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Bedrohte Räume #20: Zardoz Records

Miethai frisst Plattenlegende!

Die Finger zittern, meine Pumpe schlägt dreizehn und wieder heißt es: Wir verlieren unsere Besten! Denn während ich hier in meiner Kajüte auf dem Hotelboot in Groningen diese Zeilen tippe, findet in Hamburg eine echte Tragödie statt. Sie kennen doch sicher das Schulterblatt in Hamburg. Dort, wo sich ein trister Geldwäscheladen an den nächsten reiht. Wo Ketten wie H&M, Weekdays und Vodafone die kulturelle Vielfalt wie die Termiten vertilgen und Miethaie, Hedgefondsbetreiber und andere Kanaillen Mieter brutal auf die Straße setzen. Hier rasen die Mieten seit Jahren erbarmungslos gen Orbit, holländische Spekulanten fressen die so wichtige Diversität und freuen sich über die Geldwäscher, die ihnen offenbar jeden Mietpreis bereitwillig zahlen. Genau. Sie haben es schon vernommen, neuerdings kann sich nicht mal mehr die Hamburger Stadtentwicklungsgesellschaft STEG die horrende Miete im ehemaligen Montblanc Haus auf dem Schulterblatt leisten. Sie zieht auf und davon.

Doch jetzt hat es einen alteingesessenen Laden erwischt, der für die gesamte Infrastruktur im Schanzenviertel und auf St. Pauli eine bedeutende, weil lebenserhaltende Rolle für alle Hamburger Plattenhändler spielt: den Fachhandel für Tonträger jeder Art – Zardoz Records! Seit über 30 Jahren zählt Zardoz Records zu den führenden Hamburger Platten-Vollsortimentern, der alles anbietet: jede musikalische Richtung von gängigem Mainstream bis zu total einmalig. Das macht sonst niemand mehr in dieser Breite. Hier könnt ihr hingehen, wenn ihr eine Elton-John-Platte für Onkel Gerhard kaufen wollt oder aber aktuellste Neuerscheinungen benötigt. Schallplatten, CDs, DVDs oder ähnliche Träger: Hier kriegt ihr quer durch alle Genres einfach alles – ob Ambient-Gebimmel, Sound-tracks oder Obskures. Doch die Hedgefondsgangster setzen den Plattenladen nun zum Sommer 2018 mit einem blutigen Hieb vor die Tür.

Einen so bedeutenden Laden wie Zardoz? Seid ihr vollkommen irre geworden, ihr Kakerlaken? Zardoz Records ist einer der letzten 20 Plattenläden, die gemeinsam eine Struktur aufgebaut haben, die ihnen das Überleben sichert, gerade weil sie alle in 15 Minuten Gehweite erreichbar sind. Aus aller Welt kommen Kunden nach Hamburg, um hier in Laufweite Vinyl-Spezialitäten, Obskures, Berühmtes und Ersehntes einzukaufen. Die Plattenkäufer wissen, hier kann ich durch die Regale ziehen und einen Laden nach dem anderen abklappern. Unsere Hamburger Plattenläden schicken einander die suchenden Kunden zu, jeder ein Spezialist in seinem Metier und doch gemeinsam ein eingespieltes Team. Allein könnte keiner von ihnen überleben, zu niedrig ist der Umsatz für den Einzelnen.

Und so gilt für alle: Eine Mieterhöhung und der Laden ist dicht! Doch wenn auch nur ein Laden zumacht, sterben die anderen nach und nach mit. Championship und Burn Out Records sind schon weg. Slam Records hat eventuell auch nur noch ein paar Jahre. Selekta Records kann sich besser auf dem Schulterblatt halten, wenn Zardoz da ist. Wenn Zardoz geht, dann bricht also eine ganze Struktur ein. Das ist wie ein Gummistiefel mit Loch: Nur ein Tropfen und der ganze Fuß ist nass. Deshalb lasst uns das Massensterben von intelligenten, kulturprägenden und engagierten Hamburger Plattenläden stoppen. Machen wir Hamburg wieder zur Vinyl-Stadt und retten Zardoz Records. Macht euren Einfluss geltend und spendet Raum, Geld oder Macht! Rettet Zardoz! JEDE IDEE ZÄHLT!

Eure Raumsonde 

Andrea

Beitragsbild: Natalie Perea 


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Bedrohte Räume #18: Abriss der HafenCity 2067?

Die Uhr tickt: Hat nach 37 Jahren des Hanseviertels letztes Stündchen geschlagen? Ein Hamburger Investor soll bereits Pläne für einen Abriss präsentiert haben.

Letzte Woche war ich bei unserem architektonischen Leckerbissen, der HafenCity, zu Kaffee und Kuchen an die Elbe geladen. Unsere HafenCiddy – der Nabel der Stadt zwischen Alster und Elbe, Heimat der Elbphilharmonie,  maritimes Denkmal, Loveletter und Streitaxt der Stadtplaner. Gab ja viel Gerummel vorab, doch jetzt, da ist sie richtig schön! Mit Speicherstadt, Baakenhafen, Magellan-Terrassen – herrlich. Und wie die Straßennamen tönen: Hongkongstraße, Osakaallee, Vasco–da-Gama-Platz. Klingt wie Herkunft und Zukunft zugleich. International, modern, eine Futureworld, die doch bodenständig nach Zimt und Pfeffer duftet und die HafenCity schon heute mit ihrer zukünftigen Bedeutung identifiziert.

Umso mehr freu ich mich auf schwarzen Saft und Zitronenkuchen mit ihr und ihren Spacekollegas Hanseviertel, Deutschlandhaus, City-Hof und Co, die eine Selbsthilfegruppe für gefährdete Räume gegründet haben, um frische Bisswunden zu verarzten und Präventionsdiagnostik zu betreiben. Unsere schöne neue Lady wird da wohl eher die tröstende Gastgeberin sein, mutmaße ich, doch weit gefehlt.

Als das junge Ding mich hereinbittet, sieht sie eher verheult als fresh aus. PMS? Ich blicke durch den Raum. Nein, auch die Menopause-Bauten starren verquollen aus der Wäsche. „Was ’n los, HafenCity?“ Ich rühre im Bohnenglück. „Wir diskutieren gerade meinen Abriss 2067!“ Sie zieht nicht gerade vornehm den Rotz hoch. „Von einigen Häusern platzt hier schon der Lack. Geschäfte und Gehwege sind empty, die Kunden im Netz. Die Uhr tickt gegen mich –wie beim Deutschlandhaus oder jetzt sogar beim Hanseviertel!“

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen und erblicke das feine Hanseviertel in Hütchen und Pelz: „Ich bin erst 37 Jahre alt und soll nun zum Schafott!“ Daneben verschüttet das Deutschlandhaus vor Entrüstung ein bisschen Kaffee:„Ich habe in diverse Faceliftings und Bodytunes investiert, ich sehe besser aus denn je, und jetzt soll alles umsonst gewesen sein?“ Das Hanseviertel verliert die Contenance: „Sie wollen uns umbringen, öffentliche Hinrichtungen sind in Hamburg an der Tagesordnung!“

„Leute, das kann doch alles nicht wahr sein! Der Abriss des City-Hofs ist schon eine frevelhafte Tragödie. Aber ihr seid modern und wunderschön! Das frühmoderne Deutschlandhaus ist so geschichtsträchtig wie die Finanzdirektion am Gänsemarkt. Und du, Hanseviertel, bist doch erst 1980 geboren! Du bist vollkommen staubfrei, außerdem gelungen mit deinen konkaven Klinkerkurven. Allein dein Glockenspiel, die Glaskuppelfenster, der Rundbau mit schwimmender Weltkugel aus Granit.“ Die drei blicken mich aus hohlen Augen an.

Doch, es kann sein, denke ich später. Das hier ist Hamburg 2017. Rot-grüner Senat. Erst bauen sie den Elbtower, dann wird die Innenstadt sterben und sie werden anfangen, der HafenCity die Zähne aus dem Zahnfleischzu reißen. Vorher müssen aber eventuell noch die Finanzdirektion und lieber das Chilehaus dran glauben. Und die Politik leckt dann wieder den Speichel der Investoren auf, um daraus schöne neue Logistikzentren zu bauen. Deshalb: Geht doch mal wieder bummeln, Leute, und ruft vorm Rathaus: „Gut Holz,Herr Scholz!“ Oder schreibt ihm besser einen Brief. Mief!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Panoramio – HH Oldman


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Bedrohte Räume #17: Pfoten weg von Planten un Blomen!

3 Nappos, 6 Salinos und eine Tüte Pommes mit Mayo – das war meine sonntägliche Beute, wenn ich vom Kiosk zu meinen wilden Schwestern auf den Spielplatz an die Bullerberge zurückkehrte, während meine Arbeiterklasse-Hippie-Eltern sich in Latzhosen den Wasserlichtspielen hingaben.

Damals, als Familiensonntage in den Wallanlagen legendär waren, Horden von Kindern auf den Resten der IGA 1973 herumtobten und jeden zugänglichen Winkel der Wallanlagen nutzten, ganz wurst, ob sie auf den Gräbern des Dammtorfriedhofs tanzten oder nicht.

Jeden Sommer bauten wir matschige Sandlandschaften, stürmten die Töpferstube, hingen in den Seilen der Spielgeräte oder pennten vor der Musikmuschel in Decken gerollt ein. Im Winter hieß es Pinguinschieben auf der Eislaufbahn oder Riesenkakteen im Tropengewächshaus betrachten. Hier haben wir Fahrradfahren, Jonglieren und Reiten gelernt und den Gefangenen von der Parkbank aus zugewunken. Das alles für ganz umsonst. Fast erwachsen boten die Wallanlagen dann neue Perspektiven vom Blumenmopsen bis zum heimlichen Punkgelage, und bis heute muss ich sagen, wer nie im japanischen Garten der Teezeremonie beigewohnt hat, der weiß nicht, wie schmerzhaft nah unterdrückte Lachkrämpfe und die Inbrunst asiatischer Teebereitung einander stehen.

Doch nun rückt die wachsende Stadt dem 47 Hektar großen Naherholungsprachtkerl von allen Seiten auf die Pelle und die Wallanlagen müssen ihre historisch attestierte Wehrhaftigkeit erneut unter Beweis stellen. Anstatt der grünen Lunge der Stadt noch ein paar Hotels für Insekten zu spendieren und sie zu einem zeitgemäßen Mekka für Botaniker, ökologischem Schmuckstück und Natursteinoase zu entwickeln, genehmigt die SCHOLZ-Brigade Neubauten: geplant sind die Erweiterung des CCH, der irre Neubau der Bucerius Law School, der überdimensionierte  Neubaukomplex am Stintfang oder die Streckenführung der U5, die eine offene Baugrube vorsieht – genau da, wo denkmalgeschützte Wallgräben und wertvoller Baumbestand des Botanischen Gartens stehen.  Stück für Stück, Zug um Zug wird hier an unserem urbanen Gedächtnis genagt, werden historische Anlagen unwiederbringlich zerstört.

Denkmalpfleger, Botanik- und Naturschutzverbände, Architekten, Ingenieure und Gartenkünstler gehen deshalb jetzt auf die Barrikaden und nehmen Olaf Scholz & seine Freunde in die Zange. Sie fordern einen Senatsbeschluss, der verhindert, dass Planten un Blomen von Bauvorhaben zerstört, beeinträchtigt oder sogar überbaut wird.

Deshalb noch mal zum Mitschreiben, die Herren Scholz & Kerstan: Denkmalschutz heißt immer, noch die Substanz im Original zu erhalten und bedeutet nicht Wiederaufbau oder Neuanpflanzung. Wir sind hier ja nicht im Miniaturwunderland und wir hätten unser kollektives Gedächtnis gern im Original. Danke!l


Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Holger Ellgaard


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #16: Das Frauenzimmer im Pop

Na klar, Beiersdorf, Benz und die ganze Brut beschlipster Sesselkapitäne haben traditionsgemäß ja kaum girls on stage. Ihre Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichtsräte und Lustreisen bestücken sie gern mit haariger Hand. Verständlich, dass da die Quoten für Ladies bei null liegen.

 

Doch nun ist es raus: In Kultur- und Medienberufen sind die Frauen, Weibers, Ladies, Girls + Bitches ebenso unterrepräsentiert wie bei den konservativen Kumpels. Und zwar so sehr, dass unsere Kulturstaatsministerin Monika G. bei der Hebung dieses Wissensschatzes letztes Jahr im Quadrat sprang. Affektiv gründete sie im März ein Projektbüro für Kreativfrauen, Geschäftsführer männlich.

Besonders übel sieht es dabei in der bunten und fortschrittlichen Musikbranche aus. Hier nehmen die Boys den Raum besonders gern in Anspruch. Nicht so gern in der Kultur, nein, da wo das Geld verdient wird und man(n) Bestimmer sein darf. Doch sie alle versichern: Frauen hat man(n) gern – als Zuschauerinnen, als Groupies, als Interpretinnen wie Helene oder Rihanna, als PR Frau oder neuerdings als digitale Assistentin.

 

Ungezählte Aktenräume später stelle ich fest, Frau G. hat Recht. Die Frau in der Musik kommt kaum durch die Tür, auf Festivals, hinter Misch- und auf Dirigentenpulte oder in Chef- und Vorstandsetagen. In den Top 100 Single Charts z.B. sind 26% der Interpreten weiblich. Kein einziger Song wurde von einer Frau selbst geschrieben. Auf Festivals liegen die Frauen, die ihre Songs selbst schreiben und aufführen, diesen Sommer bei fast 11% und bei Warner gibt es unter 10 Männern nur eine Frau! Keine davon ist Geschäftsführerin und auch beim HANS, beim ECHO, beim Club Award, usw. war insgesamt kaum eine Frau auf der Bühne.

Bei den Studentinnen sieht es besser aus: 54% der Studenten im Musikbereich sind Ladies. Doch sie landen zu 80% in der kulturellen Bildung und an Musikschulen, wo sie sich kümmerlich entlohnt um den Faktor Mensch sorgen, nicht in der Musikbranche. 2-6% von ihnen sind später dann hinter Misch- oder auf Dirigentenpulten zu finden. Kein Wunder also, dass die Konkurrenz um den schmalen Platz dann groß ist.

Eine Frau in der Musik soll sich schließlich durchbeißen, ihre Konkurrentinnen wegkläffen, kämpfen und an der Kette reißen. Dabei bitte mit hoher emotionaler Intelligenz recht freundlich lächeln, sonst verängstigen sie ihre männlichen Kapitäne.

Ich reime deshalb: Mehr Raum für die Frauen. Und finde: Das können wir alle besser, Leute! Traut euch mal ran an die Girls, denn nur so kann der musikalische Raum zu einem Raum für Utopien werden und nicht nur gelebte Gegenwartskultur abbilden.

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Magnus Manske


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #15: Die Definition von Haltbarkeit ist NEU

Das alte Walzwerk in Billbrook wurde den Gebrüdern Otto geopfert, denn die machen da jetzt alles ganz schön neu. Und nun kommt auch schon die nächste Baustelle: unsere weltrufgeadelte Post-Pyramide in der City Nord – herrlichste 70er Jahre Brutalismus-Architektur.

So gefeiert wie gehasst, aber immer eines: NEU! Jedenfalls damals. Doch leider hat auch NEU ein Verfallsdatum, besonders die 70er Jahre sind ein zickiges NEU von der Haltbarkeit eines Topmodels. Ein sozusagen altes NEU. So sind wir Hamburger nun mal – anpacken, wegräumen und NEU machen. Das lieben wir: Deshalb machen wir NEU. Das ist so geil, so neu für alle.

Das alte NEU ist ja tatsächlich auch immer so schnell wieder alt. Nicht wie so’n richtig uraltes Alt, dass 100e von Jahren rumsteht. Da trauern wir dann auch ’n Momentchen, wenn der Abriss vollzogen ist. Ich meine das alte NEU, dass nach 40 Jahren alt ist: Beton Brut, Asbest, mieser Brandschutz und vergeigte Raumschnitte. Impuls: NEU machen. Der Ageism in der Baubranche scheint übler als in der Musikindustrie. Kaum umgedreht, jubeln wir: NEU machen, während Denkmalschützer und Architekturverrückte, die den radikalen Look schätzen und Architektur als Mahnmal kollektiver Erinnerung bewahren möchten, mit den Füßen scharren.

Und so sind sich fast alle einig: Die City-Nord, auch Geisterstadt genannt, ist zwar als Ensemble denkmalgeschützt, aber „Der Schnitt, der Raum, das Gebäude, es passt einfach nicht in die heutige Zeit. […] Man muss sich einfach von etwas trennen, wenn es nicht mehr funktioniert.“ Aha! Die Quartiersmanagerin hat da einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte: Oma, Du funktionierst nicht mehr, ab in die Elbe mit dir! 

Ja, sie machen es wieder auf Hamburger Art: Sie planen das freshe Neubau-Ensemble
 ipanema, mit nagelneuem Büroturm und 520 Wohnungen. Das ist dann das nagelneue NEU. Ein schönes neues erneuertes NEU. Neuer als die Gebäude in der 
HafenCity, die kurze Zeit das neue NEU waren, aber jetzt schon rumbröseln und so nur noch knapp ein neues NEU verkörpern. Ehrlich gesagt, ich als moderner Mensch würde sogar sagen, sie verkörpern schon fast das alte NEU und sind damit potenziell in derselben Gefahrenlage befindlich wie unsere alte neue Post-Pyramide von 1977. So alt nämlich, dass der Heini abgerissen wird und mit ihm seine beeindruckende skulpturale Wirkung. Neu wird sein, dass das kommende erneuerte NEU bereits vor dem Bau so alt wirken wird, wie der abzureißende Bau der 70er Jahre niemals hätte werden können. Der nämlich stände kurz davor, ein wirklich edles, eindrucksvolles und selbstbewusstes NEU zu werden.

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Magnus Manske


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #14: FLORA BLEIBT nicht verhandelbar

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! SOLIDARITÄT! BESONNENHEIT STATT WAHLKAMPFHYSTERIE! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

NACHBARSCHAFT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! VERNUNFT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! WIR SCHAFFEN DAS! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! KEINE GEWALT IN FAUNA UND FLORA! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA IST DAS ELBVIEH ALTERNATIVER HERZEN! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! BAMBULE! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

Statt Pfefferspray und Schlagstock: Knutschen gegen Krawall – für die linke Szene und die Flora. Foto: Lütje

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA GEGEN RECHTS! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA DISKUTIERT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA DEESKALIERT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! AUTONOME HABEN KEIN KONTROLLZENTRUM, HERR LENDERS, SIE SIND AUTONOM! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! ES IST ZEIT FÜR EINEN STRATEGIE-
WECHSEL, HERR DUDDE! 
FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! BITTE STOPPEN SIE DIE 
HYSTERIESCHRAUBE, HERR SCHOLZ! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! UNSERE 
CIDDY KANN KRITIK!

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! HAMBURG BRAUCHT PROTESTKULTUR! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! OHNE FLORA WIRD HAMBURG WANNE-EICKEL! 
FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! HÄNDE WEG! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! DANKE!

Eure Raumsonde

Andrea

 


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

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Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #13: Bunkerklüngeling auf St. Pauli

Formidabel“, denke ich, „unser Hamburg macht ernst.“ Nachhaltigkeit, Stadtbegrünung, Urban Gardening und dazu auch noch in luftiger Höhe.

Hinter meiner Stirn erstehen hängende Gärten, Muhkühe, Böööhschäfchen und Schnattergänse. Eine Arche grüner Subkulturen schippert aus meinen Augenhöhlen, Elternzeitpapis in Gummistiefeln begrünen meine Ohren, Werber beim Unkrautzupfen, stampfende Raver planieren den Torf – alles kompostiert im Garten Eden auf den Dächern der Stadt.

Osmose, Chlorophyll-Smoothies, Naturfilme.

Schon bald werde ich den Dunst gegrillter Haschpflanzen der grünen Fraktionen wittern, schlürfe heimisches Weinchen in Bioschläuchen aus selbst gegerbten Invitropflanzerln, knabbere geschorene Feigenblätter aus freilaufendem Anbau, bestäube die Blüten geschürzter Lorbeerkränze der Streberschreber und das alles auf dem Dach unseres einstigen Flakbunkers an der Feldstraße in St. Pauli. „Endlich“, denke ich, „Raum für gute & grüne Ideen.“ Schwerter zu Pflugscharen ist die Parole – a dream comes true?

Weit gefehlt. Meine infantile Sehnsucht nach grünem Atem wurde mies getäuscht. Gewiefte Werbestrategien im Schlepptau von Partei, Behörde sowie Interpol haben mich mit ihrer anbiedernden Kampagne Hilldegarden rücklings aufs Moos geführt.

Statt Traum gibt es nun Hotel, Restaurants, Veranstaltungshallen, Sportclub, eine 300 Meter lange Rundumrampe in 40 Metern Höhe, über die hippe Gießkannenträger ihre Gärten beklettern. Eine fünf Stockwerke messende Pyramide, gekrönt von einem Amphitheater. 60 Meter hoch. Dreimal so hoch wie der nachbarschaftliche Altbau! Irgendwo in der Ecke soll dann auch ein bisschen Park mit Garten entstehen, sagt der letzte Punkt der Bebauungsgenehmigung.

Alta, wow, wir sind pretty!

Wäre da nicht dieser typisch hamburgische Bauklüngel: Ein Bunker ist ein Mahnmal und kein Gastrotanztempel und so gab es zunächst auch keine Baugenehmigung. Doch plötzlich so ganz hoppla ohne Beteiligung wurde eben diese erteilt, und das obwohl sich das Bauvorhaben „nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll“ – (nämlich nicht) –, „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“ (§ 34 BauGB Abs. 1).

Das verständliche Bedürfnis der Anwohner nach städtischen Erholungsräumen wurde von Behörde, Werbeagentur (mit bald gigantischer Fläche auf dem Bunker) und Investor Matzen genutzt, um die Öffentlichkeit mit dem albernen WerbekonzeptHilldegarden zu manipulieren.

Und während dieses Trio Infernal in der Feldstraße schon die Bäume für das private Bauvorhaben fällt, reiße ich mir die Maske der Selbstbeherrschung runter, horte sackweise Eisensulfat und werde zur Fertigstellung Guerilla Gardeneuse!

Schäm Dich, du Herr Matzen, mit deinen sauberen Gartenzwergen und G20 Kilometerweiter nach Pinneberg.

Eure Raumsonde

Andrea

/ Visualisierung: Planungsbüro Bunker


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

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Jannes Woche 17 23: Künstlerinnen

Die vergangene Woche ist mir ein Thema besonders aufgefallen und zwar, weil eine Freundin und wir selber jede Menge damit zu tun haben: Frauen im Veranstaltungsgeschäft 

 Dieses Jahr durfte ich auf der vom Jahrgang der Veranstaltungskaufleute organisierten Meet Hamburg eine Diskussion über das Thema moderieren und das Blogmagazin Mit Vergnügen Hamburg stellte seine letzte Party unter das Motto »Girl Power«. 

In der vergangenen Woche haben wir in unserem Spendenclub Unterm Strich unsere Female DJ Night veranstaltet, in der wir zeigen wollten, was Hamburg für tolle weibliche DJs hat. Bei uns haben alleine fünf an der Zahl aufgelegt. Gleichzeitig hat das Musikerinnen-Kollektiv Ladies Artists Friends den Vorverkauf für ihr zweites Konzert begonnen. 

Und unsere Freundin Andrea Rothaug vom RockCity Hamburg e.V. hat uns mit der größten Nachricht beglückt: Der Verein hat eine eigene Interessenvertretung namens musicHHwomen – art.business.media gegründet.

Im Rahmen eines Frühschoppens versammelten sich 50 selbständige Musikfrauen aus den Bereichen Art, Business und Media im St. Pauli Club kukuun, um die neue Plattform zu initiieren. Neben Qualifikation, Evaluation, Präsentation, Jobvermittlung, Mentoring-Programm, Training, Politik, Nachwuchspflege und Netzwerktreffen wird musicHHwomen auch eigene Formate entwickeln, die Frauen die Arbeit in der Musikbranche erleichtern.

Andrea Rothaug dazu: »Die gezielte Förderung von Frauen in Führungspositionen, als Urheberinnen oder Firmeninhaberinnen in der Musikbranche ist uns ein besonderes Anliegen.“

Drei Zahlen zum Verdeutlichen:

  • Anteil der Mitgliedsunternehmen des VUT, die von Frauen geführt werden: 7,4 %
  • Anteil von Frauen auf Festivals: unter 8 %
  • Anteil von Produzentinnen, Schlagzeugerinnen, Frauen in Führungspositionen, Labelbetreiberinnen in Hamburg: unter 6 %.

Wir lesen uns Montag wieder, 

Jannes

 /Foto: RockCity Hamburg e.V.


Who the fuck is… Jannes Vahl*?

Jannes Kolumne SZENE HAMBURGVision von und für Hamburg 
Kein Schwarz und Weiß, Kreativität Tag und Nacht, Natur grün und blau. 
 Rezept zum Runterkommen bei zu hohem Lebenstempo 
Meditation. Basketball. Radfahren. 
Karma-Cocktail für ein korrektes Leben 
Rumcola. Und jeden Tag versuchen, ein besserer Mensch zu sein.  ?

*Jannes Vahl ist Clubkinder-Gründer und Inhaber der Agentur Polycore. Und gibt jede Woche bei uns seine persönliche Sicht auf seine Woche. 

Bedrohte Räume #12: Der Schilleropa – eine Archäologie der Unterhaltung

Irgendwas um die Zweitausender war es, da verknallte ich mich in den Senior.

Damals.

Als wir mit Flöten, Pfannen und Filmprojektoren hageldicht und auf allen Vieren durch den Schilleropa von Nils und Christopher krabbelten, um seinen einsturzgefährdeten Manegentrakt zu entern.

Die Nächte waren so wie ich sie mag: erregend, abgefuckt und vollgerümpelt mit gaffageflicktem Sperrmüll. Schummrig, verqualmt, ledrig.

Der versteckte Ort auf St. Pauli – ein geriatrischer Opa mitten in der Kinderdisko.

Damals. Da trug ich noch mein „Ring deutscher Makler – Der Terror geht weiter“-T-Shirt und schlief mit der Faust in der Tasche. Ich weiß noch, wie Benjamin Maack nach einer Lesung seinen Gedichtband abfackelte, er wollte Spiegeleier für die Leute braten.

Dutzende wunderbarer Bands und Erlebnisse, solange bis Nils und Christopher außen und innen so schrott waren wie der Schilleropa, den sie mit Leben füllten.

Damals. Und heute?

Während die Flora blüht, ist der Schilleropa immer noch an Armen und Beinen genagelt. Ein geschundener Körper aus dem Maden, Ratten und Geköter fliehen, in den Händen von raffenden Erben, bei denen sich nichts bewegt, außer die Pupille beim Blick auf den steigenden Wert ihres Baugrundstücks.

Wüsste Konstrukteur Gustave Eiffel, wie hier in Hamburg mit seinem Stahlskelett umgegangen wird, Erbrechen wäre nur eine von Einhundert möglichen Antworten.

Doch statt ihn zu schützen,  haben Schicksal, Eigner und Pächter dem Schilleropa 128 Jahre lang ein wirklich stinkendes Schnittchen geschmiert: Dutzende von Fehlnutzungen, Tauben, Ratten, Unwetter und ein klaffendes Loch wehen seit Jahrzehnten zum Doppel-A0 Fenster hinein.

Sterben ist wie schlafen, nur ewig, denke ich – der schöne Stahlopa als Kleinod frühindustrieller Tragwerksarchitektur, erhaltenswerter Erinnerungsort in jeder Faser seines Seins, Künstler von Rang, Manege, Arena, Rundbau, Amphitheater. Der letzte Zirkusbau seiner Art in Deutschland, buchstäblich filetiert, abgenagt, dem Verfall und Sterben hingegeben, im vollen Bewusstsein, dass hier Schützenswertes vor die Hunde geht.

Doch dieser wichtige Erinnerungsort muss jetzt gerettet werden, ob als vegetierendes Opa-Mahnmal in Gentrifipauli oder zum Leben erweckter Kultursenior.

Deshalb gilt mein tiefster Knicks des Monats der Initiative zur Rettung des Schilleropas, denn sie treten den aktuellen Absichten der Eigentümer zur Befreiung des Denkmalschutzes mit Petition, Behörde und Wumms entgegen.

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Eure Raumsonde

Andrea

/ Beitragsbild: Ajepbah


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website