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FoodSZENE: Veggie-Wunder aus dem Food-Labor

Jasmin unterwegs #6: Mehr Fleisch, mehr Soja, mehr bio. Wir brauchen gute Alternativen, um langfristig alle satt und glücklich zu machen. Wie zukunftsfähig ist Fleischersatz?

Es gießt in Strömen, als ich an einem Mittwochnachmittag in die Banksstraße einbiege. Zu meiner Linken das Großmarkt-Areal, rechts der Oberhafen. Ich laufe an Farmers Cut, Frischepost, Leev sowie an zig Obst- und Gemüselieferwagen vorbei, bis ich nach gefühlten Stunden das Deutsche Zusatzstoffmuseum erreiche. „Den Umweg hätten Sie sich sparen können“, begrüßt mich der Leiter des Museums in sachlichem Ton. Stimmt, der S-Bahnhof Hammerbrook liegt näher. Aber die Strecke entlang des Oberhafens ist zur Einstimmung sehr zu empfehlen. Da ich heute die einzige Besucherin bin, lässt sich Christian Niemeyer spontan auf eine ausgiebige Fragestunde ein. In meinem Beutel habe ich Fleischersatz-Produkte dabei, darunter ein brandneues auf der Basis von Erbsenprotein. Ich möchte wissen, ob sie eine echte Alternative zu tierischem Eiweiß bieten. Als sogenannte Flexitarierin greife ich darauf hin und wieder zurück. Die Klassiker Hülsenfrüchte, Saaten und Nüsse sind zwar weniger fancy, aber immerhin altbewährt. Sie gehören neben Fleisch auf den Ernährungsplan eines jeden Leistungssportlers.

Pflanzliche Ernährungsstile liegen im Trend.

Pflanzliche Ernährungsstile liegen im Trend. Aus gutem Grund: Die Weltbevölkerung wächst und wächst, während die Produktivität vieler Agrarflächen abnimmt. Monokulturen und Überweidung belasten die Umwelt. Aber womit die Fleischgewöhnten sättigen? Bei Rügenwalder Mühle heißt die Antwort Soja, Eier und Rapsöl. Auf das vegetarische Schnitzel schwören viele, der Unterschied sei kaum zu schmecken. Bei der Firma Quorn kommt als Eiweißquelle das Pilzgeflecht Myzel zum Einsatz, die niederländische Marke Valess nutzt Milcheiweiß. An zweiter Stelle liest man dann schon die Aromastoffe. Außerdem: Trockeneiweiß für die Bindung, Gerstenmalzextrakt für die Farbe, texturiertes Weizeneiweiß für die Struktur, Methylcellulose als Füllstoff. Puh, ganz schön viel drin. „Das zeigt einfach, dass es sich um Spezialprodukte handelt, die ganz bestimmte Anforderungen erfüllen müssen“, erklärt Niemeyer, während er die Produkte in der Hand dreht. „Die Veggie-Schnitzel müssen ja in der Pfanne ihre Form behalten, um sie anbraten zu können. Dahinter stecken komplizierte Herstellungsprozesse.“ Der studierte Biologe räumt allerdings ein, dass einige Zusatzstoffe kritisch gesehen werden müssen. Methylcellulose beispielweise fördere bestimmte Bakterien im Darm, die Entzündungsprozesse auslösen können. Und preislich? Zwei vegetarische Schnitzel kosten durchschnittlich 2,99 Euro. Im Vergleich zur erzielten Gewinnspanne der Unternehmen sei das aber nicht günstig, meint Niemeyer. Die verwendeten Inhaltsstoffe kosteten kaum etwas. „Nur deshalb ist Fleischersatz für die Industrie so interessant geworden“, stellt er trocken fest.

Das Food-Start-up Amidori setzt auf die Erbse

Dann ist da aber noch die Sache mit den Sojabohnen. Zeitweise herrschte der Irrglaube, gentechnisch veränderte Sojabohnen von südamerikanischen Monsterplantagen würden im Tofu verwendet. Stimmt aber nicht. Die landen im Tierfutter (ob es das besser macht?). Unsere Tofu-Sojabohne hingegen wird in Europa angebaut. Friedrich Büse, Gründer des Food-Start-ups Amidori, will aber trotzdem nichts von der asiatischen Wunderbohne wissen. Für seine Produkte setzt er auf eine heimische Hülsenfrucht: die Erbse. Laut eigener Aussage wird sie ressourcenschonend und ohne chemische Zusatzstoffe zu Fleischähnlichem – Crunchlets, Sticks oder Pulled – verarbeitet. „Der Einsatz von Erbsenprotein ist keine Neuheit“, weiß Niemeyer. Das erste Fertiggericht, die Erbswurst, wurde schon 1866 erfunden. Als Trekkingfutter findet sie noch heute Verwendung.

Wer wissen möchte, was man mit den Produkten von Amidori alles anstellen kann, schaut am 25. März 2018 beim Pottkieker Festival in der Rindermarkthalle vorbei. Auf jeden Fall aber empfehle ich einen Besuch im Zusatzstoffmuseum. Hier kann man sich spielerisch darüber informieren, was Etiketten verschweigen. Zu meiner Recherche gehörte übrigens noch eine weitere Proteinquelle: Insekten. Sie sollen das Nahrungsmittel der Zukunft sein. Meine Kollegin Alessa Pieroth hatte ich schon so weit, sie mit mir bei Salt & Silver zu testen. Da waren sie aber gerade aus. Das holen wir nach!

Deutsches Zusatzstoffmuseum, Banksstraße 28 (Hammerbrook), Telefon 32 02 77 57

 


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

 

FoodSZENE: Craft and Caviar

Das neue Start-up Craft & Caviar aus Hamburg pimpt dein Frühstück.

Einer, der sich auf ganz feine Produkte versteht,ist der Hamburger Hobbykoch Michael Szelwis. Mit seinem Pop-up-Restaurant „Benedict Club“ sorgt er seit Ende 2015 dafür, dass das kultige New Yorker Katerfrühstück – pochierte Eier auf Röstbrot mit Sauce Hollandaise – mittlerweile auch den Hamburgern ein Begriff ist. Während eines Besuchs auf der Seafood Expo Global ist der gelernte Maschinenbauingenieur erneut entflammt: für Kaviar. Aber nicht so ollen, salzigfischigen Buffet-Kaviar, sondern richtig richtig guten. Vom Amur Stör aus der chinesischen Region Fujian, bekannt für ihre Berge und Küstenstädte. Die Störzucht kostet viel Zeit und Geld: Bis die Weibchen Rogen tragen,vergehen im Fall des Amur Störs ganze zehn Jahre. Wer seinem Frühstück oder Essen mal das gewisse Etwas verpassen möchte, kann das Schwarze Gold inklusive Rezeptideen über Michaels frisch gelaunchten Onlineshop Craft &Caviar beziehen.

Text: Jasmin Shamsi


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Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

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Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

FoodSZENE: Food Love statt Food Waste

Jasmin unterwegs #5: Bewusster Genuss. Warum blindes Konsumieren teuer und ressourcenzehrend ist und was wir vom Buddhismus lernen können.

Da sitzen wir wieder auf unseren Bergen von Kunststoffabfällen. Seit Beginn des Jahres hat China dem Import von Plastikmüll aus dem Ausland einen Riegel vorgeschoben. Dort will man jetzt in den Aufbau einer eigenen Kreislaufwirtschaft investieren. Das Problem ist: Die Kapazitäten für das Recyceln von Kunststoff sind in Deutschland schon lange am Limit. Ein Großteil wird verbrannt – ist ohnehin viel billiger. Muss das sein?

In Hamburg gibt es mittlerweile eine Reihe von Läden, die ausschließlich unverpackte Lebensmittel anbieten: Stückgut in Ottensen, Twelve Monkeys in St. Pauli, Bio.Lose in Eimsbüttel oder auch Ohne Gedöns in Lemsahl-Mellingstedt. Außerdem wollen Initiativen wie „Refill it!“, ein Mehrweg-Pfandbecher-Poolsystem von El Rojito, dem unverhältnismäßigen Pappbecherverbrauch ein Ende setzen.

Wo wir beim Thema Lebensmittel sind: Auch davon landen hierzulande jährlich tonnenweise im Müll (wenn ihr’s genau wissen wollt: pro Person und Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm). Das Fatale: Ein nicht geringer Teil der weggeworfenen Lebensmittel ist durchaus noch genießbar. Wie kann das sein? Falsche Einkaufsplanung, schlechte Lagerung oder auch unzureichende Kenntnisse über die Weiterverarbeitung von Lebensmittelresten sind nur einige der Gründe. Plattformen und Apps wie „Zu gut für die Tonne“, „ResQ Club“ oder „foodsharing“ bieten innovative Lösungsansätze.

Die Küche der Achtsamkeit: Das japanische Soulfood Ochazuke kombiniert Reis mit leckeren Toppings und einer Brühe aus grünem Tee. Foto: Kathrin Koschitziki / Verlag Antje Kunstmann

Überangebot und niedrige Lebensmittelpreise haben dazu beigetragen, dass wir Nahrungsmitteln nicht mehr genügend Wertschätzung entgegenbringen. Hand aufs Herz: Wer hat den Lebenslauf der verschiedenen Gemüsesorten auf dem Schirm? Bis eine Möhre reif ist, braucht sie zwei Monate Zeit. Rote Bete wird nach drei bis vier und Rosenkohl nach fünf bis sechs Monaten geerntet.

Klassischer Gemüseanbau ist betreuungsintensiv und hat seinen Preis. Bei Discountern gibt’s Rosenkohl in Großpackungen à 0,50 Cent. Wenn da die Hälfte verdirbt, juckt das doch niemanden, oder? Wo ist der Haken? Dass wir dafür indirekt doppelt zahlen!

Jedes Lebensmittel – auch das billige – verbraucht für seine Herstellung wertvolle Ressourcen. Werfen wir es in die Tonne, zahlen wir sogar drauf, weil auch der Abtransport Energie benötigt. Außerdem, und das ist vermutlich den wenigsten bewusst, unterstützen wir mit dem Kauf von Billigprodukten den harten Wettbewerb im deutschen Einzelhandel. Den Preisdruck kriegen die Lieferanten und Erzeuger zu spüren: Um bestehen zu können, müssen sie an der Qualität der Inhaltsstoffe sparen, Kürzungen beim Umweltschutz vornehmen, die Lohnkosten senken. Auch dafür tragen wir am Ende die Rechnung.

Tainá Guedes: Die Küche der Achtsamkeit, Verlag Antje Kunstmann, München 2017, 208 Seiten, 28 Euro

Das Zauberwort heißt: bewusste Esskultur. Genießen lernen. Noch ambitionierter: Ernährungsbildung von klein auf. Tainá Guedes’ neues Kochbuch „Die Küche der Achtsamkeit“ mag an der einen oder anderen Stelle etwas radikal und spirituell klingen – aber es hat mir definitiv die Augen geöffnet, was die vielfältigen Möglichkeiten der Resteverwertung, aber auch einen respektvollen Umgang gegenüber unserem Essen betrifft. Dabei bezieht sich die gelernte Köchin, Food-Aktivistin und Künstlerin auf ein Konzept aus dem japanischen Buddhismus: Mottainai. Was so viel meint wie: reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten, Dankbarkeit zeigen. Ein Ansatz, der auf alle Lebensbereiche übertragbar ist.

Am 27. April 2018 zeigt Köchin und Kochbuchautorin Sophia Hoffmann in der Kurkuma Kochschule, wie Zero Waste Cooking geht. www.kurkuma-hamburg.de


 Yin und Yang

Caroline Franke, Daniel Schieferdecker: Forever Yang, Umschau Verlag, Neustadt an der Weinstraße 2017, 272 Seiten, 29,95 Euro

Stichwort Esskultur und Buddhismus: Nicht nur in Japan geht es beim Essen um Gemeinschaft, Kultur und Tradition, auch in China sieht es ähnlich aus. Isst man auswärts, bestellt man üblicherweise mehrere kleine Gerichte für alle mit. In China ist die Ernährung eine lebenslange Form der Gesundheitspflege, also viel mehr als bloße Nahrungsaufnahme (Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht und Diabetes sind tatsächlich eine relativ neue Erscheinung). Die Fünf-Elemente-Lehre sowie das Konzept von Yin und Yang spielen hierbei eine wichtige Rolle. Davon konnten sich Kochbuchautorin Caroline Franke und Journalist Daniel Schieferdecker selbst überzeugen, als sie 2016 durch China reisten. Von wegen fettig, fleisch- und glutamatlastig: In ihrem Reise-Kochbuch „Forever Yang“ versammeln sie viele tolle Rezepte, die die chinesische Küche in einem neuen Licht erstrahlen lassen.

 

Texte: Jasmin Shamsi

 

 

 


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

 

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Haco – Klar zur Wende!

Das muss man sich auch erst einmal trauen! Björn Juhnke reißt mit seinem Restaurant Haco auf St. Pauli das Ruder ganz radikal rum. Von handfester Kiezküche zu saisonal orientierter nordischer Küche. Von Backbord auf Haco.

Ersteres ist das Lokal, das hier vorher war, mit einfacher Kiezküche à la Schnitzel und viel Bier. Haco ist der neue Laden von Björn Juhnke, abgekürzt von „Hamburg Corner“, in dem er nun eine saisonal orientierte nordische Küche anbietet. Eine Wende um 180 Grad. Und so lautet auch sein Küchen-Motto. Das ist nämlich der Radius, aus dem er seine Produkte bezieht. Bedeutet im Klartext: Er zieht eine horizontale Linie knapp südlich von Hamburg und kauft grundsätzlich nur Produkte, die nördlich davon ihren Ursprung haben. Nach oben (also nach Norden) setzt er sich dabei keine Grenzen. Doch das ist nur Theorie. In der Praxis sieht das gut aus. Und schmeckt auch so.

Vier vegetarische Gänge gibt’s als Menü für 40 Euro, mit Fisch und Fleisch kommen 9 Euro dazu. Man kann aber sowohl innerhalb des Menüs variieren als auch jeden Gang einzeln bestellen. Der gebratene Kopfsalat mit Skyr (ein isländischer Verwandter vom Quark) ist etwas simpel geraten, die Gurkenstreifen mit Austernmayonnaise ein schöner Ausflug ans Meer. Bei der Brokkolisuppe mit gebratenen Röschen und Onsen-Ei zeigt Juhnke, wie man mit gutem Handwerk und dem langsam bei Niedrigtemperatur gegarten Ei auch aus etwas scheinbar Gewöhnlichem etwas Köstliches machen kann. Eine Wucht ist auch der grüne und weiße Spargel, der nicht nur perfekt gegart ist, sondern auch von einer Sauce hollandaise begleitet, die durch braune Butter süchtig macht. Die Lachsforelle mit Sanddorngel und Queller (einem fleischigen Salzwiesengewächs) gefällt uns mit kräftigen Aromen und unterschiedlichen Texturen: Säuerlich- fruchtiger Sanddorn, knackig- salziger Queller – sehr gut. Der vegetarische Karotten-Sellerie-Eintopf ist in Ordnung, die Maibockkeule mit gebratenem Spitzkohl und Urkarotte deutlich besser. Kaum zu verbessern ist der gepökelte und im Vakuum gegarte und dann kross gebratene Schweinebauch. Perfekt dazu die Zwiebelvariation mit einem Röstzwiebelpüree, von dem man eine ganze Schüssel voll löffeln könnte. Die Desserts stehen dem in nichts nach: weder die Variation aus Rhabarber, Milchschokolade und Veilchen noch der Frischkäse mit Erdbeeren und Sauerampfergranité. Highlight aber sind die Tapioka-Perlen zum Frozen Joghurt und zitronigem Biskuit, die sich mit Waldmeister-Sud vollgesogen haben und intensiv und trotzdem natürlich schmecken.

Die Weinkarte mit deutschem Schwerpunkt ist fair kalkuliert, der Riesling vom Weingut Künstler hat genug Kraft und Charakter, um es mit Fleisch und Fisch aufzunehmen. Was noch fehlt, damit Kiez und Topküche richtig fusionieren, wäre etwas gemütlicheres Licht, ausgefeiltere vegetarische Gerichte und ein Service, der noch eine Spur lässiger sein könnte. Dann reißt das Publikum das Ruder sicher mit herum. Von Backbord auf Haco.

/ BEN 

Restaurant Haco: Clemens- Schultz Straße 18 (St. Pauli), Telefon 74 20 39 39, Di-Fr 12–15 und 18–24, Sa 18 –24 Uhr; www.restaurant-haco.com

SomeDimSum – Lecker, laut, voll

In der Weidenallee in Eimsbüttel verbindet diese asiatische Futterstube Teigtaschentradition mit gelungenen Fleisch- und Gemüse-Neukreationen.

Hui … ist das voll hier. Zum Glück haben wir reserviert. Als wir uns setzen, merken wir: es ist nicht nur voll, es ist auch eng. Und laut. Vielleicht ein Anfängerfehler des sehr jungen Restaurants in der Weidenallee – zumindest verzeihen wir es schnell, denn die Bedienung ist unverschämt reizend. Wir bestellen bei ihr zur Kühlung der erhitzten Köpfe schnell zwei Bier (Ratsherrn Pils für 3,50 Euro und Pale Ale für 3,80 Euro). Das geht runter wie Öl und passt zum Studium der erfreulich übersichtlichen Speisekarte. SomeDimSum bietet Plates (kleine Vorspeisen), vegetarische Nudeln und Dumplings (kleine Teigtaschen) mit herausragend klingenden Füllungen an. Letztere kann man gebraten oder gedämpft bestellen und hat die Wahl zwischen vegetarischem oder karnivorischem Innenleben. So ordern wir erst mal zwei „Kleine Köstlichkeiten“ aka Plates: Oma He’s Schweinebauch (4,90 Euro) und Pickled Cucumber (3,90 Euro) sowie die erste Runde Dumplings. Für 4,90 Euro bekommen wir je drei Teigtaschen à la Duck Delight (Ente und Wasserkastanie), Thai-Curry (Süßkartoffel und Lauchzwiebel) und Teriyaki-Beef (Rind mit geschmorten Zwiebeln).

Bis auf die Plates sind wir rundum glücklich – ein bisschen ängstlich vielleicht, dass der zweite Gang auf sich warten lassen wird, denn der Service müht sich zu zweit an etwa 90 Gästen ab. Also schnell dumplingmäßig nachgelegt mit Vegan Tofu (Glasnudeln, China- kohl und Shiitake), Spicy Backyard (Glasnudeln, Gewürztofu und Backyard-Spice) und BBQ-Pork (Überraschung: Schwein mit BBQ-Mix) – ziemlich gut. Dazu noch mal eine Runde Bier (Pluspunkt: die Auswahl passt zum Futterangebot). Und bis das Essen kommt? Die Wartezeit lässt sich sonst mit guten Gesprächen überbrücken – hier geht das gesprochene Wort leider konsequent über die halbe Tischlänge verloren. Also lieber zuprosten und verliebt gucken.

Der Nachbartisch ist nicht ganz so geduldig und fängt bald an zu mosern, da kommt zumindest unsere zweite Runde. Danach sind wir vollkommen gesättigt. Der hochgepriesene Cheesecake-Schaum muss noch reinpassen, tut er auch. Schmeckt aber nicht. Schade eigentlich, denn die Selbsteinschätzung auf der Karte stimmte schon beim „wahnsinnig leckeren“ Gurkensalat so gar nicht. Es war trotzdem ein geschmackvoller Abend. Die frische Vorwinterluft ist aber der bessere Nachtisch.

Text: Jenny V. Wirschky

Weidenallee 60 (Eimsbüttel), Telefon 41 12 51 11, Mo-Fr 12–15 und 17.30–22.30, Sa-So 14–22.30 Uhr; www.somedimsum.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

FoodSZENE Kinder – Hey Papis, wir müssen reden!

Warum sind Ernährungs- bzw. Erziehungsthemen oft Müttersache? Für Kai Bösel vom Online-Magazin DADDYlicous bedeutet das im Umkehrschluss: lauter verschenkte Chancen für Väter!

SZENE HAMBURG: Kai Bösel, bemuttern – gibt es dazu ein äquivalentes Wort für Väter?
Kai Bösel: Mmh, bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres 2016 hat es der Begriff „darthvadern“ (den Vater raushängen lassen) in die engere Auswahl geschafft. Ob es dieses Wort irgendwann in den Duden schafft, bleibt abzuwarten. Die Helikoptereltern sind dort bereits zu finden und stehen ebenfalls für übertriebenes „bemuttern“ durch beide Elternteile. Am passendsten wäre „bevatern“, das hört sich aber irgendwie nicht gut an.

Wenig Sympathie habe ich für den sogenannten „Sonntagsvater“, der sich nur einen Tag pro Woche mit den Kindern befasst.

Wie sieht es mit Rabenmutter aus? Fällt dir da was Gleichwertiges ein?
Na ja, der Begriff Rabenmutter ist über 600 Jahre alt und stammt aus einer Zeit, als die Rollen noch ganz klar verteilt waren. Die Mama hat sich um den Nachwuchs gekümmert und Papa war wilde Tiere jagen. Heute sind viele Kinder schon recht früh in der Fremdbetreuung, während die Eltern wieder arbeiten gehen. Wenig Sympathie habe ich für den sogenannten „Sonntagsvater“, der sich nur einen Tag pro Woche mit den Kindern befasst. Ich empfehle, abends zu Hause das Smartphone wegzulegen und den Fernseher auszulassen. Dann ergeben sich automatisch tolle gemeinsame Familienmomente.

2013 habt ihr das Online-Magazin DADDYlicious gegründet. Worum geht’s da?
Mein Kumpel Mark und ich sind 2012 beide Papas geworden. Auf der Suche nach Infos erschien uns das Netz zu sehr dominiert von rosaroten Mama-Blogs und -magazinen. Daher haben wir ein Jahr später unser eigenes Papamagazin gestartet. Seitdem testen wir Familienautos, interviewen interessante und manchmal prominente Väter, berichten vom Urlaub mit der Familie, checken Spielzeug und berichten Lustiges und Wissenswertes aus dem Väter-Kosmos. Aber nie mit erhobenem Zeigefinger!

Warum sind Väter in Bezug auf Themen, die Kinder(-erziehung) betreffen, medial wie gesellschaftlich so unterrepräsentiert?
Mütter haben über Jahrtausende gelernt, sich über ihre Sorgen oder den Alltag auszutauschen und gegenseitig zu helfen. Früher von Nachbarin zu Nachbarin, Mutter zu Tochter, später per Brief und heute durch die zahlreichen Möglichkeiten der digitalen Medien. Die Vaterrolle hat sich erst seit Ende des letzten Jahrhunderts verändert. Moderne Väter ziehen daraus ihren Nutzen, aber eigentlich ist alles noch ziemlich am Anfang. Firmen halten sich schon für sehr fortschrittlich, wenn ihre männlichen Mitarbeiter Elternzeit nehmen. Aber eben nur, weil es noch eine Ausnahme ist. Was passiert denn, wenn diese Väter zurückkommen und in Teilzeit arbeiten wollen? Huch, was für eine Frage. Das soll doch dann bitte die Mutter wieder machen. Gesellschaftlich wie beruflich gibt es da noch viel zu tun.

Die Situation am Zeitschriftenregal und im Internet ist somit ein Zeichen dafür, dass Väter wenig Vätermagazine kaufen.

Sollte es mehr Vätermagazine geben?
Die Nachfrage regelt das Angebot. Die Situation am Zeitschriftenregal und im Internet ist somit ein Zeichen dafür, dass Väter wenig Vätermagazine kaufen. Auch online scheint das Bedürfnis nach Mitteilung und Austausch bei den Müttern deutlich ausgeprägter zu sein. Wir merken aber, dass sich das Interesse bei den Vätern langsam entwickelt.

Als Frau sitzt man schnell in der Rechtfertigungsfalle, sobald man Kinder hat. Wie sah das bei dir aus, als deine Tochter zur Welt kam?
Mein Umfeld hat durchweg positiv reagiert. Und da ich selbstständig bin, musste ich mich beruflich nicht verändern. Mir wurden auch nie ungefragt Ratschläge erteilt. Im Gegenteil, ich habe sogar erlebt, mit dem Kinderwagen an der Treppe im U-Bahn-Schacht von allen Menschen ignoriert zu werden. Offensichtlich existiert die Ansicht, dass Väter keine Hilfe brauchen, sondern alles alleine schaffen.

Ich halte meine Tochter immer noch jeden Tag für das allergrößte Geschenk.

Wird man als frischgebackener Vater unterschätzt? Hat euch euer Magazin mehr Glaubwürdigkeit verschafft?
Wir sind nicht auf der Suche nach Glaubwürdigkeit. Ich halte meine Tochter immer noch jeden Tag für das allergrößte Geschenk. Daher verbringe ich wahnsinnig gerne Zeit mit ihr und setze mich mit Väterthemen auseinander. Über diese Themen, die mich beschäftigen, schreibe ich dann auf meiner Seite. Ehrlich und direkt, quasi mit Kompetenz durch Selbsterfahrung. Dieser authentische Schreibstil kommt bei den Lesern und bei Unternehmen ziemlich gut an.

DADDYlicious klingt nach Genuss. Wie und wo kann man in Hamburg mit Kindern entspannt essen gehen?
Wir waren schon immer große Fans vom Block House. Und daher sind wir ziemlich happy, dass deren Restaurants auch kinderfreundlich sind. Für kleine Gäste gibt es Malstifte und Spielzeug. Kinderstühle und genug Platz sind auch vorhanden und der Service ist entspannt und zuvorkommend. Für einen schnellen Kaffee mit Freunden waren wir häufiger im Balzac in Eppendorf. Da gibt es eine Kinderecke, die unsere Kinder eine Kaffeelänge beschäftigt. Oder auch zwei.

Was darf auf keinen Fall auf einer Kinderkarte stehen?
Am Ende sind Eltern verantwortlich für die Ernährung ihrer Kinder, nicht die Restaurants. Ehrlich gesagt, sind wir da total entspannt. Zum Glück isst unsere Tochter fast alles. Daher dürfen es ausnahmsweise auch mal Currywurst, Chicken Nuggets aus gutem Fleisch oder hausgemachte Pommes sein. Und danach zwei Kugeln Eis mit Streuseln und Schokosoße. Solange solche Menüs eine Ausnahme bleiben, ist das aus meiner Sicht absolut in Ordnung. Nur beim Trinken sind wir vorsichtig. Cola und süße Brause sind bei uns tabu. Es gibt nur Wasser oder Schorle.

Was können Hamburger Gastronomien in Bezug auf Kinderfreundlichkeit besser machen?
Kinderfreundlich ist ein Restaurant, das kleinere Kinderportionen anbietet oder auf Wunsch die Chilis in einer Soße weglässt. Ansonsten erlebe ich, dass die Hamburger Gastronomie recht positiv auf die Kleinsten reagiert. Nur wenige beschweren sich über Kinderwagen in den Gängen oder brüllende Kinder auf dem Schoß. Allerdings wünsche ich mir manchmal etwas mehr Akzeptanz durch die anderen Gäste. Zumindest während der üblichen Kinderzeit. Denn die kleinen Gäste können nicht immer stillsitzen. Das ist nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass die Eltern überfordert sind oder ihre Kleinen nicht im Griff haben. Auf der anderen Seite bin ich kein Freund von Eltern, die ihrem Nachwuchs gar keine Grenzen aufzeigen. Ich empfehle: alles zu seiner Zeit. Damit macht man wenig schlechte Erfahrungen.

DADDYlicous – Für Väter. Von Vätern.

Beitragsbild: Raimar von Wienskowski

Interview: Jasmin Shamsi

 


Foto: Raimar von Wienskowski

Kai Bösel, 45 Jahre, ist Patchwork-Dad (21, 20 und 5 Jahre) und kommt aus Hamburg. Nach der Geburt seiner Tochter gründete er 2013 mit seinem Kumpel Mark das Online-Vätermagazin DADDYlicious.de und 2015 die Influencer-Agentur BOOMblogs.

 

 

 


Dieses Interview finden Sie auch im neuen SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. 

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist ab sofort im Handel und zeitlos in unserem Onlineshop erhältlich.

FoodSZENE – Jasmin unterwegs #4

Schmackhafte Kleinigkeiten, klirrende Weingläser, eine kleine sbronza (Rausch): Warum es sich jetzt lohnt, einen Blick auf die italienische Aperitivo-Kultur in Hamburg zu werfen. Gönnt euch!

Zeit für Aperitivo!

Norditalien hat nicht nur ausgezeichnete Weine, sondern auch eine ausgeprägte Aperitivo-Kultur. Als ich während meines Studiums eine Zeit lang in Verona verbrachte, war die Piazza delle Erbe Dreh und Angelpunkt meines Soziallebens. Hier traf ich mich mit Kommilitonen abends auf einen Aperol Spritz, den wir in einer der zahlreichen Bars bestellten und dann draußen auf dem Platz oder den vom Tag erwärmten Steintreppen tranken.

Das orangefarbene Gemisch aus bittersüßem italienischen Likör, Sekt und einem Schuss Sodawasser war nicht nur das erschwinglichste Getränk bei rund 2 Euro, es war auch das gängigste. Mit einem Spritz in der Hand kam man ruckzuck ins Gespräch – ob mit Kommilitonen, einheimischen Berufstätigen oder Touristen (und davon gibt es massig in Verona, der Stadt von Romeo und Julia). Kein Aperitivo ohne Cicchetti: Für einen kleinen Aufpreis überbrückten wir mit lecker belegten Röstbrotscheiben– gegrilltes Gemüse, Sardellen, Eier, Prosciutto, you name it! – genussvoll die Zeit bis zum Abendessen. Jetzt wisst ihr, warum Italiener so spät essen.

Es kann den Tag beenden oder Anfang eines Abends sein, an dem man feiern geht.

Aperitivo ist ein schönes Ritual. Es kann den Tag beenden oder Anfang eines Abends sein, an dem man feiern geht“, sagt meine Freundin Francesca, die in Venedig studiert hat und heute in Udine lebt. In Venedig ist die Aperitivo-Kultur mindestens so stark ausgeprägt wie in Verona. Davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich Francesca einige Male zur Eröffnung der zweijährlich stattfindenden Kunstbiennale besuchte. Nach Ausstellungs- und Arbeitsende finden sich vor sagenhafter Kulisse Menschen aller Nationalitäten auf den Plätzen und Bootsstegen zusammen, um bei einem Glas Wein, Spritz oder auch GinTonic in der Hand den Feierabend einzuläuten. Man genießt die Kühle des Drinks, isst eine Kleinigkeit, verquatscht sich. Dazu gibt es die bereits erwähnten Cicchetti – in Udine nennt man sie übrigens Crostini und in Mailand Stuzzichino. Der Aperitivo Milanese sei aber noch mal etwas anderes, weiß Francesca. Er sei glamouröser. Man bezahlt eine Pauschale für alles, wobei weniger getrunken würde, dafür feinere Kost auf die Teller käme.

Holt die Aperitivokultur nach Hamburg: Das Standard in der Großen Freiheit. Foto: Standard

Jetzt habt ihr Lust bekommen, den nächsten Kurztrip nach Italien zu planen? Nicht nötig: Mitten auf dem Kiez hat Anfang 2017 eine Bar eröffnet, die die Aperitivo-Kultur nach Hamburg holt. Im Standard gibt es nicht nur extrem leckere Drinks – mehrere Spritz-Varianten mit hausgemachten Sirups, Negroni, Mules oder feine Weine –, sondern auch diverse Antipasti, die zu den Getränken gereicht werden. „Wer lange bleibt, wird belohnt“, lockt der Kellner augenzwinkernd. Man bestellt hier ein auf den ersten Blick nicht günstiges Getränk und lässt sich überraschen: angefangen bei Oliven über eine kleine Brotzeit oder Hummus mit Zitronennote bis zu Papardelle mit würziger Kürbis-Erdnuss-Paste. Verliebt habe ich mich in den Standard-Spritz mit Lavendelsirup, Rosenölund persischen Rosenblüten,die dekorativ auf der Oberfläche schwimmen und zwischen den Zähnen knistern (9 Euro). Auch Abstinente kommen auf ihre Kosten: Absolut empfehlenswert ist der Gurken-Spritz mit Gurkensirup, Zitrone und alkoholfreiem Sekt (9 Euro). Auf Holz oder Schieferplatten hübsch arrangiert, werden die Häppchen von der sympathischen Köchin Jasmin Baltres persönlich serviert.

„Wer lange bleibt, wird belohnt“, lockt der Kellner im Standard.

Überhaupt beweist die Kiezbar extrem viel Stil: Auf den langen Tischen stehen extravagante Blumenarrangements und bauchige Frankenwein-Flaschen mit aromatisiertem Leitungswasser. Unverputzte Wände bilden einen tollen Kontrast zur Marmortheke und im Badezimmer kann man sich mit Independent-Magazinen und dem Bestaunen von Kuriositäten die Zeit vertreiben. Im Hintergrund läuft Jazz und Bossa Nova. Musik – überhaupt ein wichtiges Thema im Standard. Auf Soundcloud sind mittlerweile vier Mixtapes online, die den Vibe der Bar ins eigene Wohnzimmer holen.

Standard, Große Freiheit 90 (St. Pauli),Telefon 36 94 66 33, Di-Sa17–22 Uhr; www.standard.hamburg


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de

FoodSZENE: Jasmin unterwegs #3

Lutz Bornhöft scheut keine Risiken und sattelte mit Cook Up – Culinary Gallery von der klassischen Gastronomie um zur experimentellen Kochschmiede.

Strahlende Augen, struppiger Bart, verschmitztes Lächeln – Lutz Bornhöft wirkt gar nicht wie einer, dem irgendwas zu viel werden könnte. Er sprüht vor Elan, lacht viel und weiß eine Anekdote nach der anderen zu erzählen. Zehn Jahre lang hat er das Restaurant Juwelier in der Weidenallee 27 geführt, dann war irgendwann Schluss für ihn: „Ich konnte und wollte nicht mehr. Ich stand in der Küche und war gleichzeitig Geschäftsführer. Das war weder beziehungstauglich, noch gut für den Körper.“ Catering-Aufträge, Juwelier Espressobar und Feinkostlinie, HFBK-Mensa und die Mietlocation Juwelier Studio gaben ihm den Rest. „Am Ende waren das sechs Standbeine, die ich zusammen mit meiner Geschäftspartnerin Katja Dietrich betreut habe. Das wurde einfach zu viel“, sagt Bornhöft und fährt sich energisch durch die blonden Haare. Geblieben ist aber vor allem eines: seine Passion fürs Kochen, am liebsten saisonal und mit hochwertigen Produkten aus der Region.

Ich war als Saucier Nachfolger von Tim Mälzer

1999 kommt der gebürtige Bad Bramstedter nach Hamburg, um im Landhaus Scherrer und im Tafelhaus zu kochen. „Das Tafelhaus war eine prägende Stätte für mich. Ich war als Saucier Nachfolger von Tim Mälzer und lernte dort Vorbilder wie Gerald Zogbaum von der Küchenwerkstatt und Tom Roßner kennen, heute Geschäftsführer von der Bullerei“, sagt er rückblickend. Die nächste Station führt Bornhöft in eine Weinhandlung, wo er auch Katja Dietrich kennenlernt. Fünf Jahre später eröffnen sie das Restaurant Juwelier. Offene Küche, Platz für 30 Gäste, schlichtes Mobiliar: Von 2006 bis 2016 bietet Bornhöft hier feinste Kochkunst ohne viel Tamtam.

So einen Laden kannst du nicht einfach loswerden

Dann die Kehrtwende: Anfang 2016 beschließt der Tausendsassa, sich von allem freizumachen. Den Restaurantbetrieb empfindet er inzwischen als Klotz am Bein. „So einen Laden kannst du nicht einfach loswerden“, sagt der 41-Jährige. „Du kannst abschließen und dann kommt der zigste Burgerladen oder ein Sonnenstudio rein. Das wollte ich nicht. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass meine Zeit noch nicht vorbei ist.“ Zwischen zwei Schnapsgläsern – wie soll es anders sein – kommt ihm plötzlich die Idee: Er will seinen Laden als Pop-up-Fläche zur Verfügung stellen. Er fährt nach Köln, um sich ein ähnliches Konzept anzuschauen. Im August ist es dann soweit: Das sozio-kulturelle Projekt Juwelier des Ostens macht den Anfang. Das Ganze hat so viel Erfolg, dass Bornhöft seinen Urlaub canceln muss. Dann geht alles ganz schnell: Im September holt er den quirligen Miguel Zaldívar rein, der seinen Gästen Tacos und Mezcal serviert (heute Taqueria Mexiko Strasse). Weiter geht’s mit einer Ceviche- Bar, die später unter dem Namen Leche de Tigre in Altona eröffnen wird. „Ich freue mich für die Jungs, dass sie sich so toll selbstständig gemacht haben“, sagt der umtriebige Gastronom nicht ohne Stolz und räumt ein: „So was ist dann natürlich auch für mich eine super Referenz.“

Wer bei uns gekocht hat, kann später mit der Kassenauswertung zur Bank oder einem Investor gehen und zeigen, dass die Idee funktioniert.

Bornhöfts Plan geht auf: jungen Köchen eine Bühne zu bieten, unverbindlich und unkompliziert. Einzige Voraussetzung: die Vorlage von Gewerbeschein, Steuernummer und Gesundheitszeugnis. Im Angebot: ein voll ausgestattetes Restaurant und Bornhöfts Know-how. Und das ist viel Wert. Einige Bewerber haben zwar gute Ideen in petto, aber wenig Praxiserfahrungen. Der Profi weiß: „Sich als Koch selbstständig zu machen, kostet einen Haufen Geld. Ohne Rücklagen oder einen privaten Investor wird das schwierig. Wer bei uns gekocht hat, kann später mit der Kassenauswertung zur Bank oder einem Investor gehen und zeigen, dass die Idee funktioniert.“

Mit jedem Koch ändert sich auch das Publikum

Ob mexikanische, äthiopische oder mongolische Küche – mit jedem Koch ändert sich auch das Publikum. „Meine Stammgäste lachen schon, wenn hier wieder die Bude brennt. Mal ist Rambazamba mit lauter Musik und Trinkgelagen bis in die Puppen angesagt, dann wieder stehen disziplinierte Hotelfachschüler in steifer Kochjacke vor dir“, bemerkt Bornhöft grinsend. Mit seinen Geschichten könnte er mittlerweile ein ganzes Buch füllen. Und klar, auch das ist in Planung.

Im Dezember wird Dirk Neumann kochen, auf den Tisch kommen Klassiker aus Wald, Wild und Wiese. Ob Lutz Bornhöft mit seinem Cook Up jetzt mehr Zeit fürs Privatleben bleibt, sei mal dahingestellt. Sicher ist: Innovative Geister sind eben nicht zu stoppen.

Cook Up – Culinary Gallery, Weidenallee 27 (Eimsbüttel), Telefon 25 48 16 78

 


Who the fuck is…

 

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. „Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch“, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de

3 Gastro-Tipps für einen Restaurantbesuch mit Kindern

Still sitzen – nervt. Warten – nervt. Kinder suchen Beschäftigung, auch im Restaurant. Nur: Was macht ein kinderfreundliches Restaurant aus? Wir haben gelernt: Es kommt aufs Alter der Kinder an. Und den Anspruch der Eltern. Und die wollen dahin, wo alle anderen sind. Hier drei heiße Tipps fürs Wochenende!

Frühstück im Osterdeich

Osterdeich

Klein, günstig und toll zum Kuchenessen

Als wir am Freitagnachmittag den Außenbereich des Café Osterdeich betreten, frühstückt dort ein Pärchen in der Sonne. Von Freitag bis Sonntag bekommt man hier selbst um 14 Uhr noch eine ausladende Frühstücksplatte mit Käse-Etagère und hausgemachter Marmelade (26,50 Euro für zwei Personen). Uns ist allerdings nach Mittagessen: Die Spinatquiche mit Feldsalat (5,90 Euro) schmeckt dem Vater genauso gut wie der Tochter das auf Wunsch nur mit Käse belegte Toast-Sandwich. Es duftet nach frisch Gebackenem und die beiden zutiefst sympathischen Damen hinterm Tresen sind mit einer größeren Catering-Bestellung beschäftigt. Seitdem das Osterdeich auf die Sonnenseite der Müggenkampstraße umgezogen ist, ist nicht mehr viel Platz in dem kleinen Café mit der familiären Atmosphäre. Umso gemütlicher ist es auf der Fensterbank mit den vielen Kissen. Der Aufbruch fällt uns schwer – nicht zuletzt, weil wir selten so oft angelacht worden sind wie im Osterdeich.

JP, 1 Kind (9 J.)

  • Hochstuhl
  • Niedrige Toiletten/Waschbecken
  •  Malstifte/Bücher
  •  Außensitzplätze
  • Vierbeiner willkommen!

€ Müggenkampstraße 34 (Eimsbüttel), Telefon 43 27 46 50,Mi-So 10–17 Uhr, Kreditkarten: keine; www.osterdeich.net

 

Brechtmanns Bistro, kinderverliebtes Edelrestaurant

Brechtmanns Bistro

Kinderverliebtes Edelrestaurant

Eines vorweg: Kinder sind hier sehr willkommen! Das Personal bezieht die Kleinsten auf eine sehr aufrichtige Art in das Restaurantgeschehen mit ein: noch bevor wir bestellt haben, liegt eine bemalbare Kinderkarte samt Buntstiften auf dem Tisch. Heruntergefallene Löffel sind fix ausgetauscht und zusätzliche Servietten wie selbstverständlich an den Tisch gebracht. So müssen wir uns um nichts kümmern und können uns voll und ganz aufs Essen und unseren Kleinen konzentrieren. Die Speisen im Brechtmanns Bistro sind unglaublich frisch und vielfältig. Man legt hier Wert auf saisonales und möglichst auch regionales Gemüse. Die Kinderkarte ist kurz, aber durchdacht: Fünf verschiedene Kindergerichte wie hausgemachte Fischstäbchen mit Kartoffelpüree (8,50 Euro), Nudeln mit Tomatensauce (5,50 Euro) oder gebratene Hähnchenbrust mit Gemüse und Reis (7 Euro) treffen den Kindergeschmack. Auch die Speisen und Getränke sind kindgerecht angerichtet, das Wasser ungekühlt und in einem kleinen Glas mit Strohhalm serviert. Und nach dem Essen gesellen sich sogar drei Servicekräfte zu unserem Jungen und malen mit ihm zusammen Bilder.

JVW, 1 Kind (1 J.)

  • Kinderkarte
  • Hochstuhl
  • Malstifte/Bücher
  • Platz für Kinderwagen
  • Vierbeiner willkommen!

€€€ Erikastraße 43 (Eppendorf), Telefon 41 30 58 88, Mo-Fr 12–22, Sa ab 18 Uhr, Kreditkarten: keine; EC-Karte; www.brechtmann-bistro.de

 

Pizza Bande – freundlich und entspannt

Pizza Bande

Pizza auf lässig

Lässige Kneipen sind üblicherweise keine besonders empfehlenswerten Orte für Kinder. Die Pizza Bande in St. Pauli ist zwar keine Kneipe, sieht aber von innen ein bisschen so aus. Alle Gäste werden hier gleich behandelt: freundlich und entspannt. In der offenen Küche wirbelt der tätowierte Pizzabäcker die Teigplatten durch die Luft, bestellt und bezahlt wird an der Theke. Dort stehen auch bunte Strohhalme für die Getränke bereit. Als die Thekenkraft sieht, dass Kinder dabei sind, fragt sie nach deren Namen und notiert sie auf dem Bestellbon – also doch eine kleine Extrawurst. Und siehe da: Sowie die Pizzen fertig sind, werden die Kinder ausgerufen und freuen sich über die neidischen Blicke all derer in der Warteschlange, die ihre Bestellung noch nicht abgegeben haben. Das Prinzip dieses Ladens kommt verwöhnten Gaumen entgegen: Der eine mag dies nicht, der andere das nicht? Kein Problem, hier stellt sich jeder seine Pizza selbst zusammen. Es gibt auf die Basisvariante für 5,90 Euro klassische Beläge wie Mais, exotische wie Banane und seltene wie Sucuk oder veganen Speck (Extras zwischen 1,20 und 2,90 Euro). „Ich würde da gerne öfters hingehen“, sagt die Kleine auf dem Heimweg. Na bitte.

MHO, 2 Kinder (9 & 16 J.)

  •  Malstifte
  • Platz für Kinderwagen
  • Außensitzplätze
  • Vierbeiner willkommen!

€ Lincolnstraße 10 (St. Pauli), Mo-Do 12.30–22, Fr 12.30–23, Sa 13.30–23, So 13.30–22 Uhr (Küche So-Do bis 22, Fr-Sa bis 23 Uhr), Kreditkarten: keine; www.pizza-bande.de

Legende:

€        Hauptgerichte für 5-15 Euro
€€     Hauptgerichte für 10-20 Euro
€€  Hauptgerichte für 15-25 Euro


Diese Restauranttipps finden Sie auch im neuen SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. Wir haben mit unseren Sprösslingen 100 Restaurants getestet, mit Spitzenköchen über eine gesunde Esskultur zu Hause, in Schulen und Kitas gesprochen, einen Sternekoch für Kinder kochen lassen, appetitliche Buchtipps zusammengestellt und variantenreiche Pausenbrotrezepte gesammelt. Unsre Empfehlung: Reinschauen und Entdecken!

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist ab sofort im Handel erhältlich.

BierSZENE: Warum zur Hölle ist Craft Beer eigentlich so teuer?

Diese Frage hat sich wahrscheinlich jeder von euch schon gestellt, als er vor den Regalen seines Lieblings-Bierhändlers stand. 5,99 Euro für ein 0,33-Flaschenbier? Warum zum Teufel ist das so teuer?! Ist doch nur Bier, oder? Nicht ganz. Es ist vor allem ein Hopfensmoothie mit viel, viel Inhalt.

Massenproduziertes Bier ist billig hergestellt, aus 08/15-Zutaten gebraut und waaaahnsinnig verwässert. Daher schmeckt es nur nach wenig oder im schlimmsten Fall – wie bei Oettinger – auch mal nach Klo. Bei guten Bieren ist es nicht anders als bei guten Speisen: Will man, dass mehr und vor allem gute Zutaten drinstecken, muss man dafür auch tiefer in die Tasche greifen. Die Craftbrauer unseres Vertrauens benutzen also gefragte, qualitativ hochwertige und deshalb teure Rohstoffen, um uns ein leckeres Bier zu kredenzen.

Jede Menge gute Tropfen: In Hamburger Fachgeschäften wie dem Craft Beer Store kommen keine Massenprodukte ins Regal.

HOPFEN – das grüne Gold

Der Preis für Hopfen wird auf dem internationalen Markt von Angebot und Nachfrage bestimmt. Da die Craft-Beer-Szene in den vergangenen Jahren in vielen Ländern gewachsen ist, sind auch die Nachfrage nach besonderen Hopfensorten und somit auch ihre Einkaufspreise gestiegen. Prominentes „Opfer“ ist der Citra-Hopfen aus den USA: Er ist mega beliebt unter den Hopheads und daher sehr teuer geworden in den letzten Jahren. Ein Kilo Citra kostet um die 80 bis 90 Euro. Noch vor ein paar Jahren lag der Preis bei weniger als der Hälfte! Auch Dry Hopping (auf Deutsch: Hopfenstopfen) liegt im Trend. Wie der Name vermuten lässt, braucht man für dieses Verfahren jede Menge Hopfen – auch das macht das fertige Bier am Ende natürlich teurer.

MALZ – ein teurer Spaß

Im Mittelalter galt Weizenbier als Getränk der Fürsten und Könige. Klar, damals war das vor allem der Knappheit dieses edlen Getreides geschuldet, aber so ein Körnchen kann auch heutzutage noch recht teuer sein. Wird es lange veredelt oder – wie bei Rauchmalzen – zusätzlich behandelt, kann dies die Geldbörse des Braumeisters gut strapazieren. Zudem stecken in fast jedem Craft Beer deutlich mehr Malze als bei industriell hergestelltem Bier.

LAGERUNG – weniger Kopp, mehr Kosten

Einen weiteren Faktor stellt die Lagerung von Jungbier in Gärtanks da. Aus Kostengründen verweilt industriell gefertigtes Bier meist eine Woche in der Lagerung. Die Lagerung stellt unter anderem sicher, dass Alkaloide, die wir nicht im Bier haben wollen, auf natürliche Weise herausgefiltert werden. Ja, das sind die bösen Fuselstoffe, die für unser Kopfaua am Folgetag zuständig sind. Je länger man dem Bier Zeit zum Ruhen gibt, desto besser und sauberer ist es am Ende. Unter dem Gütesiegel Slow Brewing haben sich mittlerweile sogar Brauereien zusammengeschlossen, die für eine langsame und schonende Brauweise stehen.

Das teuerste Bier der Welt

… kommt übrigens aus Bayern. Woher auch sonst? Bei Schorsch Bräu wird ein Eisbock produziert, der einen Alkoholgehalt von 57 Prozent erreicht. Dies geschieht durch Einfrieren eines ohnehin schon alkoholreichen Bockbiers. Durch die lange Lagerung von mindestens vier und bis zu sechs Monaten, erreicht der Eisbock sein hohes Alkoholvolumen. Er ist damit das stärkste und mit knapp 100 Euro für 0,2 Liter auch das teuerste Bier der Welt. Und soll ich euch was sagen? Der teure Tropfen lohnt sich richtig!

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel

/Fotos: Henning Angerer


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!