So wollen wir wohnen: WG mit einem Geflüchteten

Wohnexperiment: Einen Flüchtling bei sich zu Hause aufzunehmen, kann das klappen? Die 27-Jährige Mireia hat einen Versuch gewagt und lebt nun seit etwa einem Jahr mit Saad zusammen in einer WG. Hier prallen Welten aufeinander

Das Geschirr stapelt sich in der Küche, die Wände sind mit Fotos tapeziert, der Hund begrüßt je-den Besucher bereits an der Tür. Auf den ersten Blick eine ganz normale Studentenbude. Die Bewohner: Wahl-Hamburgerin Mireia und der Geflüchtete Saad, der hier vor einem Jahr sein neues Zuhause gefunden hat.

Damals war Mireias ehemalige Mitbewohnerin ausgezogen. Anstatt das freigewordene Zimmer in einem Internetportal auszuschreiben, entschied sich die Bio- chemie-Studentin dafür, einen Geflüchteten aufzunehmen. „Ich hatte keine Lust mehr auf eine normale WG und fand den Gedanken cool, mit einem Flüchtling zusammenzuleben und damit gleichzeitig etwas Gutes tun zu können.“ Über Google stieß sie sofort auf die Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ und meldete sich an. Und dann ging auch schon alles ganz fix: „Zwei Tage danach kam schon ein Anruf: Man habe einen Kandidaten, der ganz gut passen würde. Zwei Wochen später ist Saad schon eingezogen“.

Die Stolpersteine wurden beiden erst dann in den Weg gelegt: Mehrmals musste Mireia Saad zum Jobcenter begleiten und dafür kämpfen, dass die Miete des derzeit Arbeitslosen übernommen wird. Doch die zuständige Sachbearbeiterin stellte sich zunächst quer. „Sie hat mir sogar vorgeworfen, ich wolle sie betrügen und Steuergelder kassieren. Das war alles ziemlich absurd. Aber nach dem vierten oder fünften Mal hat es dann geklappt“, erzählt die gebürtige Spanierin.

Für den 29-Jährigen Eritreer waren dies nur kleine Probleme – schließlich war er schon zehn Jahre lang in Äthiopien, dem Sudan und Ägypten unterwegs, bevor er vor zwei Jahren in einem Flüchtlingscamp in Deutschland ankam. Die Suche nach einer eigenen Wohnung entpuppte sich als schwierig. „Als Flüchtling ist es nicht immer einfach, eine Wohnung zu kriegen, weil die Leute denken, dass man nur Probleme bereitet – vor allem, wenn man im Jobcenter angemeldet und arbeitslos ist.“

Seitdem er mit Mireia zusammenlebt, scheinen die größten Hürden überwunden. Wenn er den Einstellungstest besteht, wird Saad schon bald an der Uni studieren und sich damit einen Traum erfüllen – ein Studium wäre in seiner Heimat nicht möglich gewesen. Dafür lernt er gerade fleißig Deutsch. Das wäre im Flüchtlingscamp ohne einen einzigen Rückzugsort undenkbar gewesen. Jetzt hat er sein eigenes kleines Reich, und auch Mireia ist mit der Wahl ihres Mitbewohners mehr als zufrieden.

Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen

„Das Zusammenleben ist easy. Wir sind beide ziemlich locker. Deswegen klappt das auch so gut“, findet Mireia, die neben ihrem Studium in einer Bar aushilft. Ein Putzplan wird nicht gebraucht. Was die Einkäufe betrifft , sind keine großen Absprachen nötig. Und gestritten haben sich die beiden auch noch nie so richtig, betonen sie. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. „Es ist einfach, mit jemandem wie Mireia zusammenzuleben. Einige meiner Freunde leben auch in WGs, aber da läuft viel falsch, es gibt andauernd Missverständnisse. Mir ist es sehr wichtig, dass man sich nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit streitet. Mireia ist einfach sehr unkompliziert“, schwärmt Saad von seiner Mitbewohnerin. Außerhalb der eigenen vier Wände unternehmen die beiden nur wenig. Dafür kochen sie gern zusammen und plaudern stundenlang. Worüber? „Wenn wir uns sehen, enden wir irgendwie immer bei Politik. Es ist immer wieder interessant, darüber zu sprechen, da unsere Herkunftsländer total unterschiedlich sind. Saad hat mir zum Beispiel viel über das politische System in Eritrea erzählt. Vorher habe ich zwar schon mal etwas über sein Heimatland gehört, wusste aber fast gar nichts darüber“, gibt Mireia zu.

Genau das sei auch das Interessante daran, mit einem Geflüchteten ein Zuhause zu teilen: „Man lernt unendlich viel über eine völlig fremde Kultur.“ Am meisten bewundert Mireia allerdings den schier endlosen Ehrgeiz ihres Mitbewohners, der in Deutschland bereits für einige Monate als Dolmetscher gearbeitet hat. „Ich finde es bemerkenswert, dass man zehn Jahre nirgendwo richtig zu Hause ist und trotzdem noch Bock hat anzukommen. Er konnte vorher schon sechs Sprachen, hat jetzt wieder eine neue gelernt, geht zur Schule und will studieren. Er fängt nochmal von vorn an, obwohl er das alles schon mehrfach hinter sich hat. Und all das, weil es das Schicksal so vorgesehen hat und nicht, weil er es sich so ausgesucht hat. Ich habe sehr viel Respekt davor.“

Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann.

So unkompliziert wie bei Mireia und Saad läuft es mit Sicherheit nicht immer, wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufeinanderprallen. Weiterempfehlen würde Mireia das noch recht ungewöhnliche Wohnmodell auf jeden Fall trotzdem. Als sie von ihrer Entscheidung erzählte, war ihr Umfeld skeptisch. Schließlich kenne sie den fremden jungen Mann, der bei ihr einziehen soll, doch gar nicht, und wie solle das überhaupt funktionieren, wenn man so verschieden tickt, hieß es. Doch die 27-Jährige hat sich getraut und sagt heute: „Ich kann es nur jedem nahelegen, der ein Zimmer frei hat und offen für Experimente ist.“

Auch Saad denkt, dass man der Sache eine Chance geben sollte, wenn man seinen Horizont erweitern möchte. „Ich würde eine WG mit einem Flüchtling empfehlen, wenn man sich Zeit gibt, dass sich das entwickeln kann. Es werden sich früher oder später Konflikte ergeben, und beide Seiten müssen bereit sein, auch mal einen Kompromiss einzugehen. Man sollte auch niemanden erwarten, der perfekt ist. Jeder wird mal Fehler machen, weil er eine Situation falsch eingeschätzt hat. Das muss man riskieren.“ Auch in diesem Punkt sind die beiden sich also einig. Es wirkt, als wären die zwei ein schon seit Ewigkeiten eingespieltes Team. „Wir haben uns irgendwie gesucht und gefunden.“

www.fluechtlinge-willkommen.de

Text: Marina Höfker / Foto: Philipp Jung


Szene Hamburg Titel Oktober Der Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir wohnen“ in SZENE HAMBURG, Oktober 2017. Das Magazin ist im Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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