Jannes Wochenrückblick Vol. 7

Kolumne: Können wir bei euch pennen?

Der Sonntag ist ein perfekter Tag zum Einigeln. Von Montag bis Freitag sitzt man sich den Po in der Firma schläfrig. Samstag ist Zeit für Wäsche, Putzen und Sport. Zwischendurch Party. Sonntag macht man es sich in seinem Nest gemütlich. Spätestens abends zum Tatort.

Doch was, wenn man gar kein Zuhause hat?

In Hamburg leben derzeit etwa 2000 Menschen auf der Straße. Ihnen gegenüber stehen wenige Hundert Plätze in Unterkünften. Einrichtungen für Obdachlose, wie das Pik As oder der StützPunkt, sind nicht nur völlig überfüllt, sondern teilweise auch von der Schließung bedroht. Die Bahnhofsmission, die früher Obdachlose an diese Einrichtungen verwiesen hat, muss sie nun selbst mit dem Nötigsten versorgen. 700 neue Plätze hat der Senat angekündigt – laut einer Recherche von ZEIT online sei jedoch kein einziger hinzugekommen. Das wurde letzte Woche publik gemacht.

Diese Nachricht hört sich schon so schrecklich normal an: Hamburg hat zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Betroffen sind davon neben Studenten und Zuwanderern (ob aus Oldenburg, Berlin oder dem Damaskus) vor allem Obdachlose. Lebst du erst einmal auf der Straße, ist es unheimlich schwer wieder eine feste Bleibe zu finden. Für „besonders vordringlich Wohnberechtigte“ sollen nun 200 neue Einheiten entstehen. Plus 2000 öffentlich geförderte Mietwohnungen. Und wieder dieses Wort „sollen“. Denn wirklich hinterher kommt die Stadt wohl auch weiterhin nicht.

Deshalb gingen auch letzte Woche wieder Menschen auf die Straße und protestierten vor dem Rathaus – unter anderem für zusätzliche Notübernachtungsplätze. Denn es ist nicht normal, dass einige Menschen auf dem Pflaster schlafen, während andere auf ihren Pumps an ihnen vorbeistöckeln. Nur weil man sich an etwas gewöhnt ist es nicht ok.

Ich finde es gut hinzuschauen – zu Dorina, die unter der Sternbrücke sitzt, den Punkern auf der Reeperbahn oder Hinz & Kunzt Verkäufern in der U-Bahn. Und ich will über Lösungen nachdenken. Wie wäre es mit einer Crowdfundig-Aktion für den StützPunkt?

Habt einen schönen Start in die Woche, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Live Art Festival #7

Das Festival auf Kampnagel bietet ab 3.6. Performance-Kunst eine Bühne. In diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Choreografie und Protest

Eine Choreografie des Protests – im Grunde lässt sich diese in jeder gewöhnlichen Demo beobachten: Körper formieren sich zu einer Einheit, setzen sich in Bewegung, stoßen auf Gegenwehr. Es wird Musik eingesetzt, manchmal getanzt. Immer häufiger nutzen Aktivisten auch künstlerische Strategien.

Das Live Art Festival, das mittlerweile im siebten Jahr auf Kampnagel die Performance-Kunst feiert, gibt Einblick in dieses Feld. So hat Omer Krieger aus Tel Aviv gemeinsam mit Hamburger Künstlern das Tanzstück NOW (The Clash) entwickelt, das die Dynamik erforscht, wenn Staatsmacht und Bürgerbewegung aufeinanderprallen (Foto). Eingebunden werden Spuren ziviler Proteste wie auf dem Tahrir-Platz oder im Gezi-Park. Für Performances im öffentlichen Raum ist auch die Hamburger Künstleraktivistengruppe Schwabinggrad Ballett bekannt. Mit Mitgliedern der Gruppe Lampedusa performen sie vor Flüchtlingsunterkünften in der Schnackenburgallee und den Sophienterrassen gegen die Flüchtlingspolitik Europas.

Darüber hinaus gibt es in der Kulturfabrik Kampnagel viele weitere Projekte bis zum 13. Juni, bei denen man sich in Sachen kreativem Widerstand weiterbilden und fit machen kann. Grund zur Beschwerde gibt es schließlich genug!

HIER geht es zum Programm.

Text: Katharina Manzke

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
3. bis 13.6.

„Axt raus und fertig“

Charly Hübner spricht im Interview über europäische Ghettos und seine Rolle in Dostojewskijs „Schuld und Sühne“. Premiere: 30.5., Schauspielhaus

SZENE HAMBURG: Vor einem Jahr hat Karin Henkel im Malersaal „Schuld“ inszeniert, den ersten Teil des Romans „Schuld und Sühne“. Kommt mit dem Stück „Schuld und Sühne“ im großen Haus nun die Fortsetzung?

Charly Hübner: Nein, das wäre zu einfach. Karin Henkel beginnt die Erzählung zwar mit Raskolnikows Mord an der Pfänderin, womit „Schuld“ aufhörte. Gedanken aus diesem Stück werden auch vorkommen, aber es ist ein eigenständiger Theaterabend. Es gibt die gleichen Kostümbildner, Musiker, Schauspieler, aber die Rollen teilen sich anders auf.

Kannst du uns noch mehr über die Inszenierung verraten?

Dafür ist es zu früh. Das beeindruckende an dem Roman ist ja, das man immer dann, wenn der Eindruck entsteht, es ist eine lineare, klar von vorne nach hinten erzählte Geschichte, Dostojewskij diese verzerrt und irrationalisiert. Und dann fragt man sich, hat das alles wirklich stattgefunden oder ist es alles nur ein Fiebertraum – oder beides? Und diesem Eindruck nähern wir uns jetzt in den Proben.

Der Ermittlungsrichter Porfirij und der Mörder Raskolnikow sprechen darüber, ob ein Mensch das Recht zu töten hat.

Genau. Raskolnikow ist hochintelligent, muss aber aus finanzieller Not sein Studium abbrechen. Aus seiner Verzweiflung heraus begeht er einen Mord. Da stellt sich die Frage: Gibt es gewöhnliche und außergewöhnliche Menschen? Gibt es Menschen, die das Recht haben, jemanden zu töten, weil sie damit für die Zukunft der Menschheit etwas Gutes tun? Die Debatte um moralische Richtigkeit wird bis heute geführt, aktuell im Ukraine-Konflikt, im Umgang mit Flüchtlingen, die in Europa Zuflucht und bessere Lebensbedingungen suchen, oder bei dem „Feldzug“ des Islamischen Staates. Haben Menschen das Recht, anderen die Existenz abzusprechen und ihnen diese zu nehmen? Der IS will ja für die Zukunft des Menschen etwas Gutes schaffen, ein großes Khalifat.

Wir sind also mitten im Jetzt. Kommen im Stück aktuelle Bezüge vor?

Nein, im besten Fall klingelt es bei den Zuschauern. Im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts mögen die Menschen andere Mäntel und andere Hüte getragen haben, aber wenn du in die Ghettos unserer Städte gehst, dir die Gerüche, den moralischen Verfall und die soziale Not der Menschen ansiehst, dann sind wir in den gedichteten Räumen und Welten von Dostojewskij.

Bei „Schuld“ wurde der Protagonist Raskolnikow von sechs Schauspielern dargestellt, die die verschiedenen Teile seiner Persönlichkeit verkörperten. Welcher davon warst du?

Ich war der, der gesagt hat: Komm, wir machen’s jetzt. Los jetzt, hört auf zu diskutieren, Axt raus und fertig.

Wen spielst du in der kommenden Inszenierung?

Jetzt spiele ich Porfirij, den Ermittlungsrichter. Er erkennt sehr früh, dass Raskolnikow der Mörder ist. Aber er sagt: „Ich konfrontiere ihn nicht damit. Je harmloser ich erscheine, desto öfter wird er zu mir kommen. Und in der Zwischenzeit sammle ich immer mehr Beweise, sodass ich genau sagen kann, was er wie wann gemacht hat. Dann wird er von allein gestehen.“ Das ist eine grandios geschriebene Auseinandersetzung.

Schuld und Sühne Schauspielhaus Hamburg

V.l.n.r.: Angelika Richter, Jan-Peter Kampwirth, Bastian Reiber, Matthias Bundschuh, Lina Beckmann

Kannst du Dostojewskij im Original lesen?

Ja, ich bin in der DDR großgeworden, habe in der 5. Klasse angefangen, Russisch zu lernen, und es ist bis heute lebendig. Das hilft manchmal in der Arbeit, weil man immer wieder spürt, wie gedichtet und sprachmächtig Dostojewskij schrieb. Das ist ja nichts Neues, aber immer wieder furchtbar beeindruckend. Raskolnikow zum Beispiel, die Figur, die zwei Frauen den Schädel spaltet, heißt der Gespaltene – kann aber auch der Spalter heißen.

Bei „Schuld“ ging es vor allem darum, was im Inneren von Raskolnikow passierte.

Karin Henkel hat, wie gesagt, die Beobachtung gemacht, dass sich Raskolnikow alles, was wir als Leser erfahren, vielleicht nur einbildet. Weil das Geld fehlt, hat er seit Wochen nicht geschlafen, nicht gegessen und hat nur noch Fantasien im Kopf. Es gibt immer wieder seitenlange irrsinnige Gedankengewitter von ihm, und dahinter steht: Das dachte er innerhalb von zwei Sekunden. Er fiebert und Dostojewskij nimmt sich die Zeit, das rasende Fieber in Einzelteile zu zerlegen und in Wiederholungen – so wie es einem jeden von uns ergeht, der im Fiebersturm krasse Trips erlebt.

Der Bühnenraum wird gewissermaßen zu seinem Kopf.

Der Gedankentrip dieses Menschen, der physiologisch und psychologisch extrem in Not ist, ist das, was Karin Henkel auch jetzt am stärksten fasziniert. Diese innere Gedankendynamik mit echten Menschen sichtbar zu machen, ist natürlich sehr reizvoll. Castorf macht es oft: Auf der rein äußerlichen Ebene wohnst du einem Ereignis bei, irgendwann bewegst du dich in dem Gedankenstrudel von einem anderen Menschen.

Bist du ein Castorf-Fan?

Frank Castorf und Jürgen Gosch sind Regisseure, bei denen ich mich als Zuschauer am besten aufgehoben fühlte. Was Castorf wie kein anderer beherrscht, ist einen körperlich durchzuschütteln, wie eine Art Katharsis. Fünf Stunden Castorf ist wie eine gute Platte.

Wolltest du es jemals selbst als Theaterregisseur versuchen?

Ich denke immer wieder darüber nach, aber ich merke auch, es ist ein Handwerk. Es ist nicht so einfach, einen Haufen Schauspieler zu irgendetwas zu bewegen, wenn die nicht davon überzeugt sind, was du dir denkst. Das geht mit Drill, mit Liebesentzug oder mit Überzeugung. Und du musst im tiefsten Inneren deines Herzens wissen, warum du das Stück auf eine Bühne bringen willst! Mal schauen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Interview: Natalia Sadovnik
Fotos: Klaus Lefebvre

„Schuld und Sühne“ – inszeniert von Karin Henkel
Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39 (St. Georg)
Premiere: 30.5., weitere Vorstellungen: 2., 6., 10. & 30.6.

Heartattack and Wine

Die neue Vinothek in der Großen Elbstraße ist nach einem Tom Waits-Song benannt und sowohl Handlung als auch Bar

Heartattack and Wine wurde aus zwei Gründen eröffnet: zum einen aus der Leidenschaft für gute Tropfen; zum anderen aufgrund einer Beobachtung. „Wenn dem Hamburger Weinhandel eines fehlt, dann ist es eine Marke, die hochwertige, aber bezahlbare Weine führt“, erklärt Geschäftsführer Rüdiger Wolf.

Heartattack and Wine Hamburg 1

Aus dieser Idee heraus entstand der Laden, dessen Name einem Tom Waits-Song entlehnt ist. Halb Bar, halb Handlung führt das Geschäft 110 verschiedene Weine – viele aus „großen Jahrgängen und limitierten Editionen“. Das klingt teuer, ist es aber nicht: Rüdiger Wolf schaut nicht nur auf große Namen, sondern auch auf weniger bekannte Weingüter, die trotzdem hochwertige Produkte herstellen.

„Gerade vollzieht sich ein Generationenwechsel auf Weinbergen und eine junge wilde Garde kommt zum Zug – wie zum Beispiel die Gebrüder Rings, die fantastische Rotweine machen.“ Wolf hat Spaß daran, neue Winzer zu entdecken, und ihre Weine seiner jüngeren Kundschaft vorzustellen.

Besonders schön lassen die sich auf der Sommerterrasse mit Blick auf die Elbe verkosten. Seminare und Veranstaltungen finden in der Vinothek regelmäßig statt.

Text: Natalia Nadovnik

Heartattack and Wine
Große Elbstraße 36 (Altona)
Di-Fr 12.30–21, Sa 11–21, So 14–20 Uhr

ByteFM-Kolumne Vol. 3: Kraftwerk kommt

Die „Godfathers of Electro“ spielen in Hamburg. Monique Schmiedl orakelt, wie sich ihr Konzert anfühlen wird

„Kraftwerk? Was willst du denn bei Kraftwerk? Du hörst die doch gar nicht?“

„Naja, wer weiß, wie lange die’s noch machen. Da muss ich die natürlich sehen!“

Oha. Ich stelle mir gerade vor, wie ein Großteil der Konzertbesucher aus dieser Motivation heraus zum Hamburg-Gig der „Godfathers of Electro“ gehen. Was wird das für eine Stimmung? Wie kann so ein Konzert aussehen? Wie wird es sich anfühlen? Aber der Reihe nach: Kraftwerk haben gerade mit viel Furore und großer Medienpräsenz ihre neue Tour im November angekündigt. Auch Hamburg wird bespielt – Ende November im ausverkauften CCH. Hurray! A once in a lifetime chance.

Binnen zwei Stunden nach Ankündigung zeigte mir Facebook an, dass 12 meiner Freunde an der Veranstaltung teilnehmen. Kurz zur Erinnerung: Der Vorverkauf war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gestartet. Funfact: Nicht einer meiner Facebookfreunde hat Kraftwerk geliked. Sind das alles Die-Gelegenheit-muss-man-beim-Schopfe-packen-Konzertbesucher? Wissen die, dass Kraftwerk gar nicht mehr wirklich Kraftwerk ist, weil Gründungsmitglied und Brain Florian Schneider nicht mehr dabei ist?

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole – Was wird das wohl für ein Konzert? Die ersten drei Songs Bombenstimmung, weil alle ganz aufgeregt sind und sich wie Bolle freuen, die Jungs noch schnell gesehen zu haben, bevor sie nicht mehr Musik machen? Handys in die Luft und jede Sekunde mitfilmen? Könnte ja für die Ewigkeit sein. Eieiei, in Kraftwerks Schuhen möchte ich nicht stecken. Die legen besser ein Knüller-Konzert hin und reißen alle mit.

Aber ganz ehrlich: Wirklich Sorgen, dass die „Jungs“ das nicht schaffen, mach ich mir nicht. Schließlich schöpft das Quartett aus einem Oevre, dass sich kaum vergleichen lässt. Neben den – nennen wir sie liebevoll – Sensations-Touristen, werden sich Liebhaber und Fanatiker einfinden. Die werden den Abend annektieren und jene Band feiern, die für die Prägung, wenn nicht gar Gründung eines ganzen Genres verantwortlich ist.

Kraftwerk in Hamburg. Dass ich das noch erlebe!

Text: Monique Schmiedl

 

Who the fuck are ByteFM & Monique Schmiedl?

Monique Schmiedl_ByteFM

ByteFM ist moderiertes Internetradio mit handverlesener Musikauswahl, Sammelbecken für Musiknerds und Auffanglager für Kulturjunkies. Hier leben Journalisten, Musiker, Kenner und Liebhaber gemeinsam ihre Liebe zur Musikkultur jenseits der Mainstream-Hitgarantie. Monique Schmiedl ist Teil dieses Geklüngels. Ob Nerd oder Junkie – ohne Musikkultur geht bei ihr nichts. Stets den Schreiber-Stift am Anschlag, ist Monique mit offenen Ohren und Augen in Hamburgs Musikszene unterwegs. Für die Liebe zur Stadt, für sich, für euch, für ByteFM und für SZENE HAMBURG.

Die flexible Familie Lizajous

Das Kollektiv aus Akrobaten, Wissenschaftlern, Medienkünstlern und Musikern zwischen Hamburg und Barcelona kommt ins Sprechwerk

Lissajous-Figuren sind Kurvengraphen. Sie entstehen durch die Überlagerung zweier harmonischer Schwingungen. Und wenn es dabei zu einer leichten Abweichung kommt, dann entsteht der faszinierende Effekt einer langsam rotierenden Figur in 3D. Man kann das als Sinnestäuschung auffassen, aber auch wesentlich bedeutungsvoller als eine Ästhetik der Physik.

Familie Lizajous LaRed Hmaburg

So sieht es auch die Familie Lizajous, ein avantgardistisches, interdisziplinäres Kollektiv aus Wissenschaftlern, Medienkünstlern, Musikern und Akrobaten zwischen Hamburg und Barcelona. Sie verstehen Licht und Schall als physikalische Schwingungen und übersetzen diese zu einer ganz eigenen Art der Ästhetisierung des Raums in Beleuchtung und Klang – Überraschungen sind inbegriffen.

Familie Lizajous Hamburg

In „LaRed – Das Netz“, dem neuesten Stück der Familie Lizajous, verbindet sich die spielerische Offenheit des Cirque Nouveau mit virtuellen Elementen. Auf der Suche nach dem autonomen Selbst geraten Akteure, sphärische Musik und Gesang in ein faszinierendes Wechselspiel, in welchem alles miteinander verbunden zu sein scheint.

Text: Reimar Biedermann

Hamburger Sprechwerk
Klaus-Groth-Straße 23 (Borgfelde)
29.–30.5., 20 Uhr

Elbjazz-Clubnacht (29.+30.5.)

Zum 6. Mal findet das Elbjazz-Festival statt. Zum 1. Mal wird auch Nachtschwärmern ein Programm geboten

Die Pressekonferenz im Jazzclub Hadleys ist bis auf den letzten Platz besetzt. Diejenigen, die gleich ans Mikro treten, haben einiges dafür getan, ein großes Medienecho herzustellen. Es gibt Neuigkeiten: Die Elbjazzer wollen ihr Programm einem breiteren Publikum schmackhaft machen. Erklärtes Ziel der Veranstalter: für Menschen interessanter zu werden, die bis jetzt mit Jazz nicht viel anfangen konnten.

An erster Stelle steht das genreübergreifende musikalische Programm, welches auf mehrere Spielorte entlang der Elbsüdseite verteilt wurde und den Hafen erneut in eine riesige Bühne für Livemusik verwandeln soll. Doch auch das Rahmenprogramm wurde in diesem Jahr massiv ausgebaut. Neben einem erweiterten gastronomischen Angebot, für das die hiesige Foodtruck-Szene eingeladen wurde, oder einem umfangreichen Kinderprogramm wird das Elbjazz-Festival bis zum Sonntag auch an verschiedenen Orten der Stadt präsent sein.

Besonders spannend für Nachtschwärmer ist die Premiere der Elbjazz-Clubnacht. Wenn gegen 23 Uhr auf dem Hauptgelände bei Blohm + Voss die Lichter langsam ausgehen, zieht der Festival-Tross vom Süden der Stadt in den Norden. „Die Clubnacht bildet den Abschluss und die Möglichkeit, bis in den Morgen zu tanzen“, freut sich Festivalchefin Tina Heine. „Die Stadt wird eingebunden und Clubs bringen aus ihrer Szene heraus Programmpunkte ein.“

Die Ausweitung des Begriffs „Jazz“ zeigt sich hier besonders deutlich. Mit Golem, Mojo, Nochtwache, Prinzenbar, Resonanzraum sowie Uebel & Gefährlich sind gleich mehrere Läden beteiligt, die mit dem Genre eher nicht in Verbindung gebracht werden. Während es im Mojo-Jazz-Café noch recht genrenah zugeht und dort Freitag- und Samstagnacht verschiedene Elbjazz-Künstler zur Open Jam Session laden, öffnet sich das Musikfeld zwei Stockwerke tiefer mit Deep-House-Afroklängen von Boddhi Satva oder einem Auftritt der HipHop-Formation The Mouse Outfit.

ElbJazz Festival Hamburg Atmo

Foto: Frank Jasper

Auch in anderen Clubs spiegelt sich die vielfältige musikalische Bandbreite. Da reicht das Programm von zeitgenössischem Garage House von xxxy in der Nochtwache über futuristischen Space-Pop der Band Pollyester im Golem bis hin zu klassischer Kompositionstechnik vermischt mit dem Rums einer Kick Drum von Seth Schwarz in der Prinzenbar.

Im Turmzimmer des Uebel & Gefährlich gar präsentiert das Festival mit „District66“ eine neue Veranstaltungsreihe des Clubs, die sich auf Techno in allen Facetten fokussiert und die mit Ronald Albrecht und Andre Kronert zwei Headliner zu Gast hat, bei denen Fans der härteren elektronischen Gangart auf ihre Kosten kommen.

Wie das noch zum Elbjazz passt, erklärt Wiebke Pranz, Bookerin vom Golem und verantwortlich für den Clubrahmen, so: „Das Elbjazz versteht sich als Festival, bei dem die musikalische Basis im Jazz wurzelt, das aber auch für andere Genres die Grenzen öffnet. Wir freuen uns, wenn nicht nur der klassische Jazzfan mit dem Elbjazz in Kontakt kommt, sondern auch junge Leute, die mit der Clubkultur vertraut sind. Es war uns daher wichtig, dass die Clubs ein Programm machen, womit sie ihre Zielgruppe erreichen. Ein Jazzabend im Uebel & Gefährlich würde da wenig Sinn machen.“

Der Clou: Die Clubnacht ist nicht nur für Festivalbesucher im Preis enthalten, sondern für jeden anderen zugänglich. „Es wird ein gesondertes Clubticket geben, mit dem man in beiden Festivalnächten durch die teilnehmenden Clubs ziehen kann“, so Pranz. Ob sich am Ende Vater und Tochter beim Tanzen in der Prinzenbar treffen, wird sich zeigen. Für das Nachtleben der Stadt ist die Elbjazz-Clubnacht auf jeden Fall eine Bereicherung.

Text: Ole Masch

29.–30.5., Festival und Clubnacht

Habe Idee, suche Investoren

Crowdfunding: Planst du noch oder sammelst du schon? Hamburgs Kreative und Gründer haben die Schwarmfinanzierung für sich entdeckt. Einige Projekte im Überblick

Da ist sie, die genialste Idee aller Ideen. Mit ihr bekommt das Leben einen Sinn. Damit gelingt der Durchbruch. Oder die Welt wird schlicht ein bisschen besser. Wie tragisch, wenn es bei ihrer Umsetzung schlicht an der Finanzierung scheitert. Wie gut, dass es einen Weg gibt, die eigene Idee sponsern zu lassen. Dieser Weg führt an den Banken vorbei und man kann gleichzeitig ausloten, ob den Leuten gefällt was man vor hat.

Die Rede ist von Crowdfunding. So funktioniert die Schwarmfinanzierung: Auf Onlineportalen wie Startnext, Kickstarter oder auf Nordstarter (speziell für Hamburg) stellt man sein Projekt in Text und Video vor, gibt eine Zielsumme an und legt fest, was die Investoren bekommen, wenn sie in die eigenen Träume investieren. Dann startet die Kampagne – und das große Zittern: Kommt genug Geld zusammen für das erste Album, die eigene Aalzucht, das Baumhaushotel oder wovon auch immer die Menschen träumen?

Mittlerweile findet man auch viele Projekte aus Hamburg in den Listen. Ein Beispiel aus dem Nachtleben: Die Hasenschaukel in der Silbersackstraße wurde mittels Crowdfunding vor der Schließung bewahrt. Wir haben uns weiter umgeschaut und spannende Hamburger Projekte gefunden.

1) Hanseatische Materialverwaltung (HMV): „Ein Fundus für alle“

Status: aktiv | Seit zwei Jahren gibt es den gemeinnützigen Fundus im Oberhafen. Das Team rettet ausrangiertes Material, hochwertige Requisiten und Bühnenbilder großer Theater und Filmsets vor der Entsorgung und verleiht sie an kreative Projekte. Die Ausleihgebühr ist gering und die Halle, in der die bunte Sammlung untergebracht ist, kostenintensiv im Unterhalt. Nun will die HMV die entstandene Finanzierungslücke mittels Crowdfunding schließen. Die Kampagne endet am 30. Juni.

 

2) Edition Umbruch

Edition_Umbruch_Presse_02Status: aktiv | Vier Masterstudentinnen der HAW Hamburg (Department Design) suchen Unterstützung für den Druck ihrer Publikation „Edition Umbruch“ – ein hochwertiges Buch in limitierter Auflage. Darin soll es um das Publizieren im digitalen Zeitalter und die Rolle des Gestalters gehen. Zu Wort kommen bekannte Menschen aus der Gestaltungsszene und dem Verlagswesen, unter anderem Experten von Die Zeit, Neon, Stiftung Buchkunst, und Paperlux. Die Kampagne endet am 15. Juni.

 

3) KEBAP

Status: abgeschlossen | Die Abkürzung steht für KulturEnergieBunkerAltonaProjekt. Eine Gruppe aktiver Hamburger möchte den „leerstehenden Betonklotz“ in der Schomburgstraße 6 bis 8 sinnvoll nutzen – als Raum für Kultur, für eine dezentrale Energieerzeugung und einem Nachbarschaftsgarten auf dem Dach. Der Bunker ist Eigentum des Staates. Damit die Stadt Hamburg ihn kaufen könnte, müssen eine Machbarkeitsstudie, eine formelle Bauvoranfrage und ein Nutzungskonzept initiiert werden. Bis dahin will man in einem KEBAPmobil vor Ort präsent sein um Veranstaltungen zu organisieren, die Hochbeete vor dem Bunker zu bewirtschaften und Informationen zu verbreiten. Für das Projekt wurden die benötigten 3.850 Euro gesammelt.

 

4) Fahrradgarderobe

Status: aktiv | Die zwei Hamburger Gründer Helen Schepers und Michael Kellenbenz wollen mehr Menschen motivieren, mit dem Fahrrad zu Veranstaltungen zu fahren. Ihre Fahrradgarderobe (Foto oben) garantiert eine sichere Aufbewahrung der Zweiräder – so haben Diebe keine Chance. Zudem soll ein Reparaturservice und eine Ladefunktion für E-Bikes angeboten werden. Beim Reeperbahn Festival, der Altonale, dem Dockville Festival und dem Wilhelmsburger Insellauf kam die Garderobe schon zum Einsatz. Nun möchte das Team expandieren und braucht Investoren. Die Kampagne läuft noch bis zum 26. Mai.

 

5) Leerstandsmelder.de

Status: abgeschlossen | Die größte deutschsprachige Plattform zum Thema „Leerstand“ wird ehrenamtlich betrieben. Online, in einer interaktiven Übersichtskarte, kann jeder vermerken, wo in seiner Stadt Gebäude leerstehen. So wird Transparenz geschaffen und in Ballungsräumen, in denen Wohnungsnot herrscht, auf Missstände hingewiesen. Die Betreiber des Portals (in Hamburg ist das der Gängeviertel e.V.) wollen einen „sozial gerechteren und nachhaltigeren Umgang mit dem räumlichen Potential von Leerständen anregen“. Die Plattform braucht dringend eine technische Erweiterung und soll als App nutzbar gemacht werden. Die dafür benötigten 10.000 Euro wurden erfolgreich eingesammelt.

Foto: Hinrich Carstensen

Frühlingsfest im Oberhafen (23.+24.5.)

Die Hanseatische Materialverwaltung feiert Geburtstag mit Livemusik, Skurrilitäten-Flohmarkt, Schießbude und „Saufi Saufi“

Ein paar Treppenstufen führen in eine andere Welt: Sie besteht aus Las Vegas-Leuchtreklame, Riesenkassetten, Oma-Kommoden, einer Armee alter Spielautomaten und Gasmasken. In was für einem Kabinett der Skurrilität sind wir hier gelandet? Dem, der Hanseatischen Materialverwaltung (HMV)!

Der gemeinnützige Fundus im Hamburger Oberhafen ist seit zwei Jahren eine Art Auffanglager für ausgediente Requisiten und Kulissen, deren Entsorgung jedem Freund absonderlicher Gegenstände das Herz brechen würde. Gegen eine günstige Gebühr kann man die kleinen und großen Objekte hier ausleihen – kreative, soziale und gemeinnützige Projekte dürfen diesen Dienst in Anspruch nehmen.

Am Wochenende (23. + 24. Mai) feiert das Team der HMV Geburtstag – mit einem großen Frühlingsfest. Da  wird einiges geboten: Livemusik und ein großer Fundusflohmarkt, die Lichtbildkiste ist vor Ort (Fotos schießen mit Perücke und Hut), die mobile Hochzeitskapelle St Pauli Chapel of love fährt vor, in Lottas Schießbude kann man analoge Ballerspiele zocken. Der KANDIE SHOP sorgt für Waffeln und Bonbons, Volkers Kaffeeklappe für ambitionierte Schnittchen, Marc von der Nowa Huta serviert Blinis und Langos.

Parallel zum ersten Festtag startet die Crowdfunding-Kampagne „Ein Fundus für alle? – Nur mit Euch!“. Das Projekt benötigt finanzielle Hilfe von außen, um weiter bestehen zu können. Unterstützer werden belohnt – mit Wundertüten, Fundstücke aus den heiligen Hallen aber auch eine Privatparty im dekorierten HMV-Wohnmobil „Tiffy“ kann gebucht werden. Ausnahmsweise alles eine Frage des Geldes…

Text: Lena Frommeyer
Foto: Christina Hansen

Hanseatische Materialverwaltung
Stockmeyerstraße 41-43 (Oberhafen)
23. + 24.5., Eintritt: 2 Euro

Straßenfest: 10–20 Uhr
Fundusflohmarkt: 10–16 Uhr

Jannes Wochenrückblick Vol. 6

Kolumne: Der Tag danach – Resümee eines Feierwochenendes, ohne Stimme und mit sieben Stempeln auf der Hand

Ich darf hier Sonntag für Sonntag berichten, was mich in der vergangenen Woche in Hamburg bewegt hat. Wenn Pfingsten ist, ausnahmsweise auch mal am Montag. Gestern habe ich vergessen zu schreiben, weil ich einen imposanten Kater und sieben Stempel auf der Hand hatte anstatt Gehirn oder Stimme. Dafür gibt es einen guten Grund.

Das lange Wochenende war bis an den Rand gefüllt mit Open Airs, die Hanseatische Materialverwertung lud zum großen Geburtstagsfest, die „Hallo Festspiele“ feierten Premiere, es war ESC, FCP und HSV spielten gegen den Abstieg und das Wetter hatte zwischen Regenschauern und Sonnenbrand nun wirklich alles zu bieten. Umgeben von diesem Wust an Events haben wir mit unserem clubkinder e.V. ein Festival in zwölf Locations auf unsere zerschlissenen Jeans-Beinchen gestellt.

Die beteiligten Clubs und Bars haben tolle Künstler mit und für uns gebucht. Ismail und Tobias, zwei sagen-wir-mal populäre Hamburger DJ-Kollektive, standen bei den Opening-Nächten im Baalsaal und Uebel & Gefährlich am Pult (mit den Jungs von Moonbootica und Digitalism), Samstag ging es weiter auf dem MS Stubnitz mit ILL und dem Hafenklang. Insgesamt haben wir von Donnerstag bis Sonntag gefeiert.

Wunderschön an diesem Wochenende war für mich der Hilfsaspekt, das gemeinsame Anpacken für eine gute Sache: Die Eintritssgelder fließen in Hilfe für unbegleitete jugendliche Zuwanderer. Wir sammeln gerade die Spendendosen der Locations ein, damit wir wissen, wie viel für das Projekt mit dem Deutschen Kinderschutzbund zusammengekommen ist.

Das alles ist eine Leistung von vielen – dem Team, den Helfern, allen, die mitgefeiert haben. Ungefähr jedes Hamburger Medium hat über uns berichtet, zig Freunde tauschten ihre Profil- und Titelbilder auf Facebook aus und zeigten sich solidarisch. Vielen Dank dafür!

Habt einen schönen Start in die Woche, ich schau jetzt die Simpsons und bestelle Asiatisch, wir lesen uns Sonntag wieder, Jannes

Who the fuck is Jannes?

Jannes Vahl hat den gemeinnützigen Verein Clubkinder e.V. gegründet. Mit Konzerten, Partys oder Events sammelt er Spenden für soziale Projekte in Hamburg, beispielsweise mit der Tagebuchlesung. Außerdem leitet er die Kreativagentur Flutlotsen mit Büro auf St. Pauli. Mit seinem Compagnon Joko setzt er hier Projekte um. Jannes Vahl hat 5.000 Facebookfreunde, trinkt Craft-Bier, mag die Band Pearl Jam und versendet digitale Herzchen. In seiner neuen Kolumne berichtet er jeden Sonntag über ein Hamburger Thema, das ihn in der letzten Woche beschäftigt hat.

Foto: Julia Schwendner