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So wollen wir wohnen: WG mit einem Geflüchteten

Wohnexperiment: Einen Flüchtling bei sich zu Hause aufzunehmen, kann das klappen? Die 27-Jährige Mireia hat einen Versuch gewagt und lebt nun seit etwa einem Jahr mit Saad zusammen in einer WG. Hier prallen Welten aufeinander

Das Geschirr stapelt sich in der Küche, die Wände sind mit Fotos tapeziert, der Hund begrüßt je-den Besucher bereits an der Tür. Auf den ersten Blick eine ganz normale Studentenbude. Die Bewohner: Wahl-Hamburgerin Mireia und der Geflüchtete Saad, der hier vor einem Jahr sein neues Zuhause gefunden hat.

Damals war Mireias ehemalige Mitbewohnerin ausgezogen. Anstatt das freigewordene Zimmer in einem Internetportal auszuschreiben, entschied sich die Bio- chemie-Studentin dafür, einen Geflüchteten aufzunehmen. „Ich hatte keine Lust mehr auf eine normale WG und fand den Gedanken cool, mit einem Flüchtling zusammenzuleben und damit gleichzeitig etwas Gutes tun zu können.“ Über Google stieß sie sofort auf die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ und meldete sich an. Und dann ging auch schon alles ganz fix: „Zwei Tage danach kam schon ein Anruf: Man habe einen Kandidaten, der ganz gut passen würde. Zwei Wochen später ist Saad schon eingezogen“.

Die Stolpersteine wurden beiden erst dann in den Weg gelegt: Mehrmals musste Mireia Saad zum Jobcenter begleiten und dafür kämpfen, dass die Miete des derzeit Arbeitslosen übernommen wird. Doch die zuständige Sachbearbeiterin stellte sich zunächst quer. „Sie hat mir sogar vorgeworfen, ich wolle sie betrügen und Steuergelder kassieren. Das war alles ziemlich absurd. Aber nach dem vierten oder fünften Mal hat es dann geklappt“, erzählt die gebürtige Spanierin.

Für den 29-Jährigen Eritreer waren dies nur kleine Probleme – schließlich war er schon zehn Jahre lang in Äthiopien, dem Sudan und Ägypten unterwegs, bevor er vor zwei Jahren in einem Flüchtlingscamp in Deutschland ankam. Die Suche nach einer eigenen Wohnung entpuppte sich als schwierig. „Als Flüchtling ist es nicht immer einfach, eine Wohnung zu kriegen, weil die Leute denken, dass man nur Probleme bereitet – vor allem, wenn man im Jobcenter angemeldet und arbeitslos ist.“

Seitdem er mit Mireia zusammenlebt, scheinen die größten Hürden überwunden. Wenn er den Einstellungstest besteht, wird Saad schon bald an der Uni studieren und sich damit einen Traum erfüllen – ein Studium wäre in seiner Heimat nicht möglich gewesen. Dafür lernt er gerade fleißig Deutsch. Das wäre im Flüchtlingscamp ohne einen einzigen Rückzugsort undenkbar gewesen. Jetzt hat er sein eigenes kleines Reich, und auch Mireia ist mit der Wahl ihres Mitbewohners mehr als zufrieden.

Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen

„Das Zusammenleben ist easy. Wir sind beide ziemlich locker. Deswegen klappt das auch so gut“, findet Mireia, die neben ihrem Studium in einer Bar aushilft. Ein Putzplan wird nicht gebraucht. Was die Einkäufe betrifft , sind keine großen Absprachen nötig. Und gestritten haben sich die beiden auch noch nie so richtig, betonen sie. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. „Es ist einfach, mit jemandem wie Mireia zusammenzuleben. Einige meiner Freunde leben auch in WGs, aber da läuft viel falsch, es gibt andauernd Missverständnisse. Mir ist es sehr wichtig, dass man sich nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit streitet. Mireia ist einfach sehr unkompliziert“, schwärmt Saad von seiner Mitbewohnerin. Außerhalb der eigenen vier Wände unternehmen die beiden nur wenig. Dafür kochen sie gern zusammen und plaudern stundenlang. Worüber? „Wenn wir uns sehen, enden wir irgendwie immer bei Politik. Es ist immer wieder interessant, darüber zu sprechen, da unsere Herkunftsländer total unterschiedlich sind. Saad hat mir zum Beispiel viel über das politische System in Eritrea erzählt. Vorher habe ich zwar schon mal etwas über sein Heimatland gehört, wusste aber fast gar nichts darüber“, gibt Mireia zu.

Genau das sei auch das Interessante daran, mit einem Geflüchteten ein Zuhause zu teilen: „Man lernt unendlich viel über eine völlig fremde Kultur.“ Am meisten bewundert Mireia allerdings den schier endlosen Ehrgeiz ihres Mitbewohners, der in Deutschland bereits für einige Monate als Dolmetscher gearbeitet hat. „Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen. Er konnte vorher schon sechs Sprachen, hat jetzt wieder eine neue gelernt, geht zur Schule und will studieren. Er fängt nochmal von vorn an, obwohl er das alles schon mehrfach hinter sich hat. Und all das, weil es das Schicksal so vorgesehen hat und nicht, weil er es sich so ausgesucht hat. Ich habe sehr viel Respekt davor.“

Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann.

So unkompliziert wie bei Mireia und Saad läuft es mit Sicherheit nicht immer, wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Weiterempfehlen würde Mireia das noch recht ungewöhnliche Wohnmodell auf jeden Fall trotzdem. Als sie von ihrer Entscheidung erzählte, war ihr Umfeld skeptisch. Schließlich kenne sie den fremden jungen Mann, der bei ihr einziehen soll, doch gar nicht, und wie solle das überhaupt funktionieren, wenn man so verschieden tickt, hieß es. Doch die 27-Jährige hat sich getraut und sagt heute: „Ich kann es nur jedem nahelegen, der ein Zimmer frei hat und offen für Experimente ist.“

Auch Saad denkt, dass man der Sache eine Chance geben sollte, wenn man seinen Horizont erweitern möchte. „Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann. Es werden sich früher oder später Konflikte ergeben, und beide Seiten müssen bereit sein, auch mal einen Kompromiss einzugehen. Man sollte auch niemanden erwarten, der perfekt ist. Jeder wird mal Fehler machen, weil er eine Situation falsch eingeschätzt hat. Das muss man riskieren.“ Auch in diesem Punkt sind die beiden sich also einig. Es wirkt, als wären die zwei ein schon seit Ewigkeiten eingespieltes Team. „Wir haben uns irgendwie gesucht und gefunden.“

www.fluechtlinge-willkommen.de

Text: Marina Höfker / Foto: Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Ein Haus, 40 Eigentümer – ein Jahr Wohnprojekt GoMokry

Das Wohnprojekt feiert Einjähriges. Seit August 2016 wohnen rund 40 Leute zusammen in einem Haus. Sie stehen kurz davor, es „ihr“ Haus nennen zu können

Sie sitzen im Treppenhaus und unterhalten sich. Ein Ort, der sonst lediglich als Durchgang dient, wird für die Menschen an der Mokrystraße 1 und 3 zum Wohnzimmer. Sie realisieren: In einem normalen Wohnhaus wäre das nicht möglich. Doch „normal wohnen“ wollen sie alle gar nicht. Deswegen haben sie sich auch im Wohnprojekt GoMokry* zusammengeschlossen. Rund 40 Leute zwischen 1 und 35 Jahren haben sich gegen eine anonyme Mietswohnung und für eine Nachbarschaft entschieden, in der man sich wirklich kennt und austauscht. Für sie bedeutet das zum Beispiel, dass alle ein eigenes Zimmer haben, sich aber trotzdem Stockwerk übergreifend bewegen. Wer es im vierten Stock so gemütlich findet, verbringt dort den Abend. Wer Lust auf eine Yogastunde hat, geht in den Bewegungsraum im ersten Stock. Wessen Kind mit anderen spielen will, findet im zweiten Stock Spielkameraden. Doch auch experimentelle Wohnkonzepte gehören dazu. In einem Stockwerk wird „funktional“ gewohnt. Das heißt: Niemand hat ein eigenes Zimmer, alle Räume werden geteilt.

Die „Soli-Abende“ am Freitag sind das Herzstück.

Seit gut einem Jahr wohnen sie an der Mokrystraße. Sven-Jan Schmitz, freischaffender Pädagoge und Künstler, ist Bewohner der ersten Stunde. Ihm ist es wichtig, dass die „Mokry“ nicht nur als Wohnhaus wahrgenommen wird: „Das ehemalige Ladenlokal im Erdgeschoss ist öffentlicher Raum und nichtkommerzieller Kulturort“. Dort trifft man sich, isst zusammen, hört Musik oder spielt. Die „Soli-Abende“ am Freitag sind das Herzstück. Die dort generierten Gelder gehen an verschiedene Initiativen und Vereine, aber auch an Menschen in individuellen Notlagen. Generell gilt, dass in den Räumlichkeiten nichts gekauft, sondern nur gespendet werden kann.
Damit das Erdgeschoss autonom agieren kann, wird es von einem Betreiberkollektiv geführt. Das besteht auch aus Leuten aus dem Stadtteil, die nicht im Haus wohnen. Das ist wichtig, denn die Akzeptanz im Viertel mussten sich die Bewohnerinnen und Bewohner aus der Mokrystraße erst erarbeiten. „Am Anfang gab es auch mal krasses Feedback. ,Verpisst euch aus unserem Viertel‘, haben uns einzelne Menschen gesagt“, erzählt Sven-Jan Schmitz. Er kann es verstehen. Wilhelmsburg habe sich stark gewandelt. Was früher als „asi“ galt, sei heute schick. „Die Mieten stiegen und für diejenigen, welche früher hier gewohnt haben, wurde es noch schwerer, eine neue Bleibe zu finden“, resümiert Schmitz. Da sei ein Unmut ihnen gegenüber, die ein ganzes Haus bewohnen, verständlich. Die angespannte Situation hat sich mittlerweile gelegt. „Wir wollen einen runden Tisch und keine Blase“, so Schmitz. Gerade deswegen ist der Raum im Erdgeschoss so wichtig, weil er auch Anlaufstelle für den Stadtteil ist.

Hilfe beim Mietshäuser Syndikat

Wer in einer Mietswohnung wohnt, bezahlt jeden Monat seine Miete. Das Finanzierungskonzept für ihr Zuhause ist für die Leute an der Mokrystraße um einiges komplizierter. Die „Mokrys“ wollen nämlich Miteigentümer des Hauses werden, dafür haben sie sich Hilfe beim Mietshäuser Syndikat geholt.

Das Mietshäuser Syndikat unterstützt Wohnprojekte beim Kauf von Häusern. Unter dem Schirm des Vereins stehen deutschlandweit über 100 Projekte. Die solidarische Idee dabei ist, dass sich Wohnprojekte gegenseitig bei der Finanzierung helfen. Denn das Syndikat hat es leichter als Einzelpersonen, einen Kredit aufzunehmen.

Eine Mitgliedschaft im Mietshäuser Syndikat hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens bleibt die zu bezahlende Miete konstant. Zu einer Mieterhöhung kommt es nicht, da das Haus keinen Marktschwankungen mehr unterliegt. Wenn der Kredit beim Mietshäuser Syndikat abbezahlt ist, wird weiter in einen Solidarfonds eingezahlt. Daraus werden dann wieder Hauskäufe für andere Wohnprojekte finanziert. Der zweite Vorteil ist, dass das Haus nie Spekulationsobjekt wird. Auch wenn es in Zukunft möglich wäre, die Immobilie gewinnbringend zu verkaufen, verhindert dies die Mitgliedschaft im Mietshäuser Syndikat. Weder die Hausbewohner noch das Syndikat sind alleinige Eigentümer und daher hat immer eine Seite Vetorecht. So zum Beispiel auch im Falle eines Verkaufs. „Noch dieses Jahr wollen wir das Haus in das Mietshäuser Syndikat überführen und so Miteigentümer des Hauses werden“, sagt Sven-Jan Schmitz.

Mokry als Teil der Stadt

Den Satz „Lass mal in die ,Mokry‘ fahren!“ hört Schmitz jetzt auch häufiger außerhalb seines Freundeskreises. „Ich finde es wahnsinnig schön, wenn dieser Ort ein Teil der Stadt und dieses Stadtteils wird.“ Dafür gibt es einige Ideen wie ein geplanter „Hausladen“, wo geschenktes Essen weiterverschenkt wird. Da kann sich dann jemand aus dem Stadtteil mit schmalem Geldbeutel zum Beispiel Tomaten mitnehmen. Doch das sind nicht die einzigen Pläne: Küchen einbauen, Kinder-Spielzimmer ausbauen, Balkone anbauen. Bald kriegt GoMokry* sogar ein Schwesterprojekt. Im Nachbarhaus, in dem heute noch das geschlossene Rialto-Kino schläft, wird bald ein weiteres Wohnprojekt entstehen. Dann werden die „Mokrys“ mit ihrem Erfahrungsschatz schon mit Rat und Tat zur Seite stehen können.

kontakt.mokryhuetten@posteo.de

Text: Sara Lisa Schäubli / Foto Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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So wollen wir wohnen: Altstadt für Alle! Ein Interview mit der Stadtplanerin Ingrid Spengler

Hamburg wächst. Und mit dieser Dynamik wachsen auch die Quartiere. Oder es entstehen neue Stadtviertel. In der Oktober-Ausgabe von SZENE HAMBURG widmen wir unser Titelthema genau dieser Frage: Wie und wo wollen wir wohnen? Ingrid Spengler, Architektin und Stadtplanerin, verriet uns ihre Sicht auf Hamburg aus stadtplanerischer Sicht.

Die Hamburger Architektin und Stadtplanerin Ingrid Spengler (66) führt gemeinsam mit Manfred Wiescholek seit 1994 die Büropartnerschaft Spengler • Wiescholek. In ihren Arbeiten verbinden sie Funktion und Schönheit und denken über das einzelne Objekt hinaus. Am 6. Oktober wird sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion ihre planerische Vision der Altstadt erläutern. Ein Gespräch über den Habitus von Städtern und die Kunst, zäh zu sein.

Szene Hamburg: Frau Spengler, könnten in Hamburgs Altstadt wirklich mehr Menschen wohnen?

Ingrid Spengler: Die eigentliche Altstadt ist nur 1 Quadratkilometer groß. Und es wohnen heute nur 1.800 Leute in dieser Insellage. Die Büros sind natürlich dominierend. Es ist eher ein Arbeitsort. Und es ist natürlich schade, dass Flächen hier ungenutzt bleiben. Dass Parkhäuser an prominenter Stelle am Wasser stehen, wo man sich eigentlich etwas anderes wünscht. Ein Bürostandort ist zudem interessanter und urbaner, wenn er gemischt ist mit Wohnen, Infrastruktur und Kultur. Für das Wohnen ist es auch attraktiver, zentral in der Stadt zu sein. Das ist eine Diskussion, die wir alle kennen: Zurück in die Städte. Man hat gelernt, dass das Wohnen in den schicken Vororten, wie es in den 50er Jahren gelebt wurde, mehr Nachteile als Vorteile bringt. Nicht umsonst gibt es den Begriff der grünen Witwen.

Was sind grüne Witwen?

Mit dem Begriff bin ich im Studium noch aufgewachsen. Wer es geschafft hatte, konnte sich ein Einfamilienhaus im Grünen leisten, an der Peripherie der Stadt. Dafür wurde die Wohnung in der Stadt dann aufgegeben. Nach dem traditionellen Rollenverständnis ging der Mann morgens zur Arbeit, die Frau blieb „im Grünen“ und langweilte sich. Man hatte das Problem, dass Kinder in die Schule mussten, verbunden mit Hol- und Bringverkehr, denn Busse und Bahnen fuhren wegen der geringen Bevölkerungsdichte nicht hin, es „lohnte“ sich nicht. Was blieb, war die endlose Versiegelung von Flächen für den Autoverkehr. Unsinnig und unökologisch, von vergeudeter Zeit für lange Wege ganz abgesehen.

Und so zieht es die grünen Witwen wieder in die Stadt?

Es macht mehr Sinn, dann wieder in die Stadt zu ziehen. Mit all den Vor- und auch Nachteilen. Es ist lauter, die Stadt ist kein Sanatorium. Diese Diskrepanz kriegen viele Leute nicht auf die Reihe. Die wollen es völlig ruhig haben wie draußen, auf der anderen Seite die Vorteile der Infrastruktur nutzen, die Cafés, Plätze, an denen man sich trifft und erholt, die Kultur um sich haben. An dieser Schizophrenie arbeiten wir Stadtplaner uns immer wieder ab. Auch Schulen sollen wieder zentraler liegen – die Kinder dürfen aber nicht laut sein. Sich über so etwas zu beschweren, zeugt nicht vom Denken eines „guten Städters“.

Was genau meinen Sie mit „Daran abarbeiten“?

Aus dieser Schizophrenie heraus entstehen viele Bürgerinitiativen, die sich gegen Bebauung auf freien Grundstücken in der Stadt sträuben. Deshalb gibt es auch so viele neue Projekte außerhalb der Stadt, wo es einfacher ist, etwas zu bauen. Und vor allem relevant zu bauen. Hamburg wächst und braucht mehr Wohnraum. Wir haben glücklicherweise jetzt die neue Mitte Altona, und auch im Hamburger Osten entstehen neue Wohngebiete. Diese Gebiete zu vernetzen, mit bestehenden Zentren und Stadtteilen, das ist eine echte Herausforderung. Dennoch ist es wichtig, Brachflächen zu erkennen und zu nutzen, in die Nischen dieser Stadt etwas zu implantieren, etwa wie Misteln auf Bäumen. Oder besser: symbiotische Nutzungen, die sich gegenseitig stärken. Das macht die Stadt lebendiger und bietet für alle einen Mehrwert. Die Büroleute haben etwas davon und die Menschen, die dort wohnen würden, leben zentral. Es gibt diese Nischen in der Altstadt, aber fast alle diese Flächen sind mit Denkverboten belegt. Und das wollen wir im Rahmen der Veranstaltung „Altstadt für Alle!“ ändern. Frei denken, Grenzen verwerfen und zwei bis drei Projekte entwerfen. Wir sind vollkommen offen in diesem Prozess.

 

„Ich denke, so eine Stadt wie Hamburg kann und sollte sich Orte leisten, die anders ticken und anders aussehen!“

 

Wie können wir uns genau Ihre Vision der Nischen-Nutzung vorstellen? Was sind das für Projekte?

Das möchte ich im Vorfeld der Veranstaltung jetzt nicht verraten. Nur so viel: Man kann die Voraussetzung für Wohnraum schaffen, indem man ein Wohnmilieu entwickelt. Es muss eine Art Oase sein, wo man sich zurückziehen kann, wo es ruhiger ist, man aber trotzdem am Nabel der Stadt ist. Auch eine Mindestmenge von Menschen ist wichtig, um eine urbane Atmosphäre zu schaffen. Wenn dort zu wenige Menschen wohnen, ist es nicht gut. Man muss Eingänge haben, an denen man sich trifft, soziale Orte, wo man sich zufällig begegnet. Ein urbaner Raum mit Zusammenhalt und Begegnungen. Vielleicht sogar mit ein bisschen Grün. Die Altstadt bietet diese Räume.

Sie schätzen die Lehre des dänischen Architekten und Stadtplaners Jan Gehl: Raum für Begegnungen schaffen und die Themen Mobilität, Wohnen, Arbeiten sinnvoll verweben, um eine lebendige Stadt zu erschaffen. Mit einer eigenen DNS.

Genau. Es gibt den Begriff der Collage City. Keine radikale Neuplanung, sondern die Überlagerung von Alt und Neu, Heterogenität statt Homogenität. Alte Objekte als identitätsstiftende Elemente nutzen und entsprechend integrieren. Es ist so großartig, bestehende Bauten zu haben, an denen man sich entlanghangeln kann und dort so etwas wie Heimat und Geschichte findet. Wenn es das gibt, ist das aus planerischer Sicht schon die halbe Miete.

Was ist aus Ihrer Sicht noch wichtig, um einen Stadtteil wie die Altstadt lebendig zu gestalten?

Bereiche zum Experimentieren und schräge Vögel. Die werden durch hohe Mieten oftmals abgeschreckt. Und solche Nutzer tun natürlich Vierteln sehr gut, im Gegensatz zu Ladenketten.

 

„Es kann nicht nur Kunst und Skulptur sein. Ich glaube, das ist nicht die Lösung. Es müssen schon handfeste, robuste Wohnungen und Mischnutzungen sein, die da entstehen.“

 

Wie gehen andere Städte mit diesem Problem um? Gibt es Vorbilder für  lebendige Städte, in denen Wohnen,  Arbeiten und Begegnung miteinander verzahnt sind?

Der Schlüssel zum Wohnen sind die Erdgeschosse. Wenn wir nach Wien-Aspern schauen: Die haben dort ein eigenes Erdgeschoss-Management. Es werden in bestimmten Zonen die Erdgeschosse zugeordnet und es wird geschaut, welche Nutzungen beziehungsweise Geschäfte dort ins Viertel passen. So kann man sich die schrägen Vögel leisten und einen Mehrwert schaffen. Denn der öffentliche Raum lebt aus der Fußgängerperspektive. Da spielt die Erdgeschossnutzung eine große Rolle. Wie werde ich empfangen im Eingangsbereich, gibt es Freiräume? Und welche Geschäfte siedeln sich dort an? Man macht Ähnliches in Hamburg hier in der City, die sind aber privatisiert in Form von BIDs (Business Improvement Districts, Anm. d. Red.). Aber auch in anderen Gebieten würde das eine große Rolle spielen. Denn mal ehrlich: Wer will im Erdgeschoss an der Straße wohnen?

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Das macht keinen Spaß. Wenn wir wieder nach Hamburg schauen: Stichwort Collage City. Wie könnte so etwas in der Altstadt aussehen? Wie sollte der neue Wohnraum aussehen, wenn er sich an gegebenen Strukturen orientiert?

Man muss für die Quartierstypologien individuelle Lösungen suchen. Für Blockstrukturen wie dort kann man Dinge entwickeln, die in die Höhe gehen, die darüber gehen, die sich „durchschlängeln“. Wohnen über den Dächern. Man kann da sehr fantasievolle Dinge erfinden. Man kann Brücken über vorhandene Gebäude legen. Ich könnte mir vorstellen, dass man kleine „Sukkulenten“ an vorhandene Gebäude „andockt“. Aber man muss erst mal gucken, was die Grundstücke zulassen. Und wie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind. Es kann nicht nur Kunst und Skulptur sein. Ich glaube, das ist nicht die Lösung. Es müssen schon handfeste, robuste Wohnungen und Mischnutzungen sein, die da entstehen, die sich aber Nischen suchen, die bisher keiner gesehen hat.

Klingt eigentlich alles ganz prima. Die Altstadt hat Potenzial und die Nischen sind da. Wo liegt dann das Problem?

Das Potenzial ist definitiv hoch. Es gibt dort viele Flächen, auf denen man etwas machen könnte. Auch Dinge, die unter Wert genutzt werden. Es gibt da zum Beispiel dieses schöne Parkhaus, das man aushöhlen und neu gestalten könnte. Man könnte Stellplätze für Fahrräder entwickeln. Und Wohnbüros. Nur, das dicke Brett zu bohren, diese Flächen nutzbar zu machen, das ist die eigentliche Schwierigkeit. Beispiele: Das Grundstück gehört dem, da ist eine Baulast drauf, das geht nicht wegen der Abstandsflächen, hier sind andere Restriktionen. Also diese Bündelung von Restriktion ist das eigentliche Problem.

Wie kann man das lösen?

Durch Zähigkeit (lacht). Sturheit, Zähigkeit. Immer wieder.

Auf einem Grad von 1 bis 10, wenn 10 sehr zäh ist, wie zäh müssen Sie in diesem Fall sein?

10 natürlich!

Ist Hamburg ein härteres Pflaster als andere Städte in Sachen Stadtplanung?

Nein, das ist alles ganz normal in Großstädten. Und Hamburg ist teilweise auch Vorbild. Denn wir haben in Hamburg seit knapp drei Jahren keine Stellplatzverpflichtung mehr, heißt, wir müssen beim Wohnungsbau nicht gleichzeitig Stellplätze nachweisen. Das stärkt den öffentlichen Nahverkehr und spart Ressourcen. Daran haben andere Städte gewaltig zu knabbern.

Ihr ganz großer Wunsch für Hamburg – auch über die Altstadt hinaus?

Ich denke, so eine Stadt wie Hamburg kann und sollte sich Orte leisten, die anders ticken und anders aussehen! Wir müssen heraus aus dem Verwertungsdenken. Da ist auch die Politik gefragt. Das macht unsere Stadt vielfältiger. Wir müssen vieles wollen, unsere Stadt verbessern, Räume schaffen, um die Stadt reicher zu machen.

/ Interview: Regine Marxen / Foto: Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist ab dem 29. September 2017 für euch am Kiosk, in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Mut zur Stadt. Die Veranstaltung

Die Patriotische Gesellschaft von 1765 und die Evangelische Akademie der Nordkirche laden engagierte Hamburger ein, am 6. und 7. Oktober die Altstadt neu zu denken

Neue Ideen für Hamburgs Innenstadt sind gesucht. Wo bisher Büros das Geschehen dominieren, soll eine lebendige Stadt entstehen, in der Wohnen, Arbeiten und Begegnungen sich verweben.

In insgesamt zwei Veranstaltungen können die Teilnehmer die Altstadt entdecken und gemeinsam mit renommierten Stadtplanern ihr Potenzial ausschöpfen. Ort des Geschehens sind die Räumlichkeiten der Patriotischen Gesellschaft von 1765.

Los geht es am Freitag, 6. Oktober. Von 15 bis 17.30 Uhr findet der Stadtrundgang „Stadt für Menschen“ statt. Die dänische Stadtplanerin Brigitte Svarre aus dem Team um Jan Gehl, einem der renommiertesten Stadtplaner, wird die Tour leiten und zeigen, wo sich das Potenzial in Hamburgs Altstadt verbirgt. Der Stadtgang ist ausgebucht und nicht öffentlich, bildet aber den Auftakt zu diesem Wochenende.

Am Abend findet im Anschluss im Reimarus-Saal eine öffentliche Podiumsdiskussion statt. Teilnehmen werden neben Svarre der Verkehrswissenschaftler Prof. Carsten Gertz, der Stadtökonom Prof. Dieter Läpple, der Stadtsoziologe Prof. Marcus Menzl und Ingrid Spengler.

Am Sonnabend, dem 7. Oktober finden von 10 bis 15 Uhr Workshops statt, in denen gemeinsam Pilotprojekte mit innovativem Ansatz unter den Aspekten von Nachhaltigkeit, Wohnen, Arbeit, Kultur und Bildung sowie Mobilität erarbeitet werden. Diese bilden die Basis für weiterführende Konzepte.

Sie haben Ideen für eine lebenswerte, lebendige Altstadt? Dann machen Sie mit und senden Sie Ihren Vorschlag an info@patriotische-gesellschaft.de

Info: Wer oder was sind die Patrioten?

Der von Hamburger Bürger*innen getragene gemeinnützige Verein „Die Patriotische Gesellschaft von 1765“ ist politisch unabhängig und setzt sich ein für eine nachhaltige und positive Entwicklung Hamburgs zu einer gerechten, zukunftsfähigen Stadtgesellschaft.

Kurz: Positive Signale setzen für ein besseres Hamburg. Wer mitmachen will, kann dieses unter anderem am 5. und 6. Oktober tun.

/ REM     

„Altstadt für Alle!“, Anmeldung unter www.patriotische-gesellschaft.de