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LesBar. Auf der Suche nach Proust

Jenny V. Wirschky hat Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ stets griffbereit in ihrer Tasche liegen. Und immer, wenn der Ort stimmt, liest sie aus diesem Buch. Ein Date mit Proust – dieses Mal im Madrigal am Goldbekufer

Es ist seit einiger Zeit groß in Mode, der Körperlichkeit wenig Bedeutung in der Beurteilung eines Menschen beizumessen. Vor allem die sich selbst als „kritisch“ bezeichnenden Teile der Gesellschaft lassen sich des Öfteren zu Feststellungen verführen, wie jene der alleinigen Geltung „innerer Werte“. Alles andere sei Vorurteil – und ja. Ein Vorurteil ist es selbstverständlich, wenn man vom geduckten Gang eines Leiharbeiters auf sein durch die Umstände erniedrigtes Selbstwertgefühl schließt. Ob es zum Urteil wird, ergibt freilich erst das Gespräch. Jedoch: schlägt sich die permanente Herabwürdigung der eigenen Arbeit (in Form zu geringer Entlohnung) irgendwann auch auf die Statur nieder. So kann auch das Körperliche durchaus brauchbare Rückschlüsse auf die Person zulassen, die sich bei Beschäftigung mit deren inneren Werten bestätigen.

Wie bei Proust, der das „rasche Wiederaufrichten“ des Snobs Legrandin schildert als „stürmisch wogende Muskelbewegung, […] das Wabern der bloßen Materie, das Fluten von purem Fleisch, in dem nichts Geistiges sich verbarg, sondern das seinen stürmischen Bewegungsimpuls einzig von niedriger Unterwürfigkeit her empfing“. Diese physischen Attribute verraten gleichsam die geistige Konstitution des Beschriebenen, denn sie lassen in Prousts „Bewußtsein plötzlich die Ahnung von einem ganz anderen Legrandin aufkommen“. Und er sieht ihn fortan als „willenloses mechanisches Spielzeug in der Hand des Glücks“.

Mit Blick auf die Relevanz der „äußeren Werte“ lässt sich nicht nur die ominöse „Liebe auf den ersten Blick“ legitimieren, sondern auch gesellschaftliche Formeln des Zusammenlebens wie Sympathie, Habitus, Milieus und Schichtzugehörigkeit, in die uns Geburt und Sozialisation hineinzwängen.

Wir tragen alle Erfahrungen in uns und zeigen sie durch die Art wie wir uns bewegen, uns kleiden, sprechen, wie wir unsere Körper halten.

Und das schon seit so vielen Jahrhunderten, dass der intelligente Mensch selbstverständlich ein Näschen dafür entwickelt hat, was diese Zeichen bedeuten.

Ein leerer Blick wie der Monsieur Legrandins verheißt am Ende eben selten einen aufmerksamen Intellekt.

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