Kunst und Kohle. Ein Interview mit Musikerin Sarajane

Die Hamburger Musikerin Sarajane arbeitet unter anderem als Background-Sängerin für Künstler wie Ina Müller – und gleichzeitig an ihrer Solo-Karriere. Ein Gespräch über Kunst, Kohle und die Motivation, sein eigenes Ding zu machen

 

SZENE Hamburg: Sarajane, du arbeitest als Backgroundsängerin unter anderem bei Ina Müller. Warum startest du jetzt mit eigenem Stoff durch?

Sarajane: Als Ina mich anrief, habe ich mich gerade mit Kellnern über Wasser gehalten, hatte aber bereits meine Band und eine kleine Veranstaltungsreihe namens „In the Mix“,  die auf dem Hamburger Berg im Phoca startete. Dort haben wir alle 8 Wochen mit meiner Band Songs mit verschiedenen Gast-Künstlern in unserem Mix gespielt.  Wenn man zum Beispiel einen  Singer-Songwriter hat, der dann seine Songs mit uns zusammen in souligem Gewand mit Chor und Bläsern spielt, das ist toll.  Diese Reihe habe ich großgemacht, bis hin zu einer Einladung zu NDR Hamburg Sounds und großen Konzerten im Knust, wo ich ja bald wieder spiele. Das mit Ina Müller war einfach ein Glücksfall der immer noch andauert. Ich bin schon seit 2008 dabei und im Frühjahr geht es wieder auf Tour. 

Kunst und Kohle: Mal ehrlich, kannst du von deiner Musik leben? Kommt man heute als Sängerin gut über die Runden?

Mit meiner eigenen Musik bin ich seit der Albumveröffentlichung soweit, dass meine Musiker bezahlt werden können, dass ich es mir leisten kann Plakate zu drucken und solche Dinge. Durch Jobs wie die für Ina Müller und diverse andere Künstler, denen ich meine Stimme für Tourneen oder Album Produktionen leihe, kann ich es mir dann leisten ein Album aufzunehmen. Ich spiele mit Coverband unter anderem Gigs im Angie’s Nightclub und auf diversen Veranstaltungen. Das macht unglaublich viel Spaß. Und bezahlt eben auch die Miete. Es wird also nicht langweilig. Ich lebe also komplett von meiner Stimme.  

Welche Jobs würdest du ablehnen trotz Kohle? 

Ich würde alle Jobs annehmen, die mir etwas geben und hinter denen ich stehen kann. Aber: In Zeiten von Facebook und Co kann ich mich nicht irgendwo heimlich hinstellen und einen gut bezahlten „best of Schlager“ Abend machen. Ich bin in einem englischen Haushalt aufgewachsen, ich habe diese Musik nie gehört, dafür kann ich nicht mein Gesicht hergeben, auch wenn es gut bezahlt wäre.

Es geht eben nicht nur um Kohle. Ich habe meinen Style und mache Dinge, die mir wirklich Freude bereiten. Sachen, für die ich mich nicht schäme, wenn es jemand online stellt.

Wenn ich für eine Partei gefragt würde irgendwo ein Konzert zu spielen, würde ich das nicht tun. Wenn es allerdings mit der Musik von heute auf morgen vorbei wäre, würde ich mir etwas suchen. Ich bin zwar die schlechteste Kellnerin der Welt, aber es gibt  ja immer einen Haufen Cafés die Leute suchen. Ich hab keinen anderen Beruf auf den ich zurückgreifen könnte, aber ich bin lange genug selbstständig, um zu wissen, dass es immer irgendwie geht. 

Der mieseste Gig, den du je hattest?

Hmmm…da muss ich echt lange überlegen. Ich hatte schon ein paar miese Gigs. Es sticht eigentlich keiner so hervor. Einmal wurde mir während des Konzerts aus dem Backstage Raum meine Tasche geklaut, da saß ich dann nach der Show auf dem Polizeirevier, weil alles weg war. Handy, Schlüssel, Portemonnaie. Sowas ist echt frustrierend. Oder Läden in denen man einfach nicht willkommen ist. Das macht dann keinen Spaß. Alles andere wendet sich meist zum Guten. Wir haben im April bei Schnee, Regen und Hagel auf dem Osterstraßenfest gespielt, aber die Leute sind geblieben und haben getanzt als wäre es Sommer. Es war im Nachhinein ein echt toller Tag, obwohl die ganze Band danach erkältet war. 

Und der geilste?

Mein Album-Showcase im Knust. Ich hatte am Abend vorher keine Stimme mehr, verbrachte den ganzen Vormittag des Showtages in der Notaufnahme mit Stimmärzten, die versuchten, da doch noch etwas möglich zu machen. Ich ging auf die Bühne mit dem sicheren Gefühl, ich werde mich verbeugen und die Band spielen lassen, ich kann das ja so kurzfristig nicht absagen. Aber es war der schönste Gig meines Lebens. Wir als Band waren total zusammen, das Publikum hatte mitbekommen, dass ich kurz vor der Absage stand und wir haben einfach alle zusammengehalten. Meine Stimme hat irgendwo noch Töne aus der Reserve gezaubert und es war einfach magisch. 

Erinnerst du dich an den ersten richtigen Gehaltscheck als Musikerin? 

Hallo!? Natürlich erinnere ich mich!!  Es war in Celle. Im Jahr nach meinem Abitur. Ich sang Background Vocals für den wunderbaren Reggie Worthy, ein Bassist aus New Jersey, der schon mit 17 Jahren mit Ika & Tina Turner auf Tour war. Der hatte sich verliebt und blieb in Deutschland. Wir lernten uns in dem Studio kennen, in dem ich meine ersten Demos aufnahm. Es war so aufregend!  Vor allem meine richtige erste Show direkt mit solchen Profis. Ich war tief beeindruckt von all dem! Und wusste auch ganz genau, das will ich auch! 

Kunst und Kommerz: Einheit oder Gegenpole?

Gute Frage! Ich finde es wichtig, dass Menschen nach einem Konzert ein großes Gefühl mit nach Hause nehmen. Das man ein Stückchen entspannter, mutiger, ausgelassener ist als vor der Show. Wenn Menschen eine bestimmte Musik hören, um sich in eine gute Stimmung zu versetzten, etwa vor einem Bewerbungsgespräch. Oder wenn sie endlich mal wieder heulen wollen. Diesen alten Freund mal wieder anrufen, sowas. Es muss einen bewegen, körperlich und auch seelisch. Wenn man als Künstler derartige Gefühle bei vielen ausgelöst und der Künstler damit dann unglaublich reich wird, ist es doch toll! 

Wenn man einfach Projekte macht, weil man weiß: Das ist gerade Trend, da kann man viele Tickets verkaufen, dann finde ich das persönlich langweilig und blöd. Ich interessiere mich aber auch sehr für die Personen hinter Songs, Bildern oder Filmen. Was sind ihre Intentionen, warum tun sie das, was ist ihre Leidenschaft? Ich glaube, wahre Kunst passiert dann, wenn man als Intention nicht den Profit hat.  Mit Glück trifft man aber genau damit den Nerv der Zeit, so wie Adele mit ihrem ersten Album und geht durch die Decke. Es kommt einfach auf die Intention an.

Am 7.11.2016 treten Sarajane & Band im Knust in Hamburg auf. Einlass ist ab 20 Uhr.