Kompass“ ist ein Dankeslied an Mutter Madsen. Sind Madsen erwachsen geworden?

Ja, vielleicht in dem Sinne, dass wir uns jetzt trauen, das zu sagen. Und vielleicht ist es wirklich so, dass man sich erst mit über 30 eingesteht, dass man seinen Eltern ähnlicher wird. Andererseits waren wir schon immer relativ reflektiert in unseren Texten.

Ihr habt auch mal gesagt, man müsse keine Angst haben, „Kompass“ sei ein Pop-Album. Tatsächlich gibt es Stimmen, die sagen, dass ihr immer poppiger werdet …

Ich sehe das nicht so. Für mich ist „Kompass“ mehr „back to the roots“ als alles, was wir bisher gemacht haben. Weil es sehr von den 90er-Jahren und Bands wie Weezer, Nada Surf und dem ganzen Alternative-Rock-Zeug inspiriert ist. Und auch vom 70er-Jahre-Rock. Für „Sirenen“ wurden wir schon mit Black Sabbath oder Led Zeppelin verglichen. Das finde ich eigentlich ganz cool.

Interview: Theresa Huth

Die Indie-Rock-Band Madsen kommt aus dem Wendland. Das Video zu ihrer neuen Single „Küss Mich“ wurde in einem Hamburger Supermarkt aufgenommen. Hier das Making-of:

Casa Alfredo

Dieser Italiener in St. Georg ist eigentlich Portugiese, kann gleichzeitig sieben Pfannen befeuern und für Kinder Spaghettiketten basteln

Alfredo, Alfredo … mehrmals wiederhole ich seinen Namen und stelle mir dabei einen mop- peligen, von Mafiosi geknechteten Gastrobetreiber mit ölverschmierter Schürze vor, der gebetsmühlenartig die üblichen Frauenanmachsprüche vor sich hinleiert. Aber nein! Der Typ sieht wirklich gut aus, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen beherrscht er das Multitasking aus dem Effeff und hat, ja, fast alles im Griff.

Er bedient, kocht, schmeißt seinen ganzen Laden alleine. Befeuert lässig mal so fünf bis sieben Pfannen auf dem Herd, während er mit der anderen Hand für kleine Gäste Spaghettiketten bastelt und großen Gästen, die mit lästigen Wünschen seinen Arbeits-Flow stören, dann doch freundlich Wein und Salz und Pfeffer an den Tisch bringt.

Ich spreche hier von einem Italiener in St. Georg, der eigentlich Portugiese ist und ein Ein-Mann-Unternehmen betreibt, das seinesgleichen sucht. Wer hierher kommt, sollte Zeit mitbringen. Und Vertrauen. Denn: Eine Speisekarte gibt es nicht. Alfredo fragt seine Gäste nach ihren Vorlieben, und einige – okay, manchmal auch geraume – Zeit später landet ein exzellentes Gericht auf dem Tisch.

Pure, schnörkellose, frisch zubereitete mediterrane Küche, die sensationell gut schmeckt. Wie die gebratenen Tintenfische mit leichter, zitroniger Sauce, die sautierten Mischpilze mit frischen Kräutern, der Wildschweinrücken oder die Pasta mit Meeresfrüchten. Die sehr guten Flaschenweine werden übrigens großzügig auch glasweise ausgeschenkt.

Eigentlich möchte ich gar nichts über „meinen“ Alfredo schreiben – dieses Kleinod darf nicht durch unbezwingbaren Ansturm zerstört werden. Ein solches Lokal sollte unter Artenschutz stehen.

Text: Birgit Hamm
Foto: Jakob Börner

Casa Alfredo
Kirchenallee 27 (St. Georg)
Telefon 57 24 24 12
Mo-Fr 11.30–15, 18–23, Sa-So ab 17 Uhr

Casa Alfredo ist Testsieger der Kategorie „Kosmopolitanien“ in unserem Gastroführer SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN. Dafür schlemmten wir uns in Hamburg von Griechenland über Österreich bis nach Litauen.

Verlosung: Schamoni liest und singt

Lokalmatador Rocko kommt mit seiner Show „Songs & Storys“ am 29.9. in die Fabrik. Wir verlosen Tickets!

Es ist ihm ernst. Jedenfalls tut er so. Wenn Rocko Schamoni seine Geschichten erzählt, ob als Musiker, Autor oder Schauspieler, gibt er alles, um Haltung zu bewahren. Um nicht zu lachen, nicht mal ein kurzes Grinsen will er zeigen. Gehört fest zu seinem Bühnenwesen. Was auch dazugehört: Irgendwann kann er nicht mehr – und prustet los.

Warum? Weil sein Humor so gut ist, dass er selbst amüsiert davon ist. Schamonis typischer Witz, das ist ein Mix aus eben dieser nicht einzuhaltenden Seriosität, aus Ironie und Absurdität und vor allem: aus der Erfindung schräger Charaktere in noch schrägeren Settings. Sein Roman „Dorfpunks“ war ein Manifest, seine Studio-Braun-Arbeiten wurden größte Lachnummern, und der Film „Fraktus“, diese Wahnsinnsidee von drei angeblichen Techno-Erfindern aus den 80ern, die die elektronische Musikszene seitdem verrückt gemacht haben, ist an skurriler Stärke kaum zu überbieten.

Rocko Schamoni kann’s einfach – und zwar so gut, dass er sich oft gleich mit belustigt. Wird ihm wohl auch wieder passieren, wenn er mit „Songs & Storys“ auf Tournee geht, liest und singt – etwa die Stücke aus seinem aktuellen Album „Die Vergessenen“, mit Swing-Interpretationen, zum Beispiel von Manfred Krug und Ton Steine Scherben. Letztlich ist es ein kleiner, aber feiner Teil der Schamoni-Show, ja man wartet darauf geradezu, dass der Mann des Abends sich über sich selbst schlapplacht. Weil’s dann irgendwie noch lustiger wird.

Text: Erik Brandt-Höge
Foto: Kerstin Behrendt

Fabrik
Barnerstraße 36 (Ottensen)
29.9., 20 Uhr

SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze. Schickt eine E-Mail mit dem Stichwort „Rocko“ sowie dem eigenen Vor- und Nachnamen bis zum 27.9. an verlosung@vkfmi.de

Gerade noch saß King Rocko bei Jan Böhmermann auf der Couch und setzte sich mit der menschlichen Seite aktueller Machtstrukturen in der Spitzenpolitik auseinander. Aber seht selbst:

P/ART: Kunst für alle!

Fair gehandelt und ohne Mega-Player: Die unprätentiöse Producers Artfair eröffnet am 24.9. im Kraftwerk Bille

Der desolate Kunstmarkt mit den Mega-Playern, die Macht der Galerien und der Abgesang auf die Freiheit der Kunst bestimmen schon lange die Szene. Und genau dem stellt sich das junge Kollektiv der Producers Art Fair P/ART entgegen, das von drei ehemaligen Praktikanten der Deichtorhallen gegründet wurde – und die stetig wachsende Messe jetzt zum dritten Mal stemmt.

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Timur Yüksel: Take A Closer Look #33

Eine Jury, zu der die Direktorin des Kunstvereins Bettina Steinbrügge ebenso gehört wie der Londoner Künstler Julius Heinemann und die Kunstautorin Antje Stahl, hat etwas mehr als 60 Künstler ausgewählt, die ganz unabhängig ihre Kunst präsentieren.

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We Are Visual: Matratze – “Rahmen aus handgenähter Matratze”

Mindestens zwei der Arbeiten jedes Künstlers sollten dabei weniger als 1.000 Euro kosten und statt der üblichen 50 gehen nur 25 Prozent Verkaufsprovision an die Veranstalter, dazu sind die Künstler vor Ort, es gibt Gesprächsrunden, man nimmt einen Drink zusammen – und abseits des aufgeblähten Kunstmarkts entsteht so ein Come Together, das die Arbeiten und Ideen in den Mittelpunkt stellt, Hemmschwellen abbaut und einen ganz unprätentiösen Umgang mit Kunst ermöglicht

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Martin Meiser: Alles 1€, 2013

Nach dem Start im Kolbenhof und der furiosen P/ART in den Phoenix Hallen im letzten Jahr zieht die Produzenten-Kunstmesse jetzt erneut an einen spannenden Ort: in das ehemalige Kraftwerk Bille in Hammerbrook. Zu sehen sind dort Skulpturen von Nils Kasiske, Zeichnungen von Paul-Kai Schröder oder Malerei von Simon Hehemann – hinzu kommen zahlreiche Künstlerbeiträge im Rahmenprogramm. Konsequent Haltung zeigen, Denkanstöße geben, bleibende Werte vermitteln und Beziehungen stiften will das P/ART-Team und startet damit am 24. September mit einer großen Eröffnung.

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Verena Schottmer: Trust the Dich, 2015

Text: Sabine Danke
Foto (oben): Jonas Kolenc: Twins

Heizkraftwerk Bille
Anton-Ree-Weg 50 (Hammerbrook)
24.–27.9.
Eröffnung: 24.9., ab 19 Uhr

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Laura Link: ohne Titel, 2014

Jannes Wochenvorschau Vol. 23

Kolumne: Ich bin gerne ein Posterboy – aber eigentlich sollte es 450 geben

Dieses Geständnis zielt nicht unbedingt darauf ab, wie eitel ich bin. Meine Freunde wissen, dass es mir immer noch und regelmäßig leicht unangenehm ist, wenn ich im Mittelpunkt stehe. Meine vermeintliche (Millionär bin weder ich noch der Verein) Popularität ist aber mit Sicherheit nicht schlecht für unseren clubkinder e.V.. Darum mache ich gerne am Donnerstag ein Fotoshooting für eine Frauenzeitschrift.

In Wirklichkeit gebührt die Aufmerksamkeit aber längst nicht nur mir und Joko, sondern unseren unzähligen Helfern. Ob die nun an der Spendenkasse, an einer Tastatur oder an ihrer Idee sitzen, mit uns zu kooperieren. Mittlerweile haben wir in unserer Helfergruppe 450 Hamburger die Spenden sammeln, Kinder schminken oder knapp 400 Stühle bei einer Tagebuchlesung im Gruenspan auf- und abbbauen. Und die gerade mit 52 Zuwanderern auf dem Konzert von Gentleman feiern.

Diese clubkinder helfen Geflüchteten, Senioren, Kindern, Künstlern oder Tieren. Joko und ich auch, unser Team um Eloise und Chris auch, aber vor allem „unsere“ zahlreichen Helferlein. Und dieser Begriff ist übrigens nicht despektierlich gemeint, Helferlein von Daniel Düsentrieb war als Kind immer meine Lieblingsfigur neben Donald Duck in den Lustigen Taschenbüchern. Eine Figur, die ihrem Erfindervater mehr als einmal entscheidend aus der Patsche geholfen hat.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Polycore mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Die Fotos des Friseurs

Oliver Giemza dokumentiert aus dem Schaufenster seines Salons heraus die Marktstraße. Seit acht Jahren und immer aus derselben Perspektive. Neun Alben mit je 250 Bildern hat er schon zusammen

Frisör Marktstraße 2

Wer bei Oliver Giemza auf dem Frisierstuhl sitzt, guckt statt in den Spiegel durch eine große Fensterscheibe. Der Blickwinkel ist leicht angeschrägt, weil der Salon im Souterrain liegt; auf Kopfhöhe spazieren die Leute am Schaufenster vorbei, schieben Kinderwagen oder Rollatoren vor sich her, tragen Kaffeebecher in den Händen oder Schulranzen auf dem Rücken. Manche winken dabei extra in Richtung Friseur, andere werfen nur einen verstohlenen Blick ins Schaufenster und betrachten sich kurz im Spiegelbild. In solchen unverfälschten Momenten lässt Oliver Giemza kurz die Schere sinken und tritt mit dem Fuß auf den Fernauslöser seiner Fotokamera.

Frisör Marktstraße 3

Seit acht Jahren schießt Oliver Giemza mit seiner 26 Jahre alten Ricoh Fotos. Sie steht auf einem Stativ in der Ecke des Salons. Fast jeden Tag macht der 50-Jährige Bilder – bei sonnigem Wetter auch mal 20 Stück –, immer aus derselben Perspektive, den Fokus auf den Gehweg gerichtet. „Ich hatte schon immer das Bedürfnis, den Verlauf der Dinge festzuhalten“, erzählt Giemza.

Frisör Marktstraße 6

Und so dokumentiert er mit seinen Momentaufnahmen den Wandel der Zeit, des Karoviertels mitsamt seinen Bewohnern. Wie die Nachbarskinder erwachsen werden und manche Alte irgendwann wegbleiben; wie an der Ecke zur Turnerstraße ein schönes altes Haus nachts im Flutlicht abgerissen wurde. „Auch das hab ich fotografiert“, erinnert sich Giemza. Jedes Mal, wenn er dann die Umschläge mit den entwickelten Bildern bei Foto Dose abholt, ist er gespannt: „Ich vergesse ja auch viel davon, was ich fotografiert habe.“

Frisör Marktstraße 4

Seit 1999 betreibt er seinen Salon „Ein Friseur“ in der Marktstraße, 2002 bezog Giemza neue Räume, in denen er heute noch arbeitet. Er liebt die dörfliche Struktur des Viertels, den Multikulti-Charme und die vielen inhabergeführten Geschäfte. Der Blick aus Giemzas Schaufenster führt entlang der Turnerstraße direkt auf den Bunker. Der versperrt die Sicht hinaus aus dem kleinen Dorf und wirkt gleichzeitig wie ein „schützendes Bollwerk, das je nach Licht und Wetter immer anders aussieht“, sagt Giemza fast liebevoll, „mal mürrisch, mal freundlich.“

Frisör Marktstraße 5

Oliver Giemza, hier selbst im Bild, will im März 2017 nach zehn Jahren sein Fotoprojekt beenden

Text: Julia Braune

Ein paar Fotoalben liegen bei Oliver Giemza immer im Salon zum Durchgucken bereit. Wer darin blättern will, braucht nur einen Friseurtermin!

Tarterie St. Pauli

„Die Sterne“-Frontmann Frank Spilker kam in diesem Lokal mit Geduld zum kulinarischen Höhepunkt und schrieb darüber

So etwas könnte mein Lieblingsrestaurant sein. Ein kleines Ladenlokal (ehemals Dönerbude oder Waschmaschinenhöker), nicht mehr als sechs Tische, eine kleine, täglich wechselnde Karte, die ja an sich schon ein Garant für Frische und Abwechslung ist, mitten an einer belebten Straßenecke des sich gerade verjüngenden (aka gentrifizierenden) St.-Pauli-Kiezes gelegen. Die Preise sind nicht niedrig, aber so gestaffelt, dass man auch mit wenig Einsatz zu seinem kulinarischen Höhepunkt kommen kann, wenn es nicht gerade ums Sattessen geht. Hauptgerichte kosten heute zwischen 18 und 22 Euro.

Es gibt ein Stubenküken mit karamellisiertem Romanasalat und Rauchcreme als Vorspeise, Jakobsmuscheln an mutig unterschiedlichen Tomaten (Koriander, honigsüß) und gebratenem Radiccio sowie einen perfekten Kaiserschmarrn zum Dessert zum Menüpreis von 35 Euro. Der durchweg gute Weißwein liegt zwischen 4,50 und 7 Euro und ist jeweils jeden davon Wert, der Rotwein wird selbstbewusst gut gekühlt serviert. Solche Empfehlungen bedeuten mir mehr als perfekte deutsche Ingenieurskunst am Herd. Etwas Geduld muss man allerdings mitbringen. Oder eben einfach Zeit.

Text: Frank Spilker
Foto: Jakob Börner

Tarterie St.Pauli
Paul-Roosen-Straße 31 (St. Pauli)
Telefon 0178 / 407 25 93
Mi-Fr 18–23, Sa 10–23 Uhr

Für den Gastroguide SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN testete Frank Spilker einige Restaurants der Kategorie „Szenopolis“. Warum? Darum:

Die in früher Jugend entdeckte Vorliebe für Krustentiere ließ den Autor eines Buches und Sänger etwa eines Dutzends Schallplatten, unter anderem seiner Band Die Sterne, bereits früh verarmen. Immerhin schaffte er es, sich bis nach Hamburg an das Objekt seiner Begierde heranzufressen. Alkoholexzesse, Koks und Nutten machten im weiteren Verlauf seine prekäre Lage nicht einfacher. Immerhin darf Frank Spilker (49) heute gelegentlich im Auftrag des Goethe-Instituts die internationale Weltküche wie zuletzt die von China und Japan begutachten. Aber auch Gerichte aus Mexiko, den USA, Frankreich und Kroatien standen schon auf der Karte. Der seit mehr als 20 Jahren bereiste deutschsprachige Raum erscheint ihm in kulinarischer Hinsicht als leckerer alter Hut.

Pauls Smith And The Intimations (19.9.)

Der Frontmann der Band Maxïmo Park ist abseits der Bühne ein ganz ruhiger – und diese nachdenkliche Version des Briten spielt im Molotow

Pauls Smith ist der ruhigste Mann im britischen Rockgeschäft – zumindest abseits der Bühne. Der Mann aus Newcastle mit dem harten nordöstlichen Akzent fällt fern der großen Show, für die er mit seiner Band Maxïmo Park seit deren bahnbrechendem Debütalbum „A Certain Trigger“ (2005) steht, kaum auf, ist extrem zurückhaltend, geradezu schüchtern. Er liebt es, weit weg von allem Trubel in seine Bücher einzutauchen, die Werke der größten Schriftsteller, Aktivisten und Philosophen der Welt.

Aktuell besonders beliebt bei Smith: Maxim Gorki, von dem er sich für die Arbeit an „Contradictions“ inspirieren ließ, Smiths neuem zweiten Soloalbum, dass er zusammen mit The Intimations aufgenommen hat. Wenn er mit denen zusammen ist, klingt er wie eine nachdenkliche Version von Maxïmo Park, melancholisch auch, wobei nicht weniger melodiös und wunderbar britisch wie immer. Und ist die Zeit gekommen, da Smith zurück auf die Bühne geht, ist er natürlich wieder ein anderer. Ein Entertainer durch und durch: quirlig, ausgeflippt, eben das Gegenteil von Ruhe.

Er ist ein Typ der zwei Extreme. Und kann beide extrem gut.

Text: Erik Brandt-Höge

Molotow
Nobistor 14 (St. Pauli)
19.9., 19 Uhr