Schiff der Träume

Karin Beiers stimmungsvolle Aktualisierung von Federico Fellinis Filmklassiker von 1983 ist auch ein Aufruf zum Integrationstraining

Der Luxusdampfer CS Europa fährt durch das Mittelmeer. Die Mitfahrt ist exklusiv, ein Orchester hat das komplette Schiff gemietet. In der Ägäis wollen sie die Asche ihres verstorbenen Dirigenten dem Meer übergeben. Ohne ihn sind sie ein Klangkörper ohne Kopf. Ohne die Hassliebe, die sie mit ihm verband, gleiten sie ab in Lethargie. Doch zu Lebzeiten war auch der Maestro unzufrieden. Laut Testament vermochte sein Orchester seine revolutionäre musikalische Utopie „Human Rights No. 4“ nie richtig umzusetzen. Also proben sie.

Regisseurin Karin Beier präsentiert mit „Schiff der Träume“ eine stimmungsvolle Aktualisierung von Federico Fellinis Filmklassiker von 1983; und es ist aufregend, wie sie im Verlauf des Abends die Theatersprache aufbricht. Als die Passagiere eines sinkenden Flüchtlingsboots aufgenommen werden, stürmen fünf junge Afrikaner den Saal. Mit ihrer Energie kontrastieren sie den artifiziellen Bühnengestus der Musiker, dass es nur so kracht. Denn die Flüchtlinge spielen keine Rollen, sondern sind sie selbst.

Aberwitzig komisch wird dieses permanente Spiel mit der Fiktion, wenn Charlie Hübner als Dirigent des Orchesters zur Ordnung ruft und von einem Afrikaner darauf hingewiesen wird, er sei kein Dirigent, sondern ein Schauspieler am Schauspielhaus. Die Flüchtlinge geben „Lectures“ über schwindende Geburtenraten in Deutschland und nicht ganz ernst gemeinte Quizrunden zur weltpolitischen Lage. Sie wollen keine Hilfe, sagen sie, ganz im Gegenteil: „Wir lösen eure Probleme, die Traurigkeit, die demografische Katastrophe. Mehr noch, eure Probleme hätten wir gerne!“

Das alles geschieht nicht ohne Augenzwinkern. Im Spiel mit den Rollenbildern und Klischees über Afrikaner und Europäer beginnen sie, sich anzunähern. Der allseitige allegorische Gestus wirkt zwar bisweilen etwas plakativ, aber die über dreistündige Inszenierung ist in keiner einzigen Minute langweilig. Spannend und irritierend, aber auch schmerzhaft wird es, wenn das Publikum sich durch eine direkte Ansprache der Teilhabe nicht mehr entziehen kann. Integration bedeutet hier mühsame Veränderung, sowohl auf der Bühne als auch vor der Bühne.

/ Kritik von Reimar Biedermann erschienen 01/2016 in SZENE HAMBURG

Schauspielhaus, Premiere: 5.12.2015

Foto: Mathias Horn