Schorsch Kamerun: „Wir sind nicht zu kaufen.“

Der Sänger der „Goldenen Zitronen“, Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, Buchautor und Theaterregisseur bringt ein Buch heraus und zeigte jüngst am Schauspielhaus sein neues Stück, bei dem keiner genau weiß, was passieren wird

SZENE HAMBURG: Was steckt hinter dem Stück „Die disparate Stadt“?

Schorsch Kamerun: Ich versuche bestimmte Themen, die mich beschäftigen, in künstlerische Formen umzusetzen. Hier geht es im weitesten Sinne um „Gegenkulturen“, mit denen ich mich seit meiner Teenagerzeit beschäftige. Entsprechend kam einer der Ansätze zum Stück über eine Jugendkultur, die in Hamburg mal sehr auffällig war: Die Swing-Jugend der 30er- und 40er-Jahre. Junge Menschen, die sich ursprünglich über ihre Musik, ihre Klamotten und ihren Tanzstil anders ausdrücken wollten. Und durch das NS-Regime zwangspolitisiert wurden. Das ging so weit, dass man sie dafür ins KZ verschleppte. Dennoch haben sie sich gewehrt, Ungehorsamkeit gezeigt, in dem sie zum Beispiel ihre Schellack-Abspielgeräte auf Kirchtürme gestellt haben. Die Swing-Boys und Swing-Girls wurden damals als „entartet“ bezeichnet. Diesen Begriff möchten wir im Stück untersuchen.

Wer ist alles an diesem Projekt beteiligt?

Wir sind eine breite Gruppe. Es sind Turner und Tänzer dabei, Schauspieler, ein Musikensemble, das „St. Pauli Archiv“ – und eine Nagelfeile. Ein großer Teil der Mitwirkenden sind aus der Gemeinschaft „Hallo-Festspiele“, die sich mit Raumentwicklung beschäftigen und als erstes durch das Haus gegangen sind und geschaut haben, wer alles mitmachen könnte. Wenn jemand zum Beispiel in der Werkstatt etwas für das Stück baut, kann er doch auch gleich mit auf die Bühne. Partizipation ist ein Teil unserer Aufführung, die als eine „begehbare Konzert-Installation“ funktioniert.

Du inszenierst das Stück über Subkulturen an einem großen, mit Millionen subventionierten Haus. Wie kam das?

Ich habe jetzt fast 50 Stücke gemacht. An großen und an kleineren Bühnen. Der Vorgang ist immer derselbe. Man bespricht eine Zusammenarbeit und ab da ist man ziemlich frei in Themenwahl und Ausführung. Ich glaube das es interessant sein kann, mit den Möglichkeiten die eine Wunschfabrik wie das Schauspielhaus bietet, im besten Fall eine schlüssige Abstraktion zu erreichen. Dabei kann die Benutzung des riesigen Malsaales oder der tollen Maskenwerkstatt genauso Sinn machen wie die Bezahlung von vielen Mitspielenden. Wenn es gut läuft, gibt es Gründe in der Kunst sich Wünsche zu erfüllen. Das muss nicht bedeuten, dass die Ernsthaftigkeit verloren geht.

Widerspricht sich das nicht?

Es ist eine unserer Aufgaben auch die eigenen Widersprüche zu beschreiben. Wir wollen das Theater und die dort existierenden Prinzipien überprüfen. So ist der Eintritt frei bei unserem Stück, nach dem Prinzip „Pay what you want“.

Warum?

Kunst machen muss entlohnt werden, natürlich, aber wir fragen hier offensiv nach dem „Wie“ und dem eigentlichen Wert. Oder danach, was der Künstler versucht als Marke zu sein, oder sein muss. Ich weiß, dass auch ich einen Marktwert habe, und meine oft kritische Position auch als Teil dieses gewertet werden kann. Das ist sehr widersprüchlich, aber die Welt ist widersprüchlich.

Das klingt disparat … Was ist überhaupt das Disparate?

Was heute Gegenkultur ist, kann morgen schon in der Werbung als Produktreklame auftauchen. Es gibt aktuell kaum eine scharfe Ästhetik, die rein „alternativ“ ist, weil sie für alles tauglich gemacht werden kann.

In Hamburg wird Subkulturelles schnell zum Trend …

… wenn nicht gar zum Verkaufsargument …

Wird somit eine Gegenbewegung hinfällig?

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass es weiter großen Sinn macht, beharrlich zu bleiben. Neu ist, das es sich als nützlich erweisen kann, Kollaborationen zu bilden, ohne gleich politisch im Rathaus zu sitzen. Ein Beispiel sind die ESSO-Häuser in Hamburg, wo es sich ausgezahlt hat, das die Bürger darauf bestanden haben, deutlich mitzugestalten. Auch unser Golden Pudel Club ist weiter ein wichtiges Symbol, mit dem wir bestimmte Ideale vertreten, die es lohnt durchzusetzen. Dehalb sagen wir deutlich: „Wir sind nicht zu kaufen.“ Ähnlich wie die Rote Flora mit ihrer „Wer uns kaufen will, muss Stress mögen“- Strategie. Das schafft auch Realitäten, wenn man das durchzieht. Bei der Diskussion um den Pudel geht es darum, eines klar zu machen: Wir wollen keine Besitzverhältnisse von Einzelnen, die daraus einen persönlichen Wert schöpfen, sondern einen Ort der Gemeinsamkeit. Solche kollektiven Haltungen sind selten geworden – werden sich aber durch nichts abfackeln lassen.

Ein Statement ist auch eure Kampagne „The freaks are alright“, mit der ihr euch für den Erhalt des Pudels einsetzt …

„The freaks are alright“ meint genau das. Die Freaks, die ihre Situation selbst gewählt haben, versucht man plattzuquetschen, indem man mit einem Welt-Astra-Tag, einem Harley-Day oder einem Schlagermove über sie hinwegwalzt. Wir verteidigen die raren Orte der Besonderen, der Nichteinkaufbaren.

Bietet eine Stadt wie Hamburg, die in der Gentrifizierung eine große Rolle spielt, überhaupt Raum, um Position zu beziehen?

Es geht um die Frage „Wie wollen wir leben?“ Deshalb überprüfe auch ich meine Position ständig. Ich finde allerdings einen unentwegten Glaubwürdigkeitsbeweisprozess manchmal etwas bremsend. Das können andere entscheiden. Denn für mich ist sowieso jeder Tag eine Grätsche zwischen den Widersprüchen dieser Welt.

Du bemühst dich, dein Gegenüber zu verstehen. Nach dem Prinzip der individuellen Wahrheit?

Ich mag den Gedanken der empathischen Verschmelzung zwischen Menschen, auch wenn das super komplex ist. Gerade weil es so viele Wahrheiten gibt, suchen die meisten Leute zunehmend nach einfachen Lösungen. Der Ruf nach „Normiertheiten“ wird wieder lauter, wie bei der AfD oder Pegida, die alles sogenannte „Fremde“ ablehnen. Und so erleben wir auch diese krasse Identitätssuche in Richtung ultraradikalen Auftritten. Geht man zur IS? Wird man Hooligan? Die Krokodile haben Konjunktur.

Krokodile?

Wir haben ein Lied im Stück, das heißt „Die Menschen rufen nach dem Krokodil“. Das Krokodil reagiert immer am simpelsten. Wenn es Angst hat, flieht es, erstarrt oder greift an. Die Populisten nutzen die Ängste und bieten die einfachen Lösungen des Krokodils.

Hast du deine Kunst schon einmal infrage gestellt?

Ich bin insgesamt ein großer Zweifler. Mitte März erscheint mein Buch „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens“. Darin wollte ich noch mal die Wichtigkeit von gegensätzlichen Positionen ausdrücken, und damit meine ich nicht, die Welt zu verändern, denn das kann das Künstlersein nicht leisten. Es kann Fragen stellen, überhöhen, spiegeln, verzerren. Doch ich glaube an die Versuche in der Kunst. Natürlich bin ich in einer luxuriösen Situation, dass Ullstein, ein großer Verlag, das Buch herausbringt, aber das Risiko auf die Schnauze zu fallen, wird dadurch nicht geringer.

Will man als Künstler möglichst viele Menschen erreichen? Die Masse hat ja nicht immer recht …

Das stimmt, und trotzdem muss man ja zugeben, dass jeder geliebt werden will, und auch ich freue mich, wenn auf der anderen Seite jemand ist, bei dem ich irgendwelche Synapsen in Gang bringe. Aber ich verbiege mich nicht dafür. Wenn meine Sachen nicht funktionieren, arbeite ich halt in der Kneipe oder sonst wo.

Woher kommt deine Konsequenz, mit der du dich dein Leben lang widersetzt?

Meine Herkunft, meine Biografie. Ich wurde früher in meinem Kaff an der Ostsee, Timmendorfer Strand, noch von Alt-Nazi-Lehrern unterrichtet, hatte es allgemein mit einer sehr schmal denkenden, heftig autoritären Umgebung zu tun, ich musste noch, wie viele andere auch, zu einer Gesinnungsprüfung, weil ich Pazifist war und bin, und nicht zur Bundeswehr wollte. Seit meiner Teenagerzeit empfinde ich eine Notwendigkeit mich mit Gegenpositionen auseinanderzusetzen. Ich habe mein Leben so organisiert, dass ich es immer wieder hinterfragen und wenn es sein muss, verändern kann. Ich denke auch, eine selbstbestimmte Lebensweise steht jedem weiterhin frei.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Sandra Then-Friedrich