Bilals Weg in den Terror. Foto: Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Podcast und Radio-Serie: Bilals Weg in den Terror

Am Samstag, 28. Januar, startet die fünfteilige die NDR-Radioserie „Bilals Weg in den Terror“. Ein fesselnder Beitrag über einen Hamburger Jugendlichen, der für den IS in den Krieg zog

Bilals Weg in den Terror. Foto: Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Bilal, mit bürgerlichem Namen Florent. Mit 14 Jahren gerät der Junge in die Fänge der Salafisten. Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

„Jetzt kommt das Derbste, Bruder: Der Amir sagt einfach zu denen: ‚Ja, kämpft einfach! Geht einfach nach vorne, stürmt einfach nach vorne.‘ […] Er schickt die einfach zum Tod.“

Im März 2016 veröffentlicht der Verfassungsschutz die Audionachricht des 17-jährigen Bilal aus Hamburg. Das letzte Zeugnis eines Jungen mit unauffälliger Vergangenheit. Ein Jahr zuvor hatte sich der Hamburger in Syrien dem IS angeschlossen. Zwei Monate später war Bilal tot.

Bilals Geschichte beginnt Ende der 90er-Jahre in Zentralafrika. Als kleines Kind kommt er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern nach Deutschland. Bilal, der mit bürgerlichem Namen Florent heißt, wächst in der Nähe der Hamburger Reeperbahn auf. Er interessiert sich für Fußball, besucht den Jugendclub der St. Pauli Kirche. Der Pfarrer beschreibt ihn als ein fröhliches Kind, einen „Racker mit großer Klappe.“ Doch unter der Oberfläche gärt es. Der Vater fehlt, die Mutter, eine gläubige Christin, ist alleine mit drei kleinen Kindern. Mit 14 Jahren gerät Florent in salafistische Kreise: An den Wochenenden verteilt er vor dem Hauptbahnhof den Koran, trägt Pluderhosen und lange weiße Hemden. In Verehrung des dunkelhäutigen Gefährten des Propheten Mohammed nennt er sich Bilal.

Der Autor Philip Meinhold hat sich auf Bilals Spuren begeben. Er sprach mit Verwandten und Freunden von Bilal, mit Sicherheitsexperten und Vertretern der islamistischen Szene. In einer Kooperation von NDR Kultur und N-JOY mit dem kulturradio vom rbb und radioeins ist daraus eine bewegende fünfteilige Reihe entstanden.

Wir haben mit Philip Meinhold über seine Recherche und Bilals Geschichte gesprochen

SZENE HAMBURG: Herr Meinhold, wie nah sind Sie Bilal bei Ihren Recherchen gekommen? Haben Sie das Gefühl, Ihn zu verstehen?

Philip Meinhold: Durch die Gespräche mit Menschen, die ihn kannten, habe ich ein Gefühl für Bilal als Person bekommen: Ich glaube, dass er ein aufrichtiger Typ mit einem großen Herzen war – der trotzdem einen falschen Weg eingeschlagen hat. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Aber ich kann mir erklären, wie es dazu gekommen ist.

 Was hat Sie persönlich dazu gebracht, Bilals Geschichte zu recherchieren?

Ich bin durch die Audiobotschaft aufmerksam geworden, die Bilal kurz vor seinem Tod an seine Hamburger Freunde geschickt hat und die mich sehr berührt hat. Ich wollte wissen, wie es dazu kommt, dass junge Menschen in salafistische Kreise geraten und schließlich sogar zum IS gehen.

Bilals Weg in den Terror. Foto: Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Auf dem Weg in die Kirche: Der albanische Imam Abu Ahmad Jakobi, Bilals Mutter und Pastor Sieghard Wilm. Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Sie haben mit vielen Weggefährten Bilals gesprochen. Welches Gespräch blieb Ihnen besonders im Gedächtnis?

Das Gespräch mit der Mutter. Sie hat das Schlimmste erlebt, was einer Mutter passieren kann. Das war sehr berührend, aber auch schwierig, weil ich trotz ihrem Schmerz natürlich auch kritische Fragen stellen muss.

Wenn Sie an ihn denken, wie nennen Sie ihn: Florent oder Bilal? Sind das für Sie zwei Personen?

In der Serie benutze ich beide Namen: je nachdem um welche Phase seines Lebens es geht. Und je nachdem, mit wem ich gesprochen habe und wer Bilal für diese Person war. Ich denke, er ist auch beides.

Aus Ihrer Sicht: Wo und wie radikalisierte sich der junge Bilal? War die Entwicklung vermeidbar und wo war der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab?

Bilal ist mit 14 in salafistische Kreise geraten. Er hat an den Koran-Verteilständen der mittlerweile verbotenen Lies-Aktion teilgenommen, ist im Internet salafistischen Predigern und Gruppen gefolgt. In der realen Welt passiert vieles in losen Zusammenhängen. Kein Zurück gab es in dem Moment, wo er beim IS war. Das ist ja das Tragische an der Geschichte: dass es in dem Moment, wo ihm die Augen aufgehen, kein Zurück mehr gibt.

Viele Menschen, Schule und Sozialarbeiter, erkannten früh die Zeichen einer Veränderung im Wesen Bilals. Haben diese Ihrer Meinung nach korrekt reagiert?

Bilals Veränderung wurde wahrgenommen, und es wurde auch reagiert. Niemandem, mit dem ich gesprochen habe, war das, was passiert ist, egal. Insofern geht es auch nicht um Schuldzuweisungen. Aber sicherlich wissen wir heute mehr als im Jahr 2012, bevor es die große Ausreisewelle nach Syrien gab. Von daher würde man heute vielleicht noch mal anders reagieren.

Bilals Weg in den Terror. Foto: Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

An den Wochenenden verteilt er vor dem Hauptbahnhof den Koran. In Verehrung des dunkelhäutigen Gefährten des Propheten Mohammed nennt er sich Bilal. Bild: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Was möchten Sie mit Ihrem Podcast erreichen? Was ist die Zielsetzung dieses Projekts?

Ich versuche, das große gesellschaftliche Problem der religiösen Radikalisierung im Mikrokosmos dieser ganz konkreten Geschichte zu betrachten. Denn da wird es anschaulich und auch berührend. Es geht darum, das was dabei passiert, besser zu verstehen.

Danke für dieses Gespräch

Im Radio sendet NDR Kultur die Reihe sonnabends am 28. Januar, 4. Februar, 11. Februar, 18. Februar und 25. Februar jeweils um 8.30 Uhr in „Die Story“, im kulturradio vom rbb läuft sie um 9.04 Uhr. N-JOY strahlt den Fünfteiler ab 29. Januar jeweils sonntags um 21 Uhr aus. Außerdem gibt es die Reihe auf www.NDR.de/ndrkultur und auf www.NDR.de/radiokunst und kann als Podcast auf iTunes abonniert werden. / Text + Interview: Regine Marxen / Foto: NDR/Imago/epd/Stephan Wallocha

Den Trailer zur Sendung finden Sie hier

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