#7 Kellerkneipe: Herr Buhbe

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. Nummer 7: Herr Buhbe.

Wir ziehen den Bauch ein, stellen uns auf die Zehenspitzen und machen uns so dünn wie möglich, damit wir durch den Türspalt im vollgestellten Hinterzimmer passen. Von hier aus führt uns Chefin Tina Popovic eine schmale Treppe hinunter in die Katakomben des Herr Buhbe. Vor uns liegt ein langer Laubengang. Rechts reiht sich eine Nische an die nächste, links gelangt man in einen großzügigen Kellerraum. Anfang des 20. Jahrhunderts lagerte der Gastronom und Winzer Eduard Buhbe hier unten seine Weinfässer. In den 00er Jahren fanden in dem Haus, dessen Eigentümerin die SAGA ist, geheime Sadomaso-Partys statt.

Tina Popovic, die mit ihrer Mutter Dubravka Popovic seit 2007 das Thämers ein Stockwerk höher und seit 2012 das Herr Buhbe betreibt, erinnert sich noch an einschlägig gekleidete Gäste, die manchmal vor der Tür Schlange standen, als Herr Buhbe noch SittsaM hieß. Erst seit 2012 geht es hier tatsächlich sittsam zu.

Die Frauen Popovic haben einen charmanten Umgang mit den Fußstapfen ihrer Vorgänger gefunden. Die holzvertäfelten Wände, das alte Mobiliar, Weinflaschen aus den 70er Jahren mit vergilbten Etiketten. Herr Buhbe ist mehr Restaurant als Kneipe. Man kann hier gut Bratkartoffeln oder Burger essen, aber mindestens genauso gut am Abend einen Gin Tonic trinken. Wirklich besonders ist die familiäre Stimmung, die das Lokal verbreitet. Herr Buhbe und das Thämers sind heute sowas wie die Seele der Neustadt. Nur wer die Augen offen hält, findet hier und da einen Hinweis auf vergangene Tage.

Kneipengründungsjahr: 1898 Weinstube Buhbe, seit 2012 Herr Buhbe
Fassbiere: Ratsherrn Pils, Zwickel, Rotbier, Pale Ale, Augustiner
Musikstil: Chansons, Indie, Pop, Hauptsache modern
Rauchen: Im Raucherraum oder vor der Tür
Besonderheit: Katakomben & Tradition (Eduard Buhbe & Söhne)

Text: Alessa Pieroth

Foto: Michael Kohls

Herr Buhbe: Wexstraße 42 (Neustadt), Tel 34 66 89, Mo-Fr 12–15 und 18–24; Sa 18–24 Uhr, Küche bis 23 Uhr; www.thaemers.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Meet the Resident: Bandulera

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im März 2018 ist Bandulera an der Reihe. Die 25 Jähirge ist seit Tag 1 im Game.

Bandulera, 25, seit Tag 1 im Game Schrecklichste und schönste Gast-Frage:
Nervig sind so Aussagen wie „für eine Frau legst du aber ziemlich gut auf“ oder „ob mir das Auflegen mein Freund beigebracht hat“. Besonders schön hingegen ist es, wenn Gäste nach dem Namen eines Tracks fragen, ich freu mich, wenn ich Gästen neue Musik zeigen kann. Aber bitte immer erst nach dem Set fragen. 😉

Platte des Monats:
Eva808 – Prrr – Mega Frau, mega Track!

Lieblingsplatte(n):
Digital Mystikz – Anzi War Dub, Rabit – Tearz, Sir Spyro – Topper Top und sämtliche Adriano Celentano Platten aus der Sammlung meiner Familie.

Größter Moment als DJ:
Mir fallen gerade viele schöne Dinge ein, aber am schönsten ist es, wenn du andere Menschen mit deiner Musik inspirieren kannst. Ob das jemand im Publikum ist, der von der Musik vollkommen mitgerissen wird oder jemand aus deinem Umfeld, der durch dich beschließt Musik zu machen.

Was nervt in Hamburg:
Nachbarn die sich über Lärm von Clubs beschweren. Es ist schade, dass sich Anwohner in den angesagten Vierteln über die Lautstärke von Clubs und Bars aufregen. Dabei tragen gerade diese Orte essenziell zu dem Bild und dem Wert der Viertel bei.

Party des Monats:
Die zweite „Item Box“ von David Garage, Shorty Banks und mir.

/ OMA 

Mono
30.3.18 , 23 Uhr


 

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

Wanda – „Der Kontrollverlust ist mir sehr recht“

Die Rockgruppe aus Wien spielte sich mit Liedern über kaputte Liebe, Alkohol und Tod in die ganz großen Hallen. Sänger Marco Michael Wanda über Gefühle vor der Masse und Bühnenmomente, die nicht mehr zu beeinflussen sind.

SZENE HAMBURG: Wer zu Wanda kommt …
Marco Michael Wanda: … der kommt! (lacht)

… zum Exzess – zumindest ist das ein weitverbreitetes Bild unter Konzertgängern. Kannst du damit etwas anfangen?
Jeder darf es erleben, wie er mag. Aber es soll um Gottes Willen kein Druck bei den Besuchern entstehen, sich irgendwann in Trance wiegen und durchdrehen zu müssen. Ein Konzert von uns soll erst mal nur ein Anreiz sein, ein Happening. Wir sind da, die Besucher sind da, und wir schauen dann gemeinsam, was passiert.

Und umgekehrt: Welche Gedanken habt ihr beim Bühnengang?
Ich gehe auf die Bühne, weil ich nichts anderes kann. Und ich gehe jedes Mal, als wäre es das letzte Konzert.

Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame.

Ist es auch jedes Mal ein ähnliches Gefühl dort oben?
Es ist immer anders. Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame. Vor allem aber gibt es welche, in denen man in ein Energiefeld kommt mit Menschen, die einem vorher völlig fremd waren. Das hat dann etwas sehr Nahes und Wohliges.

Du sprachst von einsamen Momenten. Kannst du die beschreiben?
Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine heftige Droge. Es spielen sich Sequenzen ab, ganz von alleine. Auf der Bühne kann man nichts mehr bewusst entscheiden. Man wird von Dingen irgendwann irgendwo hingezogen, die man gar nicht beschreiben kann.

Also ein Kontrollverlust?
Ein Kontrollverlust, der mir sehr recht ist.

Routine und Sicherheit setzen nicht ein, nach so vielen gespielten Konzerten?
Bis jetzt habe ich das noch nicht bei mir beobachtet. Sicher auch deshalb nicht, weil ich Konzerten immer noch mit großem Respekt und Demut begegne. Ich erlebe ja gerade einen unglaublichen Existenzialismus, der einfach geil ist.

Die Masse vor der Bühne will dich kennenlernen, du kennst die Masse schon etwas. Kennst du auch eine Sucht nach der Masse?
Zumindest mag ich die Situation, vor vielen Menschen zu stehen, sehr gerne. Ich finde, dass in der Anonymität eine tiefe Vertrautheit steckt.

Das musst du erklären.
Man muss sich mal anschauen, wie wir leben: Wir gehen eigentlich ständig aneinander vorbei und begegnen uns kaum. Der Begriff „Masse“ ist allgemein auch eher negativ konnotiert und mit Angstgefühlen behaftet. Ein Konzert empfinde ich da geradezu als erlösend. Ich muss sogar sagen, dass ich manchmal lieber im Publikum wäre als auf der Bühne. Es zieht mich zu diesen Menschen.

Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht.

Gibt es denn etwas, was der Band-Erfolg mit sich bringt, und wovon du gar nicht mehr genug bekommen kannst?
Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht. Es gibt nur Musik und Menschen, zumindest nehme ich nichts anderes wahr. Ich habe also ein Nicht-Verhältnis zum Erfolg. In ruhigen Momenten habe ich schon mal versucht zu spüren, ob das alles etwas mit mir macht, aber es macht erstaunlich wenig mit mir.

Und kannst du der ständig gesteigerten Popularität an sich nur Positives abgewinnen? Oder würdest du auch gerne mal wieder durch Wien gehen können, ohne Selfies machen zu müssen?
Das ist mir schon noch möglich. Die Menschen sind ja auch überfüttert mit Inhalten. Natürlich, wenn eine Platte herauskommt, stehe ich in der Öffentlichkeit und werde sehr oft erkannt. Und wenn es dann ein bisschen ruhiger wird, werde ich nur noch angeschaut, und man scheint zu denken: „Das ist er nicht, das kann er nicht sein!“ Das alles läuft in Wellen. Ich habe das Gefühl, sechs Monate ist man wer, und sechs Monate ist man niemand.

Würde es für dich die Schönheit der Kunst reduzieren, wenn weniger Menschen zu euren Konzerten kämen?
Hmm (überlegt lange). Keine Ahnung, bisher habe ich das noch nicht erlebt, es werden eigentlich immer mehr. Aber auch, wenn ich es noch nicht in der Karriere erfahren habe, habe ich doch schon Auf- und Abwärtsbewegungen im Leben erleiden müssen. Ich bin mittlerweile schon etwas geschult, mit Niederlagen umzugehen. Auf jeden Fall habe ich vor, mich in jeder noch kommenden Lebensniederlage tapfer zu schlagen.

Du hast mal gesagt, dass du schon als Zwölfjähriger gewusst hättest, dass du ein Star wirst. Hast du aus heutiger Star-Sicht auch ein Bild von deinem 50-jährigen Ich?
Ich glaube, dass man als Kind ein sehr festes Bild von dem hat, der man mal sein wird. Zu der Zeit ist ja auch noch alles möglich. Jetzt werde ich mich nicht mehr prognostisch oder mystisch puschen. Ohne den Vorteil der jugendlichen Hybris maße ich mir nicht an, in die Zukunft zu schauen. Ich hoffe einfach, dass ich lange genug da bin, um dieses komische Ding in meinem Hirn zu besiegen. Ich möchte schon in Klarheit abtreten, und das ist noch lange nicht der Fall. (lacht)

Interview: Erik Brandt-Höge

Sporthalle
24.3.18, 20 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Josefine Rieks

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Josefine Rieks. Ihr Debüt „Serverland“ ist seit Ende Februar beim Hanser Verlag erhältlich. Sie liest draus am 27.3. im Literaturhaus Hamburg.

Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
Ich habe eigentlich immer Kleingeld in der Hosentasche.

Was bezeichnen Sie als männlich?
Sie, Herr Frisch. Und T.C. Boyle.

Was stört Sie an Begräbnissen?
Ich habe Angst vor dem Tod.

Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Sicher, dass sie sich nicht wohlfühlen? Vielleicht unterstellen wir den Tieren das nur. Dass sie auf weiter Steppe frei und unbeschwert wären und sich nicht alle gegenseitig fressen würden, können sich doch nur Hippies vorstellen.

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Literaturhaus Hamburg
27.3.18, 19.30 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Jörg Heikhaus – Ich will Galerie neu denken

Jörg Heikhaus ist Künstler, Galerist, TV-Talker und jetzt auch Podcaster. Wir sprachen mit dem Querdenker

SZENE HAMBURG: Jörg, dein Lebenslauf ist nicht unbedingt der klassische eines Galeristen – du hast mal Karriere in der Wirtschaft gemacht …
Jörg Heikhaus: Ich hatte gar nicht vor, in der Wirtschaft zu landen. Kunst habe ich immer schon gemacht, aber es war mir nach der Schule nur einfach nicht möglich, Kunst zu studieren. Ich musste erst mal Geld verdienen: In Köln habe ich im Umkreis der Independent- Musikszene in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als Fotograf, Grafiker und Bandmanager gearbeitet. Zur Wende habe ich als Journalist gearbeitet und habe Sonic Youth und Nirvana interviewt. 1996 habe ich schließlich mit einem australischen Bildhauer eine eigene Onlineagentur gegründet.

Ziemlich erfolgreich … Du hast es bis zum Vorstand geschafft …
Eine schwedische Firma kaufte die Agentur, und ich habe dann noch drei Jahre als Vorstandsvorsitzender von Deutschland aus gearbeitet. Ich bin dann gegangen, weil es am Ende nichts mehr mir zu tun hatte. Mit Anfang dreißig habe ich gesagt, jetzt oder nie, ich muss meine Kunst machen!

In Hamburg hast du 2002 die Galerie heliumcowboy gegründet. Woher kam der Mut?
Ich habe viel recherchiert, mich international mit Galeristen getroffen, Kunstmessen besucht, um herauszufinden was für eine Art Galerie fehlt eigentlich? Ehrlich gesagt habe im Gespräch mit den Galeristen immer gedacht, dass ich so nicht sein möchte. Mich interessiert nur das Konzept Künstler: Wo liegt das Einzigartige, wie ernsthaft ist die Auseinandersetzung mit der Kunst bei genau diesem Menschen? Ich will Leidenschaft sehen.

Was unterscheidet deine Art, Kunst zu zeigen?
Ich habe keinen Lebenslauf, wie man ihn erwartet. Doch die vielen verschiedenen Jobs, die ich gemacht habe, bilden eine gute Basis, ich konnte viele Erfahrungen aus erster Hand machen und dadurch Künstlern helfen. Das Wichtigste für jeden Galeristen bleiben aber Persönlichkeit und Passion – und die sind ja bei jedem anders ausgeprägt.

Du versuchst, Galerie neu zu denken, u. a. mit einem Talk-Format?
Auch wenn wir schnell eine der Hotshot-Galerien aus Deutschland wurden, war es ja nicht immer leicht, vor allem nach der Finanzkrise. Da muss man schon mal überlegen, was sich ändern kann. Ich glaube, dass der Markt heute extrem übersättigt ist, der funktioniert einfach nicht mehr. Aber niemand weiß so genau, wie er funktioniert. Hier müssen wir uns viel mehr austauschen. Nicht nur im Künstlergespräch, sondern mit Menschen, die mit dem Markt zu tun haben. Und natürlich unserem Publikum.

Wie sieht das heute aus?
Zusammen mit Jannes Vahl von den Clubkindern habe ich 2016 „heliumtalk – das Kunstgespräch“ mit Tide TV gestartet. Jetzt setzen wir das als Audio-Podcast fort, denn ich möchte noch viel mehr tolle Leute ausfragen, was Kunst bewegt, wie sie produziert, erlebt, geliebt, gehasst und eben auch verkauft wird. In der ersten Folge unterhalte ich mich Darko C. Nicolic, der ein unglaublich spannendes Konzept verfolgt. Am Anfang wird das Deutsch sein. Aber im April habe ich eine Ausstellung mit „The Jaunt“, die werde ich auf Englisch interviewen.

Und, schon Erkenntnisse? Wie ist der Hamburger Galeriestandort?
Ruhiger und unaufgeregter als anderswo, das ist aber oft auch ein Vorteil. Man hat hier den ruhigen Atem, Künstler sich entwickeln zu lassen und kann in Ruhe etwas aufbauen. Das Zurückhaltende ist hilfreich, denn über Nacht kann in der Kunst nichts passieren. Die Zusammenarbeit von Galerien und Museen klappt in Hamburg leider nicht wirklich. Unbedingt will ich Bettina Steinbrügge vom Kunstverein zum Talk laden, sie macht viel richtig.

Du baust gerade um und präsentierst dich im März mit einem neuen Galerie-Konzept …
Wir entfernen uns noch mehr vom klassischen White Cube. Die Ranch, so nennen wir die Galerie ja liebevoll, wird Studio und Showroom zugleich. Ein Teil meines Alex Diamond-Ateliers und das Podcast-Studio kommen in den Ausstellungsraum, ganz aus Altholz, wie eine Ranch. Die Galerie wird zum Ort, an dem Kunst nicht nur gezeigt, sondern auch produziert wird. Am 24. März eröffnen wir, da stellen wir das Potenzial des Raumes vor. Ich stelle mir einen Kunstsalon vor, jeder kann vorbeikommen, man tauscht sich aus, kommt ins Gespräch. Der Podcast soll das Kommunikative unterstreichen. Ich glaube, wir sind heute als Galerist mehr gefragt, Kunst lebendig zu machen und wieder zu erklären …

Interview: Stefanie Maeck

Heliumcowboy Artspace: Bäckerbreitergang 75 (Neustadt), www.heliumcowboy.com (Eröffnung am 24. März 2018)

heliumTALK – das Kunstgespräch: www.heliumcowboy.com/heliumtalk

www.alexdiamond.net


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Auf einen Song mit: Klara Söderberg

Jeden Monat trifft Erik Brandt-Höge Hamburger Musiker und holt sich aktuelle Musikempfehlungen von denen, die es wissen müssen. Diesmal mit Klara Söderberg von First Aid Kit, deren Album „RuinsEnde Januar erschienen ist.

SZENE HAMBURG: Klara, wir haben ernsthaften Liebeskummer! Welche Songs helfen uns, damit fertig zu werden?
Klara Söderberg: Erst mal: Tut mir leid, das ist ja blöd! Wird bestimmt bald besser, und in der Zwischenzeit solltet ihr das hier hören: „Nobody Gets What They Want Anymore“ von Marlon Williams feat. Aldous Harding. Marlon ist ein Freund von uns, er hat den Song geschrieben, und wir sind hin und weg davon. Marlons Stimme ist wie von einer anderen Welt, man kann sich mit seinem Schmerz richtig in diesem Sound suhlen und ordentlich heulen. Steckt aber auch viel Hoffnung drin. „Mary“ von Big Thief. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, wollte ich in meiner Wohnung sofort alle Lichter ausmachen. Dann saß ich da im Dunkeln und hörte diesen genauso traurigen wie verspielten Titel, in dessen Lyrics so viele komplexe Erinnerun- gen stecken. „Survivor“ von Destiny’s Child. Manchmal muss man loslassen und darauf vertrauen können, dass der Herzschmerz zu etwas Besserem führt.

Und so ganz allgemein: Lieber ein trauriges oder fröhliches Lied bei Liebeskummer?
Traurig! Es ist doch so: Man wünscht sich in solchen Momenten, man könnte seine Gefühle einfach unter den Teppich kehren – kann man aber nicht. Deshalb besser traurige Musik hören, das gibt einem auch das Gefühl, dass andere schon da waren, wo man selbst gerade ist. Dass man nicht alleine ist.

Und welche FAK-Songs taugen in einer Herzschmerzzeit?
Wenn es tatsächlich was Trauriges sein sollen, dann „Fireworks“. Darin geht es darum, in seinen eigenen Träumen gefangen zu sein, die jedoch nicht in Erfüllung gehen und einen am Ende allein dastehen lassen. Übrigens wurde unser gesamtes neues Album „Ruins“ geschrieben, als ich gerade in einer Trennungsphase war. Es steckt also in allen Songs ein bisschen was davon drin.

Interview: Erik Brandt-Höge

„Ruins“ ist am 19.1. erschienen (Smi Col/Sony); 10.3., Große Freiheit 36, 20 Uhr

SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze. E-Mail mit Betreff „FAK“ bis 1.3. an verlosung@vkfmi.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!