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Clubkultur – Doin‘ the Hop

Seit Jahren erfährt Swingmusik ein großes Revival. Hamburg gehört zu den Hochburgen der Szene. Regelmäßig treffen sich Tanz- und Musikbegeisterte, um in den Clubs der Stadt stilecht zu feiern. Ein Ortsbesuch.

Sie trägt ein rotes 40er-Jahre-Wickelkleid mit Kreismuster und einen Cocktail-Hut mit Netz. Wie viele andere an diesem Abend im Nochtspeicher, erscheint Inga in Tanzschuhen mit leichtem Absatz. Sie hat sich schick gemacht. Ihr Freund Holger präsentiert sich passend dazu mit Hemd, Bundfaltenhose und Hosenträgern. Einmal im Monat verwandelt sich der Club in der Bernhard-Nocht-Straße 69 in einen „Ballroom“, ähnlich wie in den 20er, 30er und 40er Jahren des glamourösen New York. Dort entstand der Swingtanz Lindy Hop und die Gäste der Dockside Swing Party im Nochtspeicher sind hier, um zu tanzen. Viele sind wie Inga und Holger dem Zeitgeist entsprechend gekleidet. Inga erzählt: „Für mich ist es eine richtige Kultur. Ich trage schon seit vielen Jahren auch privat immer wieder Kleidung im 40er-Jahre-Stil.“ Seit zwei Jahren tanzen sie und ihr Partner Holger zusammen. „Wir sind oft auf Swingtanzveranstaltungen und genießen es sehr.“ Holger spielt Posaune, daher verbinden sie auch sonst viel mit der Musik.

Wie der 36-Jährigen geht es vielen Menschen in Hamburg.

Sie freuen sich über jede Swingtanzparty, die die Hansestadt zu bieten hat.

Das weiß auch Veranstalterin Nina Kamp. Zusammen mit ihrem Partner Konstantin betreibt sie die Swingwerkstatt. Wenn sie davon erzählt, was hinter der Swingtanzkultur steckt, kommt sie ins Schwärmen, fast so als sei sie bei der Entstehung dabei gewesen: „Lindy Hop ist die populärste Swingtanzart weltweit. Sie hat ihren Ursprung in Harlem, New York. Eine Tanzart, die nicht in Studios entstanden ist, sondern im Volk – genaugenommen durch afroamerikanische Jugendliche.“ Damals gingen die Menschen abends in Ballrooms, wo Bands spielten und sie dazu tanzen konnten. Der rhythmische Paartanz Lindy Hop bietet dabei viel Freiraum für Improvisation der Tänzer.

Doch Lindy Hop ist nicht die einzige Swingtanzart. In den frühen 20er Jahren tanzten die Menschen Twenty Partner Charleston. „Den kennt man aus Filmen“, sagt Nina, „da tragen die Frauen immer die Charleston Kleider.“ Die Tänzer haben twistende Füße und Knie und tanzen in einer sehr engen Position zum Partner. „Das ist ganz anders als beim Lindy Hop.“ Außerdem gibt es hier keine festen Partner, man wird aufgefordert und inspiriert sich gegenseitig. Zudem tanzt man Lindy Hop in einer „Open Positon“, steht also nur mit einer Hand mit dem Partner in Kontakt. „So viel Freiheit war damals völlig neu im Paartanz, auch im Vergleich zu Europa. Zu der Zeit sind auch schon Hebefiguren entstanden, die sich dann später im Rock ’n’ Roll wiederfanden. Damals in New York war Frankie Manning dafür bekannt.“

Swingen im Nochtspeicher: The Bandwagon Swing Orchestra. Foto: Sofia Jansson – Mokkasin

Heute wird Lindy Hop in vielen Tanzschulen angeboten. Bevor Nina zum Swing kam, tanzte sie Salsa und wagte irgendwann in ihrem Tanzstudio einen Schnupperkurs. Für sie war alles neu, die Musik und die Art sich zu bewegen. „Ich war aber schnell so begeistert, dass ich den Anfängerkurs mitmachte.“ So hat sie Konstantin kennengelernt, der schon seit mehr als 15 Jahren Swing tanzt. Heute betreiben beide neben ihren Berufen die Swingwerkstatt, um ihr Hobby auszuleben. Ihnen ist es wichtig, nicht nur in Studios zu tanzen, sondern den Ursprung der Tanzkultur zu leben. Denn die ist für beide fest in die Ausgehkultur verankert. Deshalb feiern sie Abende wie im Nochtspeicher, wo derweil The Bandwagon Swing Orchestra zu spielen beginnt.

Die Band ist extra aus Stockholm angereist: das dritte Jahr in Folge. Die neunköpfige Truppe ist noch sehr jung, einige tanzen selbst Swing und so sind auch sie zur Musik gekommen. Sie spielen Posaune, Trompete, Saxofon, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Banjo und Bass. Nina freut sich: „Es ist immer sehr besonders, wenn sie da sind. Sie machen Party auf der Bühne und für die Menschen auf der Tanzfläche.“ Voller Energie und Herzlichkeit, das finden auch Inga und Holger. Sie sind mitgerissen. Dockside Swing im Nochtspeicher gibt es einmal im Monat. Auch an den anderen Abenden, an denen die Stockholmer Band nicht spielt, geht es schwungvoll zur Sache. Swingbands und Jazzmusiker aus ganz Deutschland stehen bei den Events auf der Bühne.

Doch nicht nur Livemusiker, widmen sich dieser Musikrichtung, sondern auch DJs, mit denen die Swingwerkstatt zusammenarbeitet. Als Nina vor 17 Jahren auf den Tanz aufmerksam wurde lebte Swingin’ Swanee noch in Hamburg. „Sie ist ein bekannter Swing DJ und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Hamburg die Swingtanzszene entstanden ist. Sie hat die Leute musikalisch nachhaltig geprägt“, so Nina.

Neben der Swingwerkstatt ist der Tanz auch in vielen Musikschulen der Stadt fest verankert. Und es gibt den Verein New Swing Generation, der ebenfalls dazu beigetragen hat, die Hamburger Swingszene aufzubauen und noch heute regelmäßig Veranstaltungen organisiert. Für Inga und Holger indes gibt es keine Swingtanzparty, die so so kultig ist wie heute im Nochtspeicher. Und so sind sie mit Sicherheit wieder dabei, wenn sich für einen Abend die Zeit 90 Jahre zurückdreht.

Text: Melina Seiler

Beitragsbild: Thomas Marek 

Swinging Ballroom Stage Club
25.5.18, 21 Uhr (mit 45-minütigem Crashkurs)

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Meet the Resident: Melbo

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im Januar 2017 ist Melbo an der Reihe. Gebürtig aus London, aufgewachsen in Wien, steht die 32-Jährige seit 2013 in Hamburg hinter den Decks.

Schrägster Gast- Kommentar: Du hast richtig gut aufgelegt, aber ich bin besser.

Platte des Monats: Ryan Murgatroyd – Something Said.

Lieblingsplatten:
Kruder & Dorfmeister – The K&D Sessions, Röyksopp – Melody A.M., Trentemøller – The Last Resort, Dj Shadow – Entroducing.

Größter Moment als DJ:
Ich habe einmal vor „nur“ drei Leuten aufgelegt, aber einer von ihnen ist nach meinem Gig zu mir gekommen und meinte, dass es wunderschön war und dass er sich so richtig fallen lassen konnte. Das hat diesen eigentlich bescheidenen Gig völlig aufgewertet und mich daran erinnert, dass es egal ist, vor wievielen Leuten man als DJ spielt. Das Wichtigste daran bleibt, dass man eine Geschichte erzählt, die jemanden berührt hat.

Was nervt in Hamburg:
Eindeutig das Wetter und der hohe Mietspiegel.

Party des Monats (Februar 2018): Recondite live (16.2.18, Uebel & Gefährlich, 24 Uhr) / Konzert: Mars Mobil im Jazz Café (1.2.18).

/ OMA 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Die DJane ist tot, lang lebe der DJ

Sexismus: Nachts sind alle Katzen grau. Und im Club sind alle Menschen gleich? Schön wär’s. Noch immer gelten Frauen an den Plattentellern als Exoten. Doch zum Glück steigt der Anteil weiblicher DJs – auch in den Hamburger Clubs.

Das Jahr 2017 wird als das in Erinnerung bleiben, in dem zahlreiche Skandale in der Medienwelt die Sexismus-Debatte neu entfachten – und es gab kaum eine Branche, die davon nicht betroffen war. Auch das sich stets als liberal gebende Musikbusiness, so ungern seine Akteure es auch wahrhaben wollen, krankt seit jeher an einem starken Ungleichgewicht von weiblichen und männlichen Künstlern, ungerechten Gagen und Diskriminierung. Diese Probleme, die struktureller Natur sind, machen vor der Clubtür nicht Halt. Denn auch in der elektronischen Musikszene werden – abgesehen von einigen Ausnahmen – weibliche DJs immer noch weniger ernst genommen als ihre männlichen Kollegen. Und statt um Fähigkeiten, geht es in der Regel eher um Äußerlichkeiten.

Bestes Beispiel ist der Fall um Konstantin, Mitbegründer des Weimarer Techno-Labels Giegling. Im Sommer 2017 echauffierte er sich in einem Gespräch mit dem Groove-Magazin über die Ungerechtigkeit, dass weibliche DJs derzeit so sehr gefördert würden – obwohl sie ja meist schlechter auflegten als Männer. Demnach wäre es für Frauen also wesentlich einfacher, als DJ Erfolge zu feiern, weil sie unverhältnismäßig große Unterstützung erfuhren.

Nicht nur bei vielen weiblichen DJs stößt diese Aussage auf großes Unverständnis. Fathia, die seit etwa zwei Jahren in der Hamburger Pooca Bar regelmäßig Deep House und Techno auflegt, meint: „Ich sehe nicht, dass weibliche DJs großartig gehypt werden. Es gibt immer noch genügend Partys, bei denen gar keine Frauen gebucht sind.“

Dabei ist diese Entwicklung hin zur männerdominierten Branche, in denen Frauen, homosexuelle oder queere Personen nur eine Nebenrolle spielen, im Grunde paradox. Denn ihre Geburtsstunde feierte elektronische Clubmusik schließlich in den Schwulenbars von New York und Detroit. An Orten also, an denen die LGBTQ-Gemeinde Zuflucht fand und sich den Diskriminierungen des Alltags zumindest für ein paar Stunden entziehen konnte.

Dass die internationale Clublandschaft spätestens seit den 90er Jahren von heterosexuellen weißen Männern bestimmt wurde und Frauen und andere marginalisierte Personengruppen lange Zeit nahezu unsichtbar waren, bemerkte auch die Musikproduzentin Susanne Kirchmayr, die als Electric Indigo seit mehr als 20 Jahren in den Clubs dieser Welt auflegt. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, gründete die Österreicherin 1998 female:pressure – ein Verzeichnis von Künstlerinnen, DJs, VJs, Produzentinnen und Bookerinnen, die im Bereich der elektronischen Musik agieren und sich über eine Datenbank miteinander vernetzen können. Aktuell umfasst diese mehr als 2.000 Mitglieder aus 74 Ländern.

Yeşim Duman setzt sich für weibliche DJs ein.

Dass sich die Geschlechterverhältnisse jedoch langsam aber sicher verschieben, macht eine Studie deutlich, die alle zwei Jahre von female:pressure erhoben wird und die die Sichtbarkeit weiblicher Akteure in der internationalen Festival- und Clubszene beleuchtet. Aus der aktuellen Auflage aus dem Herbst 2017 geht hervor, dass der Anteil an weiblichen Acts, der 2012 noch bei 7,4 Prozent lag, sich 2016 auf 24,6 Prozent erhöht hat, auch in Hamburg.

Einen Teil dazu trägt Bruna bei, die mit dem Projekt „Bruna & Paul“ zum Hamburger Somnium-Kollektiv gehört und seit einigen Jahren unter anderem regelmäßig im Hafenklang an den Decks steht. Weil in unserer Gesellschaft Männer und Frauen eben noch nicht gleichgestellt seien, spiele der Feminismus und die Sensibilisierung dafür nach wie vor eine große Rolle, meint die 26-Jährige: „Ich habe, seitdem ich selbst auflege, immer versucht, mich mit anderen weiblichen DJs zu vernetzen, weil mir der Zusammenhalt und die Solidarität sehr wichtig sind. Ich halte auch nichts von Konkurrenzdenken, sondern sehe den Austausch mit anderen DJs viel mehr als eine Bereicherung an.“

Diesen Ansatz verfolgt auch Yeşim, deren selbst veranstaltete Partys, wie zuletzt „Erdogay“ im Golden Pudel, auch immer mal wieder mit einem rein weiblichen Line-up aufwarten – ohne dass sie das beabsichtigt hätte. Fathia dagegen sieht diese „Female DJ Partys“ kritisch, da sie die Gefahr eines umgekehrten Sexismus bergen, eben weil sie Männer komplett ausschließen. Worin sich jedoch alle einig sind: Die Lösung des Problems kann nur darin liegen, sich vom Schubladendenken zu verabschieden. Ein wichtiger Schritt ist vermutlich dann getan, wenn Menschen endlich aufhören das Wort „DJane“ zu benutzen, bei dem sich vielen weiblichen DJs die Fußnägel hochrollen und das (Geschlechter-)Grenzen aufbaut, wo doch eigentlich keine sein sollten. Fathia bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Es geht doch bei der Musik um Vereinigung, um das Miteinander. Miteinander das Glück teilen. Und nicht um Egokram.“

Text: Katharina Grabowski

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!