Jannes Wochenrückblick Vol. 13

Kolumne: Positive Energie! Während in Jenfeld um Flüchtlingsunterkünfte gekämpft wird, beten Massen auf dem Kiez Helene Fischer an

Mit der Energie ist es so eine Sache. Oft hat man das Gefühl, dass sie dort viel zu sehr ausgegeben wird, wo sie nicht hingehört. Wo sie gebraucht wird, kommt dann nicht mehr genügend an. Das kann man universell auch anwenden auf Geld, Lebensmittel oder andere Dinge. Energie wird sowieso oft als Synonym für alles benutzt, was fließt.

In dieser Woche sind mir zwei Sachen aufgefallen:

Situation 1

In Jenfeld sollte ein Zeltdorf als Not-Unterkunft für 800 Zuwanderer aufgestellt werden. Einige Anwohner waren dagegen. Wohl, weil sie nicht rechtzeitig oder ausreichend darüber informiert wurden, es kursierten allerdings auch dumme Parolen durch Internet, Medien und Köpfe.

Dass man den Zuwanderern helfen muss, darüber waren sich zumindest alle meiner Freunde einig. Einige haben online protestiert, einige sind sofort nach Jenfeld geradelt, um vor Ort zu protestieren und – da wird es interessant – vor Ort zu schauen, wie die Sachlage ist.

Siehe da: Man kann mit einigen Anwohnern reden. Man kann auch mit Fernsehsendern vor Ort reden, um nicht nur Empörte oder Verirrte (es kommt immer wieder zu verfassungswidrigen Gesten) zu Wort kommen zu lassen. Man kann mit den Hilfseinrichtungen reden und helfen beim Zeltaufbau, bei der Kleidungsausgabe oder einfach beim Bespaßen der Kinder.

Man kann mit den Zuwanderern reden und ihnen erklären, aufmalen oder symbolisieren, dass nicht alle Menschen in Hamburg so sind wie die bedrohlichen Ewiggestrigen ohne Argumente. Zum Beispiel auch schon mit Kuchen: ein Stück Normalität und Fröhlichkeit.

Situation 2

Auf Sankt Pauli ein ganz anderes Bild: Hier gibt es für viele deutlich zu viel Fröhlichkeit. Unser Büro ist direkt über dem Hans-Albers-Platz, wir brauchen also wahrlich keine Informationen über die Umstände hier – zuletzt haben wir einen Termin mit Gastronomen verlegt, weil uns jemand in den Hausflur gekackt hat.

Und nun war am Samstag wieder Schlagermove. Wir sind gegen Lärm, Prügeleien, Alkoholleichen, gegen Erbrochenes, Urin und benutzte Kondome, vor allem gegen Müll allenorts, aber: Dieses Fest ist 30 Stunden im Jahr und räumlich stark begrenzt. Abgesehen davon sind die Besucher meistens weder feindselig noch gefährlich für andere als sich selbst.

Stumpfsinn durch Caipirinha ist das eine, Stumpfsinn durch Vorurteile und Wissensresistenz das andere. Überlegen wir, gegen wen wir unsere Wut – besser: Energie – richten. Und wie. PS: Nazis sind Scheiße. Überall.

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Airport-DJ Mad (18.7.)

Der Beatbastler der Beginner beschallt am 18.7. die S-Bahn-Station Hamburg Airport. Wir verlosen Tickets

Wer nach einer Nacht auf dem Kiez die S1 nimmt, um nach Hause zu fahren, kennt das vielleicht: Von Station zu Station schreckt man auf. Nein, nicht wieder einschlafen. Gleich muss ich rauszzzzzzzz…. Und zack ist man an der Endhaltestelle „Hamburg Airport“. Verdammt!

Dann doch lieber gleich dort zum Feiern treffen. Einmal im Jahr geht das. Dann beschallen Beatproduzenten die S-Bahn-Station im Hamburger Norden im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals. DJ Mad von den Beginnern tritt dabei 2015 in die Fußstapfen von Henning Besser, dem DJ von Deichkind. Er bringt am 18. Juli die Gleise zum Vibrieren. Zwei Sonderzüge (aus Wedel und Aumühle) fahren quasi direkt in den Club.

Wer nach der Veranstaltung noch weiterfeiern möchte, fährt halt zum Kiez – oder nimmt den Flieger nach Ibiza.

SZENE HAMBURG verlost 4×2 Plätze auf der Gästeliste für die Party mit DJ Mad in der S-Bahn-Station Hamburg Airport. Sende eine E-Mail mit Vor- und Nachname sowie dem Stichwort „DJ Mad“ bis zum 15.7. (11 Uhr) an online-verlosung@vkfmi.de

Schleswig-Holstein Musik Festival

Wer hätte das gedacht? Das Festival (11.7.–30.8.) steht in erster Linie für klassische Musik. Aber unter den 178 Konzerten, die sich schwerpunktmäßig Peter Tschaikowsky widmen, befindet sich auch eine feine Selektion von Popkünstlern! Unter dem Motto „Lustern“, plattdeutsch für „Lauschen“, treten beim SHMF der stimmgewaltige Soulsänger Gregory Porter, der Schauspieler und Sänger Ulrich Tukur, die Jazzlegene Al Jarreau und HipHop-DJ-Mad auf. Wie es sich für das Festival gehört, jeder an unterschiedlichen Spielstätten zwischen Hamburg und Dänemark.

Text: Lena Frommeyer & Alessa Pieroth
Foto: Robert Wunsch

Hinter den Kulissen

Neue Serie: Die Inspizientin Corinna Fussbach koordiniert im Thalia Theater große Theateraufführungen

Wann wird das Licht gedämmt? Wann wird es wieder aufgeblendet? Wie gelingt es, dass Text und Technik ineinandergreifen und die Bühne zur richtigen Zeit genauso beschaffen ist, wie die Geschichte es erfordert? Wenn man so richtig in einer Theaterinszenierung versunken ist, stellt man sich selten diese Fragen – und doch sind sie elementar.

Corinna Fussbach hat die Fäden in der Hand. Als Inspizientin ist sie im Thalia Theater die Hauptkoordinatorin vieler großer Vorführungen, die auch deswegen beeindruckend sind, weil jedes technische Rädchen genau zum richtigen Zeitpunkt ineinandergreift. Corinna Fussbach sitzt dann an einem Technikpult seitlich der Bühne. Von hier aus gibt sie Lichtsignale, sogenannte „Cues“, an sämtliche Mitarbeiter der kleinteiligen Maschinerie, welche hinter den komplex erzählten Geschichten steht.

Das Notizbuch ist ihr wichtigstes Werkzeug

„Man könnte meinen Beruf mit dem des Dirigenten vergleichen“, erklärt sie. Auf ihre Zeichen hin erklingen die verschiedenen Stimmen in einer Theateraufführung. Sie ist dabei eine „Mittlerin zwischen der Technik und der Kunst“ und sorgt dafür, dass umgesetzt wird, was sich das kreative Team im Vorfeld überlegt hat. Damit das gelingt, ist sie bei den Proben dabei, prägt sich das Geschehen ein und macht sich Notizen im Textbuch. Das Buch ist neben dem Pult ihr wichtigstes Werkzeug, das sie später, wenn es ernst wird, durch die Inszenierung führt.

Trotz dieses Hilfsmittels erfordert der Job während der Einsätze ihre volle Aufmerksamkeit. Es gilt, auf Ungeplantes schnell zu reagieren, Vorgänge gegebenenfalls sogar zu stoppen und in eine andere Richtung zu lenken. Corinna Fussbach trägt viel Verantwortung. Besonders dann, wenn etwas einmal nicht klappt, bekommt sie das zu spüren.

Erst Souffleuse, dann der Sprung ins kalte Wasser

Damit müsse man umgehen können, wenn man den Beruf des Inspizienten wähle, erklärt sie. Sie selbst ging vor zehn Jahren das Wagnis ein, nachdem sie lange Zeit als Souffleuse gearbeitet hatte. Mit einer Mischung aus großem Respekt und dem Willen, es unbedingt hinzukriegen, sprang sie ins kalte Wasser. Inspizientin ist kein typischer Lehrberuf. „Zu Beginn ist alles Chaos. Vor dir liegt ein großes Puzzle, das sich Bild für Bild zusammensetzt.“ Doch wenn es dann gelingt, alles zu überblicken, sei das jedes Mal wie ein großes Flow-Erlebnis.

Das reizt die 49-Jährige bis heute. Gemeinsam mit zwei anderen Inspizienten ist sie feste Mitarbeiterin am Thalia Theater. Momentan koordiniert sie unter anderem „Romeo & Julia“, „Fraktus“ und „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ – alles Stücke, in denen viel passiert, keine „Durchsteher“, wie es im Fachjargon heißt. Zum Glück, denn Durchsteher bergen das Risiko, dass man abschweift und die Aufmerksamkeit verliert. Dann passieren Fehler.

Auch die Entspannung zwischen den Vorstellungen ist wichtig, um sich wieder richtig konzentrieren zu können. Am besten kann Corinna Fussbach das beim Yoga und bei langen Spaziergängen mit ihrer Hündin Selma. Dann lässt sie die Gedanken schweifen und tankt auf. Für den nächsten Moment, wenn der Vorhang im Thalia Theater wieder aufgeht und sie alles überblicken muss.

Text: Katharina Manzke
Foto: Krafft Angerer

„Wir sind ja auch alle nur Musikfans“

Müssen alle mit: Festival-Comeback für Schrottgrenze am 11.7.! Sänger Alex Tsitsigias lässt sich in die Tasche gucken

Nada Surf, Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi, Rhonda, Antilopen Gang, Oliver Gottwald, Egotronic: Sie alle treten beim „Müssen alle mit“-Festival 2015 in Stade auf. Genau wie die Hamburger Gruppe Schrottgrenze. Sie fand erst kürzlich wieder zusammen und steht zum ersten Mal seit acht Jahren auf einer Festivalbühne. Ein Gespräch mit Sänger Alex Tsitsigias über die Vorzüge von Festivals im Hier und Jetzt und frühere Schlammschlachten.

Schrottgrenze Hamburg

Schrottgrenze-Sänger Alex Tsitsigias

SZENE HAMBURG: Alex, starten wir mit der Festivalvorbereitung: dem Taschepacken. Was nimmst du persönlich unbedingt mit, wenn du nach Stade fährst?

Alex Tsitsigias: Auf jeden Fall nehme ich eine Flasche etwas teureren Whiskey aus meinem Privatbestand mit. Außerdem noch meine Gitarre und Ohrstöpsel … das war’s. Damit komme ich erst mal über die Runden.

Zahnbürste und frische Unterwäsche werden deiner Meinung nach überschätzt?

(lacht) Geh mal davon aus, dass solche Dinge sowieso in meiner Tasche sind.

Und vor Ort? Was brauchst du dort?

Ich und wir als Band brauchen an sich nichts außer einem guten Line-up, damit wir selbst vor und nach unserem Konzert auch ein wenig Spaß haben können.

Bist du auf Festivals grundsätzlich eher der Wiesensitzer, oder willst du tanzen und zwischen Tausenden in die Luft springen?

Zumindest tanze ich keinen Pogo mehr (lacht). Im Ernst: Wir sind zwar alle noch jung, gehen es nach weit über Tausend besuchten Konzerten aber schon etwas ruhiger an, natürlich auch auf Festivals.

Keine Lust mehr auf Wildheit?

Früher war jede After-Show-Party von uns wild – egal wo. Heute müssen wir uns nicht mehr um jeden Preis wegballern. Wir legen jetzt ein bisschen mehr Wert auf andere Dinge.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel, andere Bands zu beobachten und auch mal wieder mit Leuten zu sprechen, die wir lange nicht gesehen haben.

Und früher? Was waren deine wildesten und deshalb vielleicht auch schönsten Festivalmomente?

Mit Schrottgrenze waren wir 2005 beim „Rocco del Schlacko“-Festival. In dem Jahr war das komplette Gelände verschlammt, alle Bands sind mit ihren Sachen früher oder später stecken geblieben. Und irgendwann haben alle nur noch darüber gelacht. Das hat eine ziemlich gute Stimmung ergeben. Und von den Auftritten anderer Musiker, die ich bisher auf Festivals erlebt habe, fand ich David Bowies „Hurricane“-Festival-Show 2004 absolut unvergesslich. Die war unfassbar gut! Genauso unfassbar: Bowie hatte am Ende eine Herzattacke, und keiner hat’s gemerkt.

Bei „Müssen alle mit“ treffen nun einige ziemlich unterschiedliche Bands aufeinander. Muss man trotzdem davon ausgehen, dass Schrottgrenze, Käptn Peng und ihr gut zusammenpasst?

Zumindest gehe ich davon aus, dass sich diejenigen, die sich noch nicht kennen, dort schnell zusammentun und eine gute Zeit haben werden. Bei uns ist es so, dass wir viele verschiedene Musikrichtungen mögen, und ich weiß, dass es bei der einen oder anderen Fraktion, die beim Festival dabei sein wird, genauso ist. Das vereinfacht natürlich einiges in Sachen gutes Miteinander. Es ist glücklicherweise nicht mehr wie in den 90ern, als sich nichts überschneiden durfte.

Auf wen freust du dich persönlich?

Auf Doug Gillard, Gitarrist bei Nada Surf, der auch einst bei Guided By Voices spielte, einer unserer absoluten Lieblingsbands. Mit ihm werden wir versuchen, ein Bier zu trinken und ein Selfie zu machen. Wir sind ja auch alle nur Musikfans.

Und nach „Müssen alle mit“? Schrottgrenze haben erst vor Kurzem wieder zusammengefunden. Werdet ihr als Band weitermachen?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben jetzt erstmal noch einige Shows vor uns und arbeiten im Moment ganz vorsichtig an neuem Material.

Klingt nach einem neuen Album in ein bis zwei Jahren.

Wenn wir dann von den Songs überzeugt sind, wird es bestimmt ein Album geben.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Henning Angerer (oben), Doreen Reichmann

„Müssen alle mit“
Bürgerpark Stade
Am Bahnhof
11.7., 13 Uhr (Einlass 12 Uhr)

Aus Spaß wird Ernst

Pablo Langeweile, Frontmann der Hamburger Punkband Plastic Propaganda, hat geheiratet.
 Seine Gitarre. Ein Erfahrungsbericht.

Der schönste Tag in meinem Leben setzte damit ein, dass ich mir meine Braut unter den Arm klemmte und mich auf zum Spielbudenplatz machte. Ich heirate in der St. Pauli Chapel of Love. Und zwar meine E-Gitarre. Mit Nina, meiner Freundin, bin ich zwar schon im 6. Jahr zusammen (Scheiße, ich war doch gerade erst 18?!), dennoch akzeptiert sie meine Entscheidung. Denn mit meiner Klampfe kann ich anstellen, was ich will. Vollbluten, wochenlang in die Ecke stellen oder, wie jüngst geschehen, dauerhaft in unserem lichtlosen Miefbunker parken, wo Nazigeister spuken.

Nun will ich Dienstbarkeit auf keinen Fall als probates Beziehungsmodell anpreisen. Genauso wenig funktioniert für mich aber die Schaffung von Abhängigkeiten durch ein angeblich ewig geltendes Versprechen. Menschen sind, zum Glück, wandelbare Wesen. Kommt man wirklich nicht mehr miteinander aus, sollte nichts dagegen sprechen dürfen, getrennte Wege zu gehen. Die Ewigkeit gehört den Dingen, so wie meine Gitarre jetzt ewig zu mir gehört. Und andersrum.

Um 13.45 treffe ich vor der Chapel ein. Julian, mein bester Freund und Bandkollege, ist Trauzeuge. Er erwartet mich mit Dosenbier und Zigaretten. In aller Beschaulichkeit begehen wir meinen Junggesellenabschied. Dann tritt Viva Valli als Friedensrichterin vor und bittet mich hinein.

Durch das Dosenbier habe ich einen dicken Kloß im Hals

Der umgebaute DDR-Wohnwagen erweist sich als mit Trash und Tand stilvoll eingerichtete Butze: Blinklichter und Flitterkrams überall, dazu eine Torte mit Rosen und Schädelchen, daneben ein Plattenspieler. Also alles, was man braucht. Auf der kleinen Bank sitzend, höre ich ein Orgel-Gewitter, das den Beginn der Zeremonie markiert.

Die Braut wird unter Konfettiregen in die Kapelle geleitet, komplett mit Schleier. Trauzeuge Julian kann sich hinter seiner Sonnenbrille ein Schmunzeln nicht verkneifen. Valli schließt hinter uns die Tür. Dank eines äußerst sparsamen Frühstücks und der prallen Sonne über dem Platz bin ich durch mein eines Büchsenbier ziemlich angetüddert, sodass die Traurede eigenartig viel Eindruck schindet und ich einen dicken Kloß im Hals spüre.

Die Außenbetrachtung: Ich sitze in einem stickigen Relikt des real-kollabierten Sozialismus, eine Frau im Glitzerkaftan mit Zylinder schwadroniert auf mich ein und meine Hände werden zittrig, beim Gedanken, mein Lieblingsinstrument in den Bund der Ehe zu führen, während mein bester Freund feixend neben mir sitzt. Völlig debil.
 Zum Ende der Zeremonie drehe ich aus einem Automaten zwei Ringe. Wir frisch gekürten Eheleute treten unter Konfettiregen in die strahlende Sonne und genießen den Moment. Ich fühle mich beflügelt.

Getraut wird zugunsten Kulturschaffender auf St. Pauli

Bei aller Gaudi hat die launige Aktion einen ernsten Hintergrund. Die Einnahmen der Trauungen gehen als Spenden an Kulturschaffende auf St. Pauli. Damit vermählen Valli und ihre Mitstreiterinnen auch in meinem Sinne. Die Mischung aus Glamour und Schiet, die den Kiez so einzigartig macht, wird bedroht von Leuten, die Szene nur bis 22 Uhr trendig finden. Danach ist bitte Ruhe im Karton.

Der Ort der Aktion könnte treffender kaum gewählt sein. Mein letzter Protest gegen Gentrifizierung auf dem Spielbudenplatz ging nicht so rosig aus. Am 21.12.2013 stand ich mit etwa 6.999 anderen Menschen vor den angeblich einsturzgefährdeten, und daher geräumten ESSO-Häusern und demonstrierte. Durch die darauf folgende Eskalation wurden wir von den Medien in Sippenhaft genommen und allesamt als „linke Chaoten“ betitelt. Unterdessen hing an der ach so instabilen Fassade immer noch eine tonnenschwere LCD-Werbewand und blinkte.

Dieses Bild sagte mir: Profit ist wichtiger als Menschen. Ich war stinksauer. Denn der Kiez ist meine Heimat, wir sind eine Kiez-Band: zwei von uns arbeiten hier, die Wochenenden verbringen wir ohnehin nirgendwo anders. Hier spielt die Musik, die wir l(i)eben, hier spielen wir selbst immer, wenn wir in Hamburg auftreten. Nur wohnen können wir hier selbstverständlich nicht, dafür ist es inzwischen viel zu teuer. Der Lohn aller, die sich am Kulturleben beteiligen ist die Leidenschaft an der Sache. Nur bezahlt die leider keine Rechnungen.

Wie lange noch geht es gut, dass das Viertel übernommen wird von denjenigen, die außer Geld nichts zu bieten haben, sich selbst aber an der Leidenschaft anderer laben? Geld hält keine Szene am Leben und keine Szene hat das Geld, das sie zum Leben braucht. Kultur lebt von Redundanzen und Improvisation.

Ich bin äußerst skeptisch, was den Neubau der ESSO-Häuser anbelangt. Das Molotow soll schlussendlich wieder an seinen alten Platz zurückkehren, in eigens dafür gebaute Räume. Aber will ich das? Durchkonzipierte Neubau-Clubs sind für mich totgeboren bei der Bauabnahme und ohne jegliches Flair. Genau das aber hat die St. Pauli Chapel of Love, dieser umgebaute und umgenutzte Ost-Wohnwagen. Ich drücke alle Daumen, dass sie etwas verändern kann, bevor um uns herum alles verändert wird.

Text: Pablo Langeweile

Feines Freiluft-Futter

Marktzeit: Lokale Food-Produzenten bespielen in den Sommermonaten den Platz vor der Rindermarkthalle St. Pauli

Klar, es gibt gute und überaus plausible Gründe, den Samstag bei Kaffee und Netflix im Bett zu verbringen – eine harte Arbeitswoche, katerbedingte körperliche Beeinträchtigungen und angenehme Gesellschaft zum Beispiel. Wenn da nicht noch die Geschwister Max und Marie ein Wörtchen mitzureden hätten.

Seit mehreren Jahren locken sie die Hamburger mit ihrem Markt nach amerikanischem Vorbild aus den Betten und in die Fabrik in Ottensen. „Marktzeit“ ist die alte Dame unter den jüngeren Hamburger Nachbarschaftsmärkten, von Altersstarrsinn oder Verschleißerscheinungen kann allerdings beim besten Willen nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil, sie erlebt einen zweiten Frühling und bezieht jetzt erstmals auch ein Sommerquartier.

Bei der Open-Air-Version vor der Rindermarkthalle auf St. Pauli erwartet Besucher die bewährte Mischung aus süß und deftig, regional und international: Ungarische Marmeladen machen es sich zwischen Bieren der Brauerei Von Freude aus der Hansestadt und französischen Leckereien von La Tarte bequem.

Neu ist die Food Assembly, zumindest in Hamburg. Über eine Website können regionale Erzeuger Vorbestellungen annehmen. Das sichert diesen einen Mindestabsatz, Verbrauchern einen bequemen Einkauf sowie einen direkten Austausch zwischen beiden und ermöglicht damit absolute Transparenz. Das Konzept steckt noch in den Kinderschuhen, aber einige regionale Erzeuger wie der Obsthof Tamke, die Hofkäserei Bölling und die Imkerei Elbbiene sind bereits an Bord.

Altbekannt sind hingegen die Gesichter hinter den Theken von Camarillo Salsas, Curry It Up, Vin Bien und den weiteren üblichen Verdächtigen. Auch Vincent Vegan und die Kiezküche lassen sich als Vertreter der Hamburger Foodtruck-Karawane blicken. Das verspricht Wochenendverpflegung vom Feinsten, stets nachhaltig und garantiert eine gute Alternative zum Leberwursttoast. Wecker stellen nicht vergessen – 15 Uhr sollte reichen!

Text: Tanja Ehrlich

Gelände der Rindermarkthalle
Neuer Kamp 31 (St. Pauli)
Sa 11–18 Uhr (bis Sep.)

Die Freundin vom DJ

Nachtleben-Kolumne: Pudel Overnight

Soso, der Angebetete spielt also regelmäßig im Pudel. Na dann heißt es ab sofort: It’s Pudel-Time, auch wenn ich da früher höchstens mal an einem Mittwoch zu einer Rap-Session war.  Golden Era – kennste, kennste?

Das allererste Mal Pudel vor 14 Jahren war etwas schräg und prägte die leicht ambivalenten Tendenzen zu dieser Hamburger Institution. Noch zu Münchener Zeiten, in der legendären Ersten Liga, Phono kennengelernt (no hetero) und mich mit ihm im Pudel verabredet. Wir so an der Bar mit noch ’nem Typen ’n bisschen gequatscht, dann er so, ich geh’ mal auflegen, ich so easy ciao und dann zu dem Begleiter: und Du so? Er – guckt mich vollkommen angewidert von oben bis unten an, dreht sich um und geht. Ihhhh, was sind das denn für seltsame Menschen hier?!

So ein bisschen ist der Pudel: Kunststudenten, die zu unsicher zum Nettsein sind, Druffis, die gar nichts mehr können, Geek-Touristen und das alles in jeglicher Couleur, zu Bookings, die das Herz höherschlagen lassen.

Komisch finde ich die Leute da immer noch, aber so lange ich mich betrunken auf schlafende Clubgäste setzen darf, ohne dass mir einer eine Szene macht, stelle ich mich, wenn es hart auf hart kommt, auch auf die Straße und recke die Faust in die Luft für Dein Bleiberecht.

Text: PMS
Foto: Detlef Honigstein

Die „Freundin vom DJ“ gibt uns von nun an monatlich Einblick in die verrückte Partywelt, die sie jedes Wochenende in den Clubs dieser Stadt erlebt

Alltagsmythen & MacGyver

Lennart Gäbel zeigt seine Illustrationen der Wissenschaftskolumne „Stimmt’s“, dazu gibt’s „Lifehacking“-Clips im Projektor

Im Netz wird Christoph Drössers Wissenschaftskolumne „Stimmt’s“ mit Stockfotos bebildert. Beinahe tausend Einträge umfasst sie und lässt sich im Archiv von Zeit-Online bis ins Jahr 2000 zurückverfolgen. Damit dürfte sie zu den ältesten deutschen Webkolumnen zählen. Seit Jahren beantwortet Drösser darin Leserfragen aus den Bereichen Gesundheit, Gesellschaft und Alltagsmythen. Etwa „Steckt man sich im Büro nicht so leicht an, wenn man öfter lüftet?“ oder „Ist es schädlich, den Harndrang zu unterdrücken?“. Christoph Drösser ist also so etwas wie der Doktor Sommer der Intellektuellenszene.

Der Illustrator Lennart Gäbel, der hauptsächlich für Zeitungen und Magazine zeichnet, widmet seine erste Ausstellung in Hamburg seinem persönlichen „Best of“ dieser Kolumne. Er hat sich die knifflige Aufgabe gestellt, die Fragen der Leser zu illustrieren. Das Werk unten bezieht sich beispielsweise auf die Frage „Geht ein Umzug als Menschenkette schneller vonstatten?“.

An drei Abenden werden zusätzlich zur Ausstellung Clips zum Thema „Lifehack“ gezeigt. Darunter versteht man das kreative Lösen von Alltagsprobleme, so richtig MacGyver mäßig: eine Mango in Sekundenschnelle mit einem Trinkglas schälen, eine versalzene Suppe genießbar machen, Spaghetti in der Kaffeemaschine kochen und was nicht sonst noch alles möglich ist. Dazu gibt es passende Speisen und Getränke. Um E-Mail-Reservierung wird gebeten.

Text: Alessa Pieroth
Abbildung: Lennart Gäbel

Projektor
Sternstraße 4 (Sternschanze)
Ausstellung: 4.–23.7.
Lifehack-Vorstellung: 14., 15., 16.7., 20 Uhr (Eintritt: 5 Euro)

Edition Umbruch

Vier Hamburger Designstudentinnen denken Print neu und feiern das mit uns am 9.7. im Oberhafen

Auf www.startnext.de haben vier Studentinnen der HAW Hamburg die Grenze geknackt. 1.500 Euro brauchten sie, um den Druck ihres Masterprojekts zu ermöglichen, den Rest, etwa 800 Euro, stellt die Uni. Edition Umbruch ist ein hochwertig gestaltetes Buch, das sich mit der Zukunft der Printmedien und der Rolle der Gestalter auseinandersetzt.

EditionUmburchTeam

V.l.n.r.: Laura Asmus, Luzia Hein, Marion Schreiber und Svenja Wamser

Wie wirkt sich der Umbruch auf Leser- und Nutzerverhalten aus? Wohin führen die Veränderungen in den Bereichen Print und Digital? Wie gehen wir als Gestalter damit um? Das sind die Fragen, die Laura Asmus, Luzia Hein, Marion Schreiber und Svenja Wamser inhaltlich und gestalterisch beleuchten. In der Publikation kommen nicht nur ihre eigenen Gedanken zum Ausdruck, sondern die angehenden Designerinnen konfrontierten auch Experten von Die Zeit, Gestalten Verlag, Neon, Stiftung Buchkunst, Paperlux und Freunden von Freunden in Form von Interviews mit dem Thema.

Mit einer Papiergravur, gedruckt auf verschiedenen hochwertigen Papieren wird dieses auf 300 Stück limitierte Stückchen Zukunft bei der Release-Party im Island erstmals zu bewundern sein.

Text: Alessa Pieroth
Foto: Lennart Gäbel illustriert die Zeit-Kolumne „Stimmt’s“

Buch-Release:
Island
Banksstraße 2a (Oberhafen)
9.7., 18.30 Uhr

Jannes Wochenrückblick Vol. 12

Kolumne: Summer in the City. 12 Tipps, wie man als besserer Mensch aus der Affenhitze hervorgeht

Liebe Leser, liebe Freunde, liebe Fremde, ihr wisst es selber: Es ist gerade massiv zu warm, um sich körperlich oder geistig zu verausgaben. Darum habe ich euch eine Liste mit 12 nützlichen Tipps gebastelt, wie ihr in Würde und als bessere Menschen aus dieser Affenhitze hervorgeht:

1. Viel trinken. 23 Liter teures Mineralwasser, wie es Patrick Bateman, der Titelheld aus American Psycho, vorlebt, sollten dem Körper gut tun.
2. Nein, Alkohol zählt nicht, schmeckt aber meistens besser als Wasser. Wer es gar nicht lassen kann, sollte den Umständen entsprechend von Rotwein aus dem Tetrapack auf Weißwein umsteigen. Den kann man auch prima aus Kokosnussschalen oder ausgehöhlten Wassermelonen genießen und so einen mondäneren Lebensstil vorgaukeln.
3. Das Fruchtfleisch der Wassermelone nicht wegwerfen: Es eignet sich hervorragend, um Wassermelonen-Feta-Salat oder Suppe zu machen.
4. Überhaupt: ausgewählt essen. Zum Beispiel Früchte in Sangria (Quitten, eine Dose Tortenpfirsiche) oder diese endgeile Eiscremesorte aus Amerika, die es noch heute bei der Millerntor Gallery (Sonntag – letzter Tag!) gegen Spende gibt.
5. Dürüm mit allem ist ja auch immer dufte, aber vielleicht nicht bei gefühlten 400 Grad in der U-Bahn.
6. Punker, Obdachlose oder Engländer auf dem Kiez freuen sich im Zweifelsfall immer über Wasser.
7. Ruhig auch mal den älteren Leuten im eigenen Wohnhaus anbieten, für sie zum Kiosk oder morgen zum Supermarkt zu gehen.
8. An alle Menschen an den Badeseen oder an der Elbe: Pfand gehört daneben. Müll gehört nicht in die Natur.
9. Wer Hunde oder Kinder länger als 125 Sekunden in seinem Auto lässt, gehört mindestens gebackpfiffen.
10. Schöne Plätze gerne an gute Freunde weitergeben: Niemand will eine Springbreakparty auf seinem romantischen Geheimsteg… aber so ein Wetter ist zu selten, um es nicht mit seinen Liebsten zu teilen.
11. Wer viel trainiert oder aus anderen Gründen stolz auf seinen Körper ist, darf den gerne präsentieren. Muskeln, Busen, Beine, Tätowierungen … Die Erfahrung zeigt allerdings, dass das den meisten Menschen so egal ist wie eurem Spiegel. Außer, sie sind oberflächlich.
12. Und lasst um Himmels willen eure Tablets und Smartphones zuhause. Da gehört nur Sonnenmilch in den Jutebeutel.

Genießt die Tage und habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Foto: Julia Schwendner

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.