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Nachhaltig und inklusiv – Was fürn Saftladen!

Die Idee ist so genial wie simpel: Äpfel, die normalerweise verderben würden, werden zu Saft verarbeitet. Das Geld fließt zurück in die Firma. Und die finanziert damit Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. 23 Menschen haben so einen Job in der freien Wirtschaft bekommen – beim gemeinnützigen Unternehmen „Das Geld hängt an den Bäumen“.

Der Mann mit der Latzhose schüttelt den Kopf: „Warum stehst du nicht zu deinem Alter?“, fragt er. „Ich verstehe nicht, warum Frauen sich die überhaupt die Haare färben …“ Jan Schierhorn lacht laut auf. Er kennt diese Fettnäpfchen, in die Olaf gern mit vollem Anlauf springt. Schierhorn ist Gründer dieses Saftladens. Und in dem müsse man mit dieser „Abwesenheit von Diplomatie“ umgehen können, sagt er. Dann sei die Ehrlichkeit ein großes Geschenk.

23 Mitarbeiter zählt das Team um die beiden Geschäftsführer Jan Schierhorn und Svenja Weber mittlerweile. Fast jeder hat irgendeine Art von Behinderung. Asperger, taub, blind, lernverzögert, sozialphobisch. „Mich interessiert das aber erst mal nicht“, sagt Weber. „Ich muss wissen, was der­jenige kann, worauf man achten muss und wie man jemanden weiterentwickeln kann.“ Sie traut Menschen grundsätzlich erst einmal mehr zu, will Stärken fördern. Und das sei auch das Schöne: „Top ausgebildete Leute haben vielleicht noch ein Potenzial von fünf bis zehn Prozent“, sagt Jan Schierhorn. „Bei unseren Leuten liegt das bei 80-90 Prozent.“

Die Äfpel kommen aus den Gärten der Stadt und von Streuobstwiesen. Foto: ISADORA TAST

Dass er mit stolz geschwellter Brust einen Schluck vom selbst produzierten Apfelsaft nimmt, passiert eher unbewusst. Schierhorn ist keiner, der mit seinen Erfolgen protzen muss. Das „Ich“ hat er fast aus seinem Wortschatz verbannt, will nicht im Fokus stehen. Das war nicht immer so. Damals, als er sich noch über seinen Job in der Werbe- und Kommunikationsbranche definierte, wollte er gern beweisen, was er alles kann. Immer auf der Jagd nach Erfolg, immer mit dem Kopf bei der Arbeit. So richtig bewusst sei ihm das erst geworden, als seine dreijährige Tochter neben ihm auf dem Fußboden spielte und dabei immer vor sich hin brabbelte: „Papa nicht da, Papa nicht da.“ Da wusste Schierhorn: Er muss runter vom Gaspedal, Tempo aus dem Leben nehmen.

Foto: ISADORA TAST

An einem Sommerabend 2008 blickte er gedankenverloren in seinen Garten im Stadtteil Groß Borstel: Trotz unzähliger Apfelkuchen und Gläser voller Apfelmus trug der alte Apfelbaum noch immer viel zu viele Früchte. Beim Grübeln darüber, was man mit all den Äpfeln tun solle und dass sicher auch anderswo vieles auf dem Kompost lande, kam ihm eine Blitzidee: Die Äpfel alter Streuobstwiesen und aus Nachbars Gärten zu Saft verarbeiten und mit den Einnahmen Arbeitsplätze schaffen, vielleicht sogar für diejenigen, die es sonst nicht ganz so leicht haben – warum nicht Nachhaltigkeit und Soziales verbinden? Der Startschuss für „Das Geld hängt an den Bäumen“.

Dass das anfangs nicht gleich klappte, lag am Ich. „Ich habe versucht, die Idee im Habitus eines Unternehmers nach vorn zu bringen: ICH weiß das, ICH hab den Kontakt, immer nur Ich.“ Aber soziales Arbeiten funktioniert nicht, wenn einer ruft und alle anderen müssen springen. „Das ist wenig demütig“, weiß Schierhorn heute. Ein Lernprozess. „Das hat mich sehr geerdet.

Wenn er heute von dem Projekt erzählt, spricht er darum vom Wir. Und das hat ganz schön viel erreicht: 50 Tonnen Äpfel wurden in der vergangenen Saison in einer Slow-Food-Mosterei zu Saft verarbeitet und in 120.000 0,5 l- und 88.000 0,75 l-Flaschen abgefüllt. Die Flaschen mit dem originellen Etikett, das die eigenen Mit­arbeiter zieren, werden hauptsächlich an Privatkunden, Gastronomen und Unternehmen in der Metropolregion verkauft, darunter auch das Rathaus und das Inklu­sionsbüro. Die neu aufgelegte naturtrübe Apfelschorle soll jetzt als erstes Produkt des Unternehmens bundesweit an den Start gehen. Rund 150.000 Flaschen werden in 2018 dafür voraussichtlich produziert.

Foto: ISADORA TAST

„Schmeckt immer immer anders“ lautet der Slogan und der ist wörtlich gemeint. „Wir wollen gar keine Revolution des Massenmarktes“, betont Schierhorn. Es sei einfach eine Haltungsfrage: „Warum müssen wir ein stetig gleich schmeckendes Produkt machen, wenn es das in der Natur gar nicht gibt?“ Wichtig ist: Nur reifes und ungespritztes Obst wird verarbeitet, vornehmlich alte Sorten. Anders als in den Anfangszeiten kommen die meisten Äpfel heute aber nicht mehr aus Omas Garten, sondern von Streuobstwiesen der Hansestadt und alter Höfe. Auch neue Streuobstwiesen legt das Team an. So werden Ende des Jahres 2.000 Bäume bewirtschaftet.

Experten sind Schierhorn und Weber aber noch lange nicht. „Wir lernen jeden Tag“, betonen sie. „Wir wissen, bei wie viel Grad die Biene fliegt, welche Schädlinge ­ es gibt und welche Äpfel gut schmecken. Aber wenn du mir jetzt drei Äpfel hinstellst, wüsste ich nicht, welcher lecker ist“, gibt Schierhorn zu. Er beschreibe das häufig mit Dilettantismus. Oder, um es positiver zu sagen: „Wir sind Generalisten.“ Alles wissen müsse man auch nicht: „Dafür gibt es Experten“, ergänzt Weber. „So können wir die Qualität sichern und ein Produkt auf den Markt bringen, an das wir einen sehr hohen Anspruch haben.“

Foto: ISADORA TAST

Lager, Etikettierung, Konfektionierung, Auslieferung, Garten- und Landschaftsbau, Büro – die Einsatzorte für die Mitarbeiter sind vielseitig. Als Kooperationspartner von den Elbe-Werkstätten bietet das gemeinnützige Unternehmen ausgelagerte Arbeitsplätze, andere werden über das Jobcenter oder das Arbeitsintegrationsnetzwerk Arinet besetzt. Über ein mehrstufiges Praktikum wird nicht nur geprüft, ob der Bewerber der Aufgabe gewachsen ist, sondern auch ins Team passt. „Es ist jedes Mal wieder eine Herausforderung, neue Kollegen zu integrieren.“ Schließlich hat jeder so seine kleine Macke, mit der auch alle anderen umgehen können müssen. „Es können nicht auf einen Schlag zehn Leute dazu kommen, wir müssen so wachsen, dass es für jeden machbar ist und das Team es auch aushalten kann.“

Wenn ein Kollege zum Beispiel montags erst mal die Mülltonnen sortieren muss, dann kostet das zwar Zeit und damit auch Geld. Aber es sei eben auch elementar wichtig, damit er sich hier wohlfühlen könne. Und wehe, da fehle mal eine Palette oder eine Tüte. Dann brenne die Luft. „Wir haben hier ganz andere Auseinandersetzungen und Emotionen als andere Unternehmen. Ganz andere Themen, die dazu beitragen, das kleinere Eklats entstehen.“ Das sei zwar aufwendig, doch dafür sei es auch ein großes Geschenk zu erleben, dass etwas passiert, was eigentlich nicht passieren kann: „Dass ein Autist plötzlich eine vertrauensvolle Nähe zulässt und vielleicht sogar Interviews gibt, ist fast unmöglich. Bei uns passiert so was aber“, erzählt Svenja Weber und betont: „Wir wollen hier niemanden umerziehen, aber die Stigmatisierung auflösen und Facetten zeigen, die bisher nicht so deutlich wurden.“ Klar ist: „Hier arbeiten Leute miteinander und als Team füreinander, die du normalerweise nicht zusammenarbeiten lassen würdest.“

Nachbars Garten heißt der Apfelsaft, weil die Äpfel genau daher kommen. Foto: ISADORA TAST

Dass sie das ganz erfolgreich tun, zeigt die steigende Nachfrage. Erst im Frühjahr konnte mit Eurest einer der größten Betriebsrestaurant-Betreiber als Kunde gewonnen werden. Muss der Saft aber nicht auch auf den Getränkekarten der Hamburger Gastronomie stehen, die Nachhaltigkeit und Soziales ganz großschreibt? „Ach“, wehrt Schierhorn ab. „wenn ein Saft 20, 30 Cent mehr kostet als der andere, dann ist das mit der Nachhaltigkeit so eine Sache.“ Er will niemandem etwas verkaufen. „Das würde bedeuten, dass ich jemanden von meinem Produkt überzeugen will“, wehrt er ab. Darum wird an den Preisen auch nicht geschraubt, lieber verzichtet Schierhorn auf einen neuen Kunden. „Kein Mensch braucht noch einen neuen Apfelsaft. „Aber wenn jemand von unserer Geschichte überzeugt ist, gibt es eine ganz, ganz große Kundenloyalität. Fluktuation ist nicht unser Problem“, sagt er.

Das Minus auf dem Konto dagegen ist eines. Bei 450.000 Euro Umsatz klafft am Ende ein Loch in Höhe von 150.000 Euro. Trotz all des Erfolgs, der Förderprogramme und der Zuschüsse ist das Unternehmen darum auf Spenden angewiesen. Aber: ­ „Ich kann unsere Arbeit hier nicht in Geld messen“, sagt Schierhorn fast entschuldigend. Doch auch hier lernt er dazu: „Ich weiß, dass das Blödsinn ist. Unsere gesellschaftliche Arbeit ist viel wert. Wir entlasten das System: Jeder, der hier ist, wird vom Hilfeempfänger zum Steuerzahler – das ist eigentlich eine ziemlich coole Sache. Und für den Menschen und die Natur sowieso, da kann man eigentlich schon mal irgendwo klopfen und um Hilfe bitten.“

Wenn er einen Wunsch frei hätte, würde er genau das tun: Um 150.000 Euro bitten. „Wir haben im letzten Jahr 14 Leute eingestellt. Wir haben sehr große Kunden dazugewonnen, aber wir haben alle Reserven aufgebraucht“, so Schierhorn. Es gehe da­rum, agieren zu können statt immer nur zu reagieren. „Wir haben nie Luft, um mal in Ruhe zu testen, was noch so geht“, sagt auch Svenja Weber. Sie würde am liebsten auch einen Sozialpädagogen einstellen. „Die Professionalität, die jedes Unternehmen braucht, wenn man diesen Wachstumsschritt gemacht hat, lässt sich bei uns noch nicht von allein finanzieren.“ Ideen haben die beiden noch viele. Zum Beispiel Strandkörbe aus alten Obstkisten produzieren. „Jetzt müssen wir uns aber erst mal fokussieren und optimieren.“

Was die beiden als Arbeitgeber auszeichnet und warum die Mitarbeiter mit viel Leidenschaft dabei sind? „Woanders wird nicht gelobt, da wird nur gesehen, dass man schnell die Arbeit fertig macht – zack, zack“, sagt Olaf und bekommt ein zustimmendes Nicken von Samuel, der seit 2011 dabei ist: „Hier ist das komplett anders. Hier achtet man aufs Tempo. Einige sind schneller, andere langsamer. Und man hilft sich gegenseitig.“

Text: Ilona Lütje
Beitragsbild: Ana Maria Arevalo

Um die Arbeitsplätze finanzieren zu können, die Olaf und seinen Kollegen ein unabhängiges Leben ermöglichen, ist das Projekt auf Spenden angewiesen: IBAN: DE78 2005 0550 1002 1182 38; www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus der Beilage „Vielfalt Leben“, dem gemeinsamen Magazin von SZENE HAMBURG (Juni 2018) und dem Inklusionsbüro. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Barrierefreie Ausgeh-Tipps

Die Suche nach einer Location ist in Hamburg nicht immer einfach. Am Telefon geben sich viele Restaurants und Bars als barrierefrei aus, ohne es wirklich zu sein. „Irgendwie kriegen wir das schon hin“, heißt es gern. Besser ist es, sich auf Empfehlungen zu verlassen. Oder eine Alternative zu finden … Anastasia Umriks Tipps für Kaffee, Dinner und Tanz

Restaurants

Saliba
Dieses (sehr!) kleine syrische Restaurant ist nichts für große Rollstühle und laute Stimmen. Aber es ist für Menschen mit feinen Geschmacksnerven und der perfekte Ort, um jemanden zu beeindrucken oder um einen Satz mit „Willst du mich …“ zu beginnen. Finde ich.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im „Parlament“, nicht weit von dem Restaurant.
Neuer Wall 13 (Neustadt), Telefon 34 50 21, Mo-Sa 12–23 Uhr; www.saliba.de

Petit Bonheur
Wer französische Musik, das französische Essen und generell Frankreich mag, der sollte das Restaurant „Petit Bonheur“ kennen. Es ist wie ein spontaner Kurzurlaub, es ist wie im Film: Intensiv, französisch, betörend und lecker.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Hütten 85-86 (Neustadt), Telefon 33 44 15 26, Mo-Fr, 12–18, Sa 17–24 Uhr; www.petitbonheur-restaurant.de

Vju im Energiebunker
Der Blick über Hamburg, der Blick ins Weite … da ist es fast egal, wie der Kuchen schmeckt. Aber er schmeckt! Und der Kaffee auch. Alles ist wunderbar an diesem Ort und ganz egal, ob bei einem Date oder nicht, diese Location verlässt man positiv und beseelt.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden, wird aber leider oft als Abstellkammer genutzt. Aber es gibt eine, ja.
Neuhöfer Straße 7 (Wilhelmsburg), Telefon 0157 58 55 37 06 , Fr 12–18, Sa-So 10–18 Uhr; www.vju-hamburg.de

Altes Mädchen
Ein Ort zum Bleiben und zum Genießen. Im Winter kann man an der Feuerstelle sitzen, im Sommer draußen – und überhaupt geht es mir an diesem Ort immer gut. Die Gedanken und die Gespräche fließen, das Bier auch. Schön!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Lagerstraße 28b (St. Pauli), Telefon 80 00 77 75 0, Mo-Sa ab 12, So ab 10 Uhr; www.altes-maedchen.com

Frau Möller
Ach, Möller … wie viele Abende habe ich in dieser Kneipe verbracht! Ich liebe es dort zu sein, weil sich in dieser Kneipe Reiche und Arme, Junge und Alte begegnen, Anzugträger neben Kapuzenträger/innen sitzen und gemeinsam auf HSV oder St. Pauli anstoßen. Sowohl das Essen als auch die Getränke sind bezahlbar, die Stimmung ist entspannt. Die Kneipe ist sowohl als Dating-Location als auch für Singles (um es nicht mehr lang zu sein) geeignet.

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber schräg gegenüber ist das Hotel George mit einer großen Toilette.
Lange Reihe 96 (St. Georg), Telefon 25 32 88 17, Mo-Do 11.30–4, Fr 11.30–6, Sa 11–6, So 11-4 Uhr; www.fraumoeller.com

Atelier F
Französische und amerikanische Speisen neu definiert, sehr feine Küche und das Interieur ist der Wahnsinn: Jeder Raum hat ein eigenes Design, es gibt die ganze Zeit etwas zu entdecken und selbst dann hat man noch nicht alles gesehen. Und für die, die es sehr kuschelig mögen, gibt es sogar kleine Kabinen für zwei bis vier Personen. Ganz wie zu Hause – nur besser. Ein Muss für alle Leute mit Sinn für schönes Design!

▶ Es gibt eine barrierefreie Toilette im Kaufmannshaus, zu dem das Atelier F gehört.
Große Bleichen 31 (Neustadt); www.atelierf.eu

Portonovo
Ein Blick aus dem Fenster und dieser landet direkt auf der Außenalster. Mit ganz viel Fantasie kann man sich einbilden, man sei gerade in Italien und warte auf das Essen: Nudeln, Pizza, Fisch, Fleisch … alles steht hier zur Auswahl. Der Sonnenuntergang lässt sich sommers wie winters wunderbar genießen! Kurzurlaub für die Seele.

▶ Es gibt hier leider keine (große) barrierefreie Toilette, allerdings sind die Toiletten ebenerdig zugänglich. Für die einen gegebenenfalls passend, für andere wiederum nicht.
Alsterufer 2 (Rotherbaum); www.ristorante-portonovo.de

Tschebull
Seid nicht so naiv wie ich und geht da nicht ohne eine Reservierung hin; es ist nämlich oft ziemlich ausgebucht. Als ich dort endlich einen Tisch bekam, verstand ich, warum es spontan immer ausgebucht war: Gutes österreichisches Essen, sehr gute Weine und eine warme, gemütliche Atmosphäre. Ich habe als Letzte das Restaurant verlassen.

▶ Rollstuhltoilette befindet sich im Hotel Hyatt im gleichen Gebäude.
Mönckebergstraße 7 (Altstadt); www.tschebull.de

Chapeau
Wer im Chapeau essen geht, der sollte sich auf viele „Wow“-Momente einstellen. Dort ist, neben dem hervorragenden Essen, auch das Einrichtungsdesign sehr exklusiv und bis ins Detail ausgewählt. Man kann sich stundenlang umgucken und entdeckt auch dann noch neue Dinge. Sehr gut fürs erste Date geeignet – es entsteht keine Langeweile, selbst wenn das Gegenüber öde ist.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Moorfuhrtweg 10 (Winterhude); www.chapeau-restaurant.com

 

Cafés

Mutterland
Das Café eignet sich als zentraler Treffpunkt genauso wie für eine eine angenehme Wartezeit auf den nächsten Zug. Auch ist es ein guter Ort fürs Abendessen, bevor man ins Schauspielhaus oder in die Lange Reihe weiterzieht. Herrlich: der kleine Laden mit kulinarischen Geschenken (die man auch für sich selbst kaufen darf). Beim Herausgehen ist man sehr befriedigt. Und arm. Aber das macht nichts!

▶ Zahlreiche barrierefreie Toiletten befinden sich in der zentral gelegenen Umgebung.
Ernst-Merck-Straße 9 (St. Georg); www.mutterland.de

Café Leonar
Ich dachte immer, das Café sei eher etwas für intellektuelle, belesene, Fremdwörter benutzende Professoren. Bis ich dort eine Verabredung (na gut, nennen wir es „Date“) hatte und seitdem von dort nicht mehr wegzukriegen bin. Angenehme, friedliche Atmosphäre. Und hinterher fühlt man sich gleich so viel schlauer!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Grindelhof 59 (Rotherbaum); www.cafeleonar.de

Entenwerder1
Noch bevor die Hamburger BloggerInnen diesen wunderbaren Ort entdeckt haben, saß ich da schon längst mit meiner kleinen Schwester und trank die Hauslimonade mit Ingwer und Gurke. Es ist nämlich das einzige Café in meiner Wohngegend – und es ist das allerschönste in ganz Hamburg. Mehr sag ich dazu nicht!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden.
Entenwerder 1 (Rothenburgsort), Telefon 70 29 35 88, Mo-Fr 11–20, Sa 10–22, So 10–18 Uhr

Koppel 66
Ich bin mindestens alle zehn Tage in der Koppel und inzwischen weiß jede/r Kellner/in wie ich meinen Kaffee trinke: Cappuccino, in einem Pappbecher (wegen des Gewichts) und mit einem Strohhalm. Ein Öko-Café in sehr cool. Dort fühle ich mich wohl und bekomme die besten Ideen!

▶ Rollstuhltoilette ist nicht vorhanden, aber eine Station weiter ist das George Hotel mit einer sehr großen Toilette.
Koppel 66 (St. Georg); www.koppel66.de

 

Clubs/ Bars

Uebel & Gefährlich
Konzerte und Partys jeglicher Musikrichtungen finden hier statt, meistens irgendetwas mit Elektro, was das Durchfeiern der Nächte angeht

▶ Rollstuhltoilette ist leider nicht vorhanden. Rausschwitzen!
Feldstraße 66 (St. Pauli), Telefon 31 79 36 10; www.uebelundgefaehrlich.com

Bar 1910
Für einen Moment habe ich vergessen, welches Jahr wir haben und wo ich bin. Der Pianist spielte „Happy Birthday“ und ich war so sehr in Gedanken verloren, dass ich vergessen habe, dass er womöglich für mich spielt … Das war an meinem ersten Abend in der Bar 1910 und seitdem bin ich sehr gern an diesem Ort. Die Inneneinrichtung ist aus den 20er Jahren und riecht nach einer intensiven Geschichte, während an der Bar meistens sehr interessante Persönlichkeiten verweilen.

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Kirchenallee 34-36 (St. Georg); www.bar1910-hamburg.de

Mojo
Wer Funk, Soul, HipHop und tolle Menschen mag, der ist hier richtig. Etwas zu dunkel der Club, aber der Sound dafür umso besser. Ich bin gern hier!

▶ Rollstuhltoilette ist vorhanden.
Reeperbahn 1 (St. Pauli); www.mojo.de

/ Texte: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zum PDF der ersten Ausgabe aus Juni 2017.

Ein Konzerthaus für alle. Auch für Willi?

Grenzen der Inklusion: Willi (10) ist schwer musikbegeistert – und schwer geistig behindert. Bei einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters hat der Junge im vollbesetzten Großen Saal des neuen Konzerthauses getanzt. Doch ist dieses Verhalten für das Publikum zumutbar?

Als Willi nach Hause kommt, wird’s trubelig. Und laut. Um kurz nach 15 Uhr stürmt der Junge, zurück von der Schule, ins Esszimmer. Sein Blick fixiert das iPad auf dem Tisch. Vier Laufschritte und eine Bildschirmberührung später ertönt daraus Musik: Peter Tschaikowsky, „Der Nussknacker“. Willi stößt ein euphorisches „Aaah!“ aus. Er greift das Tablet und rennt damit auf Toilette. Während die Klospülung läuft, spielt Willis Musikanlage Beethovens Coriolan-Ouvertüre – mit Video des Bayerischen Staatsorchesters. Willi flitzt zurück an den Esstisch. Während seine Mutter ihm warme Laugenstangen aus dem Ofen holt, klickt sich der Zehnjährige durch sein Musikrepertoire. Teilweise so schnell, als wolle er all seine Lieblingsstücke auf einmal hören. Dann steht Essen und Trinken auf dem Tisch. Das iPad weicht ein Stück nach links. In seiner rechten Hand hält Willi wahlweise eine Laugenstange oder einen Becher Milch. Die linke wippt nun lässig im Takt von „Buena Vista Social Club“, Track 2. Auch sein Kopf nickt gemütlich im Rhythmus. Die Musik hat den Jungen mit Down-Syndrom voll unter Kontrolle. Das ist die Sprache, die er liebt.

Nur über Symbole auf der Sprach-App kann Birte Müller mit ihrem Sohn kommunizieren

„Wird die Elbphilharmonie wirklich für alle Menschen da sein, selbst für so einen wie meinen Sohn, für den ich keine Verhaltensgarantie abgeben kann?“, fragte Willis Mutter, Birte Müller, im Februar dieses Jahres – kurz nach Einweihung von Hamburgs neuem Wahrzeichen – in ihrer Kolumne bei Spiegel Online. Müller hat hier nicht nur den Wunsch geäußert, dass auch ihr Sohn einmal den besonderen Klang im Großen Saal erleben darf. Sie offenbart vielmehr an einem Beispiel, wo Inklusion an Grenzen stößt: Haben Menschen mit Behinderung, die sich nicht mehrheitskonform verhalten können, dennoch das Recht, an Kulturveranstaltungen teilzunehmen? Oder ist die Mehrheit dazu berechtigt, solche Menschen auszuschließen, weil ansonsten ihr eigenes Erleben behindert wird? Ein Spannungsfeld.

Sechsmal hat die Familie sich bereits in dieses Spannungsfeld begeben und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Der erste Versuch vor fünf Jahren, ein Auftritt des Münchener Bläserensembles Blechschaden in der Laeiszhalle, scheiterte nach einer Viertelstunde: Im Oberrang bekam Willi Panik, die Familie musste das Konzert verlassen. Ein Jahr später der zweite Anlauf. Wieder Laeiszhalle, „Peter und der Wolf“. Für Willi bis heute ein Evergreen. Die Familie sitzt nun im Parkett. Das Problem diesmal: Es ist ein Kinderkonzert. Die Lieder werden gekürzt, Gesprächsdialoge eingefügt. Willi nervt es zutiefst: „In den Textpassagen ist er ausgeflippt, hat auf den Nachbarn vor sich gehauen in der Hoffnung, dass dadurch jemand wieder für Musik sorgt“, erzählt Birte Müller.

In Konzerten für Erwachsene kommt die Musik zwar voll zur Geltung – dafür empfinden hier viele schon ein hörbares Räuspern als Störung. Wenn ein Paukenschlag dramatische Spannung erzeugt, kann Willi diese aber nicht einfach aufnehmen. Er muss seinem Sitznachbarn auf die Schulter klopfen, auf die Trommel zeigen, und „Oooaaahh!“ jauchzen. Wenn er dafür nur ein „Pssst“ erntet, bringt ihn das auf die Palme. Er wird noch lauter. „In solchen Situationen läuft mir der Schweiß. Mir tun alle leid; die Musiker, Willi und die anderen Zuschauer“, sagt Birte Müller.

Sie selbst hat dann nur zwei Optionen: Die Spannung aushalten – oder mit ihrer Familie die Flucht antreten. Warum besucht die Familie nach all diesen – für alle Beteiligten – unschönen Erfahrungen weiterhin Konzerte? Weil es auch Erlebnisse gegeben hat, in denen Birte Müller keine Schweißperlen, sondern Tränen der Rührung über das Gesicht gelaufen sind. Wenn Willis Verhaltensauffälligkeit nicht stört, sondern seine auffällige Musikbegeisterung andere Menschen berührt. Wie im März in der Christuskirche Eidelstedt: Beim jährlichen „Brückenkonzert“ sind ausdrücklich auch Menschen mit geistiger Behinderung willkommen. Die klassische Musik soll eine verbindende Brücke schlagen. Zwischen Schwerstmehrfachbehinderten und Schwerstmehrfachnormalen rümpfte an Willis zehntem Geburtstag niemand die Nase, als dieser während Bachs Klavierkonzert Nr. 1 plötzlich aufstand, um sich zur Musik zu bewegen. Der musikalische Leiter der Kirche zeigte sich davon sichtlich bewegt: „Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand zu Bach getanzt hat“, sagte er in seiner Rede nach dem Konzert unter Tränen.

Als Birte Müller im Februar in ihrer Online-Kolumne fragte, ob ihr Sohn auch im „Konzerthaus für alle“ willkommen sei, rechnete sie nicht damit: Vier Monate später durfte Willi mit Mama und Opa an einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters teilnehmen. Eine Mitarbeiterin hatte sie eingeladen. Willi hörte erst gebannt zu, dann stand er auf und tanzte. Er war dermaßen begeistert, dass er am Ende aus dem Saal getragen werden musste. „Mit Willi in die Probe zu kommen, hat mir viel bedeutet“, schrieb Birte Müller hinterher in einem Dankesbrief. „Wir können einfach nicht in ,normale‘ Konzerte gehen. Und das schmerzt sehr, wenn man ein Kind hat, das nur wenige Wörter mit Gebärden sagen kann, und das einen sonntagmorgens mit den Zeichen für Pauke, Geige, Trompete und Kontrabass begrüßt, und ich ihm aber eben nur ganz selten diesen Wunsch erfüllen kann.“ Doch Birte Müller hat Mut gefasst. Sie weiß, dass Konzerte, „in denen explizit alle willkommen sind“, Erfolg haben können. „Ich finde es gut, wenn Leute ganz ruhig und tief in die Musik einsteigen wollen, wirklich. Ich möchte nur, dass es auch Tage gibt, an denen es anders laufen könnte.“

An die Elbphilharmonie richtet sie einen konkreten Vorschlag: „Ein vierteljährliches ,All inclusive‘-Konzert, zu dem jeder eingeladen ist. Je nach Nachfrage wird Menschen mit geistiger Behinderung auf einen Anteil der Karten ein Vorkaufsrecht eingeräumt.“ Das Ziel: „Ein inklusives Publikum, in dem jeder seine Begeisterung unterschiedlich zum Ausdruck bringt. Im besten Fall beschert es allen ein bereicherndes Erlebnis, weil die Erwartungshaltung eine andere ist.“

Tom R. Schulz, Pressesprecher der Elbphilharmonie, hält diesen Vorschlag „grundsätzlich für eine super Idee“. Auch für Nichtbehinderte könne das Erleben einer von außen betrachtet ungesteuerten emotionalen Musikbegeisterung sehr bewegend sein. Aber: Willi sei für die Elbphilharmonie erst einmal ein ganz besonderer Fall von Musikliebe. „Bislang hat sich noch niemand sonst in einer vergleichbaren Lebenssituation an uns gewandt, der oder die Musik live erleben möchte, sich dabei aber nicht so verhalten kann, wie wir das von Konzertbesuchern sonst erwarten.“ Seine Empfehlung: Die Betroffenen sollten gemeinschaftlich einen Wunsch formulieren und an die drei großen Hamburger Orchester herantragen. Wenn die Musiker sich darauf einlassen, glaubt Schulz, „dass in so einer Veranstaltung, wenn sie gut vorbereitet ist, ein großes Potenzial stecken kann.“

Willis Welt

Willi ist mit dem Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt gekommen. Durch eine Stimmbandlähmung und eine therapieresistente Epilepsie (West-Syndrom) kurz nach der Geburt haben Mutter und Sohn Willis erstes Lebensjahr größtenteils im Krankenhaus verbracht. Heute ist der Zehnjährige schwer geistig behindert und kann nicht sprechen. Mit seiner Familie kommuniziert er vor allem über Gebärden, einen Sprachcomputer – und über Musik. Mehr über „Willis Welt“ unter www.illuland.de

Birte Müller

… hat nach einem Auslandsaufenthalt in Australien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) Buchillustration studiert. Das Studium hat die heute 44-Jährige mit weiteren Reisen verbunden: Ein Semester lang studierte sie Freie Malerei in Mexiko, ihre Diplomarbeit verfasste sie in einem Dorf in Bolivien. Die Mutter von zwei Kindern schreibt regelmäßig über ihren ganz normalen Familienwahnsinn. Dass dieser auch Bücher füllen kann, zeigt ihr jüngstes Werk „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Außerdem bietet Müller Lesungen an Grundschulen an, unter anderem zum Thema „Behinderung“.

Texte: David Hock / Fotos: Jakob Börner

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Können Menschen mit Behinderung Sex haben?

FAQ. Anastasia Umrik nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Als Bloggerin schreibt sie über das Leben und kennt die Unsicherheiten, die manche Menschen haben, wenn sie die 30-Jährige das erste Mal sehen. „Dass ich im Rollstuhl schreibe, ist nur relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will“, sagt sie. Warum Political Correctness nervt und ob sie auch mit einem Bier intus noch Rollstuhl fahren darf, erzählt sie selbst.

Können Menschen mit Behinderung Sex haben?
Das ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage. Und die Antwort ist recht simpel, aber ehrlich: JA! Je nach Behinderungsart besteht (vielleicht!) eine körperliche Einschränkung, die euch beide zum Umdenken bewegen wird, aber im Grunde genommen ist es wie bei jedem anderen Menschen auch: Wenn die Chemie stimmt, wenn die Anziehung vorhanden ist, dann steht einer körperlichen Annäherung nichts mehr im Wege. Einfach mutig sein und baggern, was das Zeug hält! Was hat man schon zu verlieren?

Wie sage ich einem Menschen mit sichtbarer Behinderung „Hallo“?
Vielleicht denkst du, dass es eine ziemlich „dumme“ Frage ist und schämst dich sogar dafür. Ich kann dich beruhigen: Sogar ich stelle sie mir manchmal, insbesondere wenn mir Menschen mit einer mir noch recht unbekannten Behinderung gegenüberstehen – zum Beispiel Blinde oder Menschen mit einer starken Sprachbehinderung. Nun, da muss man einfach durch. Handle so wie immer und strecke selbstbewusst deine Hand hin. Es ist in der Verantwortung des Menschen mit Behinderung, dir zu sagen, wenn du etwas anders machen sollst. Du kannst schließlich nicht alles wissen.

Dürfen Rollstuhlfahrer Alkohol trinken und dann auch noch fahren?
Na klar ..! Es gibt kein Gesetz, das offiziell das Trinken am „Rollstuhl-Steuer“ verbietet. Was du dabei beachten solltest? Pass auf deine Füße auf. Es kann nämlich sein, dass der/die RollstuhlfahrerIn dir aus Versehen im Suff drüberfährt. Aber wenn ihr gemeinsam einen Schnaps trinkt, dann lässt sich der Schmerz schnell vergessen. Prost!

Muss ich immer helfen / nett sein?
Möchtest du nett sein und helfen? Wenn deine Antwort „Ja.“ lautet, dann folge bitte auch weiterhin deinen Ansprüchen und Werten – die gute Erziehung deiner Eltern soll nicht umsonst gewesen sein. Lass dich nicht verunsichern, wenn irgendjemand deine Hilfe unhöflich abwehrt. Es ist nicht dein Problem, du bist lediglich deinem Instinkt gefolgt. Das Gleiche gilt, wenn deine Antwort „Nein.“ lautet. Wenn du siehst, dass der/die RollstuhlfahrerIn offensichtlich Hilfe braucht – bleib sitzen, tu so, als hättest du es nicht gesehen. Weil du es bei allen anderen Menschen auch so gemacht hättest. Wenn Inklusion, dann richtig! Oder?

Warum kenne ich keine Menschen mit Behinderung?
Tja … gute Frage! Es muss nicht zwingend deine alleinige Schuld sein. Vielleicht wohnst du in einer sehr stufenreichen Gegend oder die Orte, die du besuchst, sind im Keller? Vielleicht hattest du bisher aber auch einfach nicht die Gelegenheit, mit einem Menschen mit Behinderung zu sprechen oder hast sogar doofe Erfahrungen gemacht, als du in Kontakt treten wolltest? Es ist nicht wichtig, was bisher der Grund dafür war. Wichtig ist, dass es sich ab sofort ändert – wenn du es möchtest.

Was hab’ ich von der Inklusion?
Die Krux liegt darin, dass es gerade in Mode ist zu denken, die Inklusion sei etwas, das nur Menschen mit Behinderung betrifft. Stimmt aber gar nicht!
Inklusion betrifft alle – wirklich A L L E! Alte, Junge, Männer, Frauen, Dicke und Dünne, Schlaue und nicht so Schlaue, Weiße, Schwarze, Kleine und Große … und, na ja, eben auch die Menschen mit einer Behinderung. Findest du dich in einem der oben erwähnten Worte wieder?
Das hast du von der Inklusion!

Wie leben Menschen mit Behinderung? Wie kann ich mir das vorstellen?
In erster Linie sind Menschen mit Behinderung einfach nur „Menschen“, und Menschen sind sehr vielfältig. Sie hören unterschiedliche Musik, mögen unterschiedliches Essen, und sie leben sehr verschieden. Deren Jobs sind unterschiedlich, manche arbeiten gar nicht. Viele wohnen sehr selbstständig und selbstbewusst, einige trauen sich nicht in das echte Leben hinein. Einige sind eher impulsiv und laut, manche schüchtern und introvertiert. Nichts von deren Eigenschaften hat mit der Behinderung zu tun. Menschen halt – und Menschen sind manchmal auch seltsam.
Auf diese Frage gibt es leider nicht DIE Antwort. Weil es nicht DEN Menschen mit Behinderung gibt. Sorry.

Bin ich vielleicht auch behindert?
Ja, vielleicht.

Was mache ich, wenn ich mich in eine/n behinderte/n Mann / Frau verliebe?
Was gibt es Schöneres, als die Schmetterlinge im Bauch zu spüren, der erste Kuss, das Warten auf ein Wiedersehen ..? Hey, go for it! Und scheiß’ drauf, was andere sagen oder denken könnten!

Immer diese Political Correctness … nervt! Was darf man sagen, was nicht?
Ja, das kann ich verstehen. Mich nervt es auch ständig, aufpassen zu müssen, was und wie man denn nun sagen darf. Es gibt ein paar Regeln, die stehen auch im Knigge, wie man mit Menschen umgehen sollte; bleib einfach höflich, nett, und entspannt. Denk nicht zuuu viel nach beim Reden, es bremst nämlich den Redefluss. Sei du, sei durchschnittlich nett, und dann passt es schon!

/ Text: Anastasia Umrik

/ Foto: Philipp Jung

 


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Leben mit Assistenz: „Ich kann fast nichts allein“

Ein Leben ohne fremde Hilfe ist nicht möglich. Unsere Autorin Anastasia Umrik kennt das nicht anders. Und ist darum heute Arbeitgeberin: Mehr als 40 Frauen haben sie in den letzten zehn Jahren begleitet. Ab 1. Februar ist wieder eine Stelle frei.

Keine 08/15 Sache

Kurz vor meinem 21. Geburtstag, kurz vor dem Ende meiner Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau: Seit zwei Minuten fühle ich mich sehr erwachsen: Soeben bin ich in meine erste eigene Wohnung gezogen. YEAH! Der Hunger meldet sich und ich überlege kurz, wie noch mal die fremde Person in meiner Wohnung heißt. „Lisa?“, rufe ich den Namen meiner neuen Assistentin noch etwas unsicher. „Kannst du mir bitte die Pizza in den Ofen schieben?“ Ich kann das nämlich nicht allein. Ich kann fast nichts allein.

Zehn Jahre später: „Was ist gelb und weht im Wind?“, fragt die junge Frau, die bei mir als Assistentin arbeitet, und macht gerade den Wasserkocher an. „Weiß nicht …“, sage ich und grinse, ahnend dass es einer dieser Witze ist, bei dem man Augen rollend schmunzelt. „Eine Fahnaneee!!!“, sagt sie und lacht laut auf. Wir haben den gleichen Sinn für doofe Witze, uns beiden stehen Lachtränen in den Augen. Es klingelt an der Tür, der Postbote wahrscheinlich. Mein lautloses Handy blinkt ununterbrochen, der Wasserkocher ist fertig, die Musik dudelt im Wohnzimmer, ich erinnere mich an meine To-do-Liste … Der neue Tag hat begonnen, der Alltag hat mich wieder. Ich bewege mich Richtung Wohnzimmer und schließe die Tür – und erkläre meiner Assistentin nicht warum, was bei mir heute alles auf dem Zettel steht, und warum ich unsere morgendliche Unterhaltung so abrupt unterbrechen musste. Das muss sie nicht wissen, ich rufe sie, wenn ich ihre Hilfe benötige.

Keine 08/15-Managerin

In den zehn Jahren, in denen ich allein wohne, haben mich über vierzig verschiedene Frauen im Alltag unterstützt. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufsbranchen: Studentinnen, Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Mütter. Sie sind mutig und wollen etwas Neues ausprobieren, sie suchen nach Sicherheit und gleichzeitig Flexibilität – beides kann ich ihnen bieten – und sind körperlich in der Lage, meine muskelschwachen Arme durch ihre zu ergänzen. Alle mich betreffenden Entscheidungen fälle ich selbst: Wie möchte ich meinen Tag gestalten? Wo? Mit wem? Was ist mir dabei wichtig? Lediglich das Warum erkläre ich selten. Hier habe ich für mich meine persönliche Grenze beschlossen.

Jede vermeintliche Kleinigkeit muss ich kommunizieren und sehr transparent mit meinen Bedürfnissen und Emotionen sein. Aus welchem Glas ich trinken und welchen Kugelschreiber in der Hand halten möchte. Wie das Essen gewürzt sein soll und ob die Kerzen auf dem Tisch angezündet werden sollen. Ich formuliere, wie ich die Wäsche gewaschen haben möchte, und sage sehr genau, auf welche Art und Weise die Fenster geputzt werden sollen. Durch die klare Kommunikation habe ich zu vielen Sachen auch eine klare Meinung, die musste ich mir allerdings einst erst bilden. Auch über meine emotionale Verfassung spreche ich meistens sehr offen, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: „Ich möchte heute lieber allein sein, eine geschlossene Tür wäre mir lieb.“

Professionalität, Grenzen und gleichzeitig herzliche Offenheit war für mich von Anfang an ein großes Thema. Wie nah darf oder möchte ich meine Assistentinnen an mich heranlassen und wie viel möchte ich aus deren Leben überhaupt wissen? Ich mag alle Menschen, die ich meine Wohnung betreten lasse, und ich verquatsche mich unheimlich gern mit ihnen. Meine Assistentinnen sind eine Inspirationsquelle für mich. Durch die unterschiedlichsten Lebensweisen und Altersklassen nehme ich sehr viel mit, erfahre über neue Welten und habe dann das Gefühl, selbst ein Stück von ihrem Alltag gelebt zu haben. Bei all dem großartigen Austausch darf ich nicht vergessen, dass mein eigenes Leben, gefüllt mit vielen tollen Freunden, einem sehr spannenden Beruf und einer viel zu kurz kommenden Freizeit, weiterhin gelebt und erfahren werden will.

Das Leben mit Assistenz gleicht einer Unternehmensführung. Und zum Chefsein gehören klare Kommunikation und Grenzen, aber auch das Können, den Mitarbeiter*innen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Ach, und die Einsatzpläne wollen erstellt, die Abrechnungen gemacht und das Geld überwiesen werden.

Das Modell der persönlichen Assistenz ist für mich die größte Freiheit, die ich mir jemals hätte erträumen können. Ich reise, ich gehe aus, ich arbeite, ich treffe Freunde, ich führe meinen Haushalt und kann meine ganz persönlichen Gewohnheiten ausleben. Mir begegnen hier Menschen, die hätte ich in einem Leben ohne Assistenz niemals getroffen, nie hätte ich diese Dinge gelernt und erfahren, die ich hier – einfach so – hören darf.

Kein 08/15-Job

Wie jeder Job hat auch dieser Vor- und Nachteile. Das Besondere bei diesem Job ist die Gelegenheit, etwas Sinnvolles für Geld zu tun, einen Einblick in ein neues Lebenskonzept zu bekommen und durch die finanzielle Sicherheit mehr Zeit für die Verwirklichung der eigenen Projekte zu haben. Hier lernen alle Beteiligten in erster Linie etwas über sich und ihre Grenzen, aber auch über die Kommunikation und die 1:1-Zusammenarbeit.
Für mich arbeiten immer fünf bis sieben Assistentinnen gleichzeitig in wechselnden Schichten. Eine normale Schicht beginnt gegen Mittag und dauert in der Regel 24 Stunden. Die Aufgabe der Assistenz: Sie muss in dieser Zeit mein verlängerter Arm sein. Es ist nicht leicht, denn es erfordert ein Höchstmaß an emotionaler Flexibilität. Ob ich zu Hause bleibe oder viel auf dem Programm steht, bei guter oder schlechter Laune, unabhängig vom Wetter und eigenen Bedürfnissen: Bestimmte Dinge müssen gemacht werden. Die aktive Teilnahme an Diskussionen oder Events ist für die Assistentin nicht möglich, denn sie ist lediglich ein Schatten, der immer in die Sichtbarkeit rückt, wenn er gebraucht wird.

Als ich Ewgenia frage, was ihr die Arbeit mit mir bedeutet, überlegt sie nicht lang: „Für mich liegt die Herausforderung dieser Arbeit darin, mich, meine Befindlichkeiten, Meinungen, und Vorstellungen selbst zurückzustellen und dabei trotzdem authentisch zu bleiben. Und das ist gleichzeitig auch das Schönste – nicht die hohe Sicherheit der Anstellung, die hohe Flexibilität und genug Zeit für Eigenes, sondern genau diese Balance, die es erlaubt, dass zwischen uns eine besondere Kommunikation entsteht. Sie gibt mir das Gefühl, ein Teil von etwas Größerem zu sein und wirklich zu helfen.“ Seit fast drei Jahren ist sie nun schon bei mir. Ob wir Freundinnen seien, werde ich oft gefragt. Darüber müssen wir beide immer schmunzeln, weil wir inzwischen ein gutes Team miteinander sind, viele Dinge funktionieren wortlos über Augenkontakt, sodass wir synchron nebeneinander wirken.

Ich lehne das Prinzip „Freundschaft“ nicht partout ab. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man sich mag, wenn man über die gleichen Dinge lacht und ähnliche politische Ansichten hat. Auch der ähnliche Stil ist nicht unwichtig, schließlich begleiten mich die Assistentinnen den ganzen Tag. Dennoch darf die Freundschaft nicht die Priorität sein, wenn man den Arbeitsvertrag unterschreibt. Es ist in erster Linie ein Arbeitsverhältnis, das Ziel ist klar: Die Absicherung unserer beider Leben. Es ist wie mit der Liebe: Es ist wie es ist, manchmal entstehen Dinge und Gefühle, dagegen sollte man sich nicht sträuben, finde ich.

Ab 1. Februar ist wieder eine Stelle frei. Bewerbungen an info@anastasia-umrik.de

Text: Anastasia Umrik / Foto: Philipp Jung

 


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