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Leben im Horrorhaus – Grindelallee 80

Verklebte Schlösser, Buttersäureanschläge, Musikbeschallung rund um die Uhr: Mit dem Eigentümerwechsel begann der Psychoterror. Viele Mieter gaben auf, ein paar verbliebene kämpfen um ihre Rechte

Auf den ersten Blick: ein hübscher gelber Altbau an der Grindelallee, direkt um die Ecke des Grindelhofes. Laut Klingelschild leben hier Frau Sommer, Frau Winter und Frau Mai. Und auch Frau Stephan. Erst nach Dauerklingeln an der Wohnungstür und einem Blick durch den Türspion öffnet die 70-Jährige vorsichtig die Tür.

Margret Stephan ist eine starke Frau. „Ich lasse mich von dem Psychoterror nicht kaputtmachen“, sagt sie zehn Minuten später trotzig und holt einen dicken Aktenordner aus der Eichenvitrine. „Die kriegen uns hier nicht raus!“ Seit 45 Jahren lebt sie jetzt schon in der 73 Quadratmeter großen Altbauwohnung mit den hohen Stuckdecken und dem geräumigen Jugendstil-Balkon. Damals sei das noch ein ganz anständiges Haus gewesen. Das allerdings habe sich vor drei Jahren schlagartig geändert, als das Haus von den ursprünglichen Eigentümern verkauft wurde.

Als Erstes verschwanden vor den völlig verwinkelten Fluren die vorgeschriebenen Feuerschutztüren. „Die hat es nie gegeben“, soll es auf Nachfrage der Mieter geheißen haben.

Der neue Eigentümer ist in Hamburg kein Unbekannter. Schon mehrere Häuser in Hamburg hat der Immobilienunternehmer Sven Basner gekauft und damit für jede Menge Arbeit beim Mieterbund gesorgt. „Über seine Intention kann man nur spekulieren“, sagt Dr. Rolf Bosse vom Mieterverein zu Hamburg. „Ich weiß nur, dass er bestimmte Sachen macht oder nicht macht, die die Mieter zermürben. Da man von ihm nichts dazu hört, kann man nur davon ausgehen, dass das Absicht ist.“

Alles andere als einladend: Blick ins Treppenhaus.

Alles andere als einladend: Blick ins Treppenhaus.

Auch in der Grindelallee 80 begann mit dem Eigentümerwechsel der Ärger für die Mieter. Als Erstes verschwanden vor den völlig verwinkelten Fluren die vorgeschriebenen Feuerschutztüren. „Die hat es nie gegeben“, soll es auf Nachfrage der Mieter geheißen haben. Das Treppenhaus verdreckte mehr und mehr, Türschlösser wurden mit Sekundenkleber verstopft, Buttersäure stank durch die Flure – die Liste der unangenehmen Überraschungen ist lang. Für die lebensfrohe Frau ist klar, dass der Eigentümer sie heraushaben will. Weil der den Zahlungen an den Energieversorger nicht nachkam, fiel im ersten Winter für ein paar Tage die Heizung aus. Letztes Weihnachten dröhnte nächtelang aus der leeren Wohnung unter ihr Musik durchs Haus – immer im Wechsel: zwanzig Minuten Musik, eine halbe Stunde Pause, dann wieder zwanzig Minuten Musik. Die alarmierte Polizei ließ die Tür aufbrechen und entdeckte ein Radio mit Zeitschaltuhr.

Auch als plötzlich vierzig Rumänen im Haus einquartiert wurden, schluckte Margret Stephan ihre Empörung herunter

Viele der vierzig Mieter gaben auf und zogen nach und nach weg. Als im Frühling ein Hakan Özdemir, Subunternehmer Basners, vor der Tür stand, wedelte der mit einem Aufhebungsvertrag und erbat die Unterschriften der restlichen zehn Parteien. Margret Stephan zeigt den lückenhaften „Vertrag“, in dem Mietende sowie eine „Abschlagszahlung“ noch festgelegt werden müssten und der Verzicht auf die Nebenkostenabrechnung in Aussicht gestellt wird. Natürlich habe sie – wie die anderen – nicht unterschrieben. Erst vor Kurzem, ein paar Tage vor ihrem Urlaub, sorgte ein Wasserschaden für weiteren Ärger. 

Sie sei aber nicht ängstlich. „Irgendwann interessieren einen die blöden Ideen auch einfach nicht mehr.“ Dazu gehört auch, dass im Haus plötzlich die Models Frau Sommer, Frau Winter und Frau Mai einzogen. „Die Freier irren jetzt häufig durchs Haus und klingeln an allen Türen, auch bei mir.“ Margret Stephan muss schon fast ein wenig lachen. Für sie ist klar, dass Özdemir und Basner dahinterstecken – erst recht, nachdem sie sich im Handelsregister über die Firma Varto Immobilien informierte, deren Geschäftsführer Hakan Özdemir ist. Demnach sei dieser schließlich nicht nur mit der gewerbsmäßigen wirtschaftlichen Vorbereitung von Bauvorhaben, sondern auch mit der „Vermittlung von Models und Schauspielern sowie sämtlichen damit zusammenhängenden Tätigkeiten“ beschäftigt.

„Würden Sie in dem Haus wohnen wollen?“, fragt der ehemalige Hauswart Özdemir später am Telefon und spricht von „völlig verwohnten und versifften Dreckslöchern“

Auch als plötzlich vierzig Rumänen im Haus einquartiert wurden, schluckte Margret Stephan ihre Empörung herunter. Sie sitzen auf der Treppe zwischen ein paar Müllsäcken und schnippen ihre brennenden Zigarettenstummel die Stufen hinunter. Deutsch und Englisch verstehen sie nicht, grüßen aber freundlich zurück. Brandlöcher zieren den völlig verdreckten Linoleumboden, Sperrmüll liegt in den Fluren, Verlängerungskabel ziehen sich dort über den Fußboden. „Einem wie Basner ist egal, wie die Zustände in dem Haus sind. Wenn er dann auch noch Leute da reinsetzt, die es gewohnt sind, sich provisorisch zu behelfen, dann kommt so was dabei heraus“, sagt der Mietrechtler Bosse kopfschüttelnd. „Dann gibt es eben Brandlöcher, weil sich niemand Gedanken über Feuer macht, und Kabel, die von Wohnung zu Wohnung gelegt werden, weil vielleicht irgendwo der Strom nicht funktioniert. Die Mieter könnten natürlich die Beseitigung der Mängel vom Vermieter verlangen – was sie nicht tun, weil sie die gar nicht wahrnehmen. Die Nachbarn haben darüber hinaus einen mittelbaren Beseitigungsanspruch – sie könnten darauf pochen, dass das auch für sie gefährliche Zustände sind, aber das ist deutlich vager. Bleibt also nur noch der Wohnraumschutz.“ Hier ist man bereits alarmiert: „Das Bezirksamt Eimsbüttel verfolgt derzeit mit hoher Priorität Verfahren, die den Gebäudekomplex in der Grindelallee 80 betreffen“, so Pressesprecher Dr. Elmar Schleif. „Nähere Auskünfte können aus verwaltungs- und datenschutzrechtlichen Gründen nicht erteilt werden.“

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„Würden Sie in dem Haus wohnen wollen?“, fragt Özdemir später am Telefon und spricht von „völlig verwohnten und versifften Dreckslöchern“. Er habe als Hauswart in der Grindelallee 80 gearbeitet. Damit sei jetzt aber Schluss. „Ich habe die Zusammenarbeit mit Herrn Basner bereits vor vier Wochen gekündigt.“ Man habe sich eben nicht mehr so gut verstanden. Schlechtes könne er über den Eigentümer aber nicht sagen. Der habe schließlich recht: „Erst mal müssen alle Mieter ausziehen, damit das Haus von Grund auf saniert werden kann.“ Warum er dann aber jetzt noch vierzig Rumänen in ein paar leere Wohnungen einquartiert habe? „Versuchen Sie doch mal, einen anständigen Deutschen dort unterzubringen. Das will doch keiner.“

„Das ist doch Blödsinn“, hält Dr. Rolf Bosse dagegen. „Wenn die Wohnungen nicht in einem guten Zustand gewesen sind, wird sich das auf den Kaufpreis niedergeschlagen haben. Und dann hat man auch die Mittel, das Haus zu sanieren und zu vermieten.“ Das sei aber nicht Ziel des Eigentümers, der den ursprünglichen Grundriss des Hauses und damit die 220 Quadratmeter großen Wohnungen wieder herstellen wolle.

Von Basner selbst gab es keine Stellungnahme. „Schicken Sie mir Ihre Fragen per Fax, mein Anwalt wird sie dann beantworten“, sagt er kurz angebunden am Telefon.

Text: Ilona Lütje /  Foto: Philipp Jung / Ilo

sz1116_001_titel_cover_neuDer Text ist ein Auszug aus dem Titelthema „Leben im Grindel“ aus der November-Ausgabe von SZENE Hamburg.

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