Happy Schmidtchen

Die Schmidt-Familie bekommt Nachwuchs. Am 6.6. eröffnet das neue Theater von Corny Littmann und Norbert Aust im Klubhaus St. Pauli

„Kreiiiisch! Wahnsinn! Irre!“ vermittelt das Foto von Saalchef Henning Mehrtens, aufgenommen auf der jüngsten Bühne der Schmidt-Familie, die sich direkt neben dem Schmidt Theater im neuen Klubhaus St. Pauli auf dem Spielbudenplatz befindet. Ab dem 6.6. wird er jeden Abend das Publikum im Schmidtchen begrüßen. Die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Junge Künstler, Newcomer, kleine Komödien, aber auch Soloshows von etablierten Comedians stehen im Schmidtchen auf dem Programm.

Die neue Bühne ist auch die kleinste. Mit 200 Sitzplätzen ist sie hervorragend geeignet für die Förderung junger Talente, was ein Anliegen der Theaterchefs Corny Littmann und Norbert Aust ist. Entertainer Sven Ratzke wird das neue Theater mit seiner Show „Diva Diva’s“ vom 10. bis 13.6. einweihen. Am Flügel begleitet von Charly Zastrau bietet er die Lieder der großen Diven der 1960er Jahre stilecht dar. Am 14.6. zeigt Karl Dall sein neues Comedyprogramm „Der alte Mann will noch mehr“.

Schmidtchen
Spielbudenplatz 21-22 (St. Pauli)
Eröffnung: 6.6.

hamburg:pur verlost 2 x 2 Tickets für die Vorstellung von Sven Ratzke am 11.6. um 20 Uhr. E-Mail mit Vor- und Nachname mit dem Stichwort „Schmidtchen“ bis zum 10.6. an gewinnen@vkfmi.de.

Wider die Ökonazis

Von Achtsamkeit bis Zigarette: Trendforscherin Judith Mair und Designerin Bitten Stetter schrieben das Zeitgeist-Lexikon „Moral Phobia“

Wäre „nett“ nicht die kleine Schwester von „scheiße“, wäre das netteste Detail an der Enzyklopädie „Moral Phobia“, dass sie das zentrale Merkmal einer Enzyklopädie unterwandert: Sie ist nicht so richtig alphabetisch geordnet. Auf „Feel Good Imperativ“ folgt „Fuck for forest“ folgt „Flexibler Normalismus“. Trendforscherin Judith Mair und die Hamburger Modedesignerin Bitten Stetter nervte die Nettigkeit der veganen, achtsamen Besserverdiener, die sich kritische Reflexion und Yoga auf die Fahnen schreiben, damit der Selbstoptimierungszwang biologisch abbaubar aussieht, und wollten ihr Vokabular entlarven.

Letztlich aber schwankt „Moral Phobia“ zwischen Hipster-Soziologie und Anleitungen zur Widerborstigkeit. Das ist eine hilflose Beschreibung, aber wie soll man ein Kompendium aus „Rechtsextremen Ökos“, „Helfies“ (=Selfies, auf denen Frauen unrasierte Beine zeigen), www.glutenfreesingles.com und dem Abfeiern von Pelz- und Champagnerkonsum auf den Punkt bringen? Richtig konsequent ist das nicht, und genau deswegen so charmant: Nichts gegens Mülltrennen und Nettsein an sich, aber so ganz ohne Scheiße macht das Dasein halt auch nur den halben Spaß.

Text: Hanna Klimpe

Ausrufezeichen Kopie 2 Das Buch erscheint bei Gudberg Nerger, einer Denkfabrik mit Shop in der Poolstraße 8 (Neustadt), der am 5.6. direkt neben dem Laden eine neue Galerie mit einer Collagen-Ausstellung von Dennis Busch eröffnet

Hamburger Theaternacht

41 Bühnen leiten im September zusammen die neue Spielzeit ein. Am 1.6. startet der Ticketverkauf für „frühe Vögel“

Am 5. September kehren Hamburgs Theater zurück aus der langen Sommerpause. Seit elf Jahren feiern die kleinen und großen Bühnen der Stadt die neue Spielzeit mit einer langen Theaternacht. Rund 15.000 Besucher erleben dann ein spannendes Programm. Die Häuser zeigen exklusive Ausschnitte aus kommenden Produktionen und aktuelle Repertoire-Highlights. Nicht nur die großen Säle, sondern auch Foyers, Bars und Fluren werden bespielt. Via Shuttle-Bus können die Besucher die Locations wechseln – der hält auch an der Open-Air-Bühne (Foto). Eine Abschlussparty steigt dann im Ohnsorg-Theater. Frühe Vögel können sich im Onlineshop ab sofort Tickets zum ermäßigten Preis (12 Euro) sichern.

Hamburger Theaternacht, 5.9.

SZENE HAMBURG verlost 2 x 2 Tickets für die Hamburger Theaternacht. E-Mail mit Name, Adresse und dem Stichwort „Theaternacht“ bis zum 15.6. an gewinnen@vkfmi.de

Hamamness (3.-13.6.)

Vor Kampnagel popt ein aufblasbarer Hamam-Wellness-Komplex up. Er widmet sich queeren Körperkulturen

Haare können zum Politikum werden. Wenn sie an der richtigen Stelle fehlen. Oder an der vermeintlich falschen Stelle wachsen. Zum Beispiel in weiblichen Achselhöhlen. Überhaupt, der Körper. Ein einziger Komplex. Auf weniges wird so viel projiziert, wird definiert und interpretiert. Die Installation „Hamamness“ will eine „neue Körperverständigung durch die Erzeugung kollektiver Intimitäten“ vermitteln. Will „die Dualismen von Körper/Geist, Mann/Frau, mit/ohne Migrationshintergund aufweichen und abschrubben“.

Für diesen Zweck wird auf Kampnagel während des „Live Art Festivals“ ein 140 Quadratmeter großer, aufblasbarer Hamam-Wellness-Komplex aufgebaut – ein Pop-Up-Hamam mit Ruheraum und Waschzonen, Physiotherapeuten und Bademeistern. Dazu kommen Künstler und Diskursgäste. Gemeinsam schrubben sie alte Vorurteile weg und erobern neue Welten. Dann geht es beispielsweise um das Weltall als Ort der Gleichberechtigung und, natürlich, auch um Körperbehaarung.

Text: Julia Braune
Foto: Adrian Judt

Kampnagel, Vorhalle
Jarrestraße 20 (Winterhude)
3.-13.6., 18–22 Uhr

Recht auf Stadt!

2009 war das Jahr der Hausbesetzer. Aus dem Kampf der Aktivisten gingen die Genossenschaften Gängeviertel 2010 eG und die fux eG in der Viktoria-Kaserne hervor. Während erstere mit der Stadt kooperierte, drehte letztere ihr den Rücken zu. Was hat sich bewährt?

Ein Vogel müsste man sein. Dann könnte man über die Neustadt fliegen und mit einem Blick begreifen, was das Gängeviertel ausmacht. Ganz ruhig würde man angeflogen kommen, über die Flachdächer der gläsernen Bürotürme, Shoppingcenter und Hotels hinweggleiten und schließlich Kreise ziehen über einer kleinen Siedlung, die aus sehr alten Häusern besteht. Menschen schlendern hier durch die Gassen, umgeben von bemalten Fassaden, einem Sandstrand, Hängematten, Blumen, Bänken und Tischen. Man könnte sich gar nicht satt sehen am bunten Treiben in diesem gallischen Dorf inmitten einer neoliberalen Stadt.

Eine Maus müsste man sein. Dann könnte man in Altona durch die Mauerspalten in die Viktoria-Kaserne einsteigen und mit einem Blick sehen, wie in der ehemaligen Militäranlage das kreative Leben tobt. Man könnte durch die Flure flitzen, die mit Aufklebern und Skulpturen geschmückt sind. Man würde sich unter den Türen hindurchquetschen und Kulturschaffende in ihren Ateliers beobachten, wie sie Monster aus Metall bauen, Stühle aufpolstern oder Musik abmischen. Man würde im Planungsbüro über die Grundrisse des Backstein-Ungetüms trippeln, das sich von der kreativen Trutzburg zum Ort für kommunale Freiheit mausert.

Das Gängeviertel in der Neustadt und die ehemalige Militärkaserne in Altona sind zwei Orte, die aus Besetzungen hervorgingen. Sie sind eng mit der „Recht auf Stadt“-Bewegung in Hamburg verbunden. Beide Male waren Kulturschaffende und Bürger nicht mit dem Abriss oder Leerstand von Gebäuden einverstanden. Beide Male wollte man ein Zeichen setzen – gegen eine unsoziale Stadtentwicklung und Gentrifizierung, für Freiräume und ein nicht kommerzielles Leben. Beide Orte werden heute durch Genossenschaften verwaltet, die Anfang 2015 Furore machten: Die fux eG, weil sie die Viktoria-Kaserne der Stadt abkaufte. Die Gängeviertel 2010 eG, weil sie sich im Kooperationsvertrag mit der Stadt hintergangen fühlt.

Gängeviertel & Stadt: Zweckehe

Um zu verstehen, worum es hier geht, ist ein Blick in die Vergangenheit unabdingbar: Im August 2009 besetzten Aktivisten die Überbleibsel des historischen Gängeviertels in der Innenstadt. Nach der Sanierung Ende des 19. Jahrhunderts, dem Zweiten Weltkrieg und dem Bau des Unilever-Hochhauses (1958 bis 1964) standen nur noch wenige historische Gebäude. Um sie herum war eine moderne Stadt gewachsen. Scheinbar vergessen, verfiel die ehemalige Arbeitersiedlung zunehmend, die Stadt veräußerte das Areal. Ein holländischer Investor erhielt im Höchstgebotsverfahren den Zuschlag, im Jahre 2009 sollten auch die letzten Häuser weichen.

Dagegen formierte sich eine Bewegung. Aktivisten besetzten das Gängeviertel und machten lautstark auf sich und den fahrlässigen Umgang der Stadt mit dem baulichen Erbe aufmerksam. Es kamen immer mehr Menschen hinzu, auch aus dem bürgerlichen Lager erfuhren sie Unterstützung. Das Viertel wurde zu einem bunten Ort des Widerstandes, es wurde gefeiert und diskutiert. Die Besetzer forderten einen Raum für alle, wo Kunst, Kultur und soziales Leben stattfinden dürfen. Sie kamen, um zu bleiben.

Ihr Erfolg wurde amtlich, als die Stadt im Dezember 2009 das Gängeviertel vom Investor zurückkaufte. Die Besetzer organisierten sich, aus der Initiative „Komm in die Gänge“ entstand der Verein Gängeviertel e.V., in dem ein Nutzungs- und Sanierungskonzept erarbeitet wurde. Zentraler Punkt: die historische Substanz der Häuser sollte erhalten bleiben. Im Dezember 2010 wurde die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG mit dem Ziel gegründet, das Quartier auch in Zukunft selbst zu verwalten. Die Stadt blieb Eigentümer der Gebäude, ein Kooperationsvertrag wurde geschlossen.

Viktoria Kaserne Fux Hamburg

Künstlerateliers in der ehemaligen Viktoria Kaserne

Fux & Stadt: frisch getrennt

2009 spitzte sich auch an einem anderen Ort ein stadtpolitischer Kampf zu. Das Frappant-Gebäude in der Großen Bergstraße in Altona sollte einem Neubau von Ikea weichen. 140 ansässigen Künstlern wurde die Kündigung ausgesprochen. Anwohnerinitiativen und der Frappant e.V. besetzten das Gebäude. Der Journalist und „Recht auf Stadt“-Aktivist Christoph Twickel erinnert sich: „Das war eine große Party mit 3.000 bis 4.000 Leute an einem Wochenende im Gebäude.“ Der Druck auf die Stadt wuchs. Nach dem Gängeviertel war dies bereits der zweite Ort innerhalb eines Jahres, der im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand. Die Ansage der Aktivisten war unmissverständlich: „Wir bleiben hier. Ihr könnt euch überlegen, ob ihr Ärger wollt.“

Der Ikea-Deal war bereits in trockenen Tüchern. Die Stadt sah sich gezwungen, den Künstlern eine Ausweichfläche anzubieten. Die Wahl fiel auf die ehemalige Kaserne am Zeiseweg. Sie stand seit geraumer Zeit leer, wurde zuletzt als Lagerfläche genutzt. Nun sollten die Kreativen zur Zwischennutzung für ein Jahr in den Komplex ziehen. Der Verein willigte ein. „Es war aber klar, dass wir uns nicht einfach weiterschieben lassen wollen“, erklärt Fabian Eschkötter, Vorstand des Frappant e.V. Man entwickelte ein Nutzungskonzept und verhandelte mit der Stadt, weit über die Jahresfrist hinaus.

Es brodelte derweilen an anderer Stelle: Etwa 500 Meter von der Kaserne entfernt verhüllten einige „Recht auf Stadt“-Aktivisten das leerstehende Electrolux-Gebäude an der Max-Brauer-Allee. Auch hier demonstrierte man gegen ungenutzte Räume und Gentrifizierung. Aus dieser Aktion ging 2011 die Gruppe Lux & Konsorten hervor. Sie bestand im Gros aus Gewerbetreibenden, die durch Verdrängung ihre Arbeitsräume verloren hatten. Weitere Aktionen folgten in der ehemaligen Gewürzmühle und den Güterbahnhallen der neuen „Mitte Altona“. „Wir besetzten symbolisch und waren auf der Suche nach Flächen, die wir nutzen können“, sagt einer der Aktivisten, Sacha Essayie. „Da blitzte am Horizont die Kaserne auf.“

Frappant e.V. und Lux & Konsorten trafen aufeinander. Menschen mit kulturellem und politischem Hintergrund mischten sich. Als Kollektiv verhandelte man erstmals 2011 mit der Stadt über eine langfristige Nutzung der Kaserne. „In den Elefantenrunden saßen Vertreter der Kultur- und Finanzbehörde, des Bezirks und der Kreativgesellschaft mit uns zusammen“, so Christoph Twickel. Die Verhandlungen scheiterten. „Wir hätten die Gebäude 10 bis 15 Jahre nutzen können. Die Stadt hätte mit unseren Mieten die Sanierung finanziert.“ Der Haken an der Sache: Nach Abschluss der Arbeiten hätten sie wieder auf der Straße gestanden.

Schließlich fanden neue Gespräche auf höherer Ebene statt. Plötzlich stand eine Kaufoption im Raum. Die Kultursenatorin sprach mit dem Finanzsenator. Aus einem Gutachten ging ein Preis von 1,85 Millionen Euro hervor. Fabian Eschkötter: „Wir haben uns zusammengesetzt und beraten, ob das für uns möglich ist. Architekturstudenten erarbeiteten ein Sanierungskonzept. Wir beschäftigten uns in Workshops mit der Frage, wie wir uns organisieren sollen.“ Im Oktober 2013 gründeten Mitglieder von Lux & Konsorten und Frappant e.V. die Genossenschaft fux eG. Diese kaufte im Februar 2015 die Viktoria-Kaserne der Stadt ab und plant die seit Jahrzenten fälligen Erhaltungsarbeiten in Eigenregie.

Gängeviertel & Stadt: kompliziert

Wenige Tage nach der Verkündung des Kaufes durch fux im Februar 2015 geht das Gängeviertel mit einer explosiven Nachricht an die Öffentlichkeit. Von einem Planungsstopp und dem Rücktritt vom Vorstand des Sanierungsbeirates ist die Rede. Anstoß des Zorns ist ein Modernisierungsvertrag. Dieser wurde zwischen der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB) und der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft (steg) geschlossen, die Trägerin der Sanierung ist. Was genau dieser Vertrag besagt, ist schwer zu durchschauen. Für das Gängeviertel ist jedoch entscheidend, dass er ohne ihr Wissen geschlossen worden sei, und dass ihre zentrale Verhandlungsgrundlage, die Genossenschaftsbindung der Mietverträge nach der Sanierung, darin rechtlich ausgeschlossen werde.

Gängeviertel

Aktivisten des Gängeviertels im Jahr 2012

„Der Vertrag macht eine Selbstverwaltung unmöglich“, erklärt Christine Ebeling, Sprecherin des Gängeviertels. Somit seien die im Kooperationsvertrag vereinbarten Ziele aus ihrer Sicht verfehlt. Der ursprüngliche Plan: Die Gebäude sollten durch die Stadt mit öffentlichen Mitteln saniert werden. Im Anschluss wollte die Genossenschaft die Verwaltung übernehmen. Nur, wer dann Mitglied wird, kann die Räume des Quartiers mieten. Das sei wichtig, um den Geist der Bewegung am Leben zu halten.

Seit Mitte 2014 wird dieser Verwaltervertrag verhandelt, in dem es um die Rechte und Plichten der Genossenschaft geht. Zum Abschluss kam er bisher nicht. Man agierte auf Vertrauensbasis. Im Februar 2015 erfährt Christine Ebeling vom „heimlichen“ Vertrag und ist schockiert. „Als ich das gelesen habe, ist mir alles aus dem Gesicht gefallen. Wir sitzen regelmäßig mit der Stadt an einem Tisch und dann wird nicht einmal darüber gesprochen, dass so etwas im Raum steht?“ Ein krasser Vertrauensbruch. „Uns wurde die Unterstützung für eine genossenschaftliche Lösung zugesichert, so steht es explizit in der Presseerklärung der Stadt Hamburg zum Kooperationsvertrag.“ Ist das nicht möglich, sei das der Totschlag für das Projekt.

Seitdem ist das ohnehin strapazierte Verhältnis zur Stadt (man war sich jüngst in Sanierungsfragen nicht einig) noch deutlich komplizierter geworden. So kompliziert, dass man die eigene Überzeugung infrage stellt, den richtigen Weg bei den Verhandlungen eingeschlagen zu haben. „Wir sind leider nicht der Eigentümer. Mittlerweile leider. Ursprünglich war es uns wichtig, dass das Tafelsilber bei der Stadt liegen bleibt. Die Stadt soll ihrer Verantwortung zu Instandsetzung nachkommen. Wir kümmern uns um die Häuser, bespielen und füllen sie mit Leben. Das ist ein Geschenk. Tatsächlich mussten wir aber feststellen, dass eine Mitbestimmung ohne Eigentumsrechte nur sehr eingeschränkt möglich ist.“

Gängeviertel & Fux: Liebe

In der Hamburger Kultur- und Aktivistenszene kennt man sich. Die Aktivisten des Gängeviertels und der fux-Genossenschaft stehen in engem Kontakt zueinander. In letzter Zeit werden die beiden Projekte oft miteinander verglichen. Auf unfaire Art und Weise. „Ihr habt es richtig gemacht“, heißt es dann, wenn Vertreter der Behörden mit den neuen Besitzern der Ex-Kaserne sprechen. Eine problematische Einschätzung, wie Fabian Eschkötter, Vorstand fux eG, findet: „Wir sehen die Stadt in der politischen Verantwortung, ihre Gebäude instand zu halten und Räume für Projekte wie diese zur Verfügung zu stellen.“

Dennoch setzte sein Kollektiv kein Vertrauen in ein Kooperationsmodell zwischen Stadt und Genossenschaft. Auch, weil die Entwicklungen im Gängeviertel ein abschreckendes Beispiel sind. Die Aktivisten in der Neustadt gehen den anstrengenden Weg der politischen und moralischen Debatte. Sie entlassen die Stadt nicht aus ihrer Verantwortung und üben stetig Druck aus, einen Ort, der zum Abriss freigegeben war, einer öffentlichen Nutzung zuzuführen.

In Altona wählt man einen anderen Weg und kaufte den wilhelminischen Backsteinkomplex. Sacha Essayie, Vorstand der fux eG, erklärt: „Wir haben uns entschieden, dass wir nicht mehr andauernd die Stadt anrufen wollen, um etwas zu fordern. Du gerätst da echt unter die Räder.“ Einfacher ist ihr Weg deshalb nicht. Die größte Aufgabe liegt noch vor ihnen. „Unter uns gibt es viele, die prekär arbeiten. Wir wollen einen Ort, der in keinem guten Zustand ist, nachhaltig aufbauen. Unser Durchschnittseinkommen hier im Haus mag bei 1.200 Euro im Monat liegen. Das ist eigentlich nicht wirklich viel, um mehrere Millionen in einer Idee bewegen zu wollen.“ Mit Enthusiasmus und Ausdauer geht es vielleicht trotzdem. Zudem öffnet sich die Gemeinschaft nach außen, um investierende Genossen zu finden.

Ihr neuer Status macht es möglich, das Projekt über Generationen zu denken. Das Ziel ist, günstige Mieten von 5 Euro den Quadratmeter langfristig zu garantieren. Für so ein Projekt braucht es Pioniergeist. „Du kennst das Ende der Geschichte nicht, rennst los und hast die Hoffnung, ein Ziel zu erreichen“, meint Tanja Schwichtenberg, Mitglied der „AG Kommunikation“ der fux eG. „Die Zuversicht in dich und die Menschen in deiner Umgebung treibt dich an. Scheitern ist immer eine Möglichkeit, aber wir haben nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.“

Im Gängeviertel hält man an seiner Vision fest. Auch wenn sich die Genossenschaft, so heißt es in der aktuellen Pressemitteilung, immer wieder in dem Eindruck bestätigt sieht, „(…) nicht ernst genommen und durch eine paternalistische Haltung zu Bittstellern degradiert zu werden“. Es kommt nach dem Eklat zu einem ersten Gespräch mit der Stadt. Man will die strittigen Punkte mit den Behörden klären, aber auch die Eigentumsfrage neu stellen.

Beide Geschichten zeigen: Die Beziehung zwischen Stadt und Aktivisten ist kompliziert. Aber so unterschiedlich man auch tickt, so sehr ist man aufeinander angewiesen. Die Stadt auf die Freigeister, denn sie geben der Metropole eine Seele. Die Freigeister auf die Stadt, denn sie brauchen den Raum zur Entfaltung.

Viktoria-Kaserne
Zeiseweg 9 (Altona-Nord)

Gängeviertel
Valentinskamp 39 (Neustadt)

Text: Lena Frommeyer
Fotos: Jakob Börner (fux) & Franziska Holz (Gängeviertel)

Dieser Artikel stammt aus der April-Ausgabe der SZENE HAMBURG.

Jannes Wochenrückblick Vol. 7

Kolumne: Können wir bei euch pennen?

Der Sonntag ist ein perfekter Tag zum Einigeln. Von Montag bis Freitag sitzt man sich den Po in der Firma schläfrig. Samstag ist Zeit für Wäsche, Putzen und Sport. Zwischendurch Party. Sonntag macht man es sich in seinem Nest gemütlich. Spätestens abends zum Tatort.

Doch was, wenn man gar kein Zuhause hat?

In Hamburg leben derzeit etwa 2000 Menschen auf der Straße. Ihnen gegenüber stehen wenige Hundert Plätze in Unterkünften. Einrichtungen für Obdachlose, wie das Pik As oder der StützPunkt, sind nicht nur völlig überfüllt, sondern teilweise auch von der Schließung bedroht. Die Bahnhofsmission, die früher Obdachlose an diese Einrichtungen verwiesen hat, muss sie nun selbst mit dem Nötigsten versorgen. 700 neue Plätze hat der Senat angekündigt – laut einer Recherche von ZEIT online sei jedoch kein einziger hinzugekommen. Das wurde letzte Woche publik gemacht.

Diese Nachricht hört sich schon so schrecklich normal an: Hamburg hat zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Betroffen sind davon neben Studenten und Zuwanderern (ob aus Oldenburg, Berlin oder dem Damaskus) vor allem Obdachlose. Lebst du erst einmal auf der Straße, ist es unheimlich schwer wieder eine feste Bleibe zu finden. Für „besonders vordringlich Wohnberechtigte“ sollen nun 200 neue Einheiten entstehen. Plus 2000 öffentlich geförderte Mietwohnungen. Und wieder dieses Wort „sollen“. Denn wirklich hinterher kommt die Stadt wohl auch weiterhin nicht.

Deshalb gingen auch letzte Woche wieder Menschen auf die Straße und protestierten vor dem Rathaus – unter anderem für zusätzliche Notübernachtungsplätze. Denn es ist nicht normal, dass einige Menschen auf dem Pflaster schlafen, während andere auf ihren Pumps an ihnen vorbeistöckeln. Nur weil man sich an etwas gewöhnt ist es nicht ok.

Ich finde es gut hinzuschauen – zu Dorina, die unter der Sternbrücke sitzt, den Punkern auf der Reeperbahn oder Hinz & Kunzt Verkäufern in der U-Bahn. Und ich will über Lösungen nachdenken. Wie wäre es mit einer Crowdfundig-Aktion für den StützPunkt?

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Live Art Festival #7

Das Festival auf Kampnagel bietet ab 3.6. Performance-Kunst eine Bühne. In diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Choreografie und Protest

Eine Choreografie des Protests – im Grunde lässt sich diese in jeder gewöhnlichen Demo beobachten: Körper formieren sich zu einer Einheit, setzen sich in Bewegung, stoßen auf Gegenwehr. Es wird Musik eingesetzt, manchmal getanzt. Immer häufiger nutzen Aktivisten auch künstlerische Strategien.

Das Live Art Festival, das mittlerweile im siebten Jahr auf Kampnagel die Performance-Kunst feiert, gibt Einblick in dieses Feld. So hat Omer Krieger aus Tel Aviv gemeinsam mit Hamburger Künstlern das Tanzstück NOW (The Clash) entwickelt, das die Dynamik erforscht, wenn Staatsmacht und Bürgerbewegung aufeinanderprallen (Foto). Eingebunden werden Spuren ziviler Proteste wie auf dem Tahrir-Platz oder im Gezi-Park. Für Performances im öffentlichen Raum ist auch die Hamburger Künstleraktivistengruppe Schwabinggrad Ballett bekannt. Mit Mitgliedern der Gruppe Lampedusa performen sie vor Flüchtlingsunterkünften in der Schnackenburgallee und den Sophienterrassen gegen die Flüchtlingspolitik Europas.

Darüber hinaus gibt es in der Kulturfabrik Kampnagel viele weitere Projekte bis zum 13. Juni, bei denen man sich in Sachen kreativem Widerstand weiterbilden und fit machen kann. Grund zur Beschwerde gibt es schließlich genug!

HIER geht es zum Programm.

Text: Katharina Manzke

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
3. bis 13.6.

„Axt raus und fertig“

Charly Hübner spricht im Interview über europäische Ghettos und seine Rolle in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“. Premiere: 30.5., Schauspielhaus

SZENE HAMBURG: Vor einem Jahr hat Karin Henkel im Malersaal „Schuld“ inszeniert, den ersten Teil des Romans „Schuld und Sühne“. Kommt mit dem Stück „Schuld und Sühne“ im großen Haus nun die Fortsetzung?

Charly Hübner: Nein, das wäre zu einfach. Karin Henkel beginnt die Erzählung zwar mit Raskolnikows Mord an der Pfänderin, womit „Schuld“ aufhörte. Gedanken aus diesem Stück werden auch vorkommen, aber es ist ein eigenständiger Theaterabend. Es gibt die gleichen Kostümbildner, Musiker, Schauspieler, aber die Rollen teilen sich anders auf.

Kannst du uns noch mehr über die Inszenierung verraten?

Dafür ist es zu früh. Das beeindruckende an dem Roman ist ja, das man immer dann, wenn der Eindruck entsteht, es ist eine lineare, klar von vorne nach hinten erzählte Geschichte, Dostojewskij diese verzerrt und irrationalisiert. Und dann fragt man sich, hat das alles wirklich stattgefunden oder ist es alles nur ein Fiebertraum – oder beides? Und diesem Eindruck nähern wir uns jetzt in den Proben.

Der Ermittlungsrichter Porfirij und der Mörder Raskolnikow sprechen darüber, ob ein Mensch das Recht zu töten hat.

Genau. Raskolnikow ist hochintelligent, muss aber aus finanzieller Not sein Studium abbrechen. Aus seiner Verzweiflung heraus begeht er einen Mord. Da stellt sich die Frage: Gibt es gewöhnliche und außergewöhnliche Menschen? Gibt es Menschen, die das Recht haben, jemanden zu töten, weil sie damit für die Zukunft der Menschheit etwas Gutes tun? Die Debatte um moralische Richtigkeit wird bis heute geführt, aktuell im Ukraine-Konflikt, im Umgang mit Flüchtlingen, die in Europa Zuflucht und bessere Lebensbedingungen suchen, oder bei dem „Feldzug“ des Islamischen Staates. Haben Menschen das Recht, anderen die Existenz abzusprechen und ihnen diese zu nehmen? Der IS will ja für die Zukunft des Menschen etwas Gutes schaffen, ein großes Khalifat.

Wir sind also mitten im Jetzt. Kommen im Stück aktuelle Bezüge vor?

Nein, im besten Fall klingelt es bei den Zuschauern. Im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts mögen die Menschen andere Mäntel und andere Hüte getragen haben, aber wenn du in die Ghettos unserer Städte gehst, dir die Gerüche, den moralischen Verfall und die soziale Not der Menschen ansiehst, dann sind wir in den gedichteten Räumen und Welten von Dostojewskij.

Bei „Schuld“ wurde der Protagonist Raskolnikow von sechs Schauspielern dargestellt, die die verschiedenen Teile seiner Persönlichkeit verkörperten. Welcher davon warst du?

Ich war der, der gesagt hat: Komm, wir machen’s jetzt. Los jetzt, hört auf zu diskutieren, Axt raus und fertig.

Wen spielst du in der kommenden Inszenierung?

Jetzt spiele ich Porfirij, den Ermittlungsrichter. Er erkennt sehr früh, dass Raskolnikow der Mörder ist. Aber er sagt: „Ich konfrontiere ihn nicht damit. Je harmloser ich erscheine, desto öfter wird er zu mir kommen. Und in der Zwischenzeit sammle ich immer mehr Beweise, sodass ich genau sagen kann, was er wie wann gemacht hat. Dann wird er von allein gestehen.“ Das ist eine grandios geschriebene Auseinandersetzung.

Schuld und Sühne Schauspielhaus Hamburg

V.l.n.r.: Angelika Richter, Jan-Peter Kampwirth, Bastian Reiber, Matthias Bundschuh, Lina Beckmann

Kannst du Dostojewskij im Original lesen?

Ja, ich bin in der DDR großgeworden, habe in der 5. Klasse angefangen, Russisch zu lernen, und es ist bis heute lebendig. Das hilft manchmal in der Arbeit, weil man immer wieder spürt, wie gedichtet und sprachmächtig Dostojewskij schrieb. Das ist ja nichts Neues, aber immer wieder furchtbar beeindruckend. Raskolnikow zum Beispiel, die Figur, die zwei Frauen den Schädel spaltet, heißt der Gespaltene – kann aber auch der Spalter heißen.

Bei „Schuld“ ging es vor allem darum, was im Inneren von Raskolnikow passierte.

Karin Henkel hat, wie gesagt, die Beobachtung gemacht, dass sich Raskolnikow alles, was wir als Leser erfahren, vielleicht nur einbildet. Weil das Geld fehlt, hat er seit Wochen nicht geschlafen, nicht gegessen und hat nur noch Fantasien im Kopf. Es gibt immer wieder seitenlange irrsinnige Gedankengewitter von ihm, und dahinter steht: Das dachte er innerhalb von zwei Sekunden. Er fiebert und Dostojewskij nimmt sich die Zeit, das rasende Fieber in Einzelteile zu zerlegen und in Wiederholungen – so wie es einem jeden von uns ergeht, der im Fiebersturm krasse Trips erlebt.

Der Bühnenraum wird gewissermaßen zu seinem Kopf.

Der Gedankentrip dieses Menschen, der physiologisch und psychologisch extrem in Not ist, ist das, was Karin Henkel auch jetzt am stärksten fasziniert. Diese innere Gedankendynamik mit echten Menschen sichtbar zu machen, ist natürlich sehr reizvoll. Castorf macht es oft: Auf der rein äußerlichen Ebene wohnst du einem Ereignis bei, irgendwann bewegst du dich in dem Gedankenstrudel von einem anderen Menschen.

Bist du ein Castorf-Fan?

Frank Castorf und Jürgen Gosch sind Regisseure, bei denen ich mich als Zuschauer am besten aufgehoben fühlte. Was Castorf wie kein anderer beherrscht, ist einen körperlich durchzuschütteln, wie eine Art Katharsis. Fünf Stunden Castorf ist wie eine gute Platte.

Wolltest du es jemals selbst als Theaterregisseur versuchen?

Ich denke immer wieder darüber nach, aber ich merke auch, es ist ein Handwerk. Es ist nicht so einfach, einen Haufen Schauspieler zu irgendetwas zu bewegen, wenn die nicht davon überzeugt sind, was du dir denkst. Das geht mit Drill, mit Liebesentzug oder mit Überzeugung. Und du musst im tiefsten Inneren deines Herzens wissen, warum du das Stück auf eine Bühne bringen willst! Mal schauen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Interview: Natalia Sadovnik
Fotos: Klaus Lefebvre

„Schuld und Sühne“ – inszeniert von Karin Henkel
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39 (St. Georg)
Premiere: 30.5., weitere Vorstellungen: 2., 6., 10. & 30.6.

Heartattack and Wine

Die neue Vinothek in der Großen Elbstraße ist nach einem Tom Waits-Song benannt und sowohl Handlung als auch Bar

Heartattack and Wine wurde aus zwei Gründen eröffnet: zum einen aus der Leidenschaft für gute Tropfen; zum anderen aufgrund einer Beobachtung. „Wenn dem Hamburger Weinhandel eines fehlt, dann ist es eine Marke, die hochwertige, aber bezahlbare Weine führt“, erklärt Geschäftsführer Rüdiger Wolf.

Heartattack and Wine Hamburg 1

Aus dieser Idee heraus entstand der Laden, dessen Name einem Tom Waits-Song entlehnt ist. Halb Bar, halb Handlung führt das Geschäft 110 verschiedene Weine – viele aus „großen Jahrgängen und limitierten Editionen“. Das klingt teuer, ist es aber nicht: Rüdiger Wolf schaut nicht nur auf große Namen, sondern auch auf weniger bekannte Weingüter, die trotzdem hochwertige Produkte herstellen.

„Gerade vollzieht sich ein Generationenwechsel auf Weinbergen und eine junge wilde Garde kommt zum Zug – wie zum Beispiel die Gebrüder Rings, die fantastische Rotweine machen.“ Wolf hat Spaß daran, neue Winzer zu entdecken, und ihre Weine seiner jüngeren Kundschaft vorzustellen.

Besonders schön lassen die sich auf der Sommerterrasse mit Blick auf die Elbe verkosten. Seminare und Veranstaltungen finden in der Vinothek regelmäßig statt.

Text: Natalia Nadovnik

Heartattack and Wine
Große Elbstraße 36 (Altona)
Di-Fr 12.30–21, Sa 11–21, So 14–20 Uhr

ByteFM-Kolumne Vol. 3: Kraftwerk kommt

Die „Godfathers of Electro“ spielen in Hamburg. Monique Schmiedl orakelt, wie sich ihr Konzert anfühlen wird

„Kraftwerk? Was willst du denn bei Kraftwerk? Du hörst die doch gar nicht?“

„Naja, wer weiß, wie lange die’s noch machen. Da muss ich die natürlich sehen!“

Oha. Ich stelle mir gerade vor, wie ein Großteil der Konzertbesucher aus dieser Motivation heraus zum Hamburg-Gig der „Godfathers of Electro“ gehen. Was wird das für eine Stimmung? Wie kann so ein Konzert aussehen? Wie wird es sich anfühlen? Aber der Reihe nach: Kraftwerk haben gerade mit viel Furore und großer Medienpräsenz ihre neue Tour im November angekündigt. Auch Hamburg wird bespielt – Ende November im ausverkauften CCH. Hurray! A once in a lifetime chance.

Binnen zwei Stunden nach Ankündigung zeigte mir Facebook an, dass 12 meiner Freunde an der Veranstaltung teilnehmen. Kurz zur Erinnerung: Der Vorverkauf war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gestartet. Funfact: Nicht einer meiner Facebookfreunde hat Kraftwerk geliked. Sind das alles Die-Gelegenheit-muss-man-beim-Schopfe-packen-Konzertbesucher? Wissen die, dass Kraftwerk gar nicht mehr wirklich Kraftwerk ist, weil Gründungsmitglied und Brain Florian Schneider nicht mehr dabei ist?

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole – Was wird das wohl für ein Konzert? Die ersten drei Songs Bombenstimmung, weil alle ganz aufgeregt sind und sich wie Bolle freuen, die Jungs noch schnell gesehen zu haben, bevor sie nicht mehr Musik machen? Handys in die Luft und jede Sekunde mitfilmen? Könnte ja für die Ewigkeit sein. Eieiei, in Kraftwerks Schuhen möchte ich nicht stecken. Die legen besser ein Knüller-Konzert hin und reißen alle mit.

Aber ganz ehrlich: Wirklich Sorgen, dass die „Jungs“ das nicht schaffen, mach ich mir nicht. Schließlich schöpft das Quartett aus einem Oevre, dass sich kaum vergleichen lässt. Neben den – nennen wir sie liebevoll – Sensations-Touristen, werden sich Liebhaber und Fanatiker einfinden. Die werden den Abend annektieren und jene Band feiern, die für die Prägung, wenn nicht gar Gründung eines ganzen Genres verantwortlich ist.

Kraftwerk in Hamburg. Dass ich das noch erlebe!

Text: Monique Schmiedl

 

Who the fuck are ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.