Beiträge

In der Sommerpause – 3 Fragen an Nils Wendtland

Das Schauspielhaus schließt bereits im Mai seine Türen. Warum das notwendig ist und wo dennoch einige Produktionen zu sehen sind, erzählt der Pressesprecher.

SZENE HAMBURG: 2012 wurde das Schau­spielhaus das letzte Mal saniert, jetzt ab Mai stehen erneut Sanierungs­arbeiten an. Warum?
Nils Wendtland: Die beiden Ränge des knapp 120 Jahre alten Zuschauersaals müssen vollständig entkernt und statisch verstärkt werden. Eine Stabilisierung der Ränge ist dringend notwendig, um den schönen Saal auch für die nächsten 120 Jahre spielfähig zu halten. Der Saal wird damit an die Erfordernisse der heutigen Aufführungspraxis angepasst und lässt in Zukunft eine wesentlich dynamischere Nutzung zu. Die Sanierung erfolgt natürlich denkmalschutzgerecht, unsere Besucher werden daher später keine optische Veränderung feststellen. Parallel dazu sollen die sanitären Anlagen saniert sowie Teppichböden und Tapeten erneuert werden.

Dadurch können von Mai bis Oktober keine Aufführungen im Haus statt finden. Inwieweit machen sich die fehlen­ den Einnahmen durch den Kartenverkauf für das Haus bemerkbar?
In den genannten Zeitraum fallen ja auch die regulären Sommerferien (Betriebsferien) des Theaters sowie üblicherweise drei Wochen für technische Einrichtung und Endproben der Eröffnungspremieren. Der Spielbetrieb in der Kirchenallee verkürzt sich daher effektiv um 14 Wochen. In dieser Zeit sind wir mit vielen Gastspielen unterwegs, sowohl hier in Hamburg als auch europaweit. Damit erzielt das Schauspielhaus einen Teil seiner Einnahmen. Den Rest kompensiert die Behörde für Kultur und Medien verteilt auf zwei Spielzeiten im Rahmen ihrer Zuwendungen.

Was machen die Mitarbeiter und das Ensemble während der langen „Zwangspause“?
Wir arbeiten natürlich weiter, von einer „Pause“ kann nicht die Rede sein! Insgesamt sieben Produktionen des Deutschen Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses sollen auf Tour gehen. Die derzeitige Planung sieht Gastspiele unter anderem in Berlin, Mülheim, München, Wien, Gütersloh, Dresden, Fürstenfeldbruck, Amsterdam, Brünn und Moskau vor. Und dazu kommen die Vorstellungen hier in Hamburg im Monsun Theater, auf Kampnagel, im Hotel „Stadt Altona“ und in der Immanuel-Kirche auf der Veddel. Parallel dazu laufen die Proben für die Premieren der nächsten Spielzeit. Da haben sowohl die technischen Gewerke als auch das Ensemble alle Hände voll zu tun.

Interview: Hedda Bültmann


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Theater in der Kritik: Der haarige Affe

Frank Castorf inszeniert den Roman von Eugene O’Neill am Schauspielhaus – Castorf-Wahnsinn in jeder Hinsicht.

Die Abwesenheit von Liebe, Identitätssuche, seinen Platz in der Welt finden – Themen, die Eugene O’Neill in seinen Romanen verarbeitet. So auch in „Der haarige Affe“ aus dem Jahr 1923, welches Frank Castorf jetzt im Schauspielhaus inszenierte. Und dabei auch gleich zwei weitere O’Neill-Dramen, „Kaiser Jones“ und „Der große Gott Brown“, verwertete. Mehr als fünf Stunden versuchen die mehr oder weniger Verlorenen mit sich innerhalb der Gesellschaftsstrukturen ihrer Zeit zurechtzukommen, was kläglich endet.

Den Bühnenrahmen bilden ein Zeitungskiosk, ein übergroßes Reklameschild und ein U-Bahn-Eingang, dessen Treppe das Oben und das Unten verbindet. Unten ist der Bauch eines Ozeandampfers, wo eine Truppe von Heizern sowohl die Kessel als auch das Stück befeuert. Tonangebend unter den „haarigen Affen“ ist der raubeinige Yank (Charly Hübner), brutal und schwitzend. Nackte Wampen unter Hosenträgern, Gebrüll und der Alkohol fließt in Strömen – so geht Proletariat, nur durchbrochen von poetischen Wehklagen: „Wir brechen unsere Rücken und unsere Herzen in der Hölle des Kesselraums.“ Das Spiel unter Deck wird per Handkameras auf Leinwände übertragen, was die Dramatik zwar verstärkt, aber auf Dauer doch etwas ermüdend ist. Auch wird die Szenerie ein wenig zu überdeutlich, als die reiche Mildred für eine Sozialstudie aus der ersten Klasse zu ihnen hinuntersteigt. In ihrem Glitzerfummel wird sie erst bedrängt und dann mit Kohle zugeschüttet. Und ob eine Frau nackt Kohle schaufeln muss, während die Männer auf der Bühne über Kapitalismus sinnieren, ist fraglich.

Dennoch: Gerade groteske und starke Bilder überzeugen. Gute Ideen geben dem Stück immer wieder eine neue Richtung und ein hervorragendes Ensemble macht die zähen Momente wett – ob das Ganze tatsächlich diese fünfeinhalb Stunden gebraucht hat, oder es Castorfs Hang zum Überformat geschuldet ist, bleibt offen.

/ Hedda Bültmann

Der haarige Affe, Deutsches SchauSpielHaus, Spielzeit 2017/18

Falk Richters Königsweg

Das neue Jelinek-Stück am Schauspielhaus ist ein starker Stoff über autokratische Herrscher in unserer Zeit und das Debüt des frisch gebackenen Hausregisseurs Falk Richter. Im Interview spricht er über Rechtsextremismus, den kulturellen Wandel und persönliche Bedrohungen aus dem rechten Lager.

SZENE HAMBURG: Sie sind in Hamburg geboren und haben vor 18 Jahren im Schauspielhaus erste Erfahrungen als Regisseur gemacht. Ist es für Sie eine besondere Herausforderung in Hamburg zu inszenieren?
Falk Richter: Es ist besonders schön, wieder in Hamburg zu sein. Ich habe hier meine ersten Theatererfahrungen gemacht, mit 14, 15 Jahren, als Peter Zadek Intendant war. Und Ilse Ritter am Schauspielhaus gespielt hat. Sie spielt jetzt auch in meiner Inszenierung „Am Königsweg“. Damals habe ich meine Liebe fürs Theater entdeckt. Das ist auch eine persönliche Geschichte für mich. Ich freue mich total, hier inszenieren zu dürfen. Herausforderung ist es immer, weil es eines der größten Theater in Deutschland ist. Mit meinem Interesse an aktuellen, gesellschaftspolitisch relevanten Stoffen fühle ich mich hier am Haus gut aufgehoben. Das Stück von Elfriede Jelinek ist ein Auftragswerk. Die Intendantin Karin Beier hat Jelinek sofort nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten angerufen.

Das Stück „Am Königsweg“ ist eine Parodie auf Trump, worum geht es?
Es geht um die Verzweiflung darüber, dass jetzt wirklich Rechtsextreme an die Regierung gekommen sind in den USA, und dass die autokratischen Herrscher zunehmen in der Welt. Dieser Schock ist unglaublich spürbar. Jelinek erlebt das als echte Kulturrevolution, als Bruch auch. Und es ist eine Selbstanklage an sich und die Intellektuellen, die es trotz jahrelanger Warnungen nicht geschafft haben, diesen Prozess zu stoppen.

Sehen Sie auch so einen kulturellen Wandel?
Ja, das sehe ich ähnlich. Wir werden in den nächsten Jahren einen krassen gesamtgesellschaftlichen Wandel auf allen Ebenen erleben. Der Klimawandel wird zunehmen, das ist wahrscheinlich die schlimmste Bedrohung. Aufgrund von Klimakatastrophen, Kriegen und Hunger werden immer mehr Menschen weltweit ihre Heimat verlassen und sich auf die Flucht begeben müssen, auch nach Europa. Die westlichen Demokratien sind stark gefährdet, wir erleben auch in Deutschland einen enormen Rechtsruck, eine Radikalisierung der Gesellschaft und eine zunehmende Gewaltbereitschaft.

Vor zwei Jahren haben Sie in der Berliner Schaubühne „Fear“ aufgeführt, ein Stück über die Ängste von Rechtspopulisten. Dafür wurden Sie angezeigt und haben auch Morddrohungen erhalten. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Ich versuche, mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Die drei Klägerinnen Beatrix von Storch, Hedwig von Beverfoerde und Gabriele Kuby stehen alle den Positionen der AfD sehr, sehr nahe. Das sind schwerst reaktionäre, radikal christliche Aktivistinnen, die aus dem gleichen ideologischen Lager wie Trump, Putin, Orban, Le Pen stammen. Ich habe alle drei Gerichtsverfahren gewonnen. Das war nervig, zeitaufwendig und ärgerlich. Jedes Verfahren war verbunden mit einer großen Internet- Aktion gegen mich. Die Neurechten sind ja sehr umtriebig in den sozialen Medien. Sie nutzen das Internet viel aggressiver als die etablierten Parteien. Es sind alte faschistische Positionen, die jetzt mit den sozialen Medien im neuen Gewand zu den Menschen getragen werden. Es hat mich nicht davon abgehalten, weiter politische Texte zu schreiben oder Stücke zu inszenieren, in denen ich neurechte Strategien beschreibe und ihre antidemokratischen und rassistischen Positionen offenlege. Ich habe noch mehr über die Arbeits- und Wirkungsweise der neuen Rechten gelernt. Auch über ihre Verleumdungskampagnen, wie sie im Internet versuchen, Hass zu schüren. Ich kriege viele Mails von Leuten, die noch nie ein Stück von mir gesehen haben und nur auf bestimmte Trigger-Wörter reagieren, die im Internet über mich verbreitet werden.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zieht in ihrem Stück einen Bogen von Ödipus zu Donald Trump.
Das Stück zeigt Trump als Teil einer riesigen Muppet Show. Dahinter verbergen sich aber viel größere Kräfte: Kolonialisierung und Imperialismus, die weiße Vorherrschaft, die letztlich die Welt ausbeutet. Ödipus tritt an, das Land von der Pest zu befreien. Irgendwann wird klar, dass er die Ursache dafür ist. Ähnlich ist es mit Donald Trump, der nur vorgibt, er würde die Gesellschaft heilen und Menschen Arbeit geben. Aber es ist genau dieser Geschäftsmann Trump, der ausbeutet und das Land spaltet. Er ist genau das Gegenteil von dem, was er verspricht. So ein Mensch regiert jetzt die Welt!

Interview: Angela Kalenbach

Am Königsweg, 28.10.2017 (Premiere), SchauSpielHaus

 


Dieser Text ist ein Auszug aus der SZENE HAMBURG, November 2017. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!