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Hamburger des Monats: Dominik Bloh

Als Obdachloser kam Dominik Bloh 2015 in die Kleiderkammer, um den geflüchteten Menschen zu helfen, obwohl er selbst Hilfe brauchte. Dort fand er Anschluss und Unterstützung, und wurde Gründungsmitglied des Vereins Hanseatic Help. Mittlerweile hat der 29-Jährige einen Job, eine Wohnung und das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ über seine Geschichte veröffentlicht. Er möchte für die Notleidenden auf den Straßen sensibilisieren

SZENE HAMBURG: Dominik, wenn du einen Wunsch frei hättest, mit dem du dem Leben von Obdachlosen mehr Perspektive geben könntest, welcher wäre das?
Dominik Bloh: Ich würde mir wünschen, dass jeder eine zweite Chance und ein Dach über dem Kopf bekommt.

In „Unter Palmen aus Stahl“ erzählst du von deiner Zeit als Obdachloser. Welche Reaktionen hast du bekommen?
Es gibt fast nur positives Feedback. Ich bekomme ganz viele Nachrichten oder erfahre in Gesprächen, dass tatsächlich Menschen mit anderen Augen durch ihre Stadt gehen und ihre Umwelt bewusster wahrnehmen. Das war auch mein Ziel für das Buch.

Also ist es dir gelungen, Menschen für das Thema zu sensibilisieren …
Vor Kurzem hat mir der Geschäftsführer der Tagesaufenthaltsstätte „herz as“ erzählt, dass er beim Amtsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Olaf Scholz beiden mein Buch geschenkt und ihnen herzlich die Lektüre empfohlen hat. Das finde ich sehr verrückt. Das Buch soll eine Stimme sein für Leute, deren Stimmen nicht gehört werden. Dass jetzt sogar Politiker davon erfahren, ist ein schönes Gefühl.

Viele wissen nicht, wie sie mit einem Obdachlosen umgehen sollen, der um Geld bittet. Man kann ja nicht jedem Geld geben. Was rätst du ihnen?
Es geht immer darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sollten mehr Empathie haben und aufeinander zugehen. Das braucht eine Prise Mut. Wir haben alle unsere vorgefertigten Bilder von Gruppen oder Menschen. Aber ich selbst lerne auch jeden Tag, dass, sobald man ins Gespräch kommt und jemanden näher kennenlernt, sowohl Ängste als auch das Gefühl von etwas Fremden verloren gehen. Und plötzlich werden aus Fremden Freunde. Ich gebe jedem Menschen Geld, der mich fragt. Ich bin nicht der Richter dieser Menschen und entscheide nicht, was sie damit machen. Für mich ist Betteln eine Form von um Hilfe bitten. Das kann mit am schwierigsten sein und deswegen habe ich Demut entwickelt vor Menschen, die das tun. Wer kein Geld geben kann oder möchte, kann trotzdem etwas tun: Das Schönste, was man schenken kann, kostet kein Geld und das sind Aufmerksamkeit und sich auf Augenhöhe begegnen. Ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, kann Hoffnung spenden und zum schönsten Moment des Tages werden.

Oft sind die Menschen aber auch nur in Eile …
Es ist wichtig, dass man etwas tut. Ich kann, wie jeder andere auch, nur bis zu meiner Grenze der Belastbarkeit helfen. Es gibt für mich auch Momente, in denen mir etwas zu viel ist und dann kann ich jemandem auch nicht weiterhelfen. Aber ich weiß, dass ich eine Minute am Tag überhabe. Die stört meine Termine nicht, wenn ich mich entscheide, jetzt hier eine Minute stehen zu bleiben, so gestresst kann ich gar nicht sein.

Aber wäre es nicht höhnisch, wenn man einen Obdachlosen anlächelt, der gerade bettelt?
Ein Lächeln ist kostbar und etwas Positives. Auf der Straße bist du die ganze Zeit mit negativen Gedanken beschäftigt, weil du das Gefühl hast, nicht wahrgenommen zu werden. Dann ist es etwas Besonders, wenn dich jemand anlächelt. Eine der schlimmsten Sachen auf der Straße ist die soziale Isolation, das Gefühl ganz unten zu sein und alle anderen sind darüber. Ich nehme mir die Zeit, jemandem mit Respekt zu begegnen. Für mich ist Respekt der kleinste gemeinsame Nenner im Umgang mit Menschen. Ich muss nicht gut finden, was jemand macht, aber ich respektiere jeden als Mensch. Wenn ich das auf Augenhöhe vermittle, kommt das nicht höhnisch oder zynisch rüber, sondern, dann ist es genau das: eine Geste der Menschlichkeit.

Als 2015 so viele Flüchtlinge ins Land kamen, forderten viele, die eigenen Notleidenden, die Obdachlosen, nicht zu vergessen. Wieso wolltest du trotz deiner Situation sofort helfen?
Menschen, die mal wenig hatten, die geben auch viel, das habe ich gelernt. Wahrscheinlich, weil sie die Erfahrung geteilt haben. In meinem Fall war das so, dass ich gesehen habe, wie die Menschen aus den Kriegsgebieten in der Wandelhalle ankamen. Sie hatten eine schlimme Flucht hinter sich und waren traumatisiert. Sie lagen dort auf Isomatten und ich wusste, wie sie sich fühlten, denn so lebte auch ich damals seit zehn Jahren. Aber ich wusste auch, dass es ein schwieriger Weg für die Menschen wird, hier anzukommen. Im Gegensatz zu mir können sie nicht die Landessprache. Ich wollte mit dem, was ich bereits erfahren hatte, etwas tun für diese Menschen. Am Ende des Tages war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte: Ich habe Gutes getan und seitdem kommt Gutes zurück. Für mich haben sich dadurch Türen geöffnet.

Welche anderen Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit auf der Straße noch gewonnen?
Ich habe gelernt, dass es eine gute Kombination ist, die Wahrheit zu sagen, an sich selbst zu glauben und Gutes zu tun, um ein glückliches Leben führen zu können. In der Vergangenheit habe ich viel gelogen. Jetzt weiß ich, die Wahrheit ist das Wichtigste überhaupt. Und dank meiner Großeltern, die immer an mich geglaubt haben, habe ich dann auch wieder an mich glauben können.

Um ein Leben führen zu können, braucht man aber auch ein bisschen Geld für seinen Lebensunterhalt. Wie bestreitest du den jetzt?
Seit Mitte 2016 habe ich ein Konto, das hatte ich jahrelang nicht. Als ich mein erstes Gehalt überwiesen bekommen habe, war das ein verrückter Tag für mich. Heute habe ich drei Jobs: Ich bin Lehrdozent und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die auch um die 15 und 16 Jahre alt sind, so wie ich früher, als ich zum ersten Mal auf die Straße gekommen bin. Ich sehe heute zum ersten Mal, wie jung ich war, dass eigentlich ein Kind mit zwei Koffern im Park geschlafen hat und morgens in die Schule gekommen ist und sich auf dem Schulklo noch kurz gewaschen hat. Es ist schön, dass ich den Kids jetzt helfen kann. Dieser Job bezahlt meinen Lebensunterhalt. Ich habe aber auch noch einen Job auf der Baustelle, der meine Krankenversicherung bezahlt. Durch das Veröffentlichen meines Buches und Blog Posts im Ankerherz Verlag kann ich die Miete zahlen. Ich habe endlich etwas zu tun.

Damit so viele Jobs auch funktionieren, muss man auch seinen Alltag strukturieren können und Termine einhalten. Fällt dir das schwer?
Das geht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Ich bin stolz, dass ich die Termine mit Buch und Arbeit ganz gut einhalte. Aber dann gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft und ich keine Briefe aufmache. Die Straße ist im Kopf. Sie ist schwer abzuschütteln. Auch das Ankommen ist nicht leicht. Wie ich im Buch schreibe, liegen meine Sachen immer noch in Taschen in der Wohnung und nicht im Regal. Ich schlage mich momentan auch immer noch mit meinen Schulden von früher rum und kann mich noch nicht so richtig auf längerfristige Zeiträume einstellen. Es braucht Zeit. Aber es geht in die richtige Richtung und das ist das Schöne.

Und in welche Richtung soll es sonst gehen? Wie möchtest du zukünftig über Obdachlosigkeit aufklären und informieren oder möchtest du mit dem Thema abschließen?
Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch da draußen sind. Für mich gingen die Türen auf. Mein Ziel ist es, für andere die Türen zu öffnen. Housing First Projekte (Anm. d. Red.: ein neuer Ansatz der Wohnungslosenhilfe, bei dem eine feste Unterkunft an erster Stelle steht, bevor alles andere Bürokratische geregelt wird) und der Duschbus, der durch die Stadt fährt und den Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu waschen, sind mir sehr wichtig. Waschen ist Würde, das ist für mich eins der ganz großen Themen. Ich möchte natürlich auch weiterschreiben. Das mache ich, seit ich ein Kind bin und es gibt noch viel, was ich schreiben kann. Es hat sich also noch nicht ausgeschrieben.

Interview: Melina Seiler

Foto: Jakob Börner 

www.facebook.com/ankerschmerz; „Unter Palmen aus Stahl“, Ankerherz Verlag, 191 Seiten, 20 Euro

Dominik Bloh war elf Jahre lang überwiegend obdachlos. Mit 16 Jahren wurde er von seiner psychisch kranken Mutter rausgeworfen. Trotz Obdachlosigkeit hat er Abitur gemacht. Seit 2015 schreibt er beim Ankerherz Verlag einen Blog über das Leben auf der Straße


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburgerin des Monats: Hannah und der Schwer-in-Ordnung-Ausweis

Hannahs Gegenentwurf zum Schwerbehindertenausweis ist ein viraler Hit im Netz. Als sie und ihre Eltern die Chance erkennen und anderen mit dieser Botschaft helfen, wird aus der Idee der 14-Jährigen eine Tatsache. Die Hamburger Sozialbehörde will den „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ jetzt offiziell ausstellen. Nicht als Ersatz. Aber als Zeichen. Ein Gespräch mit der Urheberin und ihren Eltern

„Alle sind besonders…“

SZENE HAMBURG: Hannah, du hast einen Schwerbehindertenausweis bekommen. Dann hast du dir einen „Schwer-in-Ordnung-Ausweis“ gemacht, weil du dachtest, der andere passt gar nicht zu dir. Warum?
Hannah Kiesbye: Na ja, weil eben alle schwer in Ordnung sind. Egal, was für Besonderheiten sie haben.

Du bist also mit 14 Jahren bereits eine „Ausweiserfinderin“ – weißt du schon, was du später machen möchtest?
Hannah: Ich bin noch am Überlegen. Ich hab schon viele Ideen, was ich mal werden könnte. Zum Beispiel Lehrer oder Arzt oder Friseur oder so. Oder vielleicht sogar Bäcker … dann muss ich zwar früh aufstehen, aber das stört mich nicht.

Vielleicht hast du ja ein Hobby, das du irgendwann mal gern den ganzen Tag machen würdest?
Hannah: Mein größtes Hobby ist Zirkus. Da mach ich Springseil und
Diabolo. Mit den zwei Stäben und in der Mitte das Diabolo, das wirft man dann hoch. Und mit Pois mache ich auch viel, das sind so Teile mit Tüchern dran, die man sich um die Hand legt und dann umherschwingt und Tricks macht.

„…normal ist man deswegen trotzdem“

Du hast also ganz schön viele Ideen und lässt dich auch gar nicht einschränken. Du weißt, was du willst. Welchen Tipp würdest du Menschen geben, die andere Menschen ausgrenzen, nur, weil diese anders sind?
Hannah: Meine Eltern und ich haben neulich einen Film geguckt, der heißt „ein Tick anders“. Das Mädchen, das diese Ticks hat, heißt Eva und jedes Mal, wenn sie aufgeregt ist oder sauer oder traurig oder nicht weiterweiß, dann spricht sie Wörter aus, die gar nicht zu dem Satz passen. Wie „Überfall“ oder so. Das ist ihre Besonderheit.

Inge Kiesbye, Hannahs Mutter: Ich hätte vielleicht noch ein Beispiel. Wenn ein Mädchen aus eurer Mädchengruppe geärgert wird, weil es anders ist als andere. Zum Beispiel, weil es immer Fragen stellt und dann kommt jemand, der sagt: „Oh, du nervst mit deinen Fragen“. Was würdest du zu der Person sagen?

Hannah: Ich würde sagen: Hey, hör mal auf, die zu ärgern. Die ist doch auch normal, es gibt doch eigentlich keinen Grund, die so zu belästigen. Und jetzt hör mal bitte auf damit. Oder wenn jetzt jemand diese Eva aus dem Film ärgern sollte, dann würd ich sagen: Hey, die Eva ist doch auch normal, auch wenn sie vielleicht ein bisschen irritiert – kann ja sein – aber normal ist man deswegen ja trotzdem.

Ich finde das Wort „normal“ ganz schön schwierig. Aber vielleicht hast du ja eine Idee, was normal ist …
Hannah: Mmmh … das fällt mir grad auch nicht ein …

Hast du schon mal mit jemandem darüber gesprochen, was normal ist und was nicht?
Hannah: Nicht so ausführlich.

Kai Bruhn, Hannahs Vater: Wir sprechen viel über Besonderheiten. Das ist ein Begriff, der interessanter ist als „normal“.

Hannah: Ja, zum Beispiel meine Freundin L. Die kann nicht immer vollständige Sätze machen. Wenn sie erzählt, was sie erlebt hat, dann sagt sie eher so einzelne Wörter.

Verstehst du sie trotzdem?
Hannah: L. kenn ich ganz gut und darum habe ich mich auch schon daran gewöhnt. Eine andere Klassenkameradin zum Beispiel macht oft laute Schluckgeräusche, wenn es ganz ruhig in der Klasse ist.

Inge: Und was ist deine Besonderheit? Hast du eine?

Hannah: Soll ich einfach mal den Namen dieser Besonderheit nennen? Trisomie 21.

Du bist in einer Mädchengruppe, in der alle eine Besonderheit haben – kommen da auch mal neue Mädchen dazu, oder ist die immer schon gewesen, wie sie jetzt ist?

Hannah: Die war von Anfang an so. Ich kannte meine Freundinnen aus der Gruppe schon vorher. Die sind auch auf meiner Schule. Aber S. und A. hab ich in der Gruppe neu kennengelernt.

„Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig“

Musstest du dich an die Besonderheiten von den beiden erst gewöhnen?
Hannah: Da kann ich mich nicht mehr so richtig dran erinnern …

Inge: Die Gruppe gibt es jetzt auch schon drei Jahre. Aber wenn zum Beispiel jemand neu zum Zirkus dazukommt, wie zum Beispiel A., wie ist das für dich?

Hannah: Sie hat die Besonderheit, dass sie immer ganz offen auf andere zugeht. Wie bei mir. Direkt: „Moin, hallo, ich bin A.“ Das war schon ungewohnt und ein bisschen schwierig.

Du hast jetzt viele interessante Sachen über deine Hobbys erzählt. Magst du uns noch etwas über deine Schule erzählen?
Hannah: Ich geh auf die Schülerschule in Pinneberg. Da mag ich am liebsten die Fächer Mathe und Lebenspraktisches Projekt. Da lernt man was Praktisches für seinen Alltag später. Zum Beispiel kochen, auf den Markt gehen, bügeln und so.

Was macht dir daran so viel Spaß?
Hannah: Die Lehrerin, die das leitet, die mag ich gerne. Und die Kinder, die da mitmachen, sind meine Freunde.

Fast geschafft, Hannah. Eine letzte Frage: Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Hannah: Meine Hobbys sind Zirkus, die Mädchengruppe und reiten. An mir mag ich mein Lächeln, meine Klamotten und dass ich ’ne Brille aufhabe. Und wenn ich mein Kleid angezogen habe, finde ich auch, dass ich schick aussehe.

Interview: Jenny Wirschky / Foto: Jakob Börner

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.

Hamburger des Monats: Konzertveranstalter Karsten Jahnke

Karsten Jahnke setzt seit den 1960er Jahren auf sein Bauchgefühl – und hat damit nicht nur seine Konzertagentur groß gemacht, sondern von Herbert Grönemeyer bis Depeche Mode auch zig Künstlerkarrieren aufgebaut. Diesen Monat feiert Jahnke seinen 80. Geburtstag. Ein Gespräch über Jazz in der Blütezeit, Agenten auf Abwegen und den „schönsten Veranstaltungsort Hamburgs“

SZENE HAMBURG: 
Karsten Jahnke, mal 
was ganz Einfaches zu Beginn: Nennen Sie die Top 3 der aktuellen Media Control Charts.

Karsten Jahnke: Die kenne ich nicht (lacht).

Andrea Berg, Helene Fischer und Mert. Legen Sie keinen besonderen Wert darauf zu wissen, was der breiten Masse gerade gefällt?

Das habe ich eigentlich noch nie. Ich bin nämlich der Meinung, dass 
eine hohe Chartplatzierung nicht 
unbedingt bedeutet, dass es auch konzertmäßig läuft. Klar, bei Helene Fischer und Andrea Berg ist es anders, aber es gab auch schon Künstler, die waren Nummer eins, aber deren Konzerte besuchte niemand.

Sehen Sie den Zeitgeist grundsätzlich als sekundär wichtig im Konzertgeschäft?

Zumindest ist es doch bezeichnend, dass die alten Stars wie Elton John immer noch die Säle füllen. Ein weiteres Beispiel ist der mittlerweile leider verstorbene Joe Cocker. Deren Publikum kommt seit Jahrzehnten, um sie zu sehen, und akzeptiert inzwischen auch Eintrittspreise, von denen man vor 20 Jahren noch dachte: never, ever.

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl

Die gestiegenen Preise sind die Reaktion der Künstler und Veranstalter auf den Zerfall der Musikindustrie: Ausbleibende Plattenverkäufe werden durch teure Tickets aufgefangen.

Richtig. Früher sind die Leute auf Tour gegangen, damit sie ihre Platte weitere 1 Million mal verkaufen konnten. Heute sind Chartkünstler froh, wenn sie zumindest 8.000 Kopien loswerden. Erstaunlich ist allerdings, dass ein Künstler wie Gregory Porter, der zudem ja eindeutig dem Genre Jazz zuzurechnen ist, 250.000 Exemplare von seinem „Liquid Spirit“-Album in Deutschland verkauft hat. In meinen Augen einen erfreuliche Entwicklung …

… sicher auch, weil Ihnen das Genre seit Jahrzehnten bekanntlich am Herzen liegt.

Genau. Ich habe ja noch die Blütezeit in den 50ern mitgemacht. Damals gab es eigentlich nur Jazz, Rock kam erst ein Jahrzehnt später auf.

In den 60er Jahren  haben Sie dann auch begonnen, neben Ihrer Arbeit als Kaufmann erste Konzerte zu veranstalten. Wie hat sich damals der eine mit dem anderen Job die Waage gehalten?

Es war mein Vater, der meinte, ich solle etwas Vernünftiges lernen. Also habe ich eine Ausbildung zum Im- und Exportkaufmann gemacht und als solcher auch zehn Jahre gearbeitet. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie einige meiner damaligen Kollegen und ich es geschafft haben, regelmäßig nach Feierabend Konzerte zu organisieren. Irgendwann sagte jedenfalls mein Chef zu mir, ich solle mich mal selbstständig machen – als Konzertveranstalter.

Wobei Ihnen Ihre Kaufmannslehre 
sicher nicht geschadet hat.

Im Gegenteil, sie war enorm wertvoll. Es gibt ja genügend Beispiele in der Musikbranche, wo Leute zwar tolle Ideen hatten, aber nicht kalkulieren konnten. Die sind dann über den Jordan gegangen.

Sie hingegen hatten dauerhaft Erfolg. Was hat Ihnen dabei denn mehr geholfen: Der Sinn fürs Wirtschaftliche oder ein Händchen für die richtigen Künstler?

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl. Klar, kein Mensch ist davor gefeit, sich zu irren, aber wenn man wirklich überzeugt von einer Band ist, ist es nicht so schlimm, wenn es mit ihr konzerttechnisch nicht gut läuft. Schlimm ist, wenn man eine Band angeboten bekommt, die man gar nicht haben will, sie aber trotzdem annimmt, und man dann Verluste macht. Ich habe immer Bands auf Tour geschickt, zu deren Konzerten ich selbst gerne gegangen wäre. Deshalb habe ich mich auch nie geärgert, wenn ich Geld verloren habe.

Ich bin kein Nostalgiker

Irgendwelche anderen Ärgernisse?

Sie erwähnten meine Vorliebe für Jazz. In der Vergangenheit kam es vor, dass manche Künstleragenten diese Vorliebe überhöht und mich als reinen Jazz-Veranstalter gesehen haben, was natürlich nicht stimmte. Wir wollten zum Beispiel mal Jamie Cullum nach Hamburg holen, haben ihn aber nicht bekommen, weil sein Agent „nicht mit einem reinen Jazz-Veranstalter“ zusammenarbeiten wollte. Das hat mich schon sauer gemacht. Ich meine, wir haben ja wirklich Konzerte von Acts aus jedem denkbaren Genre veranstaltet …

… bis auf Klassik.

Ja, denn da kenne ich mich nicht aus. Man könnte mir sagen: „Das hier ist der bedeutendste japanische Konzertpianist aller Zeiten!“ Und ich würde ihn weder kennen noch beurteilen können.

Hat das Geschäft in den 60ern und 70ern womöglich generell mehr Spaß gemacht, weil der Kontakt zwischen Künstlern und Veranstaltern noch deutlich enger war?

Tatsächlich hatte man damals als Veranstalter noch das Gefühl, man säße mit den Künstlern in einem Boot. Natürlich, es musste Geld eingespielt werden, aber man hat immer gemeinsam geguckt, wie man zum Beispiel Kosten reduzieren kann. Heute, speziell im internationalen Geschäft, hat man vor einer Tour gar nicht mehr die Möglichkeit, die Künstler zu sprechen – und wehe, man tut es trotzdem und auf eigene Faust, dann sind die Agenten und Manager stinkig.

Und die nationalen Künstler: Wie 
ist das generelle Verhältnis zu ihnen derzeit?

Mit denen konnte und kann man nach wie vor gut reden und auch vernünftige Deals machen. Jemand wie Johannes Oerding geht bei uns ein und aus. Dadurch kann man Ideen, die man für eine Tournee hat, auch viel besser kommunizieren.

Kennen Sie denn Nostalgie-Gefühle?

Ich bin kein Nostalgiker. Klar, es gab in den 70ern diesen einmaligen Deal mit Insterburg & Co., der war ein Traum. Die haben jedes ihrer jährlich 150 Konzerte ausverkauft – und das acht Jahre lang. Wir haben dann immer alles durch fünf geteilt, weshalb wir in der Konzertagentur auch immer Geld hatten und die Verluste aus anderen Tourneen auffangen konnten. Ich war und bin aber niemand, der Geld anhäuft. Der Laden muss nur laufen, das ist das Wichtigste.

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen

Ihr Gewinn war das Finanzielle, der Gewinn der Künstler waren langlebige Karrieren. Auf welche blicken Sie besonders gerne zurück?

Wir haben ja 20 Jahre Grönemeyer gemacht, und am Anfang haben wir eine Tournee organisiert mit nur 80 Besuchern pro Abend. Es gab sogar ein Konzert in Berlin, vor dem mich der Tourleiter anrief und meinte: „Wir haben jetzt 14 Karten verkauft, und wenn wir bis 21 Uhr auf 20 kommen, spielen wir.“ Eine Minute nach neun waren dann tatsächlich 21 Karten verkauft, und Grönemeyer musste vier Zugaben spielen (lacht). Auf so was bin ich schon ein bisschen stolz. Auch Westernhagen haben wir aufgebaut. Und Depeche Mode! Die füllen immer noch Stadien – nur leider nicht mit uns.

Depeche Mode haben in den 80er Jahren unter anderem  auf der Freilichtbühne im Stadtpark gespielt, die Sie als schönsten Veranstaltungsort Hamburgs bezeichnen …

… und das trotz Elbphilharmonie. Ich habe auch mal davon geträumt, im Winter, bei Schnee, dort etwas zu machen. Aber der Charme der Freilichtbühne liegt ja vor allem in dieser wunderbaren grünen Buchenhecke. Wenn die im Herbst und Winter braun oder gar nicht zu sehen ist, fehlt etwas.

Nun haben Sie für Ihre veranstalterischen Errungenschaften schon zig Preise bekommen, wurden „Hamburger des Jahres“ und für Ihr „Lebenswerk“ geehrt. Was hat Ihnen bisher am meisten geschmeichelt?

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen, weil ich unzählige Leute glücklich machen kann, indem ich Konzerte für sie veranstalte. Das bedeutet mir am meisten.

Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Steven Haberlandt

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