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Theater Das Zimmer: Gut gegen Nordwind

Der Bestseller von Daniel Glattauer ist jetzt auf der Bühne des kleinen „Theater das Zimmer“ zu sehen. Ganz nah dran entfaltet diese ungewöhnliche Liebesgeschichte seinen eigenen Zauber

In „Gut gegen Nordwind“ zeigt sich die schöne Seite der Möglichkeiten im Netz. Eine falsch adressierte Email von Emmi landet zufällig in Leos Postfach. Aus zunächst kargen Aufklärungsmails des Missverständnisses wächst über Monate eine innige, virtuelle Brieffreundschaft, ohne dass sie sich währenddessen begegnen. Sie ist fasziniert von seinen klugen, oft ironisch verpackten, Gedanken, er von ihrem Sprachwitz und ihrer emotionalen Offenheit: „Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“

Doch, trotz gegenseitig wachsender Zuneigung, merken sie mit der Zeit, dass sie sich in einer Blase bewegen, in der die reale Welt außen vor bleibt. Dass beide Welten nicht zusammengehen, zeigt sich, als der Wunsch nach einem Treffen in der Wirklichkeit nicht umsetzbar wird. Denn zum einen ist Emmi verheiratet, zum anderen hat beide die Frage eingeholt: Können eine reale Emmi und ein wirklicher Leo dem standhalten?

Fazit: Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die die virtuelle Annäherung zweier Menschen, weg vom schnellen tindern, auf kluge und witzige Weise darstellt.

Der Regisseur Lars Ceglecki macht ihre räumliche Distanz, obwohl beide gemeinsam auf der Bühne stehen, und emotionale Nähe geschickt deutlich. Besonders Sandra Kiefer ist als Emmi bezaubernd mit ihrer ganz eigenen Art Witz und Ironie in ihrem Spiel mitschwingen zu lassen ohne diese in den Vordergrund zu stellen. Ein schönes, unterhaltendes Stück, dass die Fahrt nach Horn lohnt.

/ Hedda Bülthaupt

Theater Das Zimmer / Termine: 29., 30.9., 1., 3., 12., 14.-15., 19.10.17

Mehr unter www.theater-das-zimmer.de

Prädikat Sehen! Kunst ist böse

Das freie Produktionsduo Meyer&Kowski inszeniert immer wieder ungewöhnliche Doppelmonologe an Orten, die den Stücken den richtigen Rahmen geben. Ihr neues Stück „Kunst ist böse“ spielt bis zum 24. Mai im Logensaal der Hamburger Kammerspiele

So spielt die aktuelle Produktion „Kunst ist böse“ in dem geschichtsträchtigen Logensaal der Kammerspiele. Der Schauspieler Hans-Jörg Frey teilt mit dem Publikum zwei als selbsterlebt angekündigte Ereignisse – allerdings aus einer für ihn neuen Perspektive. In den ersten 60 Minuten schlüpft er in die Rolle eines Regisseurs, der nach der Generalprobe einer Macbeth-Inszenierung vor Wut auf sein, wie ihm scheint, unfähiges Ensemble tobt. Frey behauptet, er selbst war vor 30 Jahren Teil dieses Ensembles, dessen Position am heutigen Abend sein Publikum einnimmt. Während Frey zwischen den Zuschauern umherläuft, die im Raum verteilt sitzen, nimmt seine Ansprache immer mehr Fahrt auf – Zynisch, herablassend oder donnernd nimmt er die Schauspieler auseinander. Dabei spricht und schaut er immer wieder einzelne Zuschauer an; Aber keine Sorge, es ist kein Mitmachtheater nur ein Stilmittel – das funktioniert. Frey hat ein großartiges Timing und verwandelt diesen Monolog gekonnt in ein Sprachkonzert. Kunst ist nicht böse, aber Menschen, die in ihrem Namen sich selbst legitimieren, können es werden.

Der zweite Teil ist ein wenig schräger. Als Besucher eines Zen-Seminars hocken die Zuschauer auf kleinen Sitzkissen – aber zum Glück ist dieser Monolog auch kürzer.

Ein gefragter Meister tanzt umher, verteilt Tee und lässt eine Stimme vom Band dazu erzählen. Das Thema dieses Seminars soll so lebensumfassend sein, dass es keine Überschrift dafür gebe und so bleibt man letztendlich auch etwas ratlos nach den rund 40 Minuten zurück, was aber nicht stört. Denn der wunderbare Hans-Jörg Frey, die gelungene Dramaturgie und das Gefühl mittendrin zu sein, machen aus dem Abend ein kurzweiliges Theatererlebnis.

/ Hedda Bültmann / Foto: Alexander Merbeth

Logensaal in den Kammerspielen, 19., 23.–24.5.

Premiere im Theater Das Zimmer: „Per Anhalter durch die Galaxis“

Der Sinn des Lebens ist „42“! Hamburgs kleinstes Theater spielt den Kult-Streifen „Per Anhalter durch die Galaxis“. Premiere ist am 4. Mai. Regisseur Jan Holtappels erzählt, warum der depressive Roboter ethische Grundsatzfragen aufwirft

Nach eurem letzten Stück „Misery“, steht jetzt ein Science-Fiction-Klassiker auf dem Programm. Setzt ihr vermehrt auf Unterhaltung?

Jan Holtappels: Der Anhalter wird oft unterschätzt und schnell als Komödie abgetan. Doch die Geschichte ist sehr tiefgründig und hat viele philosophische Ansätze, die existentielle Fragen aufwerfen wie „Wenn die Erde zerstört ist, was macht der Mensch ohne Erde?“ oder „Was mache ich hier überhaupt?“ und natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Kontext ist zwar sehr humorig und leicht, aber inhaltlich ist das schon ein Brocken.

Geschätzt gibt es ja bis zu 40 Rollen und unterschiedliche Welten. Wie setzt ihr das um?

Uns war schnell klar, dass wir die Geschichte niemals eins zu eins umsetzen können. Auf der Suche nach einer Form, die für uns funktioniert, sind wir daran hängengeblieben, dass der Anhalter ganz zuerst ein Hörspiel war.

Deshalb werden bei uns fünf Radiosprecher die Geschichte in einer Livesendung als Hörspiel produzieren. Die Zuschauer werden als Studiogäste dabei zu sehen, wie sich die Sprecher an diesem Stück abarbeiten müssen.

Es entstehen zwei Welten, die Welt des Anhalters und parallel diese Studiosituation, die sich an einem gewissen Punkt vermischen.

Das Hörspiel lief bereits 1978 auf BBC. Warum zeigt ihr gerade jetzt das Stück?

Wir sehen den aktuellen Bezug in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine. In dem Stück gibt es einen depressiven Roboter, was ja ein emotionaler Zustand ist. Wir haben uns viel mit der Frage beschäftigt, ab wann ist es keine Maschine mehr und fängt an, ein Mensch zu sein?

Was ist deine Meinung dazu?

Ich finde, dass der Roboter erst einmal nur so schlau sein kann, wie der Mensch, der ihn entwickelt hat.  Es kann sein, dass der Roboter in seinen Gedankengängen schneller ist und dadurch zeitlich auch eher zu einem Ergebnis kommt, aber er wird seinen Schöpfer, jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt, nicht überrunden. Aber die Wissenschaft entwickelt sich weiter und irgendwann wird sich auch das ändern. Doch ein erschaffendes Wesen, mit einem Ich-Bewusstsein, das selbst Entscheidungen trifft und nicht mehr kontrollierbar ist, wirft viele ethische Grundsatzfragen auf. Ich finde das gefährlich, denn das menschliche Ermessen ist immer noch ein anderes als vom Computer errechnete Ergebnisse.

Aber der Roboter ist depressiv, was emotional und menschlich ist …

Die Gedanken des Roboters im Stück drehen sich meist um seine Depression und er muss das ständig äußern. Das hat was von einer Selbstbestätigung nach dem Motto: Ich bin depressiv, also bin ich emotional, also bin ich ein Mensch. Das kommt dem Menschen schon sehr nah.

Doch der Mensch muss auch die Konsequenzen aus seinem Handeln tragen, woraus sich die nächste Frage ergibt: Kann ein Roboter Verantwortung übernehmen? Ein komplexes Thema, das wir im Stück in unsere alltäglichen Gesellschaftsstrukturen einbauen, die wir überspitzt und humorvoll darstellen, wie Behördengänge.

Und, was ist der Sinn des Lebens?

Der Computer in dem Stück errechnet die Zahl 42 und behauptet, dass sei die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und natürlich fragen sich alle, was das bedeuten soll? Aber man muss wissen, wie die Frage dazu lautet, dann wird die Antwort Sinn ergeben. Wir haben die Hausnummer 42 und 42 Plätze im Theater. Deshalb war für uns klar, das Stück wird gutgehen.

Theater das Zimmer, 4.5. (Premiere), 10., 14., 19.–20.5.

Lessingtage 2017: Karin Becker im Interview

Karin Becker, Kunstermöglicherin am Thalia Theater in Hamburg, spricht im Interview über die Lessingtage und ihre Vorliebe für klare Statements

Interview: Hedda Bültmann / Foto: Philipp Schmidt

SZENE HAMBURG: Was ist der Sinn eines Festivals und im speziellen der Lessingtage?

Karin Becker: Während eines Festivals setzt man sich in einer kurzen Zeitspanne komprimiert mit einem Thema auseinander. Gerade in unserer heutigen Zeit ist es wichtig, dass wir wachsam zuhören und kommunizieren. Und das Theater ist eine der spannendsten Formen, Menschen Denkanstöße mitzugeben. Die Lessingtage haben in diesem Jahr den Schwerpunkt Reformation/Religion, denn das, was gerade auf der Welt passiert, die Attentate, Krieg und auch der Rechtspopulismus, ist oftmals mit fanatischen Formen der Religion verbunden. Jetzt ist genau die richtige Zeit, sich zu fragen: Wie leben wir trotz verschiedener Glaubensrichtungen zusammen?

Was erwartet den Besucher?

Wir haben Produktionen eingeladen, die insgesamt eine breite Meinungsvielfalt abbilden. Spannend wird unter anderem unsere Inszenierung „Mutter Courage“, und auch „Die Zehn Gebote“ vom Deutschen Theater Berlin, bei der elf Künstler sich mit jeweils einem Gebot auseinandergesetzt haben, inszeniert von Jette Steckel – um nur zwei Beispiele zu nennen. Dazu gibt es weitere herausragende Produktionen in der Gaußstraße und im Großen Haus, ein Rahmenprogramm, eine Eröffnungsparty, Zuschauergespräche, die „Lange Nacht der Weltreligionen“ und die Eröffnungsrede von unserem Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Was ist Ihr persönliches Highlight?

„Die Glaubenskämpfer“ aus Köln. Der Autor und Regisseur Nuran David Calis hat Glaubende getroffen, Christen, Muslime, Juden. Hier stehen nicht nur Schauspieler auf der Bühne, die eine Rolle verkörpern, sondern auch Menschen aus dem wahren Leben. Eine Nonne, ein jüdischer Großvater und ein junger Muslim erzählen exemplarische Geschichten, die auf persönlichen Erfahrungen basieren, was ich sehr mutig finde. Und wenn es dann noch in einer solch großartigen Umsetzung auf der Bühne stattfindet, die Laien einbindet, ohne pädagogisches Theater zu sein, gerade deshalb kann man sich damit identifizieren – bei der Nonne fühle ich mich zum Beispiel an meine eigene katholische Erziehung erinnert. Das Stück repräsentiert für mich die Form der Auseinandersetzung, für die die Lessingtage stehen.

Was sind Ihre Aufgaben als Künstlerische Betriebsdirektorin und als Produktionsleiterin bei den Lessingtagen?

Mein Part fängt an, sobald unser Intendant Joachim Lux das Motto und die Gastspiele festgelegt hat und es in die konkrete Umsetzung geht. Einzelne Produktionen, wie z.B. „Glaubenskämpfer“ habe ich auch vorab angesehen und ihm vorgeschlagen. Geht es an die Umsetzung spreche ich mit den Theatern, prüfe die technischen Gegebenheiten und die Machbarkeit mit den technischen Gewerken, immer auch unter Berücksichtigung der finanziellen Aspekte. Wenn das Bühnenbild zu aufwendig ist oder das Ensemble zu groß, dann versuche ich gemeinsam mit den technischen Abteilungen und den Regisseuren der einzelnen Theater eine Lösung zu finden. Das kann manchmal Wochen dauern. Das „Propagandastück“ vom Berliner HAU hat zum Beispiel für die Aufführung hier am Haus die Anzahl der Chormitglieder von 40 auf 20 abgespeckt, die „Lange Nacht der Weltreligionen“ wird in diesem Jahr künstlerisch und logistisch herausfordernd, da mehrere Orte im Theater gleichzeitig bespielt werden. Dann disponiere ich das Programm so, dass möglichst wenige Schließtage für den Auf- und Abbau nötig sind und die Besucher alle Stücke sehen könnten.

Was war in diesem Jahr besonders schwierig?

Die Nonne aus „Glaubenskämpfer“ hatte bei der Terminabsprache vergessen, dass sie zu dem angesetzten Zeitpunkt in dem Kloster, in dem sie lebt, eine Fortbildung macht. Dann muss man entweder die gesamte Disposition von vorne aufrollen oder die Kölner Kollegen anflehen: Holt die Nonne aus dem Kloster! (lacht)

Worauf sind Sie besonders stolz?

Dass wir uns, als Theater, mit diesem Thema und den ausgewählten Produktionen deutlich positionieren. Wir haben natürlich diskutiert, ob es der richtige Ansatzpunkt ist, auch weil dieses Jahr Luther deutschlandweit auf dem Spielplan steht. Aber, wir müssen uns den aktuellen gesellschaftsrelevanten Themen stellen und ein Zeichen setzen denn die Zeiten des nur Zuhörens und Zuschauens sind vorbei. Wir müssen den Mund aufmachen und sagen, was wir denken – laut und deutlich.

„Um alles in der Welt – Lessingtage“, 27. Januar bis 5. Februar, www.Thalia-Theater.de


Hedda Bueltmann szene hamburg Theater

Weiß, wie man Theater macht: Unsere Frau für Hamburgs Bühnen Hedda Bültmann