Plötzlich Schmuggler

Ronja von Wurmb-Seibel und ihr Freund schleusten den 16-jährigen Flüchtling Hasib von Ungarn über zwei Genzen bis nach Hamburg. Heute leben sie zusammen

Gemeinsam mit ihrem Freund lebte Ronja von Wurmb-Seibel ein Jahr lang in Kabul. Zurück in Hamburg erhält das Journalistenpaar einen Anruf von Hasib. Ihr 16-jähriger Bekannter aus Afghanistan sitzt in einem Flüchtlingscamp in Ungarn fest. Und plötzlich werden sie zu Schmugglern. Im Interview erzählt die 29-Jährige, wie das damals ablief und wie sie heute leben

SZENE HAMBURG: Du und dein Freund Niklas, ihr habt 2014 in Afghanistan gelebt und als Journalisten gearbeitet. Woher kanntet ihr Hasib?

Ronja von Wurmb-Seibel: Er saß oft mit bei uns im Garten und wir haben zusammen Englisch gelernt. Er war kein enger Freund, aber wir mochten uns. Irgendwann erzählte er, dass er nach Deutschland möchte. Wir haben versucht, es ihm auszureden, ihm die Videos gezeigt, was bei so einer Flucht alles passieren kann. Überzeugen konnten wir ihn nicht.

Zurück in Deutschland klingelte im Juni 2015 Niklas’ Handy …

Er war gerade beim Bäcker, nahm ab und hörte Hasibs Stimme: „Rate mal, wo ich bin?“ Er war in Ungarn in einem Camp für Minderjährige. Die Polizei hatte ihn aufgegriffen und seine Fingerabdrücke genommen.

Welchen Weg hatte er da schon hinter sich?

Er flog von Mazâr-e Sharîf in den Iran. Dort ging es mit einem Schmuggler zu Fuß durch die Berge. Er verletzte sich und wollte umkehren, aber der Schmuggler ließ ihn nicht, aus Angst verpfiffen zu werden. In Istanbul blieb Hasib ein paar Wochen, um seinen Fuß zu schonen und er suchte sich einen neuen Schmuggler für den weiteren Weg.

Ronja von Wurmb-Seibel

Ronja von Wurmb-Seibel lebte ein Jahr lang in Kabul

Um nach Griechenland überzusetzen?

Genau. Er musste mit 50 anderen Flüchtlingen 23 Stunden auf einem Fischkutter ausharren, obwohl es hieß, sie brauchen nur zwei Stunden. Sie wurden auf einer unbewohnten griechischen Insel ausgesetzt. Gott sei Dank hatte sich einer vorher die Nummer der Küstenwache besorgt. Irgendwann hatten sie Handy-Empfang und wurden gerettet. Auf dem Landweg ging es später weiter nach Mazedonien, Serbien und Ungarn.

Würde er es wieder tun?

Auf keinen Fall. Er wollte erst in Istanbul bleiben, sah aber dort schlimme Dinge, wie sich Jungs im Park prostituieren, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Also dachte er nur weiter, weiter, weiter. Wenn er mit Freunden telefoniert, sagt er immer: „Macht euch nicht auf den Weg. Es sind so viele Leute unterwegs gestorben.“

Hat er das miterlebt?

Nicht direkt, aber in den Schmugglerhäusern wird darüber gesprochen. Einige werden an der Grenze erschossen, viele erfrieren oder werden vom Hagel im Gebirge getroffen. Die Art zu reisen ist absurd. Hasib ist einige Tage mit einem GPS-Handy durch den Wald gelaufen. Da muss nicht viel passieren, dass man das nicht überlebt.

Nach dem Anruf musstet ihr euch schnell entscheiden.

Wir haben mit Anwälten telefoniert und wussten bald, es gibt keine legale Möglichkeit, ihn nach Deutschland zu holen. Hasib sagte am Telefon, er habe einen Schleuser gefunden, der ihn nach Wien bringt. Dort wollten wir uns treffen. Wir haben uns also entschieden, Hasib nach Deutschland zu schmuggeln.

Was war euer Plan?

Ich komme ursprünglich aus München. Wir haben uns ein Cabrio mit einem Kennzeichen aus der Region geliehen. Das sah wie ein Zweisitzer aus, hatte aber auch eine Rückbank. Hasib sollte dort unter einer Decke liegen. Wir sahen aus wie ein Paar, das in den Urlaub fährt.

Ein angespanntes Paar.

Ich war sehr nervös und saß am Steuer. Frauen sind als Schmuggler eher ungewöhnlich. Als wir unterwegs waren, schrieb Hasib, dass er es nicht nach Wien geschafft hat. Also fuhren wir weiter nach Ungarn und suchten mit Hilfe von Google Maps sein Camp in Fót. Wir waren ausreichend paranoid zu dem Zeitpunkt, parkten den Wagen abseits. Das Camp war bewacht. Direkt davor stand ein Kriegerdenkmal. Wir kauften uns Eis. Wir wollten wie Touristen wirken, haben Selfies gemacht und Jugendliche auf arabisch gefragt, ob sie Hasib kennen. Als der dann aus dem Camp kam, rief er laut unsere Namen, er war so froh uns zu sehen. Dann ging alles sehr schnell. Hasib hat seinen Rucksack geholt und ist durch ein Loch im Zaun des Camps geschlüpft. Wir sind noch abends losgefahren.

Wie lief es an der Grenze?

Ein Polizist saß am Steuer seines Wagens und schaute auf sein Handy. Wir fuhren einfach an ihm vorbei. Wir haben noch fünf Kilometer gewartet und dann Hasib gesagt, dass er jetzt in Österreich ist. Im Radio lief „Looks like we made it“ und wir mussten lachen.

Auch an der Grenze zu Deutschland lief alles glatt. Wie ging es in Hamburg weiter?

Wir sind erst nach einer Woche mit Hasib zur Altersprüfung gegangen, weil er nach der Flucht so alt und verhärtet gewirkt hat. Dort entscheiden zwei SozialarbeiterInnen in einem halbstündigen Gespräch, ob du unter 18 Jahren alt bist und in Deutschland bleiben darfst oder in das Land der EU zurückgeschickt wirst, in dem du zuerst registriert wurdest. Wenn sie sich nicht sicher sind, wird eine ärztliche Untersuchung angeordnet. Das Problem ist: Ich war in Afghanistan schon erschrocken, wie erwachsen Achtjährige aussehen.

Ronja und Hasib Hamburg

Neue Heimat: Ronja und Hasib im Norden Deutschlands

Ihr habt Hasib zum Amt begleitet und, wie euch eine Organisation riet, betont, dass ihr Journalisten seid. Hat das geholfen?

Das haben wir vorher noch nie so eingesetzt und wahrscheinlich hat es geholfen. Wir durften bei dem Gespräch nicht dabei sein. Es hat eine Ewigkeit gedauert, dann kam Hasib raus und sagte: „Ich darf bleiben.“ Nik musste weinen. Hasib wurde bei dem Gespräch als eindeutig minderjährig eingestuft, als einziger von 32 Jungs, die an dem Tag überprüft wurden. Und das obwohl viele noch nicht einmal im Stimmbruch waren und noch keinen Bartwuchs hatten.

Was hat Hasib über das Gespräch erzählt?

Eine der Frauen wollte wissen, warum er nach Deutschland gekommen ist. Da hat Hasib den Übersetzer gefragt, ob er auf Deutsch antworten kann und hat gesagt „Schaffe, schaffe, Häusle bauen.“ Das kannte er von uns.

Hasib wurde erst in einem Container und dann in einer Erstversorgungseinrichtung in der Hammer Straße untergebracht. Wie ging es ihm dort?

Er schlief in einem alten Klassenzimmer der ehemaligen Schule mit zehn Jungs. Es war chaotisch. Die Fenster waren im Hochsommer verplombt. Haben sich zwei Jugendliche gestritten, rückte gleich ein Polizeiarsenal an. Hasib konnte kaum schlafen und nicht lernen. Sein Deutschkurs wurde auch immer weiter nach hinten verschoben. Er hatte Angst, wie die anderen Jungs zu werden, die keine Beschäftigung haben und auf den Kiez zu Prostituierten gehen. Er sagte: „Das sind keine schlechten Menschen, aber die sind schon länger hier.“

Ihr habt euch entschlossen, ihn zu euch zu holen. Wie ging das?

Wir haben seine rechtliche Vormundschaft übernommen. Erst kam Hasib nur am Wochenende zu uns und schlief auf der Couch. Das hat ihm so gutgetan, dass er ganz bei uns eingezogen ist. Jetzt haben wir eine größere Wohnung gefunden und bekommen „Hilfe zur Erziehung“, also Geld vom Staat.

Seid ihr Eltern geworden?

Wir sind eine Familie geworden. Hasib geht zur Schule. Wir stehen mit früh auf, damit er nicht allein frühstücken muss, und es fühlt sich jetzt komisch an, wenn Nik und ich mal zwei Wochen nicht in Hamburg sind.

Wenn du damals gewusst hättest, dass Hasib bei euch einzieht, wärst du nach Ungarn gefahren?

Wenn ich schon gewusst hätte, wie schön es jetzt ist, dann ja. Wenn ich mir damals vorgestellt hätte, dass abholen bedeutet, dass er bei uns einzieht, dann weiß ich nicht, ob ich losgefahren wäre.

Drohen euch keine rechtlichen Konsequenzen?

Doch. Was wir gemacht haben, ist illegal. Wir haben lange überlegt, ob wir darüber schreiben sollen. Als wir gemerkt haben, wie sehr es die Sicht mancher Freunde verändert hat, Hasib kennenzulernen, wollten wir darüber reden. Vielleicht ist das Gesetz nicht immer der richtige Maßstab.

Interview: Lena Frommeyer
Foto: Niklas Schenck

Ronja von Wurmb-Seibel hat ein Buch über ihre Erfahrungen in Afghanistan geschrieben: „Ausgerechnet Kabul. 13 Geschichten vom Leben im Krieg“; mehr Infos unter www.vonwurmbseibel.com