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Hamburger des Monats: Dominik Bloh

Als Obdachloser kam Dominik Bloh 2015 in die Kleiderkammer, um den geflüchteten Menschen zu helfen, obwohl er selbst Hilfe brauchte. Dort fand er Anschluss und Unterstützung, und wurde Gründungsmitglied des Vereins Hanseatic Help. Mittlerweile hat der 29-Jährige einen Job, eine Wohnung und das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ über seine Geschichte veröffentlicht. Er möchte für die Notleidenden auf den Straßen sensibilisieren

SZENE HAMBURG: Dominik, wenn du einen Wunsch frei hättest, mit dem du dem Leben von Obdachlosen mehr Perspektive geben könntest, welcher wäre das?
Dominik Bloh: Ich würde mir wünschen, dass jeder eine zweite Chance und ein Dach über dem Kopf bekommt.

In „Unter Palmen aus Stahl“ erzählst du von deiner Zeit als Obdachloser. Welche Reaktionen hast du bekommen?
Es gibt fast nur positives Feedback. Ich bekomme ganz viele Nachrichten oder erfahre in Gesprächen, dass tatsächlich Menschen mit anderen Augen durch ihre Stadt gehen und ihre Umwelt bewusster wahrnehmen. Das war auch mein Ziel für das Buch.

Also ist es dir gelungen, Menschen für das Thema zu sensibilisieren …
Vor Kurzem hat mir der Geschäftsführer der Tagesaufenthaltsstätte „herz as“ erzählt, dass er beim Amtsbesuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Olaf Scholz beiden mein Buch geschenkt und ihnen herzlich die Lektüre empfohlen hat. Das finde ich sehr verrückt. Das Buch soll eine Stimme sein für Leute, deren Stimmen nicht gehört werden. Dass jetzt sogar Politiker davon erfahren, ist ein schönes Gefühl.

Viele wissen nicht, wie sie mit einem Obdachlosen umgehen sollen, der um Geld bittet. Man kann ja nicht jedem Geld geben. Was rätst du ihnen?
Es geht immer darum, wie wir miteinander umgehen. Wir sollten mehr Empathie haben und aufeinander zugehen. Das braucht eine Prise Mut. Wir haben alle unsere vorgefertigten Bilder von Gruppen oder Menschen. Aber ich selbst lerne auch jeden Tag, dass, sobald man ins Gespräch kommt und jemanden näher kennenlernt, sowohl Ängste als auch das Gefühl von etwas Fremden verloren gehen. Und plötzlich werden aus Fremden Freunde. Ich gebe jedem Menschen Geld, der mich fragt. Ich bin nicht der Richter dieser Menschen und entscheide nicht, was sie damit machen. Für mich ist Betteln eine Form von um Hilfe bitten. Das kann mit am schwierigsten sein und deswegen habe ich Demut entwickelt vor Menschen, die das tun. Wer kein Geld geben kann oder möchte, kann trotzdem etwas tun: Das Schönste, was man schenken kann, kostet kein Geld und das sind Aufmerksamkeit und sich auf Augenhöhe begegnen. Ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen, kann Hoffnung spenden und zum schönsten Moment des Tages werden.

Oft sind die Menschen aber auch nur in Eile …
Es ist wichtig, dass man etwas tut. Ich kann, wie jeder andere auch, nur bis zu meiner Grenze der Belastbarkeit helfen. Es gibt für mich auch Momente, in denen mir etwas zu viel ist und dann kann ich jemandem auch nicht weiterhelfen. Aber ich weiß, dass ich eine Minute am Tag überhabe. Die stört meine Termine nicht, wenn ich mich entscheide, jetzt hier eine Minute stehen zu bleiben, so gestresst kann ich gar nicht sein.

Aber wäre es nicht höhnisch, wenn man einen Obdachlosen anlächelt, der gerade bettelt?
Ein Lächeln ist kostbar und etwas Positives. Auf der Straße bist du die ganze Zeit mit negativen Gedanken beschäftigt, weil du das Gefühl hast, nicht wahrgenommen zu werden. Dann ist es etwas Besonders, wenn dich jemand anlächelt. Eine der schlimmsten Sachen auf der Straße ist die soziale Isolation, das Gefühl ganz unten zu sein und alle anderen sind darüber. Ich nehme mir die Zeit, jemandem mit Respekt zu begegnen. Für mich ist Respekt der kleinste gemeinsame Nenner im Umgang mit Menschen. Ich muss nicht gut finden, was jemand macht, aber ich respektiere jeden als Mensch. Wenn ich das auf Augenhöhe vermittle, kommt das nicht höhnisch oder zynisch rüber, sondern, dann ist es genau das: eine Geste der Menschlichkeit.

Als 2015 so viele Flüchtlinge ins Land kamen, forderten viele, die eigenen Notleidenden, die Obdachlosen, nicht zu vergessen. Wieso wolltest du trotz deiner Situation sofort helfen?
Menschen, die mal wenig hatten, die geben auch viel, das habe ich gelernt. Wahrscheinlich, weil sie die Erfahrung geteilt haben. In meinem Fall war das so, dass ich gesehen habe, wie die Menschen aus den Kriegsgebieten in der Wandelhalle ankamen. Sie hatten eine schlimme Flucht hinter sich und waren traumatisiert. Sie lagen dort auf Isomatten und ich wusste, wie sie sich fühlten, denn so lebte auch ich damals seit zehn Jahren. Aber ich wusste auch, dass es ein schwieriger Weg für die Menschen wird, hier anzukommen. Im Gegensatz zu mir können sie nicht die Landessprache. Ich wollte mit dem, was ich bereits erfahren hatte, etwas tun für diese Menschen. Am Ende des Tages war es die beste Entscheidung, die ich treffen konnte: Ich habe Gutes getan und seitdem kommt Gutes zurück. Für mich haben sich dadurch Türen geöffnet.

Welche anderen Erkenntnisse hast du aus deiner Zeit auf der Straße noch gewonnen?
Ich habe gelernt, dass es eine gute Kombination ist, die Wahrheit zu sagen, an sich selbst zu glauben und Gutes zu tun, um ein glückliches Leben führen zu können. In der Vergangenheit habe ich viel gelogen. Jetzt weiß ich, die Wahrheit ist das Wichtigste überhaupt. Und dank meiner Großeltern, die immer an mich geglaubt haben, habe ich dann auch wieder an mich glauben können.

Um ein Leben führen zu können, braucht man aber auch ein bisschen Geld für seinen Lebensunterhalt. Wie bestreitest du den jetzt?
Seit Mitte 2016 habe ich ein Konto, das hatte ich jahrelang nicht. Als ich mein erstes Gehalt überwiesen bekommen habe, war das ein verrückter Tag für mich. Heute habe ich drei Jobs: Ich bin Lehrdozent und arbeite mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die auch um die 15 und 16 Jahre alt sind, so wie ich früher, als ich zum ersten Mal auf die Straße gekommen bin. Ich sehe heute zum ersten Mal, wie jung ich war, dass eigentlich ein Kind mit zwei Koffern im Park geschlafen hat und morgens in die Schule gekommen ist und sich auf dem Schulklo noch kurz gewaschen hat. Es ist schön, dass ich den Kids jetzt helfen kann. Dieser Job bezahlt meinen Lebensunterhalt. Ich habe aber auch noch einen Job auf der Baustelle, der meine Krankenversicherung bezahlt. Durch das Veröffentlichen meines Buches und Blog Posts im Ankerherz Verlag kann ich die Miete zahlen. Ich habe endlich etwas zu tun.

Damit so viele Jobs auch funktionieren, muss man auch seinen Alltag strukturieren können und Termine einhalten. Fällt dir das schwer?
Das geht immer zwei Schritte vor und einen zurück. Ich bin stolz, dass ich die Termine mit Buch und Arbeit ganz gut einhalte. Aber dann gibt es auch Tage, an denen gar nichts läuft und ich keine Briefe aufmache. Die Straße ist im Kopf. Sie ist schwer abzuschütteln. Auch das Ankommen ist nicht leicht. Wie ich im Buch schreibe, liegen meine Sachen immer noch in Taschen in der Wohnung und nicht im Regal. Ich schlage mich momentan auch immer noch mit meinen Schulden von früher rum und kann mich noch nicht so richtig auf längerfristige Zeiträume einstellen. Es braucht Zeit. Aber es geht in die richtige Richtung und das ist das Schöne.

Und in welche Richtung soll es sonst gehen? Wie möchtest du zukünftig über Obdachlosigkeit aufklären und informieren oder möchtest du mit dem Thema abschließen?
Ich werde nicht vergessen, wo ich herkomme. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch da draußen sind. Für mich gingen die Türen auf. Mein Ziel ist es, für andere die Türen zu öffnen. Housing First Projekte (Anm. d. Red.: ein neuer Ansatz der Wohnungslosenhilfe, bei dem eine feste Unterkunft an erster Stelle steht, bevor alles andere Bürokratische geregelt wird) und der Duschbus, der durch die Stadt fährt und den Menschen die Gelegenheit gibt, sich zu waschen, sind mir sehr wichtig. Waschen ist Würde, das ist für mich eins der ganz großen Themen. Ich möchte natürlich auch weiterschreiben. Das mache ich, seit ich ein Kind bin und es gibt noch viel, was ich schreiben kann. Es hat sich also noch nicht ausgeschrieben.

Interview: Melina Seiler

Foto: Jakob Börner 

www.facebook.com/ankerschmerz; „Unter Palmen aus Stahl“, Ankerherz Verlag, 191 Seiten, 20 Euro

Dominik Bloh war elf Jahre lang überwiegend obdachlos. Mit 16 Jahren wurde er von seiner psychisch kranken Mutter rausgeworfen. Trotz Obdachlosigkeit hat er Abitur gemacht. Seit 2015 schreibt er beim Ankerherz Verlag einen Blog über das Leben auf der Straße


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Mobile Bullysuppenküche – Jede Socke zählt

Mit ihrem knallroten Transporter fährt Julia Radojkovic seit drei Jahren ehrenamtlich durch die Stadt und versorgt Obdachlose mit Essen und Klamotten. Im Interview erzählt sie, wie sich aus spontaner Hilfsbereitschaft eine feste Institution mit vielen Helfern entwickelte.

SZENE HAMBURG: Julia, wie bist du auf die Idee gekommen, dich für Obdachlose zu engagieren?

Julia Radojkovic: In Hamburg ist die Präsenz von Menschen, die auf der Straße leben,in den letzten Jahren größer geworden. Ich kann da schwer dran vorbeigehen und das ignorieren. Ich bin in Kroatien aufgewachsen. Wenn da jemand Hunger hatte, hat man ihm einen Teller Suppe gegeben. Das ist ein ganz einfacher uralter Brauch. Auch als Betreuerin in der Familienhilfe war soziale Ungleichheit immer ein zentrales Thema für mich.

Warum gibt es so viele Obdachlose?

Es gibt immer mehr Menschen, die die elementaren Kosten wie Wohnraum und Lebensmittel nicht decken können. Zunehmend werden nicht nur Obdachlose von den Tafeln versorgt, alle SGB-II-Empfänger sind berechtigt, dorthin zu gehen. Es gibt immer mehr Arbeitslose und arme Rentner, die ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können.

Wie ist die Bullysuppenküche entstanden?

Ich habe im März 2014 begonnen, mit einem ehemaligen Klassenkameraden auf der Straße Kleidung und Essen an Obdachlose zu verteilen. In meinem Bully haben wir das Essen transportiert und auf einem kleinen Herd warmgemacht. Ende Februar 2016 wollte ich eigentlich aufhören und nicht mehr mit der entstandenen festen Gruppe verteilen. Allein weiterzumachen, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe mich auf Facebook verabschiedet und am nächsten Tag hatte ich ganz viele Nachrichten: „Du kannst nicht aufhören“, und „jeder kennt deinen Bully, mach bitte weiter, wir helfen dir.“ Nachbarn, Familie und Freunde haben mir kleine Geldbeträge gespendet und wir haben Klamotten und Schlafsäcke gesammelt. Das hat dann schnell eine Dynamik bekommen, da ich über unsere Arbeit auch immer auf Facebook berichtet habe.

Wie ist das Team zusammengesetzt?

Ein großer Teil des Teams besteht aus Menschen, die inzwischen nicht mehr obdachlos sind. Es geht nicht nur um das Essen, es geht auch um Beratung und Kontakte für die Obdachlosen und um die Gemeinschaft. Die Männer achten aufeinander. Es gibt feste Treffen und es wird sich ausgetauscht. Wenn es einem schlechtgeht, ist man nicht mehr allein. Es ist ein Vertrauen entstanden, weil die gemeinsame Zusammenarbeit verbindet.

Ihr arbeitet mittlerweile auch mit anderen Organisationen zusammen.

Wir arbeiten gern mit dem CaFeé mit Herz und dem Jakob-Junker-Haus zusammen. Das ist ein ganz toller Ansprechpartner, wenn es um Unterbringung geht. Hanseatic Help hat uns von Anfang an mit Sachspenden unterstützt. Der Verein hatte zuerst den Schwerpunkt Flüchtlingshilfe und hat im Laufe der Zeit auch viele soziale Organisationen mit Sachspenden versorgt.

„Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung.“ Foto: Michael Kohls

Dir liegt besonders auch an einer persönlichen Begegnung.

Es geht immer auch um menschlichen Kontakt. Viele Menschen haben Berührungsängste, auf Obdachlose zuzugehen. Auch, wenn sie gern helfen würden. Einige kommen zu uns zu Besuch und sehen, die Obdachlosen sind Menschen wie du und ich. Jeder bei uns ist, wie er ist, und so wird er auch genommen. Bei uns gibt es für die Obdachlosen immer eine Umarmung. In vier Jahren ist ein Vertrauen entstanden, weil die Menschen wissen, dass wir kommen. Inzwischen haben wir bessere finanzielle Mittel, seit letztem November werden wir von der Reimund C. Reich Stiftung gefördert. Dadurch verfügen wir über Geld, dass wir beispielsweise für fehlende Personalausweise und andere Soforthilfen einsetzen können. Teilweise können wir helfen, dass die Menschen wieder Leistungen beziehen können. Wir gehen auch mit ihnen zur Behörde oder zum Arzt. Es kann nicht sein, dass Menschen kaputtgehen, weil sie irgendwelche Dokumente nicht haben. Darum geht es uns, es geht um die Zwischenversorgung von Lücken.

Am Anfang wart ihr nur fünf, sechs Personen. Wie viel seid ihr inzwischen?

So um die 20 Leute ist unsere Basis. Es gibt aber auch Menschen im Hintergrund. Eine Helferin hat zum Beispiel Kontakt hergestellt zu Hund & Katze in Winterhude, die spenden jetzt regelmäßig Futter für die Hunde unserer Gäste. Von der Hofküche bekommen wir hochwertiges Essen geliefert sowie von einer Vollwertküche und einem Fleischlieferanten. Auch um solche wichtigen Unterstützer kümmern sich einzelne Netzwerker.

Wo findet eure Verteilung statt?

Wir sind schwerpunktmäßig sonntags alle zwei Wochen tagsüber unterwegs. Wir starten zurzeit um 13 Uhr bei der St. Trinitatis Kirche in der Königstraße. Da haben wir viel Platz. Wir fahren im Winter auch Standorte ab, wo sich Obdachlose sammeln. Dies wird dann individuell entschieden auf dem Weg zu unserem zweiten Standort bei der Altmannbrücke/ Ecke Münzstraße. Zusätzlich verteilen wir warmes Essen zwischen den Feiertagen vom 25. Dezember bis 1. Januar, denn da haben die meisten Tageseinrichtungen für Obdachlose zu. Wir sind immer unterwegs zwischen Altona und Innenstadt.

Was könnt ihr jetzt im Winter besonders gut gebrauchen?

Ein großes Manko sind immer Winterstiefel, Rucksäcke und Winterschlafsäcke. Wir brauchen auch Hygieneartikel und Geldspenden. Immer willkommen sind aktive Helfer– wir brauchen kräftige Menschen zum Tragen – und weitere Fahrer mit Autos. Wir freuen uns auch über Menschen, die frischen Kuchen backen und auf einen Kaffee vorbeikommen. Jede rkann etwas beitragen – jede Socke zählt.

Interview: Angela Kalenbach

www.mobilebullysuppenkueche.de

Bedrohte Räume #19 – Tanz auf dem Vulkan in der Partystadt Hamburg

Welcome im neuen Jahr! Bienvenue chez Hamburg! Merhaba, in der besten Stadt der Welt! Heute biete ich dir ein top WG-Zimmer vom 12.1.2018 (10.00 Uhr) bis 13.1.2018 (17.00 Uhr), 12 Quadratmeter ohne Balkon, dafür Südseite. Ganze 27 Stunden heimeliges Glück. Ja, du bist gemeint: gutaussehende Frau, bis 30 Jahre, Nichtraucherin, Studentin ohne Haustier, vegan, Interesse an Platten, holistischer Ernährung, Yoga, Reisen und Apfelbäumen. Gerne aus den Stadtteilen Eimsbüttel, Altona, St. Pauli stammend und politisch eher links orientiert. Der Preis beträgt 150 Euro zzgl. Nebenkosten. Vorauskasse erbeten. Alle Daten per Mail an mich! Ja, diese Butze ist ein Schnäppchen! Bämm!

So oder so ähnlich heißt es auf dem Wohnungsmarkt der geilsten Partystadt der Welt, wie der Kölner Stadtanzeiger Hamburg nennt. Hello!?

Alternativ hätte wg-gesucht.de für dich aber auch 48 Quadratmeter für günstige 940 Euro kalt oder 52 Quadratmeter für 1.100 Euro kalt. Leider nur vom 12.1.2018 bis 30.3.2018. Woche um Woche kannst du in unseren überteuerten Wohnungen in schlichten Lagen mit Souterrain so richtig einen draufmachen! Oder willst du lieber was Eigenes mitten auf dem Kiez? Eine 90-Quadratmeter-Bude in der irren Friedrichstraße auf St. Pauli für nur 550.000 Euro, der Grundriss ist allerdings schon auf dem Papier die Hölle. Da hätten wir noch die 33 Quadratmeter Rottbude für 170.000 Euro, eher so fürs kleine Potschi, das müsste doch gehen?! Du hast Bock? Dann come along, hier tummeln sich Baulöwen und Immobilienhaie schon zum Breakfast auf deiner imaginären Dachterrasse, denn hier is’ richtig geil!

Morgens, wenn du das Haus verlässt, kann es allerdings ungemütlich werden, während du im Partyglimmer unter Brücken oder durch Parkanlagen schwankst – ob am Bahnhof, in Hauseingängen oder in der Hochglanz-City. Denn hier überleben 2.000 Obdachlose zwischen Flaschen, Kot und Hunden, davon hunderte Jugendliche, ohne Schutz und Perspektive. Jeden Tag, jede Nacht, krank, verelendet, aufgegeben von uns, von denen, von dir. Spätestens jetzt ist Schluss mit Party: Kinder und Erwachsene erfrieren auf der Straße, hungern, sind Opfer zunehmender Gewalt und Feindlichkeit, der sie täglich ausgeliefert sind. Diese Menschen und mit ihnen weitere 5.000 Obdachlose, die wenigstens für eine Nacht Unterschlupf finden, ist nicht nach Fete, so wie dir. Sie haben keinen Partykeller, keinen Kumpel im Arm, keine Wand im Rücken, weder eine eigene, noch eine teure oder eine temporäre Bleibe. Und während du morgens in deiner überteuerten Butze deinen Partykater kraulst, sind sie da draußen über Nacht halbtot gefroren.

Denn unsere obdachlosen Hamburger sind die echten Verlierer fehlgeleiteter Integrations-, Sozial- und Wohnungsbaupolitik. Sie sind die Opfer von Immobilienspekulationen, Wohnraumverknappung, Leerstand, Spekulation und hochgetriebenen Preisen in jeder Größenordnung in der geilsten Partystadt der Welt! Was? Echt? Dich interessiert das nicht? Du willst Party, Fete, Halligalli? Alles geil, fast wie in Vegas? Dann trink dir Mut an, Babe, bring den Boys & Girls was Warmes vorbei, spende einen Container oder stich der Immoblase am besten gleich die Luft aus dem Tank! Sei aktiv, damit die bedrohten Wohnräume morgen wieder den Wohnungslosen, den Armen, ja unseren Homies gehören und Hamburg die weltwärmste City wird!

Eure Raumsonde

Andrea

Beitragsbild: Michael Kohls


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

 

 

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahren Sie auf Ihrer Website

Obdachlos: Die Vertriebene

Wo sich circa 1.858.000 Hamburger in ihre beheizten vier Wände verziehen, kämpfen an anderer Stelle 2.000 Menschen um Wärme. Die will verdient werden. Und das nicht nur an Heiligabend. Eine von ihnen ist Cheyenne. Sie lebt auf der Straße.

Die standen hier, glaube ich, zu fünft oder sechst von der Stadtreinigung, dann die Polizei und zwei Leute von der Stadt“, sagt die 50-Jährige. Rot-braunes Haar, die Seiten abrasiert, lackierte Fingernägel für eine ermutigende Portion Selbstwertgefühl und ein wacher, aufgeregter Blick. Cheyenne hat gerade ihre Räumungsaufforderung erhalten. Bis zum nächsten Morgen muss sie hier weg sein. Hier? Das ist die Nische unter der U-Bahnbrücke Landungsbrücken an der Helgoländer Allee. Weg sein? Das heißt, mit ihren zwei Hunden, Sack und Pack weiterziehen.

Cheyenne mit einem ihrer zwei Hunde. Sie sind ihr ganzer Stolz, ihr Halt und einzige Konstante

Dann geht’s in die Übernachtungsstätte Pik As. Die Stadt hat ihr dort ein Zimmer organisiert. Sie sagen, sie hätten Cheyenne im Vorfeld über die Räumung informiert. „Ich wusste von nichts. Die eine Frau meinte, sie hätte doch mit mir gesprochen. Nein, und sie hat mir auch keine Adressen gegeben. Es ärgert mich einfach.“ Sie fühlt sich einerseits übergangen und bevormundet und ist andererseits dankbar für die neue Bleibe. Innerhalb eines Tages muss sie ihre Sachen in die Neustädter Straße bringen. Ohne Auto, ohne Hilfe von außen. Zwei Zelte und eine Kommode, das einzige Möbelstück, das Cheyenne besaß, haben die Müllmänner gleich entsorgt. Eine Matratze und ein Schlafsack sind das höchste der Komfortgefühle, die ein Obdachloser haben darf. In den Augen des Bezirksamtes gilt alles andere als Unrat oder Sperrmüll.

Sie habe zu viel Krempel, bemängelten die Männer. Sie fragt sich: „Wer bestimmt das? Wenn sie gesagt hätten ,Möbel weg‘. Alles gut, dann hätte ich sofort geräumt“, sagt Cheyenne energisch. Aber nun sei nicht mal mehr der Aufenthalt unter dem kleinen Brückenstück erlaubt. „Warum denn aber da hinten?“ Sie nickt in Richtung der Obdachlosengruppe unter der Kersten-Miles-Brücke. Nicht mal 200 Meter von Cheyennes Platz entfernt hat sie sich dort dauerhaft eingerichtet. Die fünf Männer mit ihrem Camp werden unter bestimmten Auflagen vom Bezirksamt Mitte geduldet. In der Vergangenheit war es häufig zu Reibereien zwischen Behörden und den Wohnungslosen gekommen. 2011 wurde ein Zaun rund um den Platz aufgestellt, um sie zu vertreiben. Auch ein Brand und zunehmender Unrat sorgten für Ärger.

Wahres Glück auf der Straße: Ein ständiger Begleiter und Essensvorrat

Für den generellen Aufenthalt obdachloser Menschen in der Stadt gibt es klare Regeln: Die Grün- und Erholungsanlagenverordnung erlaubt das Zelten in Parks und auf Freiflächen nicht. Bei der Brücke drückt die Stadt allerdings ein Auge zu, da dies keine reine Freifläche sei und somit eine Grauzone bilde. Regelmäßig schauen Polizei und Stadtreinigung nach dem Rechten. „Wenn es wieder zu vermüllt ist, wird aufgeräumt. Zelte, Möbel und offenes Feuer sind verboten“, betont Pressesprecherin Sorina Weiland vom Bezirksamt Mitte.

Cheyenne hat schon einiges gesehen – Köln, den Taunus, die Eifel, Bayern. Ende 2015 kommt sie nach einer abgesessenen achtmonatigen Haftstrafe nach Berlin, die Gegend um den Bahnhof Zoo ist ihr Zuhause. In dieser Zeit ist sie glücklich. Sie hat einen Partner, die Menschen, mit denen sie auf der Straße lebt, nennt sie ihre Familie. Cheyenne hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Chef und Oberhaupt der Gruppe wird sie respektiert und ist Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte „ihrer“ Familie. Auch mit der Polizei oder dem Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn gibt es keine Probleme.

Seit zwei Monaten lebt die in der Pfalz Aufgewachsene nun in Hamburg auf der Straße. Eigentlich sei sie wegen eines Mannes in die Hansestadt gekommen. Sie schaut zur Seite, zwinkert. „Jeder täuscht sich mal.“ Auf einem T-Shirt liest sie den Spruch: Hamburg ist wie Berlin, nur geiler. „Das stimmt schon. Es ist entspannter hier und leichter zu arbeiten. In Berlin gibt es zu viele Obdachlose, zu viel Konkurrenz beim Flaschensammeln“, weiß Cheyenne. In einer Nacht mache sie hier 60 Euro Pfandgeld. Klingt gut. Hamburgs Kehrseite: Es gibt keinen Zusammenhalt. Hier wird sie häufig beklaut und abgezogen. Powerbanks sind beispielsweise heiß begehrt. Vertrauen ist ein rares Gut auf der Straße. Das macht es Cheyenne manchmal schwer. Sie sei zu gutmütig, sagten schon ihre Berliner Leute. Aber sie möchte sich nicht ändern. „Vertrauen ist doch das, was die Welt braucht. Ein großes Herz mit Vertrauen. Ich will nicht so werden wie die anderen.“ Die anderen? Damit meint sie nicht nur einen Großteil der Menschen, die ihren Weg täglich kreuzen, sondern auch obdachlose Kollegen. „Wenn ich Gast im Haus bin, nehme ich ja auch nichts mit. Ich habe noch Hoffnung, dass ich irgendwie mal jemanden finde, der genauso zurückgibt.

Das Zimmer im Pik As ist für sie keine Dauerlösung. Mit all ihrem Hab und Gut teilen sich zwei bis acht Menschen dort einen Schlafraum. „Man muss immer ein Auge offen haben. Sonst wird man beklaut. Es gibt Stress und man holt sich vielleicht sogar noch irgendwelche Krankheiten“, sagt Cheyenne. „Warum soll ich mir das antun? Dann lieber einen Schlafsack mehr.“ Auch das alljährliche Winternotprogramm sei für sie keine Option. Damit ist sie nicht allein. Das Angebot ist unter Obdachlosen nicht beliebt, obwohl die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration positive Zahlen verlauten lässt: Vergangenes Jahr wurden 2.100 Beratungsgespräche geführt und 278 Aufnahmen ins Hilfesystem eingeleitet. Die Zahl der Sozialarbeiter wurde aufgestockt, wodurch mehr individuelle Beratungen ermöglicht wurden.

Cheyennes Traum hingegen ist gerade zum Greifen nahe. Ein Gartenhäuschen ist im Gespräch. Die Vermittlung läuft über Bekannte. „Das ist Freiheit: Ich kann die Gartentür aufmachen und die Hunde laufen lassen.“ In eine Wohnung will sie nur ungern zurück. „Was habe ich davon? Klar, du kannst abends nach Hause kommen, aber dann sitze ich allein dort und keiner ist da.“ Wie sie jetzt mit der neuen Situation und ihrem Umzug ins Pik As umgehen soll, weiß sie nicht. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt ihr auch nicht. Sie muss schleunigst ihren Platz räumen und sich bei der Übernachtungsstätte melden. „Es gibt nicht viel, was Mensch oder Hund auf der Straße hat, was er wirklich liebt und woran er festhält. Jetzt ziehen wir in eine Unterkunft. Ich bin zwar froh, dass ich von der Straße runterkomme, aber wie das werden soll? Keine Ahnung.“ – Am nächsten Tag ist ihr Platz leer.

/ Text: Christiane Mehlig

/ Fotos: Michael Kohls

 


 Diese Reportage gibt es auch gedruckt in der SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 29. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


#StrassenWAHL: Deine Stimme zählt!

Nikolas Migut und sein Verein Straßenblues wollen mit der Aktion „Straßenwahl“ Wohnungslose motivieren, wählen zu gehen – das stärkt die Demokratie und das Selbstvertrauen der Menschen am Gesellschaftsrand. Ein Crowdfounding soll die Aktion jetzt möglich machen.

Copyright by David Diwiak

Wir trafen den Filmemacher zum Interview und wollten es genau wissen. Was ist geplant, wird es funktionieren und was hat ihn motiviert, die Straßenwahl zu initiieren? Nikolas Migut: „Die Idee ist aus aus einem Gespräch mit meiner Frau Milena entstanden, als wir uns über die momentanen politischen Zustände in Europa und den USA ausgetauscht haben. Gefühlt geht gerade die Demokratie vor die Hunde und wir wollten unseren Verein nutzen, um etwas dagegen zu tun. Wählen gehen bei der anstehenden Bundestagswahl fördert die Demokratie und da kam uns in den Sinn, dass die Obdachlosen oft nicht wissen, dass sie eine Wahlstimme haben, die genauso zählt, wie alle anderen. Und wie sie wählen können, wissen sie meist auch nicht.“

Der gemeinnützige Verein will mit der #StrassenWAHL Wohnungs- und Obdachlose jetzt ausführlich informieren. Sie sollen mit der Hilfe von StrassenBLUES e.V. zur Wahlurne gehen und ihr Kreuz machen. Doch für Flyer, Freecards und Tablet-Mieten wird ein bisschen Geld benötigt. Darum hat der Verein auf Betterplace ein Crowdfounding gestartet. 

 

Das komplette Interview erscheint in unserer nächsten SZENE HAMBURG.  Die neue Ausgabe gibt’s ab 31. August 2017.

Text: Hedda Bültmann

www.strassenwahl.de