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Samy Deluxe & Haspa Musikstiftung: „Eine super Synergie“

Zig aufstrebende Künstler haben bereits von der Förderung der Haspa Musikstiftung profitiert, u. a. die Mitglieder des DeluxeKidz e. V., der Kindern und Jugendlichen die Welt des HipHop näherbringt. Zum zehnten Geburtstag der Stiftung: Ein Gespräch mit DeluxeKidz-Gründer Samy Deluxe.

SZENE HAMBURG: Samy, erinnerst du dich an deinen ersten Förderer?

Samy Deluxe: Als Siebtklässler war ich ein halbes Jahr in England, dort hatte ich einen Privatlehrer, der einmal in der Woche Zeit mit mir verbracht hat. Ein derbe flashiger Dude, der schon die ganze Welt bereist hatte. In seinem Haus standen bestimmt hundert Instrumente, von Mandolinen bis zu den krassesten Riesentrommeln aus dem afrikanischen Dschungel. Mit ihm habe ich Musik gemacht und die Natur an der Küste bei Cornwall erkundet. Ich war damals ein kleiner Trouble-Jugendlicher. Dieser Typ hat Kreativität mehr geschätzt als Disziplin und es geschafft, dass ich viele Dinge für mich entdecken konnte, u. a. das Texten, Malen, Graffiti und einiges mehr.

Und was denkst du ist generell das Wichtigste bei der Unterstützung junger Künstler?

Erst mal sollte es um Spaß und Ausdruck gehen. Wenn ich als Mentor die Karriere von Nachwuchskünstlern mit zu verantworten habe, ist es mir allerdings auch wichtig, mein Wissen weiterzugeben. Leidenschaft ist gut, aber man kann keine Karriere starten, ohne zumindest die Eckpfeiler des Business zu kennen.

Du betreust seit 2013 die DeluxeKidz, pushst viele aufstrebende Talente. Was steckt hinter dieser Arbeit: innerer Drang? Pflichtbewusstsein?

Es war vor gut zehn Jahren, als ich mir Gedanken über meinen bisherigen Weg gemacht habe. Darüber, wofür ich stehe, und ob ich bisher mehr Gutes oder mehr Schlechtes in die Welt gebracht habe. Ich hatte dann tatsächlich einen großen Drang nach so einem Hands-on-Aktivismus und habe einen ersten Verein gegründet, der inhaltlich ähnlich lief wie die DeluxeKidz jetzt, der also auf HipHop-Workshops basierte. Zu der Zeit ging ich teilweise dreimal die Woche mehrere Stunden an Schulen. Meine Arbeit wurde später von Freunden weitergeführt. Es war also ein Win-win-Konstrukt.

Für die DeluxeKidz bekommst du auch von anderen Seiten Förderung, etwa von der Haspa Musikstiftung. Wie wichtig ist das für deine Arbeit?

Es ist eine super Synergie. Die Stiftung ermöglicht uns den Start in ein neues Theaterprojekt, in dem die Kidz mit Unterstützung unserer Coaches ihre Themen mit Tanz, Gesang, Rap, DJing, Beatbox und Graffiti auf die Bühne bringen werden. Es ist ja so: Um junge Leute zusammenzubringen und zu motivieren, etwas auf die Beine zu stellen, sind Sport und Musik die größten Schnittstellen. Beim Fußball braucht man nur einen Ball, Tore baut man sich schon irgendwie zusammen. Aber in der Musik braucht man eben mehr: Turntables, Mikrofone und so weiter. Und auch unsere Coaches müssen bezahlt werden. Das wäre ohne Unterstützer nicht möglich. Es ist deshalb cool, was die Stiftung für den Nachwuchs macht.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsbild: Romanus Furhmann

www.haspa-musik-stiftung.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Madsen – „Es begann mit einer Krise“

Frontmann Sebastian Madsen sah sich plötzlich mit Ängsten konfrontiert – und erzählt im Gespräch zum neuen Madsen-Album „Lichtjahre“ (VÖ 15.6.18), wie er sie überwinden konnte.

SZENE HAMBURG: Sebastian, hast du die diesjährige ECHO-Prozedur verfolgt?

Sebastian Madsen: Ja, zuerst die Show im Fernsehen, und dann war ich noch auf der Aftershow-Party. Allerdings nicht lange – die Stimmung war echt schlecht.

Grund dafür war der Eklat um Farid Bang und Kollegah. Hast du mit Branchenkollegen darüber sprechen können?

Auf der Party war das noch etwas schwer, die Leute waren wie paralysiert. Viele waren sich auch nicht sicher, was sie über die Geschehnisse denken sollten und fragten sich wahrscheinlich: Dürfen die das? Ich hingegen habe mich gefragt: Warum unterstützt denn da keiner Campino…

…der als einziger anwesender Künstler schon auf der Bühne das Werk der Rapper kritisiert hatte. Hättest du es genauso gemacht?

Ja. Ich hatte sofort eine klare Haltung zu all dem und fand es sehr mutig, was Campino gemacht hat, gerade in seiner Position als alter Punk, der vielen Jugendlichen wahrscheinlich wie ein Oberlehrer vorkommt.

„Alle in der Band haben eine politische Haltung“

Was politische Statements angeht, haltet ihr euch mit Madsen grundsätzlich nicht zurück, geht etwa gegen Nazis und Atomkraft offensiv vor. In euren Liedern hingegen geht es eher um das Innenleben des Individuums, politische Parolen werden ausgespart. Gab es denn etwas, das ihr auf eurem neuen Album „Lichtjahre“ textlich unbedingt behandeln wolltet?

Erst mal stimmt es, dass es sich bei Madsen songtextlich vor allem um das Du und das Ich dreht. Das liegt aber nicht daran, dass ich keine Lust hätte, etwas Politisches zu schreiben, heutzutage gibt es in dieser Hinsicht ja viel zu bereden. Aber ich kann das einfach nicht so gut. Feine Sahne Fisch Filet können das, haben da einen sehr direkten Bezug und sind zu Recht eine der derzeit wichtigsten Bands. Bei mir aber kommt Politisches immer komisch rüber, so liedermachermäßig.

Woran liegt das?

Vielleicht daran, dass ich Popmusik so sehr liebe. Ich und alle anderen in der Band haben eine klare politische Haltung, mögen auch grundsätzlich so eine Aufbruchstimmung. Aber textlich fühle ich mich in einem persönlichen Bereich eben wohler.

Wo fing dieser Bereich für „Lichtjahre“ an, wo hörte er auf ?

Er begann mit einer persönlichen Krise. Inwiefern? Bei mir kamen zum ersten Mal in meinem Leben Angststörungen und Panikattacken auf. Das war noch in der Zeit vom „Kompass“-Album (erschienen 2015). Ich weiß auch nicht, ob das alles einherging mit einer allgemeinen Erschöpfung – es war schließlich schon unser sechstes Album.

Wie haben sich Angst und Panik geäußert?

Ich hatte das Gefühl, nicht auf die Bühne gehen zu können. Es hat mich total überfordert, Konzerte zu spielen.

„Wir haben alle Zelte abgebrochen“

Und wie hast du und wie habt ihr als Band darauf reagiert?

Wir haben erst mal alle Zelte abgebrochen und einige Monate gefühlt gar nichts gemacht. Das ging soweit, dass ich im Bett lag und nicht mehr aufstehen konnte. Furchtbar. Irgendwann habe ich aber wieder Kontaktgesucht, vor allem zu anderen Musikern, und ich habe gemerkt, dass es ungefähr jedem zweiten schon so ging wie mir. Ich war also kein Außerirdischer, sondern hatte ein Problem, was in der Gesellschaft total angekommen war und ist. Ich habe mir dann sehr viele hilfreiche Tipps geholt.

Was waren das für Tipps?

Unter anderem wurde mir zum Sport machen geraten, also zu Bewegung allgemein. Fiel mir nicht immer leicht, aberes half. Außerdem bin ich mit meiner Freundin in den Urlaub gefahren, was mir gut tat – auch wenn ich plötzlich sogar Angst vorm Fliegen hatte. Und der Tipp, der am meisten geholfen hat und gleichzeitig am unangenehmsten in der Umsetzung war, war der, dass man in Phasen, in denen man viel zu tun hat, vielleicht nicht jeden Abend Bier trinken, sondern rausgehen und Sachen machen sollte, also Dinge anpacken sollte. Dazu zählte auch der Bühnengang. Und jedes Mal, wenn ich mit mir zu kämpfen hatte, raus und auf die Bühne zu gehen und es doch gemacht habe, es also geschafft habe, kam so ein Gefühl auf, gewonnen zu haben – gegen mich selbst.

Sicher auch nicht leicht, sich in den schwierigeren Phasen zu beruhigen und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut werden wird. Wie ist dir das gelungen?

In solchen Situationen habe ich mich an eine Zeit erinnert, in der man noch keine Karriere und Termine hatte und alles cool war. Da hat man das Leben ja auch einfach genießen können. Dieser Gedanke war ein gutes Back-up für mich, wenn die Angst wieder aufkam.

Und heute? Wie ist dein Bühnengefühl?

Ich habe meine Probleme in den Griff gekriegt. Sie sind zwar textlich noch sehr präsent auf der neuen Platte, aber das ändert nichts daran, dass mir und allen anderen von Madsen die Konzerte wieder richtig Spaß machen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Dennis Dirksen

22.-24.6.18, Hurricane, Scheeßel


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Blurred Edges – Klangpuzzle

Überall Musik beim blurred edges 2018: Analoge und elektronische Sounds rieseln in Form von Performances, Installationen und Ausstellungen über die Stadt.

Das gängige Prozedere eines Festivals geht so: Ein Kura­tor oder eine Kuratorin haben die Zügel in der Hand, lenken den Inhalt in ihrem Sinne, gestalten und walten, wie sie eben wollen. Nicht so bei blurred edges. Auch in der 13. Ausgabe besteht der Festivalreiz hier in einer enor­men Offenheit. Verschiedene Kollektive und Einzelpersonen aus der Hamburger Musikland­schaft stellen eigenständig ein Programm auf die Beine, immer mit dem Fokus auf das Haupt­ziel von blurred edges: die Auf­hebung von Grenzen.

Nicht nur Genres werden miteinander ver­woben, auch die Auftrittsorte va­riieren an den 17 Festivaltagen. 29 Locations stehen zur Verfügung, etwa die Hörbar, die Hanseplatte, der Golden Pudel Club, der Kulturdeich Veddel, das Centro So­ciale und das Künstlerhaus Fak­tor. Es gibt analoge sowie elek­tronische Sounds in Field­Recording, Film, Performances, Komposition, Improvisation, In­stallationen und Ausstellungen. Auf den Bühnen werden neben Hamburger Künstlern auch eine ganze Reihe spannender inter­nationaler Musiker stehen, u. a. aus Großbritannien, Spanien, Ös­terreich, Schweden, Norwegen und den USA. Zu den Highlights zählt die abstrakte Show von Franz Hautzinger an der Viertel­tontrompete (Foto; 30.5., Faktor, 20 Uhr), gespickt mit Luftgeräu­schen und Mikrotönen, beglei­tet vom TonArt Ensemble. Auch erwähnenswert: die Preispolitik von blurred edges. Bei einigen Konzerten können nämlich die Besucher über die Höhe der Ein­trittsgelder entscheiden.

/ Text: Erik Brandt-Höge

25.5.-10.6.2018; Infos unter www.blurrededges.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Instrument statt Waffe

Im Kulturladen in St. Georg gibt es Deutschlands einziges Kindermandolinenorchester. Seit elf Jahren bringt Ali Shibly dort Kindern verschiedener Nationalitäten das Instrument näher.

Musik ist Ali Shiblys Hobby seit der Kindheit. Der Ira­ker träumte schon früh von einem Kinderorchester: „Nach dem Krieg herrschte ganz viel Chaos. Ich dachte mir: In je­dem Haus im Irak sollte lieber ein Musikinstrument statt einer Waffe sein.“ Es sollte allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis er diesen Traum umsetzen konn­te. Zunächst zog es ihn nämlich nach Mazedonien, wo er Archi­tektur studierte und als Schau­spieler und Musiker arbeitete. 17 Jahre blieb er schließlich dort, bevor es ihn 1998 als Musiklehrer und Jugendbetreuer nach Ham­burg zog.
Hier musizieren heute im Kulturladen St. Georg 35 Kin­der und Jugendliche aus 14 verschiedenen Ländern, darunter auch zehn Flüchtlinge aus Sy­rien mit Ali. Sie lernen bei ihm Mandoline, Gitarre oder Per­kussion. Dass das Kinderorches­ter existiert, ist dabei einem Zu­fall zu verdanken. Ein Freund hatte den Musiker um Rat ge­fragt: Seine vier Kinder wollten ein Instrument lernen, wussten aber nicht welches. Ali schlug Mandoline vor, da sie – anders als die Gitarre – nur vier Seiten hat und so leichter zu erlernen ist. Was noch fehlte, war ein ge­eigneter Unterrichtsraum. Der Kulturladen St. Georg bot sich unter der Voraussetzung an, dass auch andere Kinder bei Ali das Musikinstrument lernen dürften.

,,Viele Kinder machen später im Profiorchester weiter – das macht mich sehr stolz“

„Danach entwickelte sich alles von selbst: Kinder brach­ten andere Kinder. Schnell wur­den wir eine große Gruppe“, er­zählt der Eppendorfer. Seit­dem wird unterrichtet, ganz un­kompliziert, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und auch eine Anmeldung ist nicht nötig.Nach einer Weile wurde das Mandolinenorchester immer öfter zu Konzerten eingeladen, so wie jüngst zum einjährigen Geburtstag des Flüchtling-Magazins. Manchmal sind Auftritte auch weiter weg: 2009 war die Gruppe zum Beispiel in Ägypten. Die Konsulin von Ägypten hatte die Gruppe bei einem Konzert in der Uni Hamburg gesehen und sie kurzerhand zu einem Kinderfestival eingeladen. Drei Einladungen nach Dubai dagegen musste das Orchester allerdings ablehnen – während der Schulzeit sind solche Besuche nicht möglich.
Meist sind es Festivals und Veranstaltungen in Hamburg und Norddeutschland, auf denen das Orchester spielt. Gagen gibt es oft keine, wenn doch, dann fallen sie gering aus. Für das Orchester steht ohnehin der Spaß im Vordergrund. Die Stadt Hamburg belohnte Alis Arbeit 2012 mit dem Bürgerpreis für herausragendes Engagement in der Integrationsarbeit.

Ein Instrument kann bei Ali jeder lernen, egal wie alt, ob blutiger Anfänger oder eingerosteter Gelegenheitsspieler. Wer erst mal ausprobieren möchte, ob ein Instrument überhaupt etwas für einen ist, dem stellt Ali auch gerne eines zur Verfügung. Schließlich weiß der Iraker noch zu gut, wie sich die Sehnsucht nach einem Instrument anfühlt: „Ich wollte als Kind unbedingt ein Instrument haben, aber meine Eltern hatten kein Geld. Und es war auch schwer, einen Musiklehrer zu finden“, erinnert sich der 56-Jährige. Er selbst hat heute 15 Mandolinen, der Kulturladen zehn. Alis älteste Schülerin ist eine 57-jährige Witwe. Ihr Psychologe hatte ihr empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Eine andere Schülerin von ihm studiert jetzt Musik, nachdem sie sechs Jahre bei Ali Mandoline lernte. Zwei weitere waren zehn Jahre dabei, musizieren heute professionell in Berlin und London. „Über 300 Kinder haben Mandoline bei mir gelernt. Viele machen später im Profiorchester weiter. Das macht mich sehr stolz.“

www.kulturladen.com/english-mandolinenorchester

Text: Melina Seiler 
Beitragsfoto: Jakob Börner


Als Ali Shibly 1998 nach Deutschland kam, gründete er sehr bald die Shiblyband. Das deutsch-arabische Gemeinschaftsprojekt macht Orientjazz und hat bereits drei Alben veröffentlicht. www.shiblyband.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Clubkultur – Doin‘ the Hop

Seit Jahren erfährt Swingmusik ein großes Revival. Hamburg gehört zu den Hochburgen der Szene. Regelmäßig treffen sich Tanz- und Musikbegeisterte, um in den Clubs der Stadt stilecht zu feiern. Ein Ortsbesuch.

Sie trägt ein rotes 40er-Jahre-Wickelkleid mit Kreismuster und einen Cocktail-Hut mit Netz. Wie viele andere an diesem Abend im Nochtspeicher, erscheint Inga in Tanzschuhen mit leichtem Absatz. Sie hat sich schick gemacht. Ihr Freund Holger präsentiert sich passend dazu mit Hemd, Bundfaltenhose und Hosenträgern. Einmal im Monat verwandelt sich der Club in der Bernhard-Nocht-Straße 69 in einen „Ballroom“, ähnlich wie in den 20er, 30er und 40er Jahren des glamourösen New York. Dort entstand der Swingtanz Lindy Hop und die Gäste der Dockside Swing Party im Nochtspeicher sind hier, um zu tanzen. Viele sind wie Inga und Holger dem Zeitgeist entsprechend gekleidet. Inga erzählt: „Für mich ist es eine richtige Kultur. Ich trage schon seit vielen Jahren auch privat immer wieder Kleidung im 40er-Jahre-Stil.“ Seit zwei Jahren tanzen sie und ihr Partner Holger zusammen. „Wir sind oft auf Swingtanzveranstaltungen und genießen es sehr.“ Holger spielt Posaune, daher verbinden sie auch sonst viel mit der Musik.

Wie der 36-Jährigen geht es vielen Menschen in Hamburg.

Sie freuen sich über jede Swingtanzparty, die die Hansestadt zu bieten hat.

Das weiß auch Veranstalterin Nina Kamp. Zusammen mit ihrem Partner Konstantin betreibt sie die Swingwerkstatt. Wenn sie davon erzählt, was hinter der Swingtanzkultur steckt, kommt sie ins Schwärmen, fast so als sei sie bei der Entstehung dabei gewesen: „Lindy Hop ist die populärste Swingtanzart weltweit. Sie hat ihren Ursprung in Harlem, New York. Eine Tanzart, die nicht in Studios entstanden ist, sondern im Volk – genaugenommen durch afroamerikanische Jugendliche.“ Damals gingen die Menschen abends in Ballrooms, wo Bands spielten und sie dazu tanzen konnten. Der rhythmische Paartanz Lindy Hop bietet dabei viel Freiraum für Improvisation der Tänzer.

Doch Lindy Hop ist nicht die einzige Swingtanzart. In den frühen 20er Jahren tanzten die Menschen Twenty Partner Charleston. „Den kennt man aus Filmen“, sagt Nina, „da tragen die Frauen immer die Charleston Kleider.“ Die Tänzer haben twistende Füße und Knie und tanzen in einer sehr engen Position zum Partner. „Das ist ganz anders als beim Lindy Hop.“ Außerdem gibt es hier keine festen Partner, man wird aufgefordert und inspiriert sich gegenseitig. Zudem tanzt man Lindy Hop in einer „Open Positon“, steht also nur mit einer Hand mit dem Partner in Kontakt. „So viel Freiheit war damals völlig neu im Paartanz, auch im Vergleich zu Europa. Zu der Zeit sind auch schon Hebefiguren entstanden, die sich dann später im Rock ’n’ Roll wiederfanden. Damals in New York war Frankie Manning dafür bekannt.“

Swingen im Nochtspeicher: The Bandwagon Swing Orchestra. Foto: Sofia Jansson – Mokkasin

Heute wird Lindy Hop in vielen Tanzschulen angeboten. Bevor Nina zum Swing kam, tanzte sie Salsa und wagte irgendwann in ihrem Tanzstudio einen Schnupperkurs. Für sie war alles neu, die Musik und die Art sich zu bewegen. „Ich war aber schnell so begeistert, dass ich den Anfängerkurs mitmachte.“ So hat sie Konstantin kennengelernt, der schon seit mehr als 15 Jahren Swing tanzt. Heute betreiben beide neben ihren Berufen die Swingwerkstatt, um ihr Hobby auszuleben. Ihnen ist es wichtig, nicht nur in Studios zu tanzen, sondern den Ursprung der Tanzkultur zu leben. Denn die ist für beide fest in die Ausgehkultur verankert. Deshalb feiern sie Abende wie im Nochtspeicher, wo derweil The Bandwagon Swing Orchestra zu spielen beginnt.

Die Band ist extra aus Stockholm angereist: das dritte Jahr in Folge. Die neunköpfige Truppe ist noch sehr jung, einige tanzen selbst Swing und so sind auch sie zur Musik gekommen. Sie spielen Posaune, Trompete, Saxofon, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Banjo und Bass. Nina freut sich: „Es ist immer sehr besonders, wenn sie da sind. Sie machen Party auf der Bühne und für die Menschen auf der Tanzfläche.“ Voller Energie und Herzlichkeit, das finden auch Inga und Holger. Sie sind mitgerissen. Dockside Swing im Nochtspeicher gibt es einmal im Monat. Auch an den anderen Abenden, an denen die Stockholmer Band nicht spielt, geht es schwungvoll zur Sache. Swingbands und Jazzmusiker aus ganz Deutschland stehen bei den Events auf der Bühne.

Doch nicht nur Livemusiker, widmen sich dieser Musikrichtung, sondern auch DJs, mit denen die Swingwerkstatt zusammenarbeitet. Als Nina vor 17 Jahren auf den Tanz aufmerksam wurde lebte Swingin’ Swanee noch in Hamburg. „Sie ist ein bekannter Swing DJ und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Hamburg die Swingtanzszene entstanden ist. Sie hat die Leute musikalisch nachhaltig geprägt“, so Nina.

Neben der Swingwerkstatt ist der Tanz auch in vielen Musikschulen der Stadt fest verankert. Und es gibt den Verein New Swing Generation, der ebenfalls dazu beigetragen hat, die Hamburger Swingszene aufzubauen und noch heute regelmäßig Veranstaltungen organisiert. Für Inga und Holger indes gibt es keine Swingtanzparty, die so so kultig ist wie heute im Nochtspeicher. Und so sind sie mit Sicherheit wieder dabei, wenn sich für einen Abend die Zeit 90 Jahre zurückdreht.

Text: Melina Seiler

Beitragsbild: Thomas Marek 

Swinging Ballroom Stage Club
25.5.18, 21 Uhr (mit 45-minütigem Crashkurs)

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

LEA – „Ich wollte ein Studentenleben“

(Promotional Content) Lea schüttet ihren Zuhörern ihr Herz aus und wird dafür gefeiert. Der Erfolg begann auf Youtube:  2007 wurde die selbstgeschriebene Piano-Ballade „Wo ist die Liebe hin“ millionenfach geklickt. Die damals 16-Jährige entschied sich, erst mal zu studieren und hat 2016 das Album „Vakuum“ veröffentlicht. Jetzt gilt sie bei manchen als neue deutsche Pop-Hoffnung und geht diesen Sommer auf Tour.

 

Du hast deinen ersten Song „Wohin willst du schon?“ mit 16 bei Youtube eingestellt. Der hatte wahnsinnig viele Aufrufe. Mit dem Elektro-Mix hast du sogar Platinum erreicht. Mit welchem Ziel hast du das damals eingestellt?

Ich habe meinen ersten Song einfach mal ins Internet gestellt, um zu schauen, was Leute sagen, die mich persönlich nicht kennen, ohne große Hintergrundgedanken. Ich hätte niemals gedacht, dass das so viele Klicks haben wird.

„Ich wollte ein Studentenleben“

Du hast dich dann nicht nur auf Musik konzentriert, sondern Sonderpädagogik studiert. War Musik ein Plan A und das Studium ein Backup? Oder umgekehrt?

Ich habe studiert, um einen geregelten Alltag zu haben und, um nicht komplett von der Musik abhängig zu sein, da einfach noch freier zu sein. Aber ich habe trotzdem schon während des Studiums mein Album aufgenommen. Ich bin viel gependelt zwischen Hannover und Berlin und habe viel Energie in die Musik gesteckt. Aber ich wollte trotzdem einfach mal studiert haben und ein Studentenleben führen. Ich glaube, ich hätte das total vermisst, wenn ich es nicht gemacht hätte. Es war eine superschöne Zeit. Dieses Studentenleben in einer Studentenbude ist schon ein besonderer Lifestyle. Ich bin sehr froh, dass ich das hatte.

In deinem Song „Leiser“ singst du von deinen eigenen Erfahrungen. Ist es bei allen deinen Liedern so, dass du sie aus der persönlichen Erfahrung heraus schreibst?

Ich nutze das Songschreiben, um Gedanken und Erlebnisse zu verarbeiten. Und „Leiser“ habe ich auch genau so erlebt. Ich habe aufgeschrieben, was passiert ist, wie dieser Mensch zu mir war. Diese Erfahrung war nicht so schön, weil es nur um ihn ging, was ich nicht wahrhaben wollte. Das Schreiben hat mir geholfen, das zu verarbeiten und darüber hinwegzukommen.

Sehr mutig!

Man wird natürlich angreifbar, wenn man sich verletzbar macht und alles so ehrlich ausspricht. Ich merke aber selber, dass viele Leute sagen: „Das habe ich auch erlebt. Du hast es endlich mal ausgesprochen.“ Dass ich so ein Feedback bekomme, ist natürlich schön. Dass ich nicht die einzige bin, die solche Gefühle hat.

Die Songs sind sehr emotional. Hast du da manchmal Angst, in die kitschige Ecke gestellt zu werden?

Es ist genau das, was aus mir herauskommt. Wenn das kitschig ist, dann ist das eben so. Ich kann das auch nicht ändern. (lacht)

„Das Lied sagt mir, wie es klingen will“

Es gibt so viel deutsche Popmusik. In welches Genre packst du dich?

Ich denke nicht in Schubladen. Ich glaube, man kann genreübergreifend Menschen erreichen. Ich kriege öfter mal Nachrichten wie: „Ich höre eigentlich nur Heavy Metal, aber dein Song gefällt mir total gut.“ Und man denkt: Ah, krass. Das hat gar nicht nur mit Leuten zu tun, die Popmusik hören. Ich würde es natürlich als Deutschpop bezeichnen. Aber ich habe keine großartigen Vorbilder im Deutschpop-Bereich. Ich gucke eher: Was will das Lied? Das Lied sagt mir beim Schreiben, wie es klingen will.

Hattest du wirklich nie ein Vorbild, das dich inspiriert hat?

Nee, nie.

Interview: Anne May
Foto: 


Am 4.8.2018 ist LEA der Support für Glasperlenspiel im Stadtpark.

musicHHwomen – Netzwerk für Frauen im Musikbusiness

musicHHwomen will Musikfrauen aus den Bereichen Art, Business und Media vernetzen.

Die aktuelle Studie „Frauen in Kultur- und Medienberufen“ zeigt, dass Frauen zwar im Bereich der Ausbildung mit knapp 54 % am Start sind, aber einfach nicht in der Branche landen. Nur 7,4 Prozent der Mitgliedsunternehmen des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) werden von Frauen geführt. Auf Initiative von Rockcity Hamburg hatten darum im vergangenen Sommer 100 Musikfrauen der Stadt mit „musicHHwomen – art.business.media“ die erste eigene Interessenvertretung gegründet. Jetzt ist auch die erste Datenbank der Musikfrauen in Deutschland online gegangen.

Hintergrund der Netzwerkgründung sei die immer noch fehlende Gleichstellung in der Musikbranche, betont Rockcity- Geschäftsführerin Andrea Rothaug: „Solange kaum Teilhabe am politischen Dialog oder Zugang zur zumeist männlichen Führungselite existieren, bleiben Frauen im arbeitsreichen, aber schwach bezahlten Kultur- und Sozialsektor verhaftet, und nicht etwa in unserer Branche, in den Aufsichtsräten und Vorständen oder als Unternehmerinnen. Das wollen wir ändern.“ Rockcity selbst zeigt, wie es geht: Als reines SHE-Team im Office und mit 50 % Frauenanteil im Vorstand ist der Verein die wohl weiblichste Popförderinstitution Deutschlands.

Die Datenbank soll die Musikfrauen nun stärker vernetzen, die Präsenz erhöhen und zum Austausch anregen. Geplant ist ein bundesweiter Rollout: Perspektivisch sollen 16 lokale Netzwerke mit einer zentralen Datenbank aufgebaut werden. Aktuell wird auch an Mentoringprogrammen und Events gearbeitet. Das nächste Netzwerktreffen ist für den 19. April geplant (18-21 Uhr, Skybar im Molotow).

/ ILO

www.musichhwomen.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Auf einen Song mit: Klara Söderberg

Jeden Monat trifft Erik Brandt-Höge Hamburger Musiker und holt sich aktuelle Musikempfehlungen von denen, die es wissen müssen. Diesmal mit Klara Söderberg von First Aid Kit, deren Album „RuinsEnde Januar erschienen ist.

SZENE HAMBURG: Klara, wir haben ernsthaften Liebeskummer! Welche Songs helfen uns, damit fertig zu werden?
Klara Söderberg: Erst mal: Tut mir leid, das ist ja blöd! Wird bestimmt bald besser, und in der Zwischenzeit solltet ihr das hier hören: „Nobody Gets What They Want Anymore“ von Marlon Williams feat. Aldous Harding. Marlon ist ein Freund von uns, er hat den Song geschrieben, und wir sind hin und weg davon. Marlons Stimme ist wie von einer anderen Welt, man kann sich mit seinem Schmerz richtig in diesem Sound suhlen und ordentlich heulen. Steckt aber auch viel Hoffnung drin. „Mary“ von Big Thief. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, wollte ich in meiner Wohnung sofort alle Lichter ausmachen. Dann saß ich da im Dunkeln und hörte diesen genauso traurigen wie verspielten Titel, in dessen Lyrics so viele komplexe Erinnerun- gen stecken. „Survivor“ von Destiny’s Child. Manchmal muss man loslassen und darauf vertrauen können, dass der Herzschmerz zu etwas Besserem führt.

Und so ganz allgemein: Lieber ein trauriges oder fröhliches Lied bei Liebeskummer?
Traurig! Es ist doch so: Man wünscht sich in solchen Momenten, man könnte seine Gefühle einfach unter den Teppich kehren – kann man aber nicht. Deshalb besser traurige Musik hören, das gibt einem auch das Gefühl, dass andere schon da waren, wo man selbst gerade ist. Dass man nicht alleine ist.

Und welche FAK-Songs taugen in einer Herzschmerzzeit?
Wenn es tatsächlich was Trauriges sein sollen, dann „Fireworks“. Darin geht es darum, in seinen eigenen Träumen gefangen zu sein, die jedoch nicht in Erfüllung gehen und einen am Ende allein dastehen lassen. Übrigens wurde unser gesamtes neues Album „Ruins“ geschrieben, als ich gerade in einer Trennungsphase war. Es steckt also in allen Songs ein bisschen was davon drin.

Interview: Erik Brandt-Höge

„Ruins“ ist am 19.1. erschienen (Smi Col/Sony); 10.3., Große Freiheit 36, 20 Uhr

SZENE HAMBURG verlost 2×2 Gästelistenplätze. E-Mail mit Betreff „FAK“ bis 1.3. an verlosung@vkfmi.de


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!