Le Nozze di Figaro

Die Staatsoper Hamburg zeigt den vielleicht auffälligste Wandel dieser Saison: Opern-Intendant Georges Delnon bringt Schwung in den behäbigen Apparat

Nicht alles kommt gut an, was dort auf der Bühne passiert, aber das Programm ist deutlich spannender und mutiger geworden – und manches auch richtig toll.

Es ist ein frischer Wind, der über die Hamburger Opernbühne fegt. Und zwar von der ersten Note von Mozarts Verwechslungsoper „Le Nozze di Figaro“ an. Handschriftliche Notenblätter werden zur Ouvertüre medial projiziert, die Noten beginnen als Trickfilm lebendig zu werden, sich zu einem Schwarm galoppierender Spermien zu formieren – ein ironischer Wink auf die erotischen Wirrungen im Hause Almaviva, die in den nächsten drei Stunden folgen.

Da funkelt ein Figaro auf der Hamburger Bühne, der alles Verquaste der komischen Oper abgeworfen hat. Als Bühnenbild ein Käfig aus Notenblättern, bei dem sich immer mal Luken öffnen – ganz gemäß der Handlung: Der lüsterne Graf Almaviva (Kartal Karagedik) trachtet stets danach, eine Nacht mit Figaros Braut Susanna (eine großartige Katerina Tretyakova) zu verbringen. Die feudalen Verführungs- und Machtgelüste des Grafen brechen durch die dunklen Löcher – bis der Notenkäfig als Skelett menschlicher Leidenschaft völlig freigelegt ist. Inszeniert als fulminantes Bild zur Pause, bei dem alle Notenblätter gleichzeitig zu Boden flattern und die Eisenstäbe darunter zum Vorschein kommen.

Regisseur Stefan Herheim entblößt das universelle Begehren und die Urseele in Mozarts Oper, der Graf steht am Schluss als lächerlicher Liebesbettler da, besonders in der zweiten Hälfte geht das als existenzieller Strang angenehm übers Lustspiel hinaus. Herheim, Regiestar aus Norwegen, gibt mit Mozarts Oper sein Debüt in Hamburg und hat mit Dirigent Ottavio Dantone einen Spezialisten für Alte Musik zur Seite. Die beiden stemmen einen sinnlich-spielerischen Mozart, der zum Theatralen drängt. Der Einsatz von Licht und intensiven, auch melancholischen tableauartigen Bildern in der zweiten Hälfte lässt ahnen, dass von der Oper in Hamburg unter neuer Intendanz noch ein kleines Beben zu erwarten ist.

/ Kritik von Stefanie Maeck erschienen am 12/2015 in SZENE HAMBURG

Hamburger Staatsoper, Premiere: 15.11.2015

Fotos: Karl Forster