Nackt durch die Wälder

Der Legende nach streift herman de vries oft unbekleidet durch die Natur. Im Ernst Barlach Haus sehen wir die poetisch-enzyklopädischen Werke des Künstlers

Der Ort passt hervorragend: Das Ernst Barlach Haus, gelegen im idyllischen Jenischpark in Othmarschen und umringt von Natur, zeigt das poetisch-enzyklopädische Werk des Naturkünstlers und Biologen herman de vries (schreibt seinen Namen klein, weil er Hierarchien ablehnt): Dessen Atelier ist der Wald.

Dort findet er Steine, Blätter, Hölzer und Erden, die er zum Star des ästhetischen Raums werden lässt, indem er sie per Kontextbruch und als „objet trouvé“ in die kaltweißen Galerieräume ziehen lässt: Seriell gereiht eröffnet sich so erst richtig der Blick für ihr Sein.

Dieses Jahr öffnete de vries den Blick für die Natur im niederländischen Pavillon auf der Biennale – er installierte kurzerhand ein Sanctuarium, einen heiligen Raum der Natur. Bereits 1993 zäunte der Künstler ein Stück Natur auf der Internationalen Gartenschau in Stuttgart ein und überließ es sich selbst – voilà Sanctuarium Nummer eins.

Ein Symbol für jede ästhetische Figuration

herman de vries ernst barlach ahus hamburg 2Auf der diesjährigen Biennale kürte er die in der Lagune gelegene Insel „Lazzaretto Vecchio“, einst Ort für Pestkranke und heute ein Tierheim, zu solch einem heiligen Raum. Auf der morbiden Insel zeigte er: Die Natur sich selbst zu überlassen ist Werden und Vergehen, Blühen und Welken, Formation und ihre gleichzeitige De-Figuration – und damit vielleicht so etwas wie ein Symbol für jede ästhetische Figuration.

de vries will Natur erfahren: Der Legende nach streift er bei Wanderungen oft nackt durch die Wälder, was ihm den Ruf des verrückt-zauseligen Natur-Opas eingetragen hat, der mit LSD experimentiere. Doch dem mittlerweile 84-Jährigen ist das egal – Natur ist ästhetische Erfahrung für ihn. Er öffnet den Blick für ihre Schönheit, wie für die der verschiedenen Erden der Welt, er macht Algenarten und Rosenblüten zum Exponat.

Themen aus Botanik, Heilkunde und Mythologie

Hat seine Kunst einen antirationalen Zug, so ist seine Methodik – das Sammeln und Systematisieren durchaus naturwissenschaftlich und von einem enzyklopädischen Geist. Das wird deutlich, wenn im Ernst Barlach Haus erstmals Exponate und Werkgruppen aus sechs Jahrzehnten gezeigt werden. Darunter auch die Biennale-Installationen „die steine“ und „blurred III“.

Themen aus Botanik, Heilkunde und Mythologie verweben sich in diesem einzigartigen Œuvre, das von Melancholie getragen ist: In unser Verhältnis zur Natur schreibt sich in einer durchtechnisierten Welt zunehmend der Verlust dieses Verhältnisses ein. Der „zauselige Opa“ de vries macht diesen Verlust wie ein Veto spürbar.

Text: Stefanie Maeck
Abbildung: herman de vries: die bäume, 1988

herman de vries: sculptures trouvées
Ernst Barlach Haus
Baron-Voght-Straße 50a (Othmarschen)
Ausstellung: 24.1.–16.5.