Sexy Liebesgruß an Moskau

„Eisenstein in Guanajuato“ ist ein kunstvolles und kopulationsreiches Biopic über den sowjetischen Erfinder des modernen Kinos

Eine rote Fahne im Arsch, reichlich Sex, Reflexionen über Kunstgeschichte und Kino und das alles in rauschhaften, gesplitteten, übereinandergelegten und farb-
verfremdeten Bildern … Mit einem ganz eigenen Biopic über den russischen Meisterregisseur Sergej Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“) meldet sich der 73-jährige Peter Greenaway zurück.

Der britische Regisseur („Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“) huldigt Eisenstein als Erfinder des modernen Kinos, der 1930 in Mexiko an seinem gigantischen Filmprojekt „Qué Viva Mexico“ zwar scheiterte, dafür aber umso lustvoller seine Homosexualität auslebte.

Der Film sei sein Liebesgruß an Moskau sagte Greenaway auf der Berlinale-Pressekonferenz, die statt des herkömmlichen Frage-und-Antwort-Spiels ein leidenschaftlicher Abriss durch die europäische Kulturgeschichte war – voller Anekdoten, Einsichten und Bonmots.

Und „Eisenstein in Guanajuato“ wäre kein echter Greenaway, fände Eisensteins anale Entjungferung nicht exakt in der Mitte des Films statt – ganz der Symmetrie geschuldet, genauso wie der Rest der theaterhaft inszenierten Bilder.

Geschichte ist für Greenaway nicht rekonstruierbar, jeder Kostümfilm eine Farce. Komplett überhöht lässt er den jungen Hauptdarsteller Elmer Bäck stattdessen zu alberner Höchstform auflaufen, mit seinem Schwanz sprechen, über Betten hüpfen und das durchgeknallte Wunderkind geben. Etwas weniger Exaltiertheit wäre sicherlich mehr gewesen.

Von dem Rest allerdings kann man nicht genug bekommen. Von der mitreißenden Multimedialität, den Farbexperimenten und aufsehenerregenden Montagen, in denen die Bilder neben- und übereinandergelegt zu rauschen beginnen.

Als noch kaum jemand es wagte, hat Greenaway bereits 1991 mit „Prosperos Bücher“ einen digitalen Bildersturm entfacht, sich später ganz auf die Opernbühne und in Museen zurückgezogen. Mit voller Wucht behauptet er jetzt einmal mehr den Kunstcharakter des Kinos. Um die Realität kümmern seine Regie-Kollegen sich schließlich genug.

Text: Sabine Danek

„Eisenstein in Guanajuato“ läuft im November im Hamburger 3001 Kino und im Abaton Kino (Rotherbaum)

Regie: Peter Greenaway. Mit Elmer Bäck, Stelio Savante, Maya Zapata