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Privattheatertage – „Einfach mal mehr Mut haben“

Die Privattheatertage sind in Hamburg mittlerweile eine feste Größe. Zwölf ausgesuchte Produktionen aus ganz Deutschland sind im Juni zu Gast. Jurymitglied und Schauspielerin Marion Elskis erzählt, warum es in diesem Jahr ein Festival der starken Frauen ist – obwohl nur zwei der Stücke von Regisseurinnen inszeniert wurden.

SZENE HAMBURG: Marion Elskis, Sie stehen bei den Privattheatertagen nicht selber auf der Bühne, sondern saßen in der reisenden Jury. Wie ist das, einmal selbst in die Rolle des Kritikers zu schlüpfen?

Marion Elskis: Wunderbar. Es hat wirklich großen Spaß gemacht, einmal nicht beurteilt zu werden, sondern selber zu beurteilen.

Wie viel Stücke haben Sie sich angesehen?

Ich war in einer von insgesamt drei Jurys, wir haben uns Klassiker beziehungsweise moderne Klassiker angesehen. Das waren insgesamt 24, verteilt in ganz Deutschland. Und wir durften nur vier davon einladen! Da waren wir uns nicht immer in allem einig.

Welche Klassiker haben es zum Festival in Hamburg geschafft?

„Buten vör de Döör“ von Borchert, eine Produktion vom Ohnsorg Theater Hamburg. Außerdem wird „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller aufgeführt, ein Einpersonenstück aus Dresden. Und „Die Liebe der kleinen Mouche“ ist zu Gast, vom Theater Waidspeicher aus Erfurt. Die Hauptrollen sind zwei Puppen, die von Schauspielern gespielt und gesprochen werden – eine ganz zarte, liebevolle Inszenierung. Puppentheater kommt hier immer gut an, letztes Jahr hat ein Stück mit Puppen auch den Publikumspreis gewonnen. Außerdem „Hamlet“ von Shakespeare in einer sehr besonderen Inszenierung vom Forum Theater Stuttgart.

Puppentheater verzaubert, vielleicht weil es die Menschen zurück in die Kindheit versetzt…

Das ist das richtige Wort. Ich war zwei Stunden lang verzaubert, versunken in dieser Geschichte. Ich freue mich aber auf alle Stücke sehr, es ist wirklich ein toller Spielplan geworden.

Warum sind die Privattheatertage so wichtig für Privattheater?

Um darauf aufmerksam weil es in vielen Städten und vor allem in Hamburg Privat­theater mit sehr guten Stü­cken gibt. Für die ist unser Festival natürlich eine wahn­sinnig gute Plattform.

Axel Schneider, der Initiator der Privattheatertage, sagte letztes Jahr bei der Eröffnung, die Theaterhäuser in Hamburg hätten sehr unter der Eröffnung der Elbphilharmonie gelitten. Hat sich daran etwas geändert?

Die Eröffnung der Elb­philharmonie war natürlich ein Publikumsmagnet. Und auch verständlicherweise. Das ist etwas Neues, das macht die Leute neugierig. Und wenn man den Preis für eine Karte in der Elbphilhar­monie bezahlt, bleibt erstmal nicht so viel Geld für andere Kultureinrichtungen. Das ha­ben wir natürlich zu spüren bekommen, aber sicherlich war das bei allen Theater­häusern so, auch bei den staat­lichen. Da gab es denke ich gar keinen Unterschied.

„Es gibt wenig Rollen für ältere Frauen zwischen 40 und 60“

Dieses Jahr wird der Monica-Bleibtreu-Preis zum siebten Mal verliehen. Warum fiel die Wahl bei der Benennung auf Frau Bleibtreu?

Um ihr ein Denkmal zu setzen. Sie war eine tolle Schauspielerin, die leider viel zu früh gestorben ist. Ihr Va­ter hatte ein Theater in Wien, sie war dem Privattheater auch immer sehr verbunden. Das war wahrscheinlich auch ein Grund für diese Wahl.

Braucht es mehr starke Schauspielerinnen wie Monica Bleibtreu?

Es gibt natürlich einige starke Frauen. Es kann aber nie genug geben!

Ihre Jurykollegin Tanja Müller sagte, dass die Privattheatertage dieses Jahr ein Festival der starken Frauen sei. Welche Stücke sind unter diesem Aspekt besonders hervorgestochen?

Das Stück „7 Minuten“. Der Chef einer Firma will in darin die Pause um sieben Mi­nuten verkürzen. Die Frauen des Betriebsrates diskutieren dann darüber, jede mit ihrer eigenen Motivation und Ar­gumentation. Ein sehr gutes Theaterstück mit starken Frauen. Auch interessant ist die Produktion von „Ham­let“. Die Hauptrolle wird von einem Mann gespielt, alle an­deren Rollen von fünf Frauen. Klassische Werke sind ja nicht immer so leicht verständ­lich, aber dieses Stück hat sich sehr modern und aktuell an­ gefühlt. Es ist natürlich auch spannend zu beobachten, wie diese Frauen in verschiedene Rollen schlüpfen, aber das hatte wahrscheinlich auch ei­nen Kostenspargrund. Womit wir wieder bei den Problemen des Privattheaters wären.

Klassische Stücke sind nicht bekannt für ihre progressive Geschlechteraufteilung. Braucht es neues Material, um Frauen in der Theaterwelt zu stärken?

Beides ist wichtig. Sowohl alte Stücke, die mutig neu in­szeniert werden, als auch neue Werke. Die könnten auch gerne frauenlastiger sein, das wäre schön. Ich habe in der Vergangenheit öfter gedacht: „Typisch, jetzt gibt es schon wieder fünf Männerrollen und nur eine Frau.“ Deswegen habe ich mit einer Kollegin zusam­men ein Zweipersonenstück, beide weiblich, geschrieben und in Hamburg und Berlin aufgeführt. Es braucht mehr Stücke dieser Art. Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie wenig Rollen es für äl­tere Frauen gibt. Bis zu einem bestimmten Alter ist die Geschlechteraufteilung meistens sehr ausgewogen, aber das An­gebot für Schauspielerinnen zwischen ungefähr 40 und 60 ist sehr dünn.

Wie kann man Frauen in der Theaterbranche noch weiter stärken?

Frauen sollten auch mal öfter den Mut haben, Regie zu führen. Dann würde sich das vielleicht von alleine ergeben, dass es mehr Rollen für Frauen gibt. Ich meine auch, wir haben jetzt bei den Privattheatertagen kaum Re­gisseurinnen. Ich zähle eben mal im Programm nach … Ja, es sind zwei von zwölf Stü­cken. Das ist schon bezeich­nend. Wir Frauen sind außer­ dem immer so selbstkritisch. Dabei sollten wir einfach mal Mut haben und breitbeiniger auftreten!

Interview: Sophia Herzog
Beitragsfoto: Bo Lahola

Privattheatertage, 19.6.-1.7.18, www.privattheatertage.de


Mehr Theater?


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Sprechwerk – (Über-)leben in der Freien Szene

Selbstausbeutung und ein prekäres Leben nehmen viele Künstler aus der Freien Szene in Kauf – für die Kunst. Ein Gespräch mit Konstanze Ullmer, Intendantin vom Sprechwerk, über das, was in Hamburgs Kulturpolitik falsch läuft.

SZENE HAMBURG: Wieviel Förderung bekommt ihr für eure Spielstätte?
Konstanze Ullmer: Das Sprechwerk bekommt seit letztem August 140.000 Euro als institutionelle Förderung, die immer für zwei Jahre bewilligt wird. Im Rahmen der Produktionsförderung haben wir bisher durchschnittlich für eine Eigenproduktion im Jahr Unterstützung bekommen.

Was hat sich in der Förderungsstruktur verändert?
Die Förderungssumme für die Freie Szene wurde insgesamt in den letzten beiden Haushaltsjahren erhöht. Durch die Empfehlung des Mindestlohns, die der Förderungssumme zugrunde liegt, werden weniger Projekte und dafür mit einer höheren Summe unterstützt.

Welche Auswirkungen hat das für euch?
Die negativen Auswirkungen erleben die freien Spielstätten unterschiedlich. Das Lichthof hat meist zwischen fünf und acht Förderungen pro Jahr bekommen. Sie spüren es jetzt natürlich deutlicher als wir, dass weniger Projekte gefördert werden. Was sich für uns alle gleich auswirkt ist, wenn weniger Produktionen der Freien Szene gefördert werden, für die wir ja da sind, müssen wir mit anderen Sachen unseren Spielplan füllen. Ich habe jetzt in diesem Jahr für sechs Wochen unsere Räume an die Theaterakademie vermietet. Natürlich würde ich viel lieber den Zeitraum nutzen, um tolle Stücke zu zeigen, denn die Produktionen der Theaterakademie sind nicht öffentlich. Das tut mir künstlerisch weh, aber finanziell gut. Oder wir produzieren ein Stück, was wir uns gar nicht nicht leisten können und begeben uns ins Risiko.

Ich möchte für die Freie Szene da sein

Woran verdient ihr Geld, wenn ihr freie Projekte zeigt?
Wir bekommen einen bestimmten Betrag für die Zeit, wenn die Gruppen hier ihre Endproben machen und einen Teil der Eintrittsgelder. Bei Gruppen, die ihre geplante Produktion auch umsetzen, wenn sie keine öffentlichen Gelder bekommen, vereinbare ich einen anderen Deal, denn sie arbeiten auf Selbstausbeutung und ich möchte für die Freie Szene da sein und sie ins Haus holen.

Auffällig viele der geförderten Projekte werden auf Kampnagel gezeigt …
Kampnagel ist eine tolle Spielstätte, keine Frage. Aber für mich ist es eindeutig, dass Kampnagel juristisch ein Staatstheater ist, da der Vorsitzende des Aufsichtsrates der GmbH der jeweilige Kultursenator ist. Das heißt, alle Miesen, die Kampnagel macht, werden im Rahmen einer Fehlbedarfsfinanzierung von der Stadt Hamburg aufgefangen. Wenn wir dagegen in den roten Zahlen sind, müssen wir selbst dafür gerade stehen und schlimmstenfalls schließen. Ich frage mich, warum 50 Prozent des Topfes für die Freie Szene von der Jury der Kulturbehörde an Kampnagel vergeben werden? Kampnagel hat bereits einen Etat für freie Produktionen mit Hamburg-Bezug, den sog. Vorschlagstopf in Höhe von 102.000 Euro.

Was wird eigentlich von der Stadt gefördert und was nicht?
Es reicht nicht aus, nur gutes Theater zu machen. Jedes Mal muss das Rad neu erfunden werden. Meines Wissens nach hat sich die Jury darauf geeinigt, nur das zu fördern, was es noch nicht gibt. Für Stücke, die auch an einem der Privattheater produziert werden könnten, muss man der Freien Szene kein Geld mehr geben. Das gibt es im Schauspiel höchstens für Uraufführungen oder wenn jemand zum Beispiel ganz neu mit einem Text umgeht. Ich verstehe das, finde es aber nicht gut. Theater hat es schon vor 2000 Jahren gegeben und wird es auch nochmal so lange geben. Warum muss man jedes Mal eine neue Kunstform erschaffen? Mich interessiert auch einfach mal eine neue Sichtweise auf alte Stücke. Im Bereich freies Schauspiel sind in der letzten und in der vorletzten Förderperiode gerade mal zwei Stücke pro Jahr gefördert worden.

Wie sieht die Zukunft der Freien Szene in Hamburg aus?
Es fehlt einfach an Geld für Produktionen. Wenn jetzt noch weniger Künstler gefördert werden, gehen viele einfach in andere Städte. Oder sie wählen einen anderen Beruf und arbeiten nicht mehr als Künstler. Ich kenne viele die Erzieher geworden sind; viele der Tänzer unterrichten in Fitness-Studios oder Schauspieler lehren darstellendes Spiel an Schulen.

Wenn die Freie Szene wegbricht, wird die kulturelle Basis beschnitten

Hamburg hat über 40 Theater. Braucht es wirklich so viele?
Ich denke schon. Es ist eine gewachsene Struktur, die ja in der Stadt auch von den Bewohnern so gewollt ist. Außerdem gibt die Freie Szene wichtige Impulse an die Staatstheater. Die saugen auf, was in der Freien Szene entwickelt worden ist. Wenn das wegbricht, wird die kulturelle Basis beschnitten, der Nährboden. Und auch der Nachwuchs hat hier keine Chance mehr. Es gibt so viele private Theaterschulen in der Stadt, aus denen jedes Jahr eine Menge Schauspieler hervorgehen. Soll man sich nur die zwei besten aussuchen und der Rest darf sterben? Ein Schauspieler ist nach seinem Abschluss ja nicht sofort zwangsläufig gut. Er muss sich erst einmal ausprobieren können. Und dafür ist die Freie Szene auch da.

Was ist für dich das größte Problem?
Gutes Theater zu zeigen mit so wenig Mitteln. Wenn ich mir den diesjährigen Spielplan anschaue, dann ist es mir künstlerisch zu wenig. Als es weniger Geld aber mehr freie Produktionen gab, sah unser Spielplan besser aus. Natürlich auf Kosten der Künstler. Das ist also auch kein Weg.

Kannst du manchmal schlecht schlafen?
Ja, selten, aber das kommt vor, dass ich mich hin und her wälze und mich frage, wo reiße ich ein neues Loch auf, um das alte zu stopfen. Aber ich kann und will nichts Anderes (lacht).

Interview: Hedda Bültmann

Foto: G2 Baraniak

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lotto King Karl – Heimspiel auf der Freilichtbühne

Das Volksparkstadion ist sein Wohnzimmer, die Freilichtbühne im Stadtpark mindestens sein Esszimmer: Ein Gespräch mit Lotto King Karl über seine leidvolle HSV-Liebe, Konzerte als Mannschaftssport und Pfastersteine als Gelenkekiller.

SZENE Hamburg: Lotto, schon oft hast du über deinen HSV festgehalten: „Wenn es dem Verein schlecht geht, geht es mir auch schlecht.“ Wie schlecht geht es dir also nach dieser Saison?

Lotto King Karl: Ziemlich schlecht.

Bist du im Alltag anfällig für Neckereien, oder nimmst du Schadenfreude locker?

Ich kriege natürlich ohne Ende Schadenfreude ab, weil ich für viele Leute sehr greifbar bin, was den Fußball des HSV betrifft. Aber ich kann ja auch nichts dafür, wie es um den Verein steht.

Gut steht es hingegen um deine Konzerte im Stadtpark auf der Freilichtbühne…
…weil meine Band und ich dort keinen Gegner haben (lacht).

Allerdings gibt es schon Parallelen. Welche sind das deiner Ansicht nach?

Beide, Mannschaft wie Band, sollten immer mit großer Motivation rausgehen. Und beide haben große Anstrengungen zu bewältigen. Im Stadtpark sind das die Pfastersteine. Wenn man drei Stunden spielt, geht das echt auf die Gelenke.

Was könnt ihr Musiker denn besser als so manche Fußballmannschaft?

Wir vergessen nie, dass wir auf einer Bühne stehen, einige Sportler hingegen schon. Und das, obwohl sie Bühnen zur Verfügung haben, die viel besser gepflegt sind als die meisten auf dieser Welt (lacht).

Die Freilichtbühne ist eine legendäre Location

Lotto King Karl Foto: Ana Maria Arevalo

Lotto King Karl spürt langsam sein Alter. Foto: Ana Maria Arevalo

Größte Stärke eurer Band?

Unser gutes Verhältnis zueinander. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen und zusammen Musik machen können.

Und die größte Schwäche?

Unser Alter. Wir treffen uns mittlerweile eher morgens um sieben beim Sport, als nachts um drei an der Bar (lacht).

Alter bringt auch Routine mit sich. Sind die Auftritte auf der Freilichtbühne nach all den Jahren dennoch speziell für euch?

Wir kennen fast jeden, der im Stadtpark arbeitet, können uns auf die Gegebenheiten perfekt einstellen, was vieles einfacher macht. Ein echtes Heimspiel also. Schön ist auch, dass wir auf der Freilichtbühne verschiedene Lichtatmosphären haben. Wenn ich mir nach Stadtpark-Konzerten die Bilder davon ansehe, denke ich, es waren drei verschiedene Shows. Es ist einfach eine legendäre Location und für uns weiterhin eine Riesenehre, dort spielen zu dürfen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Freilichtbühne im Stadtpark
25.5.2018 + 15.9.2018, 18 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Beatsteaks – Bring it on!

Die Berliner Band steht für einen Live-Spektakel. Ob das nicht auf Dauer anstrengend ist, haben wir Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß gefragt. Alles „ganz easy“, meinte der. Ein Gespräch über Zirkusgefühle, keine Chance für Tricks und Unberechenheit als größtes Glück.

SZENE HAMBURG: Arnim, regelmäßig hältst du fest: Beatsteaks heißt Freiheit. Wie macht die sich aktuell besonders bemerkbar?
Arnim Teutoburg-Weiß: Die Freiheit erschließt sich aus dem kleinen Erfolg, den wir mit der Band haben. Dadurch liegt alles in unseren Händen: Wer mit auf Tour kommt, wo wir auftreten, das Bühnendesign, wie teuer die Tickets sind, wie unsere T-Shirts aussehen und welche Songs wir spielen.

Und worin besteht die Freiheit im Band-Alltag?
Vor allem darin, dass wir als eine Band, die seit 22 Jahren zusammen ist, immer noch sehr glücklich sind. Mittlerweile haben wir unsere kleine Beatsteaks-Welt in Berlin, so eine Art Höhle, aus der heraus wir arbeiten. Dort sind wir montags bis freitags, von 10 bis 17 Uhr. Wir aus der Band sind ganz unten im Haus und machen Musik, darüber ist das Büro mit dem Merchandising. Das ist unsere Firma …

… von der du der Chef bist – oder besser: „die Chefin“?
Ja, die anderen haben mich irgendwann so genannt. Fand ich auch ganz süß. Als Sänger hat man ja immer dieses Leader-Ding am Laufen, das kommt von innen heraus, das macht man irgendwie einfach. Und damit ich’s nicht ganz so ernst nehme oder übertreibe, werde ich von der Band mit „die Chefin“ betitelt, nach dem Motto: „Mach du mal, aber mach easy!“

Ein Chef muss auch Dinge bestimmen. Welche sind das in deinem Fall?
Ich schreibe die Setlist und kümmere mich um das T-Shirts-Layout. Es ist allerdings schon so, dass jeder in der Band seine Aufgabe und Ecke hat, wo er sich auslebt. Das ist auch richtig und wichtig.

Zählt zu deinen Aufgaben auch der Pop im Beatsteaks-Sound? Zumindest schienst du dem Begriff „Pop“ an sich immer am nahesten zu stehen.
Kann sein, ja (lacht). Populäre Musik ist ja auch erst mal was ganz Tolles. Ich bin in den 90ern groß geworden, als Pop nicht David Guetta war, sondern Oasis, Dr. Dre, Nirvana und The Prodigy. Welche, für die Pop nicht das schnelle Ding war, nicht „The Voice of Germany“ und direkt an die Spitze. Für sie bedeutete Pop, was er auch für uns bedeutet, nämlich sich eine Nische zu bauen und es nicht schlimm zu finden, damit so viele Leute wie möglich zu erreichen.

Also keine Angst vor der breiten Masse?
Wenn wir im Radio eine Alternative zu dem darstellen, was da sonst noch so läuft, habe ich damit überhaupt kein Problem. Mir war dieses Punkerhaus immer zu klein, ich mochte immer sehr viel verschiedene Musik. Klar, Punk hat viel Energie und so etwas Zündendes an sich. Aber HipHop und Rock sind auch stark …

… und werden von euch vor allem in Live-Shows integriert. Überhaupt: Live-Shows von den Beatsteaks, das sind seit jeher Spektakel. Ist das auf Dauer nicht anstrengend?
Das ist der einfachste Teil der Beatsteaks-Arbeit: das Live-Spielen. Dit is’ janüscht! Ganz easy. Natürlich bereite ich mich körperlich auf die Konzerte vor, so eine Tour ist Leistungssport. Aber wenn wir vor unserem Publikum stehen oder auf einem Festival spielen, denke ich immer nur: Bring it on! (lacht)

Warum fühlt sich das für dich so leicht an?
Ist vielleicht das Zirkuskind in mir. Ich hatte jedenfalls noch nie Angst vor der Bühne, fand und finde es einfach gut, Leute zu unterhalten und sie davon abzulenken, was sie vielleicht gerade sonst so beschäftigt. Außerdem mag ich die Unberechenbarkeit von Konzerten. In dieser manipulierten Welt, in der vieles faked ist, ist ein Konzert immer eine Ausnahme. Im Studio kann man tricksen, auf der Bühne geht das nicht. Da gibt es Ecken und Kanten, den Leuten gefällt es oder eben nicht, und die Situationen, in denen man nicht genau weiß, was passiert, diese Drahtseilakte, finde ich total gut. Konzerte sind so aufregend wie befriedigend.

Sind nicht während einer längeren Tournee irgendwann so viel Sicherheit und Routine im Spiel, dass sich die Aufregung legt?
Die Aufregung erhalten wir, indem wir z. B. nach zwei Wochen sagen: „Heute schreiben wir keine Setlist – wir rufen die Songs aus!“ Nach all den Jahren haben wir so viele Lieder, dass wir das ruhig mal machen können. Wir wollen ja auch nicht nur irgendwas abspulen.

Ein paar wiederkehrende Show-elemente gibt es doch, etwa den Song „Hey Du“, den Gitarrist Peter Baumann singt. Er allerdings scheint weniger gerne nach vorne zu preschen, als du …
… und er fragt mich auch heute noch, ob das denn okay wäre mit „Hey Du“. Ich grinse dann immer und sage: „Keule, kriegst du eigentlich mit, wie sehr die Leute das lieben?“ Klar, die anderen sind keine Frontschweine, aber das war George Harrison auch nicht, und ich fand es immer super, dass bei den Beatles alle gesungen haben.

Und wenn nach der Tour alle wieder zu Hause in Berlin sind: Gibt es auch mal eine Pause von der Beatsteaks-Welt?
Wir sind eine sehr verschworene Gang, aber jeder hat auch seine eigene Familie und verabschiedet sich nach einer Tour in seine Welt. Und irgendwann, wenn wir das nächste Album machen, hängen wir wieder zusammen rum und fragen uns erst mal Sachen wie: „Welches Lied fandet ihr zuletzt so toll, dass ihr es fünfmal hintereinander gehört habt?“ Dann kann es langsam wieder losgehen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Foto: Ana Maria Arevalo

Sporthalle
16.4, 20 Uhr

 


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Der Krimi-König

Zu Hause in einem ehemaligen Porno-Kino und Spezialist für Mord und Intrigen – im Imperial steht zum 12. Mal Edgar Wallace auf dem Spielplan. Warum gerade er es dem Intendanten Frank Thannhäuser angetan hat, erzählt dieser im Gespräch

SZENE HAMBURG: Frank, „Der Frosch mit der Maske“ ist die 12. Edgar-Wallace-Inszenierung am Imperial Theater. Was macht ihn so attraktiv für dich?
Frank Thannhäuser: Die Leute lieben Edgar Wallace! Man kann tun, was man will, aber es ist so: Die Leute lieben ihn. Es ist ein Phänomen. Zum Glück können wir uns viel mit dem Stoff erlauben, wenn wir uns treu an die Geschichte halten. Wir können das Buch auf die Belange hier in unserem Haus zuschneiden. Jedes Edgar-Wallace-Stück, das wir gemacht haben, ist somit immer auch eine Uraufführung gewesen.

Wallace hat über 130 Romane geschrieben, warum hast du dich für diesen entschieden?
Es gibt großartige Titel wie „Großfuß“ oder „Drei Eichen“, die nur eingefleischte Fans kennen. Aber davon können wir leider nicht leben. Deswegen müssen wir Titel auswählen, die bekannt sind. Auch wenn wir viel, viel Hirn benutzen müssen, um sie zum Laufen zu kriegen: Für „Die Toten Augen von London“ habe ich beim Schreiben drei Anläufe gebraucht, bis das Buch für die Bühne funktioniert hat.

Was veränderst du in deiner Bühnenadaption?
Wallace ist nicht der Humorstärkste. Aber ein Augenzwinkern sollte in einem Krimi der 30er Jahre nicht fehlen. Man darf die Figuren und die Handlung nicht denunzieren, aber unsere Schauspieler sind Krimi-erfahren und wissen, dass ein Gag, wenn er sich anbietet, mehr als in Ordnung ist.

Zum Beispiel?
Wallace mag keine Anwälte und hohe Regierungsvertreter, sie kommen immer schlecht weg bei ihm. Diese Figuren kann man dann überhöhen. Zum Beispiel im neuen Stück Lord Farmley. Er ist so ein richtiger Regierungsarsch: hochnäsig, despotisch, und selbst wenn er vom Schicksal eine reingewürgt bekommt, ist er immer noch ein Arsch. Das kann man ausspielen und das ist auch lustig, auch wenn es jetzt nicht so klingt (lacht).

Du übernimmst wieder fast alle Tätigkeiten, vom Skript bis zum Nähen der Damenkostüme. Bist du nicht erschöpft?
Ach nein, ich bin ja schon seit einem Vierteljahr in der Produktion. Da kommt immer eins nach dem anderen: erst das Buch, dann das Bühnenbild, die Kostüme, die Proben…

…und du übernimmst für einige Aufführungen ein paar Rollen…
Ja, bei diesem Stück passiert es seit langem mal wieder, dass ich selber mitspiele. Weil unser Schauspieler Heiko Fischer – der bei uns schon den Sherlock Holmes gespielt hat und diesmal gleich sieben Rollen übernimmt – noch woanders engagiert ist. Und da ich ihn nicht aufgrund anderer Engagements verlieren wollte, habe ich mich bereit erklärt, für ihn einzuspringen, wenn er mal keine Zeit hat.

Wie gehst du vor, wenn du so einen üppigen Roman für eure relativ kleine Bühne adaptierst?
Das ist in der Tat immer das Problem. Das Originalbuch hat 280 Seiten, das sind locker mal eben 180 zu viel (lacht). Aber wenn der gute Edgar erst einmal im Fluss ist, dann fügt er gerne einen wei-teren Handlungsstrang nach dem anderen ein. Nicht jeder ist wichtig. Wir verzichten außerdem auf große Umbauarien. Wir haben uns erstmals ein Simultanbühnenbild ausgedacht, in dem alles stattfinden kann. Und es gibt eine Figur – Richard Gordon, der Staatsanwalt und eigentlich die Hauptfigur – die retrospektiv erzählt, was passiert ist. So sparen wir uns Verfolgungsjagden, die wir eh nicht zeigen können.

Welche Locations wird es geben?
Eine alte Fabrikhalle, in der alles anfängt und endet. Die Halle verwandelt sich zwischendurch in sämtliche Nachtclubs, in Scotland Yard, in Waldlichtungen und alles Mögliche. Dafür arbeiten wir viel mit Licht und Ton. Die Wechsel sind im Buch schnell und das Tempo muss man beibehalten. Wenn man nach jeder fünfminütigen Szene zehn Minuten Umbaupause macht, dann geht die Spannung verloren.

Worauf achtest du beim Bühnenbild und bei den Kostümen besonders?
Ich finde es bei so einem Stück wichtig, dass es das Zeitkolorit perfekt widerspiegelt. Je mehr man alte Geschichten modernisiert, desto weniger funktionieren sie. Wenn in „Die Mausefalle“ von Agatha Christie alle Handys gehabt hätten, dann wäre da nicht so viel passiert. Für „Der Frosch mit der Maske“ sind wir in die 30er Jahre zurückgegangen, weil das die Ursprungszeit der Geschichte ist und in diesem Kontext auch gut funktioniert mit der Angst vor der Weltwirtschaftskrise im Hintergrund.

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Stefan Malzkorn

Imperial Theater, „Der Frosch mit der Maske“, ab 30.3. (Premiere), immer Do–Sa um 20 Uhr

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

Selig? Und ob. 5 Fragen an Jan Plewka

Immer noch oder wieder Selig? Am 3. November erscheint das 7. Studioalbum der Hamburger Band Selig.  „Kashmir Karma“  heißt es, aufgenommen in Schweden, erstmals ohne den langjährigen Keyboarder Malte Neumann, der sich 2014 von der Band trennte. Wir haben Sänger Jan Plewka 5 Fragen zum Album gestellt.

Selig

Selig: Neue, alte Freundschaft auch im Viererpack. Jan Plewka, Christian Neander, Leo Schmidthals und Stephan „Stoppel“ Eggert. Foto: Mathias Bothor

SZENE HAMBURG: Jan, Kashmir Karma: Schöne Alliteration. Aber was genau meint der Titel?

Jan Plewka: Kashmir Karma ist die Beschwörungsformel für ein friedliches Miteinander und die Idee einer hellen warmen Zukunft durch ein freundliches Handeln im Jetzt.

Selig Kashmir Karma

Keine Zeit mehr für Experimente. Foto: Mathias Bothor

Klingt das Album so flauschig wie der Titel?

Flauschig. Krautig. Psychedelisch. Sphärisch laut und lyrisch heiter und tief im typisch seligen Soundgewand.

Also typisch Selig. Gibt es hörbare Entwicklungen und Veränderungen auf der neuen Platte erleben?

Nach all den Jahren der musikalischen Experimente besinnen wir uns wieder auf unsere Wurzeln und retten den Hippiemetaltraum rüber in die neue Zeit.

Welchen Stellenwert hat Selig in deinem Leben?

Selig ist meine Basis, mein Grundakkord, die Mutter aller Möglichkeiten.

Butter bei die Fische. Was gibt Selig dir, was dir die anderen Projekte, die du am Laufen hast, nicht bieten?

Leo, Christian und Stoppel


/REM /
Beitragsbild: Mathias Bothor


Selig Kashmir Karma Album Art WorkKashmir Karma erscheint am 3.11.17. Hier könnt ihr das Album vorbestellen.

Am 12. & 13. November 2017 treten die Jungs in der Hamburger Großen Freiheit 36 auf. Tickets ab 35,60 Euro gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Kilians. Comeback dank WhatsApp

Vor zehn Jahren erschien „Kill The Kilians“, das erste Album der blutjungen Dinslakener Band um Sänger Simon den Hartog. Der Beginn einer Achterbahnfahrt von einer Karriere: Thees Uhlmann übernahm das Management, Universal lieferte den Major-Deal, die Kilians gingen mit Coldplay auf Tour. So steil es bergauf ging, so rasant ging es auch wieder bergab.

Das Musikgeschäft hatte die Gruppe müde gemacht. 2013 gaben die Kilians ihr Ende bekannt. Für eine – vorerst – einmalige Tournee zum Debüt-Jubiläum ist sie nun zurück. Am 2. Juni werden sie im Hamburger Schanzenzelt spielen.  Ein Gespräch mit Simon (Foto Mitte) übers frühe Rockstarleben, Kapitulation und Comeback

 SZENE HAMBURG: Simon, was musste passieren, damit ihr euch wieder für eine Tour entscheidet? Ging es euch ums Geld? Um Aufmerksamkeit? Oder etwas ganz Anderes?

Simon den Hartog: (lacht) Um Geld ging es uns auf jeden Fall nicht, auch Geltungsdrang war kein Grund. Es war vielmehr so, dass sich ein sehr guter Freund von uns gewünscht hatte, drei Songs von uns auf seiner Hochzeit im letzten Jahr zu hören – und zwar live. Wir aus der Band hatten uns lange nicht gesehen, kamen dort wieder zusammen und haben darüber gesprochen, wie es uns mit dem Ende der Kilians so geht.

Und?

Wir waren alle Meinung, dass der Schlussstrich an sich richtig war, es aber doch sehr schade ist, dass wir seitdem gar nicht mehr so viel miteinander zu tun haben. Wir haben dann eine WhatsApp-Gruppe gründet und angefangen, an der Idee von neuen Konzerten zu arbeiten.

Folgten darauf strikte Proben? Die letzten sind ja schon eine Weile her.

Sagen wir es mal so: Man verlernt zwar nie das Fahrradfahren, aber durch die längere Pause fehlte uns natürlich die Routine. Deshalb hat erst mal jeder für sich seine musikalischen Hausaufgaben gemacht, und danach haben wir gemeinsam am Repertoire gefeilt. Jetzt freuen wir uns, dass es los geht und glauben an wirklich tolle Konzerte.

Habt ihr bei aller Euphorie auch wieder Gedanken an das Musikgeschäft, das euch damals so ermüdet hat? Du selbst hast es ja einst als „menschenfressend“ bezeichnet.

Das stimmt, aber ich meinte damit ja nur die Industrie, nicht die Musik und auch nicht das Touren. Gemeinsam unterwegs zu sein, fand ich immer total schön, und im Moment denken ich und die anderen auch nur daran.

Wagen wir doch mal einen Blick zurück. In einem Satz zusammengefasst, könnte man wohl sagen: Eure Karriere nahm von Beginn an ruckzuck an Fahrt auf, es ging steil bergauf, ebenso steil bergab und kam schließlich zur Stagnation.

Ja, so kann man es formulieren. Aus heutiger Sicht erscheint einem der Start tatsächlich als sehr steil. Damals haben wir das allerdings kaum realisiert. Ist ja oft so: Vom Aufstieg bekommt man selten etwas mit. Was einem von einer bestimmten Lebensphase eher in Erinnerung bleibt, ist das Gefühl von eben dieser Stagnation, vielleicht sogar Kapitulation vor den Mechanismen der Industrie und ein bisschen auch vor sich selbst. Uns fehlte am Ende einfach der letzte Push. Wir waren mit unserer Unzufriedenheit irgendwann zufrieden.

Zwischendurch jedoch muss es wie ein Rausch gewesen sein, etwa als ihr mit Coldplay auf Tour gegangen seid. Kamen da Gefühle von unkaputtbaren Rockstars auf?

Klar hat sich irgendwann etwas verändert. Als wir erfolgreicher und in der Öffentlichkeit erkannt wurden, sind wir in unserer jugendlichen Naivität auch mal abgedriftet, haben die Bodenhaftung verloren. Wir haben zu allem „ja, klar“ gesagt und überall gespielt, wo wir spielen konnten. Wir waren kleine Jungs auf einem riesigen Spielplatz. Wir haben uns wie Rockstars benommen, uns aber ehrlich gesagt nie wirklich wie welche gefühlt.

„Wir können jetzt ganz unbedarft an alles herangehen“

 

Bereut ihr etwas?

Wir würden manches sicher nicht wiederholen. Trotzdem finde ich: Man ist nur einmal jung, und in dieser Zeit darf man auch bestimmte Erfahrungen machen. Wenn man zum Beispiel auf einer Veranstaltung ist, auf der man sich nicht wohl fühlt, darf man sich auch mal daneben benehmen. Und wenn man jemanden scheiße findet, darf man ihm das auch sagen.

Vielleicht bewirken die Erfahrungen von damals auch eine gewisse Entspanntheit, wenn ihr jetzt wieder zusammen auf die Bühne geht.

Bestimmt. Wir haben in den frühen Jahren nichts versäumt und deshalb auch nicht mehr den unbedingten Drang, bestimmte Dinge erleben zu müssen. Wir können jetzt ganz unbedarft an alles herangehen.

Könnte dabei womöglich doch noch ein neues Album entstehen?

(überlegt lange) Wir spielen jetzt erst mal die Konzerte, und dann sehen wir weiter.

/ Interview: Erik Brandt-Höge /Alexander Malecki

 Save the Date: Schanzenzelt, 2.6.17, 20 Uhr

Interview: Captain Capa. „Runter vom scheiß hohen Ross“

Captain Capa, das sind Marco Pilzecker, Mario Saegling und Hannes Naumann. Ihre Mission: Pop-Musik. Bei Audiolith erschien jüngst ihr aktuelles Album: This is forever. Am Sonnabend, 13.5.17, treten die Jungs im Molotow auf. Wir haben mit Hannes (Foto Mitte) über das neue Album und seine Hamburg-Höhepunkte gesprochen

Hannes, Hand aufs Herz: Auf deiner persönlichen Lieblingsstadt-Skala in Deutschland: Wo steht da Hamburg?

Hannes Naumann: Definitiv ziemlich weit oben! Wir verbinden mit Hamburg schon etwas spezielles – als wir zum ersten mal her gekommen sind, um unser Debut-Album aufzunehmen, war das für uns ein riesiges Abenteuer und die Stadt hat uns total fasziniert. Außerdem hat Marco eine Zeit lang hier gewohnt, der fühlt sich immer noch ein bisschen zuhause.

Wo trifft man euch, wenn ihr in Hamburg zu Gast seid? Beim Feiern, Chillen, Essen?

Wir landen zu später Stunde irgendwie immer im Molotow – da sieht man so viele bekannte, nette Gesichter und der Laden ist einfach super. Nach der Feierei darf es gerne was fettiges in der Kleinen Pause sein! Wir versuchen außerdem, seit Ewigkeiten im Grilly Idol zum Burger-Futtern vorbei zu kommen, aber immer kommt irgendwas dazwischen. Vielleicht klappt’s bei unserem Besuch am 13.5. endlich!

Wichtig ist auch immer ein Stopp im Audiolith-Büro, ein Schnappi in der Mudder und einmal durch die Sternschanze wackeln.

Die Welt braucht Musik einfach generell, um nicht komplett durchzudrehen

Für euch als Band: Was hat sich nach Maik Biermanns Weggang musikalisch verändert? Er war schließlich von Beginn an dabei. Habt ihr euch als Band neu gefunden?

Wir mussten erst mal lange rumprobieren und experimentieren, bis wir wussten, wo die Reise zu dritt für uns hingehen soll. Wir haben dann festgestellt, dass wir am besten funktionieren, wenn jeder seine ganz eigenen Einflüsse und seinen eigenen Musikgeschmack unpoliert mit einbringt und wir uns von Genre-Grenzen oder irgendwelchen Erwartungshaltungen komplett frei machen.

So konnte unser neues Album ‚This Is Forever‘ so wild und abwechslungsreich werden, wie es jetzt ist. Aber am Anfang mussten wir natürlich erst mal einen „Workflow“ entwickeln, wie man so sagt (lacht). Außerdem haben wir uns, wie gesagt, noch mal viel weiter geöffnet, was Experimente und Spielereien angeht.

Ein Captain Capa Song muss jetzt nicht mehr nach bestimmten Regeln funktionieren, er muss uns nur einfach kicken.

Captain Capa

Holen den Pop runter vom hohen Ross: Hannes Naumann, Mario Saegling & Marco Pilzecker (von l.). Foto: Tim Roth

Wie würdet ihr euer neues Album in zwei Sätzen beschreiben?

„This Is Forever“ ist einfach, glaube ich, eine brutal unterhaltsame Platte geworden, auf der es trotzdem um echte Gefühle geht. Man hört raus, dass wir uns Zeit genommen und ausgetobt haben und darauf sind wir diesmal ganz unbescheiden sehr stolz.

Warum braucht die Welt Pop-Musik?

Die Welt braucht Musik einfach generell, um nicht komplett durchzudrehen, und Pop steckt in so viel mehr Platten und Songs drin, als die meisten wahr haben wollen – ohne Popmusik geht eigentlich nix.  Wie ging der Spruch? „Erst wenn das letzte Majorlabel gesprengt und die letzte Autotune-Spur gelöscht wurde, werdet ihr sehen, dass man Popmusik nicht fressen kann“ oder so?

Warum braucht die Welt Captain Capa?

Weil wir das Mysterium „Popmusik“ von seinem scheiß hohen Ross holen und in einem Rahmen damit spielen, in dem sich auch Technokids, vergessene Emo-Liebhaber und Antifa-Punks wohl fühlen können, wenn sie sich trauen.

Und: Was ist der perfekte Popsong für euch?

„Nightwings“ von Captain Capa kommt schon nah ran! Aber im Ernst: Sehr, sehr schwierig! „All The Things She Said“ von tATu ist ein guter Anwärter – dicht gefolgt von Ariana Grandes „Into You“. Wenn’s etwas unbekannter sein soll – „Fiona Coyne“ von Skylar Spence.

/ Interview: Regine Marxen / Foto: Tim Roth

 Captain Capa, Molotow, 13. Mai 2017, Einlass: 19.30 Uhr

Wir verlosen 1×2 Karten für das Konzert am 13. Mai. Einfach eine Mail senden an verlosung@vkfmi.de, Betreff: Captain Capa, Einsendeschluss Freitag, 12. Mai 2017, 9 Uhr. Viel Glück!

Gern allein: Fayzen

Am 12. Mai erscheint Fayzens neues Album „Gern allein“. Das kann er am selben Abend mit seinen Fans feiern, bei seinem Konzert im Terrace Hill. Auf einen Song mit Fayzen – Wir fragten den Hamburger, welche Songs ihn berühren und wie er lässige Zeilen textet.  

SZENE HAMBURG: Fayzen, du bist unser Mann für Poesie! Hast du einen spontanen Zweizeiler für uns, der zu den immer länger und wärmer werdenden Tagen passt?

Fayzen: „In die Sonne gucken und egal wem danken, in die Sonne gucken und Vitamin D tanken. Mit dem Rad durch den Stadtpark oder einen VW-Bus zocken und dann Abfahrt.“

Kannst du eigentlich jederzeit so einen raushauen? Sieht man dich womöglich auch ständig durch die Straßen laufen und Einfälle in dein Songbook schreiben?

Ich tipp eigentlich immer irgendwelche Zeilen ins Handy. Ich kriege oft Sprüche von wegen: „Ey, Du bist ja voll das Handy-Opfer“, aber es ist ja nicht so, dass ich Pokémon oder Snake spiele. Wir haben früher in der Schulzeit so viel gefreestylt, dass ich im Kopf eigentlich die ganze Zeit im Freestyle-Modus bin.

Hast du so etwas wie eine Lieblingszeile aus deinen eigenen Texten? Bist du auf etwas ganz besonders stolz?

Ich habe bei der Arbeit an meinem neuen Album jede Zeile ausgetauscht, die ich nicht perfekt fand. Perfekt bedeutet für mich, dass eine Zeile so genau wie es geht das sagt, was ich denke. Das ist gar nicht so leicht, weil Gedanken oft nicht so richtig rational formuliert sind. Noch schwieriger wird es, wenn man versucht, ein Gefühl in Worte zu packen. Meine Kumpels – unter anderem die, die meckern, dass ich zu viel am Handy bin – sagen, dass diese Zeile voll zu mir passt: „Ich bin wieder auf der Suche nach dem perfekten Lied, ohne zu wissen, ob es überhaupt so etwas gibt, und ich such weiter! Immer, immer weiter!“ Damit wollen die Jungs wohl sagen, dass ich besessen bin (lacht).

Und welchen Song eines anderen Künstlers findest du lyrisch besonders gelungen? Eine Empfehlung, bitte!

Ich liebe das Lied „Melancholie“ von Gisbert zu Knyphausen. Einfach nur krass, wie er es geschafft hat, so ein abstraktes Gefühl wie die Melancholie zu portraitieren. Das ist so ein Lied, bei dem ich fast neidisch bin, dass ich es nicht geschrieben habe (lacht). Gisbert, falls du das hier liest: Ich bin ein rieeeeeeesen Fan von Dir!

/ Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Caren Detje

Konzert: 12.5., Terrace Hill, 20 Uhr; „Gern allein“, das neue Album von Fayzen, erscheint am 12.5. (Vertigo Berlin/Universal)