Kiez-Roman: Heinz Strunk über Fritz Honka

Heinz Strunk porträtiert das armselige Leben des Frauenmörders Fritz Honka, der seine Opfer in der Absturzkneipe „Zum goldenen Handschuh“ trifft. Buchpremiere: 1.3.

SZENE HAMBURG: Der Anfang deines neuen Buchs „Der goldene Handschuh“ schildert bis in alle Einzelheiten den Zustand einer Leiche. Ich habe kurz gedacht, du bist jetzt unter die Krimiautoren gegangen …

Heinz Strunk: Nee – null Komma null. Ich habe, glaube ich, in meinem ganzen Leben noch keinen Krimi gelesen. Ich gucke auch keine Krimis, interessiert mich alles gar nicht. Ich habe ja für das Buch extrem lange und aufwendig recherchiert. Eine Recherchequelle war das Staatsarchiv Hamburg. Die Honka-Akten sind seit Jahren unter Verschluss, aber ich habe eine Sondergenehmigung bekommen. Die Beschreibung, wie die Leiche von Gertraud Bräuer gefunden wurde, habe ich den Akten entnommen.

Was gab denn den Anlass, dich mit dieser schrecklichen Figur Fritz Honka zu befassen?

Im „Goldenen Handschuh“ bin ich ja selber seit 2009 Stammgast. Erst später habe ich mich mit der Figur Honka befasst. Ich bin Jahrgang ’62 und als das damals rauskam, war ich 13 (Anm. d. Red.: Bei einem Wohnungsbrand in der Zeißstraße am 17. Juli 1975 entdeckte man durch Zufall mehrere Leichenteile in der Wohnung von Fritz Honka). Ich habe das also sehr bewusst erlebt.

Der goldene Handschuh HamburgSeine weiblichen Opfer fand Honka regelmäßig im „Goldenen Handschuh“. In deinem Buch können sie nicht hässlich und verwahrlost genug sein, um bei ihm zu landen. Beim Lesen wird einem manchmal richtig übel angesichts des ganzen Elends um ihn herum. Muss man Mitleid haben?

Ja sicher, sollte man. Wenn man das Buch richtig liest, wird das Mitgefühl nicht ausbleiben. Das ist eben kein Krimi im landläufigen Sinne, wo ein Serienmörder als das abstrakte Böse dargestellt wird. Mir geht es darum, sehr detailliert aufzuzeigen, wie es so weit kommen konnte. Das ist die Hauptaufgabe des Buches, den Abstieg zu schildern: die Hoffnung, als er den Nachtwächterposten bekommt und dann den Radikalzerfall am Ende. Und wer da nicht ein bisschen Mitgefühl mit dem Mann hat, dem ist auch nicht zu helfen (lacht). Man muss ihn ja nicht sympathisch finden, Mitgefühl kann man ja trotzdem haben.

Auf der einen Seite die Säufer, die Prostituierten und Penner, die manchmal an Bukowskis abgewrackte Protagonisten erinnern oder, in den wenigen seligen Momenten, an Anders Petersens Fotos aus dem Café Lehmitz. Auf der anderen Seite die steifen von Dohrens oder der blasierte Karl von Lützow in seiner Kanzlei an der Förde. Ein ziemlich harter Kontrast.

Ja, allerdings. Der ist sehr bewusst gewählt, denn da treffen zwei entgegengesetzte Milieus in Hamburg aufeinander. Die Reederfamilie ist auf ihre Art und Weise genauso kaputt wie die Gäste im „Goldenen Handschuh“ – bloß äußert es sich komplett anders. Die sexuelle Frustration bei Wilhelm Heinrich 3 ist zum Beispiel ähnlich wie bei Honka, allerdings aus anderen Gründen.

Und am Ende finden sich alle am selben Ort ein …

… genau. Es gab auch noch eine Fassung, wo die sich richtig begegnet sind, aber das fand ich dann doch zu aufgesetzt. Also habe ich es dabei belassen, dass sie alle an diesem einen Tag am 17. Juli 1975, als es in der Nacht den Wohnungsbrand in der Zeißstraße gab, aus unterschiedlichen Gründen in derselben Gegend unterwegs sind.

Du hast viel Mühe darauf verwendet, die grauen Fassaden, den Schmutz und das Schietwetter zu beschreiben, das auch die Seelenlage der Protagonisten widerzuspiegeln scheint …

Es ging mir vor allem darum, zu beschreiben, wie Hamburg in den 70er-Jahren aussah. Etwa die Zeißstraße: Heute ein total schmuckes Gässchen und früher der reine Schrott! Und auch der Hamburger Berg, das war früher … das kann man sich nicht vorstellen, wie das früher war. Alles von einer so unendlichen Tristesse. Ich wollte, dass man sich bildlich vorstellen kann, in welchem Milieu das alles stattgefunden hat.

Interview: Jasmin Shamsi
Foto: Dennis Dirksen

Buchpremiere: 1.3., St. Pauli Theater, 19.30 Uhr

Heinz Strunk: „Der goldene Handschuh“, Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro