Lenzsiedlung

Serie: Eimsbüttel. Die Lenzsiedlung

Früher als „Ghetto“ verschrien, sind die Blocks von Eimsbüttel heute Orte mit Perspektive. Zahlreiche soziale Projekte haben das Leben in der Lenzsiedlung nachhaltig verändert

Sie schleppen Müll heran, säckeweise leere Plastikflaschen, zerknülltes Papier und Zigarettenkippen. Auf den Wegen, Vorgärten und Spielplätzen verstreuen sie das Zeug. Dreck für das Ghetto, in dem es schon lange keinen Dreck mehr gibt, ja das nicht mal mehr ein Ghetto ist. Mitarbeiter einer Filmproduktionsfirma bereiten die Kulisse für einen Krimi vor, der hier, in der Siedlung zwischen Eidelstedter Weg, Julius-Vosseler-Straße und Lenzweg gedreht werden soll. Nicht der erste Fall von Verdrehung der Tatsachen, den „das Quartier“, wie Ralf Helling (Foto), Diplompädagoge und seit sechs Jahren der Geschäftsführer von „Lenzsiedlung e.V.“ – Verein für Kinder, Jugend und Gemeinwesen – das raketenförmige Areal nennt.

Lenzsiedlung

Foto: Philipp Jung

Immer wieder würden Fernsehteams anrücken, um Schauermärchen zu inszenieren. Die gebe es hier allerdings schon lange nicht mehr, und überhaupt: „Der einst so schlechte Ruf ist von außen entstanden, wohl auch zur eigenen Erhöhung des Rests von Eimsbüttel“, so Helling. „Man brauchte wohl etwas, das weniger wert war als das eigene Dasein. Fakt war: Die Gastarbeiter, die in den 80er Jahren hierher kamen, stammten vorwiegend aus Anatolien und verfügten nicht über eine besonders gute Bildung, wurden vom Staat aber auch nicht weiter gefördert, sondern als hoffnungslose Fälle betrachtet. Eine extreme Ausgrenzung war die Folge, dafür konnten die Menschen hier gar nichts. Sie mussten aber darunter leiden.“

Hamburger Dichtemodell

Los ging es in der Lenzsiedlung schon einige Jahre zuvor, genauer: 1974, als das Hamburger Dichtemodell Schule machte, also die Idee von zahlreichen Neubauten rund um die großen Bahnstationen der Stadt. Der U-Bahnhof Lutterothstraße bot sich hierfür geradezu an, gab es doch ein riesiges Grundstück im unmittelbaren Umfeld, auf dem Mitte der 70er ausschließlich Schrebergärten lagen. Die Umstrukturierung des Gebiets war eines Leichtes, und so wurden bis 1979 insgesamt 60 Wohnblöcke mit bis zu 15 Geschossen für rund 3.000 Menschen gebaut. Auf einer Fläche von 7,6 Hektar entsprach das in etwa der Einwohnerdichte von Mexiko City – ein enormer Kontrast zum anschließenden, sich allein durch sein Gründerzeit-Äußeres deutlich unterscheidendes Eimsbüttel. Und die Nachfrage für die 1.200 Block-Wohnungen – die meisten von ihnen sozial gefördert – groß. Henning: „Damals hatte es durchaus etwas, in einer solchen Neubausiedlung zu wohnen – auch für Mittelstandsbürger. Hier lebten zunächst fast nur Deutsche. Erst mit dem Zuzug der Gastarbeiter Anfang der 80er Jahre veränderte sich das Mieterbild.“ Und nicht nur das.

Blick ins Blaue. Auch in der Lenzsiedlung ist die Entwicklung der Mieten ungewiss. Foto: Philipp Jung

Blick ins Blaue. Auch in der Lenzsiedlung ist die Entwicklung der Mieten ungewiss. Foto: Philipp Jung

„Irgendwann entspricht man seinem Image“

Zwei Drittel der Bewohner stammten fortan aus der Türkei, aus Pakistan, Afghanistan, dem Iran, Russland. Es entstanden Communitys, und in der Siedlung wurde weniger das friedliche Miteinander als Kriminalität gefördert. Hinzu kam eine Perspektivlosigkeit, die in Hellings Augen aus der Unaufmerksamkeit der Politik, aber auch aus dem Nichtschaffen von Freizeitprogrammen innerhalb der Siedlung resultierte. Ein weiterer Fehler: Im Mittelteil des Hochhaus-Komplexes sollte ursprünglich ein Einkaufszentrum errichtet werden, auch ein Wochenmarkt regelmäßig stattfinden, für Mieter und als Lockmittel für alle anderen Eimsbütteler, die sich sonst kaum zwischen die Blocks trauten. Es kam jedoch lediglich zu einem Supermarkt am Rand der Betonriesenreihen (heute SAGA-Büroräume; Anm. d. Red.) – und auch der ging nicht ganz auf. „Es gab Fälle, da kamen Jugendliche von der Schule und stürmten zu Dutzenden den Laden, nahmen einfach alles mit, was sie haben wollten“, erzählt Ole Müller, der heute in der Lenzsiedlung den Kinder- und Jugendbereich koordiniert. Müllers Erklärung gleicht der von Helling: „Es ist dieses grandios schlechte Stigma, das von außen an die Siedlung heran getragen wurde. Die Erfahrung zeigt: Je schlechter man gemacht wird, umso mehr entspricht man seinem Image irgendwann auch.“ Die Lösung der Quartiersverantwortlichen: Neuerungen auf allen Ebenen.

„Wir sind immer eine Option für die Menschen hier“

Im Jahr 2000 gab es eine Bestandsaufnahme: Wer wohnt in der Lenzsiedlung? Woher kommen die Menschen? Welchen Status haben sie? Welche Wünsche und Bedürfnisse bestehen? Neben der Pflege des Äußeren, von Grünflächen über den großen Spielplatz im Innenhof bis zur Farberhellung der Häuserfassaden, kümmerten sich rund 20 Haupt- und Ehrenamtliche um ein breites Angebot für alle Altersklassen, speziell für Kinder und Jugendliche. Clubhäuser, Bolzplätze, Computerräume, Tonstudios, Werkstätten, Cafés: Fortan wurde weitergedacht, wenn es darum ging, Probleme in der Siedlung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Müller: „Seit den frühen 00er Jahren machen wir eine gute sozialpädagogische Arbeit. Wir sind immer eine Option für die Menschen, die hier leben, auch für die Eltern, die viele Dinge selbst nicht schaffen können, weil z.B. ein Teil arbeitet und der andere mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Als wir aktiv wurden, funktionierte dieses Dorf wieder.“

Lenzsiedlung

Anil in der Gesangskabine. Die Namen wurden von der Redaktion geändert. Foto: Philipp Jung

„Ist doch voll gut hier“

Das sagen auch Anil und Can, beide 21, beide in der Lenzsiedlung aufgewachsen. Im Musikraum, zwischen E-Gitarren, Schlagzeug und Gesangskabine, sitzen sie auf einem zerknautschten Ledersofa, zwischen ihnen glänzt eine überlebensgroße Zeichnung des US-Rappers Jay-Z an der Wand. „Ich war immer hier“, meint Can und grinst, als er sich die alten Fotos ansieht, die rund um das große Idol kleben: Jungs in breitbeinigen Posen am Mikrofon. Und Anil: „Ist ja auch voll gut hier, keine Ahnung, wo ich sonst hingegangen wäre.“ „Ole hat uns immer aufgemacht, wenn wir rein wollten“, so Can, „hier konnten wir unseren Kram sogar aufnehmen, das war schon ganz cool.“ „Du meinst, meine Raps waren ganz cool, deine ja eher nicht so“, grinst Anil und verpasst Can einen Klaps auf den Schirm seins Basecaps. Ein paar alte Geschichten später verabschieden sich die beiden mit Shake-Hands von Müller, der ihnen zufrieden, aber auch ein wenig sorgenvoll nachblickt: „Die Jungs kommen schon klar. Leider ist es immer noch kein Empfehlungsschreiben in den Augen von Schulen und Ausbildungsstätten, wenn in der Adresszeile des Bewerbungsschreibens ‚Lenzweg 8’ steht.“

Ruf und Mieterschutz

Immerhin, meint Müller, es sei auch kein absolutes Ausschlusskriterium mehr. Der letztlich von verschiedenen Seiten ruinierte Ruf der Siedlung habe sich verändert. Die Kriminalität in der Osterstraße, wirft Helling ein, sei derzeit höher als in der Lenzsiedlung. Dafür sahen sich die Verantwortlichen zuletzt mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Ein großer Teil der insgesamt 900 geförderten Wohnungen sollte ihren sozialen Status verlieren, der Mieterschutz damit passé sein. Die Angst der Lenz-Bewohner: ein deutlicher Anstieg der Mietpreise. Derzeit sind die Quadratmeterpreise mit fünf bis sechs Euro noch erschwinglich, im restlichen Stadtteil reichen sie teils bis zum Dreifachen. Doch auch 30 Euro mehr für eine Zwei-Zimmer-Wohnung tun vielen Familien weh. Helling: „Es gab Verhandlungen mit der SAGA, dem Bezirksamt, auch Mieter haben sich zusammen geschlossen und sehr engagiert gearbeitet. Das Ergebnis war, dass die Jobbörsen die bisherigen Mehrkosten übernommen haben. Die Sorgen der Mieter konnten damit zumindest vorerst genommen werden.“

Wie es weitergeht mit den Mieten, bleibt offen. Die Lebensverhältnisse in der Siedlung jedenfalls scheinen gleichbleibend geordnet. Sozialarbeitern wie Ole Müller ist es zu verdanken, dass die Hoffnungen derer, die hier einst in den 80ern einzogen und innerhalb kürzester Zeit desillusioniert vor dem Nichts standen, endlich gelebt werden können – auch wenn Filmteams weiterhin die alten Tage vor den Blocks nachspielen.

Text: Erik Brandt-Höge / Fotos: Philipp Jung

 

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