Ein Fußballteam für alle!?

Tobias Hillebrand hat eine Vision: Eine Fußball-Liga, in der jeder mitspielen darf – egal, ob mit oder ohne Handicap. 2019 soll die neue Inklusionsliga starten.

Tobias Hillebrand (26) hat einen Traum. „Klar kann ich mir vorstellen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Das wäre schon cool, wenn man einen Weg so lange mitgegangen ist“, sagt er. Hillebrand ist im Hamburger Fußballverband (HFV) Koordinator für die Bereiche Behindertenfußball und Inklusion – und arbeitet für den Verband an einer kleinen Revolution: der Inklusionsliga. „Inklusion bedeutet, dass alle mitspielen können“, sagt Hillebrand, der gerade seine Magisterarbeit im Sportstudium schreibt und zudem Erziehungswissenschaften studiert hat.

Was sich aufs erste Hören selbstverständlich anhört, wäre bei genauerer Betrachtung etwas für Hamburg völlig Neues. Menschen mit geistigem und/oder körperlichem Handicap, Menschen ohne Handicaps, Frauen und Männer, Alte und Junge – alle in einer Fußballmannschaft. Unter anderem in Bayern und am Niederrhein existieren erfolgreiche Modellversuche. Auch in Hamburg gibt es ein Vorbild. In der Freiwurf-Hamburg-Liga spielen acht Teams in der bundesweit ersten vom Deutschen Handball-Bund anerkannten inklusiven Handball-Liga.

Hürden auf dem Weg zur Inklusionsliga

Hillebrand selbst scheint wie geschaffen für die Aufgabe, das gute Beispiel des Handballs nun auf die Fußball-Felder unserer Stadt zu transferieren. Die Eltern des jungen Mannes waren gehörlos. Er kennt den Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Handicap also aus eigener Erfahrung. „Ich habe viel mit Zeichensprache übersetzt und ich war immer der Erste, der ans Telefon gegangen ist. Ich war sozusagen der Ansprechpartner vom Arzt bis zur Kirche. Mit Unterstützung meiner Großeltern hat das alles sehr gut geklappt und ich habe auch viel Freizeit mit anderen gehörlosen Menschen verbracht“, sagt Hillebrand. Er ist überzeugt, dass nur der Kontakt zur Inklusion beiträgt. Hier könne der Fußball seine oft gerühmte Brückenfunktion einnehmen. „Ein hemmender Faktor für Menschen ohne Handicap ist es oft, dass sie die Reaktionen von Menschen mit Handicap nicht so richtig einschätzen können. Das können sie aber mit der Zeit. Und dann wachsen tolle Gemeinschaften heran.“

Lob erhält Hillebrand von HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki: „Dem Verband liegt das Thema schon seit Jahren sehr am Herzen. Tobias treibt das hier bei uns super voran. Wer einmal gesehen hat, wie ehrlich und natürlich diese Menschen sich freuen, wenn sie zum Beispiel ein Tor schießen, der weiß, es lohnt sich.“ Doch auf dem Weg zur Inklusionsliga, die im Sommer 2019 starten soll, sind noch einige Hürden zu überwinden. Hillebrand netzwerkt viel, spricht mit Vereinen über deren klassische Probleme beim Aufbau einer Mannschaft wie zum Beispiel notwendige Fahrdienste für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Das erste Hallen-Inklusionsturnier fand bereits statt, der im Bereich Inklusion sehr aktive SV Nettelnburg-Allermöhe siegte im Beisein des von der entspannten Turnieratmosphäre und den sportlichen Leistungen begeisterten HFV-Präsidenten Dirk Fischer. Weitere Turniere sind in diesem Jahr geplant. „Der Hamburger Sportbund finanziert die Turniere aus seinem Inklusionstopf, wir als HFV steuern zum Beispiel etwas Geld für die Pokale bei“, so Hillebrand.

Nächstes Jahr soll’s losgehen

Die acht Mannschaften für einen Ligastart sind bereits beisammen, aber losgehen kann es trotzdem noch nicht. Denn mehrere rechtliche Hürden sind zu überwinden. Nach den HFV-Statuten wird nach Geschlechtern getrennt in Altersgruppen (Jugendmannschaften, Damen, Herren, Senioren etc.) gespielt. Und es dürfen nur Mannschaften mitkicken, die HFV-Mitglieder sind. Unter den acht Interessenten befinden sich aber mit dem SV Eichede und Bad Oldesloe zwei Teams, die Mitglied im Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verband sind. „Wir müssen für die Inklusionsliga neue rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, wollen die Statuten ändern. Das soll auf dem Verbandstag 2019 geschehen“, sagt Byernetzki.

Der HFV will dann selbst einen Antrag stellen, zustimmen müssen die Hamburger Amateurfußballvereine. „2018 ist ein hoffnungsvolles Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass es 2019 losgeht“, sagt Hillebrand. Und die vorsichtige Frage, ob sich auch genügend Menschen ohne Handicap finden werden, die mitspielen, beantwortet Hille-
brand lächelnd und gelassen: „Die Frage sollte lauten: Warum eigentlich nicht?“

Text: Mirko Schneider
Foto: HFV

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Altona 93 – „So jetzt Mischen wir uns ein“

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde: Fans #3.

Karsten Groth, 64, ist stellvertretender Obmann der Abteilung FußballFans bei Altona 93.  Schon als Schüler war er begeisterter Fußballfan und hat im Laufe seiner „Fankarriere“ auch die großen Hamburger Fußballvereine HSV und FC St. Pauli begleitet.

Herr Groth, wie definieren Sie den Begriff Fußballfan?
Manche finden, ein echter Fan sei nur der sogenannte Allesfahrer. Der sich jedes Pflicht- und Freundschaftsspiel ansieht, möglichst sogar im Trainingslager dabei ist. Das sehe ich anders, obwohl ich fast alle Partien von Altona 93 besuche. Auch der 80-Jährige, der auf der Tribüne sitzt und nur die Heimspiele schauen kann, ist ein Fan. Mir persönlich wichtig ist ein Fan-Accesoire, zum Beispiel ein Schal. Und ich erhebe meine Stimme für meinen Verein, supporte also aktiv. Es ist wichtig, was auf dem Platz geschieht. Der Sport steht während des Spieles im Mittelpunkt, nicht Biertrinken oder nette Unterhaltung.

Sie haben ein aufregendes Fandasein hinter. Bitte erzählen Sie…
Mein erster Verein war der HSV. Ich stand als Schüler in der Westkurve. Mein erstes Spiel war ein Derby gegen Werder Bremen im Oktober 1964 vor 18.000 Zuschauern im alten Volkspark. Der DFB-Pokalsieg gegen Kaiserslautern mit 2:0 im Endspiel am 26. Juni 1976 im Frankfurter Waldstadion war mein letztes Spiel als HSVer. Eine Erinnerung daran kam mir übrigens beim Pokalfinale 2017 zwischen Dortmund und Frankfurt in den Sinn, als Sängerin Helene Fischer ausgebuht wurde.

Welche?
Damals, 1976, trällerten vor dem Spiel die Fischer-Chöre im Rahmenprogramm. Hatte der DFB sich so ausgedacht. Das gefiel beiden Fanlagern nicht. Gemeinsam wurde dagegen angeschrien.

Warum wandten Sie sich vom HSV ab?
Es gefiel mir einfach atmosphärisch nicht mehr. Da liefen zu viele Leute mit politisch rechten Meinungen rum. Also gönnte ich mir eine schöpferische Pause. Bis ich Anfang der 80er-Jahre durch den damaligen Arbeitskollegen und St.-Pauli-Stadionsprecher Gerd Thomsen den Weg ans Millerntor fand. Witzigerweise war auch wieder Musik ein Thema. Thomsen spielte gern deutsche Volksmusik. Die wollte bald kaum noch einer hören. Sportlich lief es erst mäßig, manchmal waren nur 2500 Zuschauer da. Jüngere Leute gingen hin, Gewerkschaftskollegen, eher links, bald kamen die Leute von der Hafenstraße dazu – und die von Doc Mabuse auf dem Dom entdeckte Totenkopffahne. Einmalig war der Roar, diese ganz besondere Form der ununterbrochenen und dennoch aufs Spiel bezogenen Anfeuerung. Es war irre laut am Millerntor. Nach vielen Spielen, wie nach dem gescheiterten Aufstieg zur Bundesliga 1987 in der Relegation gegen Homburg, war ich drei Tage lange heiser.

Und Sie wurden in der Filmbranche aktiv…
(lacht) Sozusagen. 10 Fans, ich war einer davon, produzierten 1990 den Film „…und ich weiß, warum ich hier stehe“. Wir interviewten St.-Pauli-Anhänger und Bürger auf dem Kiez und in den Kneipen, machten vom Drehbuch bis zum Schnitt alles selbst. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich wohnte zu der Zeit auf St. Pauli in der Hopfenstraße, gehörte zum harten Fankern.

Um 1990, begann Ihre große Liebe zu Altona 93 zu wachsen.
Meine erste Partie von Altona 93 habe ich 1966 gesehen. In der DFB-Pokal-Qualifikation wurde der 1. FC Nürnberg auf der Adolf-Jäger-Kampfbahn 2:1 bezwungen. In der 1.Hauptrunde vor offiziell 33.000 Zuschauern – manche sagen bis heute es waren 45.000 – im Volksparkstadion beim HSV, der 6:0 gewann, stand ich in der Ostkurve bei den Gästefans von Altona 93. Obwohl eigentlich HSV-Fan, hatte der Außenseiter, meine Sympathien. Außerdem begann ich gerade, bei den Senioren des Vereins zu kicken. Mit gut 50 Leuten vom FC St. Pauli gingen wir also zur Adolf-Jäger-Kampfbahn. Ein Trainer von Altona meinte später mal, der Verein habe nun „Leihfans vom FC St. Pauli.“

Tatsächlich sahen Sie sich lange beide Clubs an.
Ja, aber 2005 ließ ich meine Dauerkarte beim FC St. Pauli auslaufen. Denn ich musste bei den Senioren des AFC bei fast jedem Spiel ran. Und mir war zu viel Eventpublikum am Millerntor. Das Finanzgebaren des Clubs, speziell die Bezahlung von Ex-Trainer und Manager Franz Gerber und Ex-Spieler Nascimento in der dritten Liga zu Erstligakonditionen, ging mir gegen den Strich. Heute gehe ich nur ab und zu mal zum Millerntor. An der Adolf-Jäger-Kampfbahn stehe ich in der Meckerecke. Die gab es dort schon, bevor es eine bei St. Pauli gab.

Wie hat sich Altona 93 im Laufe der Jahre verändert?
Damals kamen nur so 300 Leute zu den Spielen, aktuell liegt unser Schnitt in der Regionalliga bei fast 1200 Fans. Seit gut zwei Jahren ist Altona 93 wieder richtig “In“. Dadurch haben übrigens auch wir nun etwas Eventpublikum. Unseren eigentlichen Zuschauerstamm würde ich auf circa 600 beziffern.

Was waren die schönsten Erlebnisse?
Das schon erwähnte Pokalspiel 1966 hatte wirklich was. Obwohl ich mir in der Kälte am zweiten Weihnachtsfeiertag Arsch und Füße abgefroren habe. Auch der Pokalerfolg 1994 gegen den VfL 93. Da gab es wenigstens noch einen richtigen Pokal, aus dem man was trinken konnte. Was wir dann auch mit den Spielern zusammen getan haben. Die beiden Aufstiege in die Regionalliga 1996, durch zwei Superschüsse von Thorsten Koy in den Winkel gegen Pinneberg. Generell hat sich auch vieles erhalten, was ich schätze. Es geht bei uns in der vierten Liga lockerer und entspannter zu als im Profifußball. Es gibt keine Leibesvisitationen beim Einlaß, keine elektronischen Zugangssysteme, zudem ist der Support spielbezogen. Besonders letzteres ist für viele von uns ein wichtiger Punkt.

Ist Altona 93 heute das St. Pauli von früher?
Also wenn ich mir unseren Kabinentrakt und das Clubhaus angucke, da toppen wir das frühere St. Pauli noch. Obwohl es damals schon seinen Charme hatte, als die Spieler von Bayern München durch die verqualmte Kneipe zur Umkleide mussten. Altona 93 und St. Pauli sind sicher politisch nicht weit auseinander. Aber es gibt auch Fans beider Clubs, die mögen sich ganz und gar nicht. Wir haben von der Fan-Abteilung vor drei Jahren mal eine Umfrage gemacht. 20 Prozent unserer Anhänger bekannten sich dort zum FC St. Pauli, 15 Prozent zum HSV.

Wie stehen Sie eigentlich zur Kommerzialisierung im Profifußball?
Da scheiß der Hund drauf. Geld regiert eben die Welt, das Fernsehen bestimmt die Anstoßzeiten. Rund um die Uhr läuft irgendwo Fußball, worunter vor allem die Amateurclubs leiden. Altona allerdings weniger, wir haben ja einen ganz guten Schnitt.

Die Fan-Abteilung bei Altona 93 hat heute 45 Mitglieder. Wie kam es zu deren Gründung?
Das lag am bitteren Abstieg aus der Regionalliga in der Saison 2008/09. Altona 93 hatte Krankenkassenbeiträge und Steuern nicht ordnungsgemäß abgeführt, musste für mehrere Jahre an das Finanzamt nachzahlen. Es wurde existenzbedrohend für den Verein. Unser Hauptsponsor und Präsident Dirk Barthel half mit Geld aus. 250.000 Euro aus dem Kaufvertrag für die Adolf-Jäger-Kampfbahn holte sich der Club als Vorschuss. Wir Fans hatten schon lange über mehr Aktivität nachgedacht. An diesem Punkt sagten nun einige Fans: So, jetzt mischen wir uns ein und warten damit nicht weiter.

Das klappte so einfach?
Natürlich gab es Vorbehalte und Widerstände. Manche dachten: Aha, die wollen sich den Verein unter den Nagel reißen. Darum ging es aber gar nicht. Und mittlerweile sind wir im Verein anerkannt.

Was hat die Fan-Abteilung erreicht?
Wir wollten, dass es eine weitere Kontrollinstanz im Verein gibt, die sich um die Liga-Finanzen kümmert. Dies erreichten wir durch Gründung eines Wirtschaftsausschusses vor viereinhalb Jahren, dem ich auch seither angehöre. Wir haben umfassend und mehrmals Stellung genommen zur Frage eines neuen Stadions, eigene Vorschläge gemacht, waren bei der AG Sportanlagen mit dabei. Wir riefen das Projekt eines Stammtisches ins Leben, zu dem Spieler und Verantwortliche fünf Jahre lang regelmäßig kamen. Das wollen wir vielleicht in anderer Form wieder aufleben lassen, weil wir uns wieder mehr Kontakt zur aktuellen Mannschaft wünschen. Und das sind nur einige Beispiele unserer Aktivitäten.

Was erhoffen Sie sich für Altona 93?
Es soll bei uns entspannt und locker bleiben. Kein Ultra-Singsang. Sportlich etablieren in der Regionalliga, vielleicht irgendwann ganz verträumt mal über die 3. Liga nachdenken.

Aktuell steht Altona auf dem letzten Rang in der Regionalliga Nord. Gelingt in diesem Jahr der Klassenerhalt?
Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Interview: Mirko Schneider


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

Fans #2: Fischbek Dynamites

Folge #2 unserer Reihe über Fans in Hamburg: Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde.

Professionalität mit Herz und Leidenschaft

Gefunden haben sich die Dynamites im Oktober 1991, damals sind die Volleyball-Frauen vom TV Fischbek in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Durch die Nähe und persönlichen Kontakte hat sich zunächst ein kleiner Kreis von ehrenamtlichen Helfern gebildet. „Wir haben im Lauf der Saison geholfen, die Tribünen aus der Garage neben der Halle Quellmoor in Hamburg/Neugraben zu holen und aufzubauen, den Kuchen- und Getränkeverkauf sowie den Eingangsbereich zu organisieren, und eben was noch alles so anstand. Da wir außerdem nicht nur zwischen den Zuschauern sitzen und in die Hände klatschen wollten, ist schnell die Grundidee des Fanclubs entstanden“, erzählt Georg Bücking, der Mann der ersten Stunde.

Mit den Jahren wuchsen die Anforderungen, aber auch die Mitglieder der familiären Gruppe, nicht nur die Heimspiele brauchten ihre Hilfe, bald wurden auch die Spielerinnen bei den Auswärtsfahrten mit Essen und Getränken versorgt, bei Siegen wurde zusammen im Bus gefeiert, bei Niederlagen getröstet – ein Symbiose zwischen Fans und Sportlerinnen hatte sich entwickelt. Mit dem Aufstieg und der Etablierung in der 1. Liga wurden das Team und natürlich auch das Umfeld professionalisiert. Es standen einige Veränderungen an und auch der damit einhergehende Umzug, in die größere Süderelbe-Arena 2001, brachte neue Anforderungen mit sich. Die Professionalisierung hatte für das bisherige Gefüge aus Team und Umfeld auch seinen Preis. Die Spielerinnen sollten bereits während der Fahrt den Fokus auf das kommende Spiel richten, dazu entsprechende Ruhe im Bus haben und die Fahrtzeit u.a. auch zur Videoanalyse nutzen. Für die Fans war da kein Platz mehr auf engem Raum. „Das war aber auch nicht schlimm“, Georg Bücking hat Verständnis für die Entwicklung,“ dafür haben wir dann eben mehr gemeinsame Aktionen außerhalb der Wettkämpfe organisiert.“

Wir arbeiten professionell und ehrenamtlich!

Die Fangruppe war inzwischen auf etwa 40 Leute angewachsen. „Die Aufgaben hatten sich verändert, jeder einzelne und auch wir als Team in Gänze mussten unseren Platz neu finden“, erklärt Bücking. Geholfen hat uns dabei, dass wir als eigenes Team den Weg der Professionalisierung mitgegangen sind, indem wir unser Handeln an die veränderten und komplexeren Anforderungen, die ein Spielbetrieb in der 1. Bundesliga mit sich bringt, fortlaufend angepasst haben. Unser Leitspruch war immer: wir arbeiten professionell und ehrenamtlich! Hätte es für einzelne Aufgaben Aufwandsentschädigungen gegeben, wäre das System zum Nachteil aller Beteiligten in sich zusammengebrochen. Bei all den Aufgaben, die wir vor allem bei den Heimspielen übernommen haben, um unser Team zu unterstützen, gab es immer auch das Bemühen „unser Team“ durch Trommeln und lautstarkes Anfeuern auch akustisch zu stärken. Die nächste große Veränderung kam 2011. Inzwischen hieß das Team VT Aurubis und wurde vom weltweit größten Kupferrecycler finanziell unterstützt.

Große sportliche Pläne machten einen Umzug in die CU-Arena am S-Bahnhof Neugraben unumgänglich. Das Fassungsvermögen von 2300 Zuschauern hatte mit den Tribünenaufbau der 90er Jahre nichts mehr zu tun. Fast die komplette Kraft der Fangruppe ging in die Organisation der Heimspiele, die inzwischen teilweise auch im europäischen Challange Cup stattfanden. Die Anforderungen waren also noch einmal gestiegen, wurden aber erneut, auch von uns professionell bewältigt. Das Trommeln und Anfeuern trat dabei noch einmal in den Hintergrund. Dies haben wir dann bei den Auswärtsspielen zu kompensieren versucht.

Auch die Handballerinnen profitieren

2016 dann der Bruch. Die Aurubis AG steigt als Sponsor aus und die Mannschaft findet sich als VT Hamburg in der 2. Liga wieder. Bücking: „Auch für uns Fans war das eine schlimme Zeit.“ Aufgeben wollten sie eigentlich nie, aber die sich ändernden Rahmenbedingungen, das aus ihrer Sicht aussichtslose Konzept und die in der neuen Führung fehlende Wertschätzung veranlassten sie zu einem lang diskutierten und schmerzhaften Schritt. Die Fischbek Dynamites kehrten dem Bundesliga-Volleyball im Hamburger Süden den Rücken – und das im 25. Jubiläumsjahr. Eine lange Zeit, die prägt und zusammenschweißt, also sucht sich die Gruppe ein anderes Wirkungsfeld: „Da wo Fankultur, Ehrenamt und unser know how wirklich geschätzt wird.“

Es muss ja nicht immer dieselbe Sportart sein. Als Fan kann man ja auch mal die Sportart wechseln, Hauptsache man bleibt Fan. Die Fischbek Dynamites sind so ein Grüppchen. Ihre Motivation ist der Zusammenhalt in der Gruppe und die ehrenamtliche Tätigkeit im Sport. Manchmal muss man dafür auch andere Wege gehen, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Sie landeten auf dem Estering, der Motorsport-Rennstrecke für Rallycross-Wettbewerbe in Buxtehude. Bücking: „Dort waren zwei unser Helfer seit Jugendtagen aktiv und als der ACN Hilfe bei den Rennen suchten, haben wir nicht lange gezögert. Also regeln wir jetzt den Durchlass der Autos und der Zuschauer von und auf das Gelände.“ Seit Kurzem profitieren auch die Zweitliga-Handballerinnen Buchholz 08- Rosengarten – die Handball-Luchse – vom know how der Dynamites. Ballsport ist halt Ballsport. Dort helfen regelmäßig vier bis fünf Leute aus dem Kreis. Die Fangruppe an sich ist mit rund 20 Leuten regelmäßig im Dialog und trifft sich hin und wieder zum persönlichen Austausch, am liebsten in alter Gewohnheit beim Grillen. Erst kürzlich haben sie ihr Logo erneuert und sich neue Polohemden und Sweat-Jacken für die gemeinsamen Aktivitäten zugelegt. Vielleicht werden ja auch demnächst noch mehr von ihnen zu den Spielen der Handballerinnen kommen, die den Aufstieg in die Erste Bundesliga anpeilen. So mit Trommeln und Anfeuern. Eben ein bisschen zurück zu den Wurzeln.

Text: Andrea Marunde

Foto: Fischbek Dynamites


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

Sport: Selbstverteidigung für Frauen

Selbstverteidigung für Frauen sieht einfach aus, ist es aber gar nicht. Zu Besuch beim Workshop „FRAUENselbstSICHERHEIT“.

Geschafft. Sichtlich erschöpft sitzt Fatma Keckstein am Ende der Veranstaltung in der Sporthalle Corveystraße und ist mehr als zufrieden. Hinter ihr liegt schon eine Menge Arbeit – vor ihr liegt noch eine Menge Arbeit. Aufräumen, Wegräumen, Abrechnen, Resumieren….aber es hat sich gelohnt. Fatma Keckstein ist Ju-Jutsu-Trainerin und Frauenreferentin beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband, hat Ende letzten Jahres, anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen, zusammen mit dem Deutschen Turner-Bund zu einem Aktionstag eingeladen und war selbst komplett von dem Andrang überrascht.

Beim Workshop „FRAUENselbstSICHERHEIT“ hatten sich rund 100 Frauen verschiedener Nationalität und unterschiedlichen Alters angemeldet, um sechseinhalb Stunden zu lernen, wie sie sich vor Gewalt schützen können. Die Statistik sagt, dass jede dritte Frau in Deutschland während ihres Lebens mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfährt. Gewalt gegen Frauen kommt in allen Schichten und gesellschaftlichen Gruppen vor. Aber nur jede fünfte Frau sucht sich in so einem Fall Hilfe. Eine Zielgruppe, die Keckstein besonders am Herzen liegt, sind muslimische Frauen, „sie sollen ebenfalls die Möglichkeiten des Opferschutzes kennenlernen.“

Cordula Gross, von der Flüchtlingshilfe Harvestehude, ist mit einer Gruppe von Frauen und Mädchen in die Halle gekommen. Nazanin und Shabnam zwei Schwestern im besten Teenageralter sind vor zwei Jahren mit ihrer Familie nach Hamburg gekommen. Zunächst nach Harburg. Dort wurden sie schnell in eine Volleyballgruppe der Volleyballgemeinschaft Hausbruch Neugraben Fischbek (VG HNF) integriert. Nach ihrem Umzug in die Unterkunft Sophienterrasse wollten sie ihrem Team unbedingt treu bleiben und pendeln jetzt ein bis zweimal in der Woche abends mit der S-Bahn zwischen Harburg und Harvestehude. „Häufig ist es schon dunkel, da kann es nicht schaden, wenn man etwas über Selbstverteidigung weiß“, sagt Nazanin. „Außerdem haben wir ältere Brüder, da muss man sich auch wehren können“, fügt sie grinsend hinzu.

Und was haben die beiden Mädchen und die anderen Frauen an diesem Tag gelernt? Männer sind übrigens strengstens in der Halle verboten. Deswegen ist „Chris“, das (theoretische) Versuchsobjekt für empfindliche Punkte beim Mann, auch nur eine Pappfigur. Die Praxis, von Keckstein eindrucksvoll vorgemacht, zeigt beispielsweise, Schläge oder Tritte abzuwehren. Hierfür werden zeitweise Schaumstoffröhren benutzt, damit sich auch jede traut mitzumachen.

Trotz des ernsten Hintergrundes, der hinter den Aktionen steckt, wird viel gelacht, denn die Überwindung auf jemanden „einzuschlagen“ muss auch erst gelernt sein. Sieht einfach aus, ist es aber gar nicht. Ein besonderer Moment, vor allem für die beiden Mädchen sind die Einheiten mit Lina Kalifeh. Sie ist die Gründerin von „she-fighter“, der ersten Schule für Frauen-Selbstverteidigung in Amman/Jordanien und extra für den Workshop nach Hamburg angereist. Auf Englisch und teilweise arabisch zeigt sie den Frauen die Befreiung aus Festhalte-Angriffen im Stehen und Liegen.

Spannend waren auch die Vorträge von zwei Beamtinnen des Landeskriminalamtes über Gewaltprävention und Opferschutz besonders bei Gewaltstraftaten im häuslichen Bereich. Welche Rechte habe ich eigentlich als Opfer einer Straftat? An wen kann ich mich vertrauensvoll wenden? Viele interessante Informationen an einem Tag. Fatma Keckstein weiß, dass das nur eine Anregung sein kann. „Es ist zu vergleichen mit einem 1. Hilfe-Kurs – es soll das Angstgefühl verringern, nichts tun zu können.

Natürlich kann man so etwas nicht an einem Tag erlernen. Es braucht Übung und Wiederholung, um wirklich für den Ernstfall gewappnet zu sein. Aber wichtig für die Frauen ist, zu wissen, dass es Angebote gibt und an wen sie sich wenden können.“ Gefallen hat es Nazanin und Shabnam auf jeden Fall, vielleicht ein bisschen zu lang, auf jeden Fall zu kalt in der Halle. Aber das Interesse ist geweckt. Für Fatma Keckstein ist das die Bestätigung und die Motivation, die Veranstaltung in diesem Jahr zu wiederholen – auch wenn es am Ende viel Arbeit ist.

Text: Andrea Marunde

Fatma Keckstein (Frauenreferentin beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband) 040/2793559; frauensport@djjv.de

Das Programm Integration durch Sport ist eine bundesweite Initiative des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). In Hamburg wird das Programm durch das Bundesministerium des Inneren und der Stadt Hamburg finanziert.


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Sport, als Heft im Heft in SZENE HAMBURG, Februar 2018, erschienen. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#1 Fans: Abseits des Millerntors

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde. #1 Fans.

Willkommener Treffpunkt einer fast schon eingeschworenen Gemeinschaft ist die Sporthalle des FC St. Pauli Abteilung Handball  in der Budapester Straße. Man teilt gleiche Werte und Einstellungen. Zusammenhalt ist gewollt.

Der FC St. Pauli ist mehr als nur Bundesliga-Fußball. Bundesweit verfolgen Fans die Saison der Profi-Männer. Dabei lockt sie aber nicht unbedingt herausragende sportliche Leistung, sondern Werte, die sich der Verein und seine Anhänger auf Fahnen und Klamotten schreiben. Diese Werte tragen alle Mitglieder im Herzen. Auch in den anderen Abteilungen des Vereins geht es um weit mehr als nur Sport.

Die Fankultur des FC St. Pauli erlebt man nicht nur im Millerntor-Stadion, der legendären Spielstätte der Profi-Fußballer. Direkt neben dem Stadion sind die Handballerinnen und Handballer des Vereins zuhause. In der Dreifeldhalle eines Wirtschaftsgymnasiums in der Budapester Straße tragen die Teams ihre Heimspiele aus. Die Aktiven sprechen von ihrer Budahölle.

An Spieltagen besuchen bis zu 300 Zuschauer die Spiele der Teams, für Spiele in der Oberliga oder tiefer ein sehr hoher Zuspruch. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Spiele der ersten Teams gut besucht sind. Neben Freunden und Angehörigen sind unter den Zuschauern viele, die selber in einem Team des Clubs aktiv sind. Die Heimspiele sind willkommener Treffpunkt der Abteilung.

Dieser Zusammenhalt ist unbedingt gewollt und wird auch außerhalb der Spieltage gelebt. Soziales und politisches Engagement sind Vereinsalltag. Klare Aussagen wie „Lieb doch wen du willst“ und „love handball – hate fascism“ gehören zum gemeinsamen Verständnis.

Besonders ist ebenso, dass sich fast alle Mitglieder der Abteilung kennen. Das ist die gute Seite eines Dilemmas, in dem der FC St. Pauli steckt. Dem Verein stehen zu wenige Trainingszeiten in Sporthallen zur Verfügung. Darum müssen für die Teams der Handball-Abteilung immer wieder neue Pläne organisiert werden. Das führt zu ständig wechselnden Trainingszeiten und –orten für die einzelnen Teams, die sich dann auch noch eine Halle mit einem anderen Team teilen müssen. Positiver Effekt: Innerhalb eines Monats hat man fast jeden aus der Abteilung einmal gesehen.

Genau das ist in der Halle bei einem Spieltag spürbar. Auch wenn zu einem Handballspiel in der Oberliga ungewöhnlich viele Fans kommen, kennen sich die meisten. Wer sich den gemeinsamen Werten anschließen kann, ist bei Spieltagen der Abteilung gern gesehen, auch ohne selber Mitglied zu sein. So kommt es häufiger vor, dass nach einem Heimspiel der Profi-Fußballer Fans aus dem Millerntor-Stadion noch in die Budahölle kommen und die Handball-Teams unterstützen. Lautstarke Unterstützung war aber auch vorher schon da.

Die Atmosphäre in der Halle macht Laune aufs Wiederkommen. Ob Handball-Laie oder Tribünen-Profi, ob stiller Zuschauer oder Choreo-Mitsänger, hier ist fast alles erlaubt. Der Verein gibt über seine Internetseite eine klare Linie aus: „Das einzige, wofür es bei uns keinen Platz gibt, ist Intoleranz, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit!“

Text: Thomas Michael


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

Sport: Parkour – Die Kunst der Fortbewegung

„Hier geht es nicht um coole Posen“ – Sebastian Ploog erzählt, was diese neue Sportart so besonders macht.

Ich stehe mit einem Freund auf einer abfallenden Straße circa 100 Meter oberhalb der Altonaer Norderelbe. Zwei Meter weiter ein breites Dach, dazwischen der Abgrund. Es ist Juli, die Sonne bescheint unseren in geruhsamen Bahnen verlaufenden freien Tag. Plötzlich nimmt ein durchtrainierter Athlet Anlauf, springt zielsicher einige Meter neben uns ab, landet locker auf dem Dach gegenüber und läuft gutgelaunt weiter. Wir starren ihm nach. Fassungslos, schockiert. „Der ist ja wohl bescheuert“, entfährt es mir augenblicklich.

Drei Monate später

Drei Monate später erzähle ich die Story Sebastian Ploog. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Halle Hamburg – Parkour Creation“. Ansässig im Kreativquartier im Oberhafen der Hafen-City. Im Juli wurde Eröffnung gefeiert. Also in dem Monat meines Dachspringer-Erlebnisses. Ploog lacht. „Witzig, dass du gerade so was zum ersten Mal gesehen hast. Natürlich sieht so etwas spektakulär aus und ruft dann auch besorgte Eltern auf den Plan. Aber so etwas machen wirklich wenige von uns.“ Mit „uns“ meint Ploog Menschen wie ihn. Parkour-Läufer.

Parkour ist eine Trendsportart, die gerade in Hamburg boomt. Auch dank Ploog und seinen Mitstreitern. Eine 800 Quadratmeter große Halle haben sie hier in vierjähriger Präzisionsarbeit in zwei Räume mit diversen Hindernissen verwandelt. Auf Matten rollen, über Böcke springen, Holzwände hochklettern, sich aus einigen Metern Höhe in luftige Schaumstoffkissen fallen lassen – so gut wie alles ist möglich. Während unseres Gesprächs schlägt ein kleiner Knirps unter Aufsicht von Trainern ein paar Saltos. Es sieht kinderleicht aus. Nun bin ich offen dafür, Neues zu erfahren. Worum geht es beim Parkour genau?

Es ist eine Kunst der Fortbewegung

„Es ist eine Kunst der Fortbewegung“, sagt Ploog. Ursprünglich komme die Sportart aus Frankreich. Ein Fremdenlegionär übertrug seine Fluchttechniken in den Stadtraum Paris. Per Internet verbreiteten sich Videos der sich ungewöhnlich fortbewegenden Menschen, die über Zäune springen oder mit Überschlägen Hindernisse überwinden, Anfang dieses Jahrtausends. Da setzte der Boom ein. „Parkour ist einfach die freie Art der Fortbewegung durch den urbanen Raum. Es geht darum, sich selber individuell in Bewegung mit seiner Umwelt auszudrücken. Ein Parkour- Läufer lebt die Freude an der Bewegung aus, aber ohne Gegner. Es ist kein Wettkampf “, sagt Ploog. Er selbst kam durch die berühmten „Matrix“-Filme dazu. „Ich fand die Filme super und dann hörte ich, es gibt Menschen, die können das ohne Seile und Computereffekte. Da fing ich an, mich für den Sport zu interessieren.“ Der ständige Nervenkitzel durch das dauernde Springen von Dach zu Dach werde aber nicht gesucht. „Wer so etwas tut, hat vorher jahrelang dafür trainiert. Kontrolle wird in der Szene sehr hoch angesehen. Statistisch gibt es auch wenige Verletzungen. Es gibt eben keine externen Einwirkungen wie beim Fußball, wo einem einer die Beine wegzieht oder man einen Ball ins Gesicht bekommt.“ Die Bandbreite der Sportler ist daher sehr hoch. Vom coolen Breakdancer bis zur Couch-Potato, die ihrem Leben einen neuen Drive geben will, ist alles dabei. Und seinen Körper in Schwung bringen kann letztlich jeder. Es müssen ja keine Tore erzielt oder Gegner gedeckt werden, jeder kann nach seinem Tempo lernen.

Gefördert wurde das Projekt

Gefördert wurde das Projekt durch aus einem Crowdfunding erlöste 28.000 Euro, diverse Mittel der Stadt Hamburg und durch den Hamburger Sportbund (HSB). „Die Stadt, die Poliktiker aller Parteien, der HSB – alle zeigten sich sehr aufgeschlossen und da haben wir wirklich zu danken“, erklärt Ploog. So ist der Verein „Parkour Creation“ beispielsweise Stützpunktverein im HSB-Programm „Integration durch Sport“ (IdS). Das IdS finanzierte zu einem großen Teil die beweglichen Sportgeräte und Ausrüstungsgegenstände für das Training sowie ein mobiles Parkour-Klettergerüst, um Integrationsprojekte auf diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen vorzustellen. Sogar einen Integrationslotsen gibt es, der mit Geflüchteten Projekte aufbaut und weitentwickelt. Das vielfältige Angebot schlug nach der Eröffnung sofort ein. Schon in den ersten drei Monaten nach dem Start strömten Tausende Leute in die Halle. Es gibt mittlerweile sechs Kurse für Kinder, sechs für Teenies, fünf für Erwachsene, und diverse Integrationskurse für Flüchtlinge. Damit sich niemand überfordert, wurden qualifizierte Trainer eingestellt.

So wie Mido

So wie Mido. Der junge 21-jährige Syrier steht geradezu sinnbildlich für die philosophische Dimension des Parkour- Sports. Auf Hindernisse trifft schließlich jeder immerzu und überall. Diese spielerisch und kreativ zu lösen, einen gesunden Umgang mit der eigenen Angst und den eigenen Grenzen ohne Leistungsdruck zu erlernen, kann zur befreienden Lebensaufgabe werden. Selbst unter den widrigsten Bedingungen. „Mit Parkour habe ich schon in Damaskus angefangen. Zusammen mit einigen anderen Hip-Hoppern. Parkour ist mein Leben“, erzählt der junge Flüchtling. Er lacht viel. Schon seit jeher faszinierte ihn die Beweglichkeit des menschlichen Körpers. Über die Türkei und den Libanon kam er 2015 nach Brandenburg, durch einen SPIEGEL- Artikel namens „Parkour“, in dem sich Autor Alexander Osang begeistert von seinen „Überschlägen und gehockten Saltos“ zeigte, entstand der Kontakt nach Hamburg. Hier hat Mido nun sein Glück gefunden. Trotz allem, was ihm widerfuhr, strahlt er. „Das Wichtigste beim Parkour ist das Miteinander. Nicht irgendwie einfach etwas machen, sondern miteinander sprechen, vor allem mit dem Trainer. Sich gut warm machen, Stück für Stück und mit System dazulernen“, sagt er. Passend zum Gemeinschaftssinn, ergänzt Ploog, sei daher der Leistpruch des Parkour: „Sei stark, um anderen nützlich zu sein.“ Ploog: „Wir gehen hier alle sehr ruhig und bedacht miteinander um. Ums coole Posen geht es uns nicht.

Als er das sagt, muss ich wieder an mein Erlebnis in Altona denken. Plötzlich ist mir mein damaliges Verhalten etwas peinlich. Wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann.

www.diehalle.hamburg

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Olaf Janko


Dieser Artikel erschien erstmals in SPORT – Das Magazin der SZENE HAMBURG und des Hamburger Sportbunds 4/2017