Kreatives Zeichen gegen Rechts

Sie leitet seit 2007 die Kulturfabrik Kampnagel und wurde von der rechtspopulistische Partei AfD angezeigt. Amelie Deuflhard zieht Bilanz im Gespräch mit SZENE HAMBURG

SZENE HAMBURG: Sie werden im September für Ihr zivilgesellschaftliches und künstlerisches Engagement ausgezeichnet. Maßgeblich ist das Projekt „EcoFavela Lampedusa Nord“, ein Aktionsraum der Hamburger Gruppe „Baltic Raw“ auf Kampnagel, der Ende 2014 bis zum Sommer 2015 sechs Flüchtlingen Unterkunft bot. Daraufhin stellte die rechtspopulistische Partei AfD Strafanzeige gegen Sie persönlich wegen Verdachts auf Beihilfe zu sogenannten Ausländerstraftaten – Wie ist der Stand des Verfahrens heute?

Amelie Deuflhard: Zuletzt war vor zwei Monaten ein Hauptkommissar hier, der schauen wollte, ob noch jemand in dem Gebäude wohnt. Die „EcoFavela Lampedusa Nord“ war ja angekündigt als temporäres Kunstprojekt, eine 24-Stunden-Dauer-Performance über sechs Monate. Und im Sommer des vergangenen Jahres sind planmäßig alle Flüchtlinge in eigene Wohnungen gezogen. Aber die Strafanzeige gegen mich besteht immer noch.

Warum wurde sie nicht aufgehoben?

Das frage ich mich auch. Und warum eine Staatsanwaltschaft in einem demokratischen Land auf eine solche Anzeige von rechts außen nicht schneller reagiert. Natürlich hätte man sie längst fallen lassen können. Ich finde es absurd, einerseits die Strafanzeige gegen mich zu verschleppen, wenn andererseits die AfD dazu auffordert, flüchtende Frauen und Kinder an Landesgrenzen mit Schusswaffengewalt aufzuhalten.

Hat das Projekt Kampnagel verändert?

Unsere Idee für die „EcoFavela“ ging weit über ein Unterbringungsprojekt hinaus – es war eine Soziale Skulptur. Die Bewohner waren in das Kampnagel-Programm eingebunden, haben bei Festivals mitgewirkt. Umgekehrt gab es eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft bei unserem Publikum sowie persönliche Unterstützung durch die Mitarbeiter. Außerdem kamen Menschen von außerhalb und fragten, ob sie helfen könnten … Bei einem überschaubaren Projekt wie diesem entsteht Solidarität und keine Ausgrenzung, das wollten wir durchspielen.

Zu einem Zeitpunkt lange vor den riesigen Flüchtlingsbewegungen …

Ja, wir sind nicht kurzfristig auf ein wichtiges Thema aufgesprungen, sondern beschäftigen uns seit Jahren damit: Zum Thema Postkolonialismus haben wir mehrere Programmschwerpunkte angeboten. Für viele Ursachen der aktuellen Fluchtbewegung sind die Länder der Ersten Welt verantwortlich.

Aber das Projekt hat auch in die Stadt hineingewirkt …

Es ist sehr wichtig, dass wir Zeichen setzen für Demokratie, für Mitmenschlichkeit und gegen Ausgrenzung, gegen rechte Positionen. Als Kunstort ist es unsere Aufgabe, interessante Projekte zu schaffen, die Menschen dazu führen, sich Fragen zu stellen. Die „EcoFafela“ hat in Hamburg und darüber hinaus eine Debatte ausgelöst und auch dazu geführt, dass Themen wie die Unterbringung von Flüchtlingen auf sehr vielen Podien diskutiert werden. Mich interessiert, wie man kreativ und zukunftsvisionär mit einem Problem wie der Flüchtlingsfrage umgehen kann.

Was sollte in Hamburg idealerweise passieren?

Sicher, die Behörden werden überschwemmt, aber ich denke, es ist trotzdem wichtig, etwas länger an guten Lösungen zu arbeiten, anstatt überstürzt zu handeln. Wenn es um Unterkünfte geht, ist es natürlich einfacher, großräumig zu denken, aber dann ist Ghettobildung vorprogrammiert. Es sollte in Richtung gemischte Quartiere gehen, und es gibt in Hamburg Architekten, die sich mit kleinteiligen, kleinräumlichen Alternativen beschäftigen, wie die „EcoFavela“ eine war. Wenn solche Projekte gebaut würden, könnte Hamburg einen riesigen Imagegewinn produzieren, indem hier architektonisch vorbildhafte Entwürfe entstehen – was würde das für die Stadt bedeuten?!

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Foto: Kampnagel/Marcello Hernandez

Kampnagel
Jarrestraße 20 (Winterhude)
Nächste Premiere: „Sun“ von Hofesh Shechter am 10.3.