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Bedrohte Räume #16: Das Frauenzimmer im Pop

Na klar, Beiersdorf, Benz und die ganze Brut beschlipster Sesselkapitäne haben traditionsgemäß ja kaum girls on stage. Ihre Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichtsräte und Lustreisen bestücken sie gern mit haariger Hand. Verständlich, dass da die Quoten für Ladies bei null liegen.

 

Doch nun ist es raus: In Kultur- und Medienberufen sind die Frauen, Weibers, Ladies, Girls + Bitches ebenso unterrepräsentiert wie bei den konservativen Kumpels. Und zwar so sehr, dass unsere Kulturstaatsministerin Monika G. bei der Hebung dieses Wissensschatzes letztes Jahr im Quadrat sprang. Affektiv gründete sie im März ein Projektbüro für Kreativfrauen, Geschäftsführer männlich.

Besonders übel sieht es dabei in der bunten und fortschrittlichen Musikbranche aus. Hier nehmen die Boys den Raum besonders gern in Anspruch. Nicht so gern in der Kultur, nein, da wo das Geld verdient wird und man(n) Bestimmer sein darf. Doch sie alle versichern: Frauen hat man(n) gern – als Zuschauerinnen, als Groupies, als Interpretinnen wie Helene oder Rihanna, als PR Frau oder neuerdings als digitale Assistentin.

 

Ungezählte Aktenräume später stelle ich fest, Frau G. hat Recht. Die Frau in der Musik kommt kaum durch die Tür, auf Festivals, hinter Misch- und auf Dirigentenpulte oder in Chef- und Vorstandsetagen. In den Top 100 Single Charts z.B. sind 26% der Interpreten weiblich. Kein einziger Song wurde von einer Frau selbst geschrieben. Auf Festivals liegen die Frauen, die ihre Songs selbst schreiben und aufführen, diesen Sommer bei fast 11% und bei Warner gibt es unter 10 Männern nur eine Frau! Keine davon ist Geschäftsführerin und auch beim HANS, beim ECHO, beim Club Award, usw. war insgesamt kaum eine Frau auf der Bühne.

Bei den Studentinnen sieht es besser aus: 54% der Studenten im Musikbereich sind Ladies. Doch sie landen zu 80% in der kulturellen Bildung und an Musikschulen, wo sie sich kümmerlich entlohnt um den Faktor Mensch sorgen, nicht in der Musikbranche. 2-6% von ihnen sind später dann hinter Misch- oder auf Dirigentenpulten zu finden. Kein Wunder also, dass die Konkurrenz um den schmalen Platz dann groß ist.

Eine Frau in der Musik soll sich schließlich durchbeißen, ihre Konkurrentinnen wegkläffen, kämpfen und an der Kette reißen. Dabei bitte mit hoher emotionaler Intelligenz recht freundlich lächeln, sonst verängstigen sie ihre männlichen Kapitäne.

Ich reime deshalb: Mehr Raum für die Frauen. Und finde: Das können wir alle besser, Leute! Traut euch mal ran an die Girls, denn nur so kann der musikalische Raum zu einem Raum für Utopien werden und nicht nur gelebte Gegenwartskultur abbilden.

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Magnus Manske


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #15: Die Definition von Haltbarkeit ist NEU

Das alte Walzwerk in Billbrook wurde den Gebrüdern Otto geopfert, denn die machen da jetzt alles ganz schön neu. Und nun kommt auch schon die nächste Baustelle: unsere weltrufgeadelte Post-Pyramide in der City Nord – herrlichste 70er Jahre Brutalismus-Architektur.

So gefeiert wie gehasst, aber immer eines: NEU! Jedenfalls damals. Doch leider hat auch NEU ein Verfallsdatum, besonders die 70er Jahre sind ein zickiges NEU von der Haltbarkeit eines Topmodels. Ein sozusagen altes NEU. So sind wir Hamburger nun mal – anpacken, wegräumen und NEU machen. Das lieben wir: Deshalb machen wir NEU. Das ist so geil, so neu für alle.

Das alte NEU ist ja tatsächlich auch immer so schnell wieder alt. Nicht wie so’n richtig uraltes Alt, dass 100e von Jahren rumsteht. Da trauern wir dann auch ’n Momentchen, wenn der Abriss vollzogen ist. Ich meine das alte NEU, dass nach 40 Jahren alt ist: Beton Brut, Asbest, mieser Brandschutz und vergeigte Raumschnitte. Impuls: NEU machen. Der Ageism in der Baubranche scheint übler als in der Musikindustrie. Kaum umgedreht, jubeln wir: NEU machen, während Denkmalschützer und Architekturverrückte, die den radikalen Look schätzen und Architektur als Mahnmal kollektiver Erinnerung bewahren möchten, mit den Füßen scharren.

Und so sind sich fast alle einig: Die City-Nord, auch Geisterstadt genannt, ist zwar als Ensemble denkmalgeschützt, aber „Der Schnitt, der Raum, das Gebäude, es passt einfach nicht in die heutige Zeit. […] Man muss sich einfach von etwas trennen, wenn es nicht mehr funktioniert.“ Aha! Die Quartiersmanagerin hat da einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte: Oma, Du funktionierst nicht mehr, ab in die Elbe mit dir! 

Ja, sie machen es wieder auf Hamburger Art: Sie planen das freshe Neubau-Ensemble
 ipanema, mit nagelneuem Büroturm und 520 Wohnungen. Das ist dann das nagelneue NEU. Ein schönes neues erneuertes NEU. Neuer als die Gebäude in der 
HafenCity, die kurze Zeit das neue NEU waren, aber jetzt schon rumbröseln und so nur noch knapp ein neues NEU verkörpern. Ehrlich gesagt, ich als moderner Mensch würde sogar sagen, sie verkörpern schon fast das alte NEU und sind damit potenziell in derselben Gefahrenlage befindlich wie unsere alte neue Post-Pyramide von 1977. So alt nämlich, dass der Heini abgerissen wird und mit ihm seine beeindruckende skulpturale Wirkung. Neu wird sein, dass das kommende erneuerte NEU bereits vor dem Bau so alt wirken wird, wie der abzureißende Bau der 70er Jahre niemals hätte werden können. Der nämlich stände kurz davor, ein wirklich edles, eindrucksvolles und selbstbewusstes NEU zu werden.

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Magnus Manske


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #14: FLORA BLEIBT nicht verhandelbar

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! SOLIDARITÄT! BESONNENHEIT STATT WAHLKAMPFHYSTERIE! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

NACHBARSCHAFT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! VERNUNFT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! WIR SCHAFFEN DAS! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! KEINE GEWALT IN FAUNA UND FLORA! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA IST DAS ELBVIEH ALTERNATIVER HERZEN! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! BAMBULE! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

Statt Pfefferspray und Schlagstock: Knutschen gegen Krawall – für die linke Szene und die Flora. Foto: Lütje

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA GEGEN RECHTS! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA DISKUTIERT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA DEESKALIERT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT!

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! AUTONOME HABEN KEIN KONTROLLZENTRUM, HERR LENDERS, SIE SIND AUTONOM! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! ES IST ZEIT FÜR EINEN STRATEGIE-
WECHSEL, HERR DUDDE! 
FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! BITTE STOPPEN SIE DIE 
HYSTERIESCHRAUBE, HERR SCHOLZ! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! UNSERE 
CIDDY KANN KRITIK!

FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! HAMBURG BRAUCHT PROTESTKULTUR! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! OHNE FLORA WIRD HAMBURG WANNE-EICKEL! 
FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! HÄNDE WEG! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! FLORA BLEIBT! DANKE!

Eure Raumsonde

Andrea

 


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #13: Bunkerklüngeling auf St. Pauli

Formidabel“, denke ich, „unser Hamburg macht ernst.“ Nachhaltigkeit, Stadtbegrünung, Urban Gardening und dazu auch noch in luftiger Höhe.

Hinter meiner Stirn erstehen hängende Gärten, Muhkühe, Böööhschäfchen und Schnattergänse. Eine Arche grüner Subkulturen schippert aus meinen Augenhöhlen, Elternzeitpapis in Gummistiefeln begrünen meine Ohren, Werber beim Unkrautzupfen, stampfende Raver planieren den Torf – alles kompostiert im Garten Eden auf den Dächern der Stadt.

Osmose, Chlorophyll-Smoothies, Naturfilme.

Schon bald werde ich den Dunst gegrillter Haschpflanzen der grünen Fraktionen wittern, schlürfe heimisches Weinchen in Bioschläuchen aus selbst gegerbten Invitropflanzerln, knabbere geschorene Feigenblätter aus freilaufendem Anbau, bestäube die Blüten geschürzter Lorbeerkränze der Streberschreber und das alles auf dem Dach unseres einstigen Flakbunkers an der Feldstraße in St. Pauli. „Endlich“, denke ich, „Raum für gute & grüne Ideen.“ Schwerter zu Pflugscharen ist die Parole – a dream comes true?

Weit gefehlt. Meine infantile Sehnsucht nach grünem Atem wurde mies getäuscht. Gewiefte Werbestrategien im Schlepptau von Partei, Behörde sowie Interpol haben mich mit ihrer anbiedernden Kampagne Hilldegarden rücklings aufs Moos geführt.

Statt Traum gibt es nun Hotel, Restaurants, Veranstaltungshallen, Sportclub, eine 300 Meter lange Rundumrampe in 40 Metern Höhe, über die hippe Gießkannenträger ihre Gärten beklettern. Eine fünf Stockwerke messende Pyramide, gekrönt von einem Amphitheater. 60 Meter hoch. Dreimal so hoch wie der nachbarschaftliche Altbau! Irgendwo in der Ecke soll dann auch ein bisschen Park mit Garten entstehen, sagt der letzte Punkt der Bebauungsgenehmigung.

Alta, wow, wir sind pretty!

Wäre da nicht dieser typisch hamburgische Bauklüngel: Ein Bunker ist ein Mahnmal und kein Gastrotanztempel und so gab es zunächst auch keine Baugenehmigung. Doch plötzlich so ganz hoppla ohne Beteiligung wurde eben diese erteilt, und das obwohl sich das Bauvorhaben „nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll“ – (nämlich nicht) –, „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“ (§ 34 BauGB Abs. 1).

Das verständliche Bedürfnis der Anwohner nach städtischen Erholungsräumen wurde von Behörde, Werbeagentur (mit bald gigantischer Fläche auf dem Bunker) und Investor Matzen genutzt, um die Öffentlichkeit mit dem albernen WerbekonzeptHilldegarden zu manipulieren.

Und während dieses Trio Infernal in der Feldstraße schon die Bäume für das private Bauvorhaben fällt, reiße ich mir die Maske der Selbstbeherrschung runter, horte sackweise Eisensulfat und werde zur Fertigstellung Guerilla Gardeneuse!

Schäm Dich, du Herr Matzen, mit deinen sauberen Gartenzwergen und G20 Kilometerweiter nach Pinneberg.

Eure Raumsonde

Andrea

/ Visualisierung: Planungsbüro Bunker


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Jannes Woche 17 23: Künstlerinnen

Die vergangene Woche ist mir ein Thema besonders aufgefallen und zwar, weil eine Freundin und wir selber jede Menge damit zu tun haben: Frauen im Veranstaltungsgeschäft 

 Dieses Jahr durfte ich auf der vom Jahrgang der Veranstaltungskaufleute organisierten Meet Hamburg eine Diskussion über das Thema moderieren und das Blogmagazin Mit Vergnügen Hamburg stellte seine letzte Party unter das Motto »Girl Power«. 

In der vergangenen Woche haben wir in unserem Spendenclub Unterm Strich unsere Female DJ Night veranstaltet, in der wir zeigen wollten, was Hamburg für tolle weibliche DJs hat. Bei uns haben alleine fünf an der Zahl aufgelegt. Gleichzeitig hat das Musikerinnen-Kollektiv Ladies Artists Friends den Vorverkauf für ihr zweites Konzert begonnen. 

Und unsere Freundin Andrea Rothaug vom RockCity Hamburg e.V. hat uns mit der größten Nachricht beglückt: Der Verein hat eine eigene Interessenvertretung namens musicHHwomen – art.business.media gegründet.

Im Rahmen eines Frühschoppens versammelten sich 50 selbständige Musikfrauen aus den Bereichen Art, Business und Media im St. Pauli Club kukuun, um die neue Plattform zu initiieren. Neben Qualifikation, Evaluation, Präsentation, Jobvermittlung, Mentoring-Programm, Training, Politik, Nachwuchspflege und Netzwerktreffen wird musicHHwomen auch eigene Formate entwickeln, die Frauen die Arbeit in der Musikbranche erleichtern.

Andrea Rothaug dazu: »Die gezielte Förderung von Frauen in Führungspositionen, als Urheberinnen oder Firmeninhaberinnen in der Musikbranche ist uns ein besonderes Anliegen.“

Drei Zahlen zum Verdeutlichen:

  • Anteil der Mitgliedsunternehmen des VUT, die von Frauen geführt werden: 7,4 %
  • Anteil von Frauen auf Festivals: unter 8 %
  • Anteil von Produzentinnen, Schlagzeugerinnen, Frauen in Führungspositionen, Labelbetreiberinnen in Hamburg: unter 6 %.

Wir lesen uns Montag wieder, 

Jannes

 /Foto: RockCity Hamburg e.V.


Who the fuck is… Jannes Vahl*?

Jannes Kolumne SZENE HAMBURGVision von und für Hamburg 
Kein Schwarz und Weiß, Kreativität Tag und Nacht, Natur grün und blau. 
 Rezept zum Runterkommen bei zu hohem Lebenstempo 
Meditation. Basketball. Radfahren. 
Karma-Cocktail für ein korrektes Leben 
Rumcola. Und jeden Tag versuchen, ein besserer Mensch zu sein.  ?

*Jannes Vahl ist Clubkinder-Gründer und Inhaber der Agentur Polycore. Und gibt jede Woche bei uns seine persönliche Sicht auf seine Woche. 

Bedrohte Räume #12: Der Schilleropa – eine Archäologie der Unterhaltung

Irgendwas um die Zweitausender war es, da verknallte ich mich in den Senior.

Damals.

Als wir mit Flöten, Pfannen und Filmprojektoren hageldicht und auf allen Vieren durch den Schilleropa von Nils und Christopher krabbelten, um seinen einsturzgefährdeten Manegentrakt zu entern.

Die Nächte waren so wie ich sie mag: erregend, abgefuckt und vollgerümpelt mit gaffageflicktem Sperrmüll. Schummrig, verqualmt, ledrig.

Der versteckte Ort auf St. Pauli – ein geriatrischer Opa mitten in der Kinderdisko.

Damals. Da trug ich noch mein „Ring deutscher Makler – Der Terror geht weiter“-T-Shirt und schlief mit der Faust in der Tasche. Ich weiß noch, wie Benjamin Maack nach einer Lesung seinen Gedichtband abfackelte, er wollte Spiegeleier für die Leute braten.

Dutzende wunderbarer Bands und Erlebnisse, solange bis Nils und Christopher außen und innen so schrott waren wie der Schilleropa, den sie mit Leben füllten.

Damals. Und heute?

Während die Flora blüht, ist der Schilleropa immer noch an Armen und Beinen genagelt. Ein geschundener Körper aus dem Maden, Ratten und Geköter fliehen, in den Händen von raffenden Erben, bei denen sich nichts bewegt, außer die Pupille beim Blick auf den steigenden Wert ihres Baugrundstücks.

Wüsste Konstrukteur Gustave Eiffel, wie hier in Hamburg mit seinem Stahlskelett umgegangen wird, Erbrechen wäre nur eine von Einhundert möglichen Antworten.

Doch statt ihn zu schützen,  haben Schicksal, Eigner und Pächter dem Schilleropa 128 Jahre lang ein wirklich stinkendes Schnittchen geschmiert: Dutzende von Fehlnutzungen, Tauben, Ratten, Unwetter und ein klaffendes Loch wehen seit Jahrzehnten zum Doppel-A0 Fenster hinein.

Sterben ist wie schlafen, nur ewig, denke ich – der schöne Stahlopa als Kleinod frühindustrieller Tragwerksarchitektur, erhaltenswerter Erinnerungsort in jeder Faser seines Seins, Künstler von Rang, Manege, Arena, Rundbau, Amphitheater. Der letzte Zirkusbau seiner Art in Deutschland, buchstäblich filetiert, abgenagt, dem Verfall und Sterben hingegeben, im vollen Bewusstsein, dass hier Schützenswertes vor die Hunde geht.

Doch dieser wichtige Erinnerungsort muss jetzt gerettet werden, ob als vegetierendes Opa-Mahnmal in Gentrifipauli oder zum Leben erweckter Kultursenior.

Deshalb gilt mein tiefster Knicks des Monats der Initiative zur Rettung des Schilleropas, denn sie treten den aktuellen Absichten der Eigentümer zur Befreiung des Denkmalschutzes mit Petition, Behörde und Wumms entgegen.

Du auch? Sign here, please:  http://bit.ly/2qAQDf4

Eure Raumsonde

Andrea

/ Beitragsbild: Ajepbah


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #11: Du sagst Köhlbrandbrücke? Ich sag Nirgendwo!

Welcome in the crazy Hamburger Nirgendwo. Diesmal habe ich einen Ort entdeckt, wie er prachtvoller gar nicht herumgammeln könnte.

Er ist das letzte Diadem des einstigen Gründerzeitstadtteils Neuhof und ein starkes schuhmacherartiges Gebäude, das der Vernichtung des Stadtteils entkommen scheint. Es ist die seit Dekaden leerstehende Schule von Hamburg Neuhof, einem Stadtteil im Nirgendwo, den es nicht mehr gibt.

Erst gestern war ich an dem eindrucksvollen Ort, spazierte über die wuchernden Grünflächen der Schule und strich mir die Gänsehaut glatt. Gruselig. Hier kämpfte einst ein ganzer Stadtteil gegen die Abrissbirne. Einfach weggefegt. Leer steht nur noch die Schule als letzte Bastion unter der Köhlbrandbrücke und empfiehlt sich einer Metropole, die nach Gutsherrenart ganze Viertel ausradiert.

Die alte Schule Neuhof ist nur eines der Mahnmale für die Machenschaften der städtischen Hamburg Port Authority, die im Hafen für alles steht, was nach geplantem Leerstand weggerissen wird, um einigen wenigen viel Knete zu bringen. Sie müssen verstehen, Frau Rothaug, unter wirtschaftlichen Aspekten, gna gna gna…

Ihr kennt mich, ich geb nicht auf. Ich bin eine optimistische Nervensäge, die sofort den Dachbalken nagelt, Pinselstrich hier, Rüschenborte dort und schon hab ich einen erregenden Raum, der um kulturelles Asyl bittet. Hier nicht. An diesem schmerzenden Ort schaudert es selbst hartgesottenste Raumschützer, denn hier schwingt die Abrissbirne der Stadt seit 1978 out of control. 40 Jahre profitöse Großmannssucht – ich gebe auf.

Hafenranderweiterung hieß es damals. Schöne neue Welt gewinnt gegen Gammelwelt und Billigwohnraum. Biff, Bang, Pow. Ritzeratze mit Krawumms. Staubwolken und das Rattern der Schaufellader am Grund einer angeblich verdorbenen Architektur. Die Köhlbrandbrücke kommt. Dann wird’s superschön, superneu, supergut. Hält ewig, hieß es, die heute faktial morsche Brücke, wie bräsig.

Stattdessen kam nix, nur eine gigantische Stadtbrache mit wunderschöner, dem Hinscheiden gewidmeter Schule.

Deshalb fordere ich: HPA, ihr Raffzähne, denkmalgeschützte Gebäude sind das Gedächtnis meiner Stadt.

Ob hässliche Fratze oder stolzer Pfau: Aussehen spielt keine Rolle. Geschmack spielt keine Rolle. Es geht um Kultur, um Stil und Erhalt. Deshalb fordere ich die Schule dem freien Markt zu entreißen, einen Fonds zu gründen, der sich um Instandhaltung und Vermietung kümmert und sie endlich den heilenden Händen der Kulturaktivisten zu lassen.

Eure Raumsonde

Andrea

/ Foto: Leerstandsmelder.de


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf  Ihrer Website

Bedrohte Räume #10: Das Backstein-Drama von Billbrook

Ich trage seit gestern Schwarz. Meine Schminke ist noch verwischter als eigentlich üblich und aus meiner Nase tropft Rotz.

Weshalb?

Tja, mir steht einmal mehr ein Raumbegräbnis ins Haus. Dabei weiß ich es längst. Viele geliebte Backsteine wurden mir schon unterm Hintern weggerissen. Doch heute geht es um ein unerhört wichtiges Zeugnis Hamburger Industriegeschichte,das für den Profit der Immobilienhaie platt geackert werden soll: Die Metallfabrik an der Bille. „Das ist Mord!“, höre ich die Denkmalschützerin rufen. „Das ist öffentliches Interesse“, skandiert der Schlips im edlen Zwirn und forciert den Totalabriss. Ja, was denn nun? „Mord“, sage ich, denn Backstein ist mein Leben. Backstein prägt das Gesicht meiner Stadt und meiner Identität.

Er ist die steingewordene Haut einer Architektur, hinter der meine Oma noch ihre Milchsuppe kochte.

Was hier passiert, ist einSkandal, denn ECE, HERMES und OTTO verordnen die Planierwalze für Billbrooks Industriegeschichte.

Und anstatt Bürgerbeteiligung und Teilhabe beschließen sie für ihr Logistikzentrum die Schlachtung des gesamten Denkmalensembles. Dabei ist die ehemalige Metallfabrik an der Bille nicht nur ein letztes Zeugnis dieses prägenden Baustoffs, sondern auch ein historischer Produktionsort, der zum spannenden Kulturort hätte werden können. Ich fordere deshalb die sofortige Reanimation dieses wichtigen Ortes historischer sowie seine Rückführung zu eben diesem Zweck: urbane Identität fördern und Billbrook sein Gesicht zurückgeben, bevor es zur hässlichen Fratze wird.

Oder ich sag’s mit Ernst Jandl: Ottos Mops kotzt. Otto: Ogottogott.

Eure Raumsonde

Foto: Dirtsc (Beitragsbild); Katja Ruge 


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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

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Bedrohte Räume #8. Zu laut! Zu einfältig! Zu arm!

Hamburg will Musikstadt sein, dann bitte konsequent!

Ja, so kennen wir Euch, ihr Anwälte, Ärztinnen und Kontorhaushocker. Ihr gelackmeierten Brüder und schönstudierten Schwestern. Schon bei Tagesanbruch müsst ihr eure teuren Ferragamos über lallende Barden nötigen, um die geliebte Schreibstube zu erreichen. In der Mittagspause: Kongas & Keyboards from all around the world. Zum Coffetogo: Spießrutenlauf in Spazierstocknähe durch den musikalisch versifftesten aller Instrumentenparks: die Spitalerstraße. Gar nicht spacey.
Überall musikalische Dillettanten und klampfende Hobbybarden, die alle 30 Minuten 150 Meter weiterziehen und doch jedem denselben Takt blasen. Und am Abend? Oh je, verlauste Akkordeonisten ohne Abschluss rücken euch mit dem immer gleichen Lied auf die gekürte Pelle. Auf Matrosen – ohe! Einmal muss es vorbei sein. Spitalerstraße, Rathausmarkt und Alsterarkaden, das sind doch keine Spielwiesen, das sind no-go-Areale.

Aber Moment einmal… Wieso statt gefordertem Verbot nicht avantgardistische go-go Areale unserer Freien und Musikstadt Hamburg? Wieso nicht eine Idee für alle? Musik hat einen Wert.

Inspiration. Komposition. Elbvieh. Eigentlich schön, oder? Was für eine Vision, ihr Anwälte, Ärztinnen und Kontorhaushocker: Demo in Hamburg als first Ciddy of Rock. Banker und Klampfbarden Arm in Arm. Mopsrocker, Panflötisten und Dougletten beim Einsingen in der Haspa Schalterhalle. Der Chor der achtziger, siebziger, sechziger und falschen Fuffziger, vielleicht noch ne Prise Klassik im Späti oder doch im Elbvieh, da glitzert es so schön?

Ich sage ja, denn eure Umsatzeinbußen, Nervenkostüme und Tinniti sind eure Privatsache.

Die öffentlichen Plätze auf denen wir lustwandeln, sind Allgemeingut. Hamburg will Musikstadt sein und damit habt auch ihr den musikalischen Auftrag: „Support your local artist!“ Wir alle machen das gerade. Jeder hier, außer ihr! Stattdessen wollt ihr den inspirierenden raum- und mittellosen Künstlern den Mund verbieten?

Seid ihr echt so fantasielos oder ist nur ein PR Gag? Zwischen Grundeinkommen, Swing-Penny, Offenheit, Liebe und Humor gibt es ca. hundert geile Lösungen ohne Verbot, die den bedrohten Raum Spitalerstraße vor der kulturellen Verarmung retten. Lasst dieser Straße und mit ihr den Künstlern ihre Identität, sonst findet eure räudige Brut ihre Antworten auf die kulturelle Armut im Land bald nicht mehr auf dem Weinberg, sondern nur noch im Sturmgewehr. Aber dann seid ihr selber schuld.

Eure Raumsonde

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Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

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Bedrohte Räume #6. Der Schnackomat im öffentlichen Raum

Nur 20 Pfennig und meine Welt war gelb. Andrea Rothaug über die Ära der Münzfernsprecher

Nur 200 Meter lang war er, der Weg von der Haustür zur gelben Kabine mit Strippe, Drehscheibe und zerfledderten Telefonbüchern, in der wir heimlich qualmten und die ersten Gehversuche in Sachen Gagbranche starteten.

„Halloooooo??? Haaaaaallo??? Ja, wer is’ denn da?“ näselte es aus dem Hörer.

„Guten Tag, Frau Schnipkoweit, hier ist der Chef von Karstadt. Sie haben bei uns einen Vibrator bestellt!“

„Was? Iiiiich? Nie im Leben? Das war ich nicht!“

„Doch, Frau Schnipkoweit, das waren sie und wir bringen Ihnen den jetzt vorbei!“

„Nie im Leben, Ihr Schweine!“ Frau Schnipkoweit schlug den Bakelit-Hörer auf die sogenannte Gabel.

Ach, schön war das, damals in der Ära des Münzfernsprechers. Anonyme Anrufe. Nur 20 Pfennig und meine Welt war gelb.

Ich war derart verknallt in diese Schnackomaten, dass ich später verschiedenste Szenarien der auf einen Quadratmeter beschränkten Lebensführung entwarf. Urlaub in der gelben Zelle: Ich schaffte zwei Nächte. Grillen in der Kabine: Ich schaffte keine 10 Minuten. 24 Stunden Disko: machbar ohne rauchen. Meine liebste Gymnastik aber war der Versuch, zu ermitteln, wie viele Menschen in der Mini-Klause Platz finden. Mehr als sieben Leute – unmöglich. Es folgten Mini-Bibliothek, Erbsen-Büro, Eigentumszelle, Tindertreff oder Käseplattenhort. Doch dann schlich sich die Digitalisierung ins Revier: Vom Telefonhäuschen zur offenen Telefonhaube TelHb82, auch für Rollstuhlfahrer geeignet, war es nur ein Hüpfer. Es folgte die TeleCom-Terrorzelle in Chromenta, natürlich nur mit Karte zu bedienen, bis hin zum faden Metallpfosten mit Sprechgerät, der nun so gar keinen intimen Komfort mehr bot.

Es ist vorbei mit der schallgedämmten gelben Zelle und der herrlich veratmeten Spuckeluft. Vorbei auch die Zeit der Zelle als Quelle der Kunst: Inspector Spacetime und der Doktor reisen stets in Telefonzellen, Harry Potter & Mr. Weasly reisen per Telefonzelle ins Zaubereiministerium und Melissa Benoist kann ohne die Kabine nicht mehr in ihr Alter ego Supergirl schlüpfen. Sind wir verloren?

Keineswegs! Ich werde jetzt die Wiederbelebung der Telefonschatulle als Kulturbox initiieren, mit Ausstellungen, Flash Mobs, Musik, Büchern, kurz allem, was mit Kultur und Anfassen zu tun hat. Verschwiegenes Telefonieren im öffentlichen Raum? Das geht ab heute in Dixieklos, da sparen wir Zeit, frönen dem Multitasking und haben neben Mund, Augen und Ohren auch noch die Nase im Team!

Eure Raumsonde Andrea Rothaug

Foto oben: Fotolia


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