Leonardo DiCaprio kämpft um Ehre, Felle und sein Leben

Das Survival-Abenteuer „The Revenant“ beschert DiCaprio wohl endlich einen Oscar – wobei ihm Kamera, Ton und Schnitt fast die Show stehlen. Seit 6.1. im Hamburger Kino

Die Rocky Mountains, wohl irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: fast 1 Million Quadratkilometer zerklüfteter Wildnis. Das bloße Überleben ist eine Herausforderung, vor allem im Winter. Gefahr droht den wenigen Abenteurern, die sich hierhergewagt haben, auch von Artgenossen: Hier kämpft jeder gegen jeden. Indianer gegen Weiße, Sioux gegen Pawnee, Amerikaner gegen Franzosen. Um Land, um die Ehre, um Tierfelle.

Die Pelze sind es auch, die eine Gruppe von Amerikanern in die Wildnis gelockt haben, darunter den Jäger und Abenteurer Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der selbst lange mit „den Wilden“ lebte, und sein Sohn Hawk. Als das Lager von Indianern überfallen wird, gelingt einigen wenigen Männern die Flucht. Unter Glass’ Führung machen sie sich zu Fuß durch die verschneiten Rockies auf den gefährlichen Weg zurück in die „Zivilisation“.

Doch als Glass von einem Grizzly verletzt wird, lassen ihn die anderen als vermeintlich Todgeweihten zurück – auch Glass’ angeblicher Kumpan John Fitzgerald (Tom Hardy), der zudem noch einen bösen Verrat begeht. Mit schier übermenschlichem Überlebenswillen kämpft sich Glass zurück ins Basislager, um diesen Verrat zu rächen.

Bis in die kleinste Nebenrolle brillant besetzt

Geschlagene zweieinhalb Stunden – keine Minute zu viel – dauert Alejandro González Iñárritus’ („Birdman“, „Babel“) bis in die kleinste Nebenrolle großartig besetztes Drama, das viel mehr ist als „nur“ die Geschichte von Hugh Glass’ Überlebenskampf und durchaus einige der 12 Oscars absahnen sollte, für die er nominiert ist – darunter beste Kamera, bester Schnitt, bester Ton, bester Nebendarsteller (Tom Hardy) und bester Hauptdarsteller (Leonardo DiCaprio).

Zurück zur Handlung: Zahlreiche Handlungsstränge erzählen von der Grausamkeit und blindwütigen Gier, die damals zwischen den verfeindeten und konkurrierenden Gruppen herrschte. Die monumentalen Naturbilder, fotografiert von Emmanuel Lubezki, sind nicht nur ein erholsamer, fast berauschender Gegenpol zu den blutigen Kämpfen (der Film ist nichts für Zimperliche!). Sie unterstreichen noch deren Absurdität. Auge um Auge, Zahn um Zahn – einzig Hugh Glass findet schließlich den Weg aus der geradezu alttestamentarisch anmutenden Rachespirale.

Auch wenn der Vergleich hinkt, drängt sich unwillkürlich der Gedanke an den aktuellen Krieg im Nahen Osten auf. Ähnlich wie die Indianer, die sich gegenseitig zerfleischten statt geschlossen gegen die weißen Ausbeuter zu stehen, hadern auch die Verbündeten im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat miteinander.

Bomben werden hier mit Bomben vergolten, das Schießen scheint zum Reflex geworden zu sein. Dabei ist die Erkenntnis, dass Gewalt nur noch mehr Gewalt erzeugt, alles andere als neu. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass Hugh Glass in „The Revenant“ schließlich beschließt, Gott die Rache zu überlassen – und dem Zuschauer in der Schlusseinstellung direkt in die Augen sieht. Denn das ist eine ziemlich gute Idee. Auch heute noch.

Text: Maike Schade

Regie: Alejandro González Iñárritus. Mit Leonardi DiCaprio, Tom Hardy, Will Poulter, Domhnall Gleeson, Forrest Goodluck

„The Revenant“ läuft in Hamburg unter anderem im Savoy Kino (Steindamm) und im Abaton Kino (Allende Platz) im englischen Original mit Untertiteln